„Wie lange ist es her?“, fragte Rowena, nachdem Jannik sie auf den Boden gestellt hatte.
Jannik überlegte kurz. „Etwa fünfzig Jahre. Damals trafen wir uns in Florenz. Eine Ewigkeit ist das her.“
Rowena lächelte verschmitzt. „Für dich mag es ewig her sein. Für mich war es gestern.“
„Angeberin!“ Seine Beleidigung klang zärtlich.
Rowena Mc Dougall war eine zarte Erscheinung. Ihre geringe Körpergröße und der zarte Körperbau erweckten in jedem Mann, der ihr begegnete den Wunsch, sie zu beschützen. Sie hatte ein rundliches, eher blasses Gesicht, umrahmt von honigblondem Haar. Einen kleinen, immer roten Kussmund und wie alle ihrer Art wunderschöne, perfekt geformte und strahlend-weiße Zähne. Aber das Schönste und zugleich Auffälligste an ihr waren die Augen. Sie waren von einer tiefvioletten Färbung, wie sie es nur ganz selten auf der Welt gibt.
„Ich muss schon sagen, Jan. Du hast Geschmack. Und zwar in jeder Epoche!“ Anerkennend inspizierte Rowena das Loft ihres alten Freundes.
„Danke. Aus deinem Mund ist das wirklich ein Kompliment, Rona.“
Überall lag helles Parkett, hier und da durch eine Teppichbrücke aus edler Faser unterbrochen. Moderne Möbel, teils rot lackiert, teils schwarz abgesetzt. Alles aufeinander abgestimmt. Die Sitzelemente waren ebenfalls modern, entsprachen aber den Anforderungen für ein gesundes Sitzen inklusive Bequemlichkeit. Weiches rotes Leder mit schwarzen Applikationen luden zum Sitzen und einiges mehr ein.
„Wie ich dich kenne wirst du hier schon den einen oder anderen One-Night-Stand gehabt haben.“
Jannik lachte auf. „Auch wenn du mir nicht glaubst, die Putzfrau war bisher die einzige Dame, die diese Räume betreten hat, seitdem ich hier wohne.“
Überrascht sah die Frau Jan an. „Bist du abstinent oder hast du endlich die Richtige gefunden?“
Jannik führte Rowena auf die Dachterrasse. Es war kalt und im Westen ging die Sonne gerade in einem herrlichen Abendrot unter. Die beiden Vampire spürten die Kälte aber nicht. Sie konnten Temperaturschwankungen von Minus 20° Celsius bis Plus 60° Celsius mühelos überstehen.
„Weder noch.“ Er dachte kurz an eine dunkelhaarige, griechischstämmige Frau, die er gestern kennen gelernt hatte. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich möchte nur meine … Eroberungen nicht hierher bringen, dass ist alles.“
Schalkhaft sah sie ihn von unten her an. „Ich bin doch hier“, sagte sie mit einem Unterton, der ihm deutlich machte, dass Rowena durchaus für ihn zu haben war.
Jannik zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Rona, du kannst mich gerne für einen Schuft halten. Aber deine Freundschaft ist mir viel wichtiger als eine heiße Affäre mit dir. Und die hatten wir. Mehrfach sogar.“
Theatralisch fasste sich die schöne Frau an den wohlgeformten Busen, in etwa da, wo ihr Herz schlug. „Autsch! Das war ein mordsmäßiger Pfeil.“
>Mir bedeutet unsere Freundschaft auch sehr viel, Jan. Du bist mir wichtig.<
Die Wärme, die Rona ihm mit ihren Gedanken schickte, ließ ihn zutiefst glücklich lächeln. Jannik umarmte die kleine Frau und presste seine Lippen auf ihr duftendes Haar.
„Für ´ne alte Frau riechst du verdammt gut!“, neckte er sie. Zur Strafe boxte sie ihm in die Rippen und eine der Rippen knackte tatsächlich verdächtig. Schmerz durchzuckte Jans Körper und er zog zischend die Luft ein. „Okay okay! Das habe ich verdient!“, quetschte er hervor und ließ Rowena los, rieb sich die Rippe, die schon wieder im Begriff war zu heilen.
„Niemals solltest du eine Frau auf ihr Alter ansprechen, Jannik Cerný!“, ermahnte Rowena ihn mit einem Lachen in den Augen. „Auch wenn die Frau älter ist als deine Religion!“
Rowena Mc Dougall, wie sie sich seit ein paar Jahrhunderten nannte, wurde im Jahre 63 vor Christi Geburt im heutigen Schottland geboren. Sie war eine Piktin, eine Bemalte vom alten Stamm. Und sie war eine Schamanin!
Eine der mächtigsten Vampire auf der ganzen Erde.
„Wen erwartest du noch?“
Jannik atmete tief durch, rieb sich dabei weiter seine Rippe. „Tristan Kadian und Tobias Kerner, beide sehr gute Freunde von mir und absolut zuverlässig.“
Rowena nickte. „Tris kenne ich. Sogar länger als ich dich kenne, mein Herz.“ Sie grinste ihn wieder anzüglich an.
Jannik konnte der Frau nicht lange böse sein und grinste zurück. Er war froh, dass Verletzungen dieser Art praktisch sofort wieder heilten.
„Aber Tobias Kerner kenne ich nicht.“
„Du wirst ihn mögen, glaube mir.“
In dem Moment klingelte es wieder und Jannik ging erneut zur Eingangstür. Im Monitor sah er, dass die beiden Männer, auf die er gewartet hatte, zusammen ankamen. Die beiden gingen die drei Stockwerke in einem normalen Tempo hinauf und Jannik sah Rowena, die es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte, mit hochgezogener Augenbraue an.
„Siehst du, Rona. So kann man auch die Treppen hochgehen!“
„Werde nicht frech, Tscheche! Sonst wende ich ein klein bisschen meiner Schamanenkunst an dich an.“ Dabei machte sie mit ihrem Zeigefinger eine langsame Abwärtsbewegung und sah deutlich auf Janniks Genitalbereich.
Jannik nickte. „Ja. Das traue ich dir durchaus zu.“
Tobias Kerner betrat als erster das Loft und streckte Jan seine erhobene rechte Hand hin. Jannik ergriff sie mit einem lauten Klatscher, die Männer umarmten sich, wie Männer es eben tun und klopften sich kurz auf den Rücken.
Der zweite Mann, der das Loft betrat, hätte der Zwillingsbruder von Tobias sein können. Schlank, schmale Hüfte, langes, dunkelblondes Haar mit hohem Haaransatz und grünbraune Augen. Die Nase etwas länger als die von Tobias, aber ebenso schmal und gerade. Die Lippen für einen Mann ungewöhnlich voll und sinnlich. Nur war Tristan Kadian gut zwanzig Zentimeter größer und die Bewegungen und die Körperhaltung erinnerten weniger an einen Tänzer als an einen Schwertkämpfer.
Beim zweiten Hinsehen sah man die Unterschiede im Gesicht. Die Augen von Tobias lagen etwas weiter auseinander. Der Ausdruck war eher melancholisch. Bei Tristan lag eine gewisse Kälte in den Augen, ein grausamer Zug umspielte seinen Mund. Er lachte selten.
Er war einst ein Krieger.
Und war es noch heute.
Auch Jannik und Tristan begrüßten sich auf die gleiche Art und Weise wie zuvor Jan und Tobi.
„Tobi, du kennst Rowena Mc Dougall wahrscheinlich noch nicht. Rona, das ist mein Freund Tobi.“
Tobi hatte sich, bevor er das Wohnzimmer betrat in einer fließenden Bewegung die Schuhe ausgezogen und ging lächelnd auf die Frau zu.
„Ich habe schon sehr viel von Ihnen gehört, Miss Mc Dougall.“ Er ergriff ihre Hand und verbeugte sich kurz, sah ihr dabei aber direkt in die violetten Augen.
Rowenas Augen flackerten kurz hell auf, sie lächelte herzlich zurück. „Es freut mich ebenfalls. Aber ich denke, wir sollten uns duzen.“
Tobias grinste breit und seine Augen wurden einige Nuancen heller. Er roch das Interesse der Frau an seine Person, verschloss aber instinktiv seine Gedanken vor ihr. Was dann kam, überraschte ihn allerdings sehr.
Tristan schubste Tobias sanft zur Seite, beugte sich über die Frau und nahm sie einfach hoch, in dem er seine Hände unter ihren Po schob und sich dann aufrichtete. Dann drückte der große Vampir seine Lippen auf Rowenas, tauchte seine Zunge in ihren Mund. Rowena war zuerst überrascht, doch dann erwiderte sie den Kuss und genoss den Geschmack des Mannes, den sie seit etwa einhundert Jahren nicht mehr gesehen hatte.
„Ähm, ich kann euch beiden gerne das Gästezimmer nachher anbieten, Freunde!“, ließ Jannik sich vernehmen. Er hatte seine Arme gekreuzt und betrachtete das Schauspiel, das sich ihm gerade bot, höchst amüsiert. Zumal der Anblick von Tobias, der mit offenem Mund daneben stand und Tristan und Rowena regelrecht anglotzte, ein Bild für Götter war.
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