„Das werden wir ja sehen!“, murmelte er.
Kapitel 1: Neues Terrain
Jannik Cerný stand in seinem Badezimmer vor dem Spiegel und strich sich prüfend über seinen blonden Vollbart. Der Bart war kurz geschnitten und bedeckte die Wangen nicht vollständig, sondern rahmte vielmehr sein hübsches Gesicht ein, machte es markanter, reifer. Zufrieden grunzte er und legte seinen Barttrimmer weg.
Sein blondes Haar war in modernem Stil kurz geschnitten, ein leichter Seitenscheitel lockerte sein ernstes Auftreten ein wenig auf. Jannik nahm etwas Gel und zähmte damit sein Haar, da seine Naturlocken ihm einen Strich durch die Rechnung machen würden, sobald das Haar trocken war. Kurz blickte er auf die Armbanduhr, die neben dem Spiegel lag.
„Verdammt!“
Rasch sprang er aus dem Bad, zog sich in wenigen Sekunden an und stürmte zurück ins Bad, um seine Armbanduhr zu holen. Dabei bemerkte er, dass seine dunkelblaue Krawatte, ein Geschenk von Nicole, schief saß.
„Später!“, grunzte er, hetzte in sein Wohnzimmer und überprüfte den Inhalt seines Aktenkoffers. Er nahm seine Autoschlüssel und überlegte kurz, ob er den Fahrstuhl nehmen sollte, der sein Loft mit der Tiefgarage verband. Dann schüttelte er den Kopf und ging zur Wohnungstür, die ins Treppenhaus führte. Während er die vier Etagen zum Eingang der Tiefgarage hinunter lief, stöpselte er die Freisprechanlage seines Handys ans Ohr.
„Kurzwahl. Marie.“ Das Handy reagierte auf den Befehl und nach kurzem Klingeln meldete sich eine warme Frauenstimme.
„Cerný Blood and Health Development, Marie Schraner am Telefon.“
„Guten Morgen, Marie!”
„Guten Morgen, Herr Cerný.“
„Ich bin in etwa zwanzig Minuten im Büro. Wenn Leclerc auftaucht, becircen und bewirten Sie ihn nach allen Regeln der Kunst, sonst haut er ab. Er ist ein wenig schwierig.“
Jannik erreichte die Tür zur Tiefgarage und öffnete sie. Mit langen Schritten ging er zu seinem S-Klasse Mercedes, schwang sich hinter das Steuer und ließ fast gleichzeitig den Motor an.
„Wird gemacht, Herr Cerný. Möchten Sie Kaffee oder Tee zum Meeting?“
„Leclerc trinkt Cafe´ au Lait, ich nehme einen normalen Kaffee. Danke, Marie. Sie sind ein Engel! Ende!“ Während er losfuhr fiel ihm ein, dass die Gurtpflicht in Deutschland sehr streng gehandhabt wurde. Rasch schnallte er sich an, während er mit der anderen Hand das Lenkrad betätigte.
Das Loft befindet sich in der Nähe des Mehringdamm, im Bezirk Kreuzberg. Nordwärts, durch dichten Berufsverkehr ging es in den Bezirk Mitte. Dort, nur einen Steinwurf vom Monbijoupark entfernt, liegt die deutsche Zweigstelle des Unternehmens, das Jannik und Adolar Cerný vor einigen Jahren in der Tschechischen Republik gegründet hatten. Der Schwerpunkt des pharmazeutischen Unternehmens lag in der Erforschung von Blutkrankheiten, Therapien und zukunftsweisenden Anwendungen von Blutpräparaten. Zusätzlich hatte die Firma eine eigene Blutbank, und das war nicht ganz uneigennützig.
Jannik und Adolar Cerný waren schließlich Vampire.
Jannik stellte einen der beliebtesten Radiosender der Stadt ein und lauschte einer Satire über die Politiker Deutschlands. Bei der Pointe setzte er ein breites Grinsen auf. Er stand an einer Ampel und tippte mit den Fingern auf dem Lenkrad den Rhythmus der Musik mit, die jetzt gespielt wurde. Neugierig sah er in das Auto links neben sich. Eine junge Frau mit kurzen, igel-gegelten platinblonden Haaren grinste ihn an, flirtete eindeutig mit ihm. Gutgelaunt zwinkerte er ihr zu, drang in ihre Gedanken ein.
>Süßer Kerl und flottes Auto. Würde ich nicht von der Bettkante schubsen.<
Jannik lachte auf, da die Verbindung seines Äußeren mit dem Statussymbol Auto ihn einfach amüsierte. Die Ampel schaltete auf Gelb und er winkte der jungen Frau zu, als er anfuhr.
„Es hat doch sein Gutes, die Gedanken der Sterblichen lesen zu können“, murmelte er.
Die nächste Ampel wartete schon auf ihn. Diesmal sah er zu dem Auto rechts neben sich. Ein Mann mit schütterem Haar popelte gedankenverloren in seiner Nase und starrte dabei auf die Ampel.
>Wenn ich heute schon wieder vergesse, das Geschenk zu besorgen, macht mir Susanne die Hölle heiß!<
Jannik war froh, dass er diese Probleme nicht hatte. Er war Single und glücklich. Er konnte tun und lassen was er wollte und mit wem er wollte. Keine Verpflichtungen.
Jannik fuhr weiter in dem zähfließenden Verkehr, musste bald wieder an einer Ampel halten. Links neben ihm in einem alten Ford saß eine Frau Mitte vierzig. Ihre Stirn war besorgt in Falten gelegt und sie hatte Tränen in den Augen. Jan drang sanft in ihre Gedanken ein.
>Wenn nicht bald ein Spender gefunden wird, ist sie tot. Herr im Himmel, bitte nimm mir nicht mein einziges Kind!<
Die Frau fuhr los und Jannik merkte sich das Kennzeichen. Er hatte die tiefe Verzweiflung der Frau gespürt, ihre Angst. Er wollte wissen, wer sie war und welches Schicksal sie bedrohte. Vielleicht konnte er über die Zulassungsstelle den Namen der Frau erfahren und dann weiter ihre Geschichte. Er war neugierig geworden, wollte helfen.
>Verdammt! Ich kann nicht die ganze Welt retten!< Über sich selbst verärgert gab er Gas und bog wenige Minuten später in die Straße ein, in der die Tiefgaragen standen, die für Geschäftsleute, deren Angestellte, Gäste und einige Anwohner reserviert waren, da in den Straßen selbst kaum Parkplätze zu bekommen waren. Die Tiefgaragen waren durch ein Tunnelsystem mit den drei größten Bürokomplexen des Straßenzuges miteinander verbunden, sodass man nicht erst auf die Straße gehen musste, um in das Haus zu gelangen, in das man wollte.
Jannik Cerný schnappte sich seinen Aktenkoffer, verließ sein Auto und betätigte die elektronische Verriegelung. Das Piepen verriet ihm, dass sein Mercedes verschlossen war. Mit langen Schritten durchquerte er das Parkdeck, eilte auf den Aufzug zu.
>Hoffentlich ist Leclerc noch nicht da!<, dachte Jan. Er mochte den Franzosen nicht, aber die Cernýs hatten nun mal des Öfteren mit ihm geschäftlich zu tun. Er war einer der wichtigsten Lieferanten für die Plastikbeutel, in denen die Blutspenden gesammelt und gelagert wurden.
Und auch unter den Vampiren bei Bedarf verteilt wurde.
Jannik Cerný betrat den Fahrstuhl und drückte auf den Knopf mit der Zahl vier. Dann nahm er seine Freisprechanlage von seinem Ohr, holte Luft und pustete im Rhythmus der nervtötenden Fahrstuhlmusik.
>Hoffentlich ist Leclerc nicht mehr verstimmt wegen des Vorfalls in der Oper im letzten Jahr<, dachte Jan.
Er, sein Mentor Adolar und Nicole, die damals noch nicht mit Adolar verheiratet und noch sehr sterblich war, hatten sich in der Prager Oper Tosca angesehen. In der Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt trafen die drei auf Bertrand Leclerc, der ein unverhohlenes Interesse an Nicole gezeigt und auch versucht hatte, sie Mental zu beeinflussen. Aber Nicole hatte einen unglaublich starken Willen und war nicht so leicht zu beeinflussen. Sie hatte den Franzosen zurückgewiesen. Adolar und Jannik hatten sich zusätzlich schützend neben sie gestellt und Leclerc somit gezeigt, dass er verbotenes Terrain betreten habe.
Bertrand Leclerc war sichtlich wütend davon gerauscht. Jannik schmunzelte bei der Erinnerung, dem blasierten Gockel eins ausgewischt zu haben.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich und Jannik Cerný ging auf die großen Milchglastüren des rechten Korridorflügels zu, der zu ´Cerný Blood and Health Development` führte`. Daneben befand sich ein Decodiergerät mit einem Tastenfeld von 0 bis 9 sowie Raute- und Sternchentaste. In diesem Gerät befand sich auch ein Schlitz für eine Keycard, die Jannik jetzt benutzte. Ein leises Summen der Tür sagte ihm, dass die Tür freigegeben war und er zog sie auf.
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