„Ich mich auch nicht“, seufzte er weiter. „Aber manchmal kommen mir solche Gedanken. Ich fürchte, wir kommen da nicht mehr raus.“
„Du siehst das zu schwarz“, versuchte ihn Mako zu beruhigen. „Diese Frau ist nur ängstlich und ich weiß auch, warum. Wie ich hörte, lebt sie allein und hatte auch noch nie was mit einem Mann. Kannst du dir das vorstellen? Da muss man ja irrsinnig werden. Du bewirkst also nichts in ihr, was nicht schon da ist.“
„Ich fühle mich trotzdem nicht wohl dabei.“
„Wenn es so ist, sollten wir natürlich aufhören“, erklärte sie verständnisvoll. „Ich möchte nicht, dass du meinetwegen leidest.“
„Wer sagt denn so etwas? Ich habe nur kein gutes Gefühl!“, stellte Lucas klar.
Sie umschlang jetzt seinen Kopf und drückte ihn an sich. „Ach, du Dummchen, wann wirst du endlich erwachsen?“
Daraufhin umfasste auch er ihren Leib und schmiegte seine Wange an sie. „Ich liebe dich!“
„Du sollst so etwas nicht sagen.“
„Wenn es aber so ist!“
Noch einmal küsste sie seine Stirn und ermahnte ihn wie immer, beim Verlassen des Hauses kein Licht zu machen - die Leute müssten ja nichts merken. Das bedeutete nichts anderes als ein uncharmantes: Nun scher dich endlich raus! Bevor sie nun noch deutlicher wurde, begann er, sich zögerlich anzukleiden, auch wenn er eine erneute Annäherung nicht unterlassen konnte. Doch Mako stieß ihn weg. Für heute war es genug und erfahrungsgemäß auch nicht ratsam, noch einmal nachzusetzen. Was blieb ihm, als widerwillig zu verschwinden?
Auf der Straße umfing ihn neben der Dunkelheit das gewohnte Gefühl von Kälte und Einsamkeit wie immer, wenn er sie verließ. Der Himmel war klar und das fahle Mondlicht tauchte alles in eine gleichmäßig verschwommene Blässe. Ohne sich noch einmal umzusehen, ging er schnurstracks zur anderen Straßenseite hinüber und wählte den kürzesten Weg gleich quer durch den Park. Die Wegbeleuchtung war nur spärlich, so dass er wiederholt in Pfützen trat. Das steigerte seine ohnehin gereizte Stimmung, so dass er jetzt dankbar war, niemandem zu begegnen. Konnte es etwas Bedrückenderes geben, als nachts allein mit einem schlechten Gewissen durch einen dunklen Park in schmutzige Pfützen zu tappen und niemand da war, dem er die Fresse polieren konnte?
„Warum tue ich mir das an?“, fragte er sich betroffen. „Bin ich denn ein Trottel, mit dem machen kann, was man will? Ich sollte sie vor die Wahl stellen oder ihr den Hals umdrehen! So aber mache ich mich jedes Mal erneut lächerlich! Das muss aufhören!“
Er war so in Fahrt, dass er gar nicht die Person bemerkte, welche die ganze Zeit vor ihm herlief. Erschrocken blieb er stehen. Komisch war das. Wo hatte er nur seine Gedanken? Noch seltsamer aber erschien ihm, dass diese jetzt ebenfalls ihren Schritt verlangsamte, als wollte sie darauf reagieren.
Womöglich hätte er kaum einen weiteren Gedanken daran verschwendet, als er plötzlich bei genauerem Hinsehen einen weißem Trenchcoat und helles Haar zu erkennen glaubte. Zwar war er sich aufgrund von Distanz und Dunkelheit nicht sicher, dennoch ließen die Umrisse auf eine Frau schließen. Das erschien ihm doch sehr merkwürdig. Natürlich gab es Dutzende blonder Frauen im weißen Trenchcoat, so dass jede weitergehende Vermutung lächerlich erschien. Außerdem konnte das gar nicht sein. Wieso sollte sie ihn jetzt um diese Zeit ausgerechnet hier erwarten? Völlig ausgeschlossen! Und doch passten Statur, Größe und sogar der Gang. Das war schon sehr seltsam.
Zweifellos war er von ihr längst bemerkt worden und womöglich wurde sein Verhalten missdeutet. Doch dafür gab es keinen Grund. Weder verbarg er sich noch machte er irgendwelche Anstalten, sie zu verfolgen. Es hatte sich nur so ergeben, weil man den gleichen Weg benutzte. Lucas kam jedoch zu keinen weiteren Überlegungen, denn plötzlich wandte sich diese Person um und zeigte mit dem Finger auf ihn, als habe sie ihn erkannt.
Wie angewurzelt blieb er stehen und konnte nicht glauben, was er da sah. Aber das war eindeutig. Was erlaubte sie sich? Das war ja unerhört! Da geht man nichtsahnend seines Weges und wird derart belästigt. Da platzte ihm der Kragen und er wollte sie zur Rede stellen. Sie aber lief plötzlich davon. Sofort stürzte er ihr nach. Nun entstand eine wilde Jagd. Immerhin war er jung und drahtig und es wäre doch gelacht, wenn er sie nicht gleich zu fassen bekäme. Während ihn noch ein Abstand von gut zwanzig Schritt von ihr trennte, nahm er gleich den Weg durch die Böschung, um diesen zu verkürzen. Doch da das Gelände etwas abschüssig war, rutschte er aus und fiel unglücklicherweise in den Dreck.
Hinzu kam, dass diese Person nun auch noch den Park verließ und in ein Wohngebiet rannte. Das steigerte seine Wut, zumal er wirklich keine bösen Absichten hegte und das unbedingt klarstellen wollte. „Na warte, du kannst etwas erleben!“, brüllte er und jagte ihr erneut nach. Und tatsächlich war er fast wieder heran, als die Frau dann doch hinter einer Hausecke verschwand.
Keuchend stand er da und starrte in die Dunkelheit. Nach seinen Überlegungen konnte sie nur in einem der hier angrenzenden Hausflure verschwunden sein. Doch aus irgendeinem Grund wagte er ihr nicht zu folgen. Die Stille und Einsamkeit verunsicherten ihn. Vielleicht war es nur eine Falle und sollte ihn irgendwohin locken? Das war natürlich Unsinn. Aber was denkt man nicht alles in solchen Momenten!
Er sollte besser aufgeben und darüber lachen. Wenn sie es tatsächlich war, würde eine Begegnung nicht sehr freundlich ausfallen. Aber warum eigentlich? Es war doch nichts passiert! Und selbst wenn - was war schon dabei, wenn sich um diese Zeit ihre Wege kreuzten? Er wollte gerade zurückgehen, als er in unmittelbarer Nähe einen Schatten quer über dem Fußweg bemerkte. Offenbar lauerte dort jemand hinter der Ecke, ohne zu bedenken, dass ihn der eigene Schatten verriet.
‚Na warte nur‘, dachte er bei sich und schlich lautlos heran. Schon juckte es ihn, sogleich herumzufahren und den Lauernden am Kragen zu packen. Er setzte auch schon dazu an, als ihn Gott weiß woher plötzlich ein dumpfer Schlag auf den Kopf traf. Halb benommen fuhr er um und konnte noch einen hellen Mantel erkennen, bevor ihn ein weiterer Schlag völlig betäubte.
Mit letzter Kraft versuchte er, sich zur Seite zu schleppen, als ihn ein dritter Schlag zu Boden streckte. Nun folgte eine Art Dämmerzustand ohne tiefere Gedanken. Er fühlte sich umnebelt und war sich nicht sicher, ob er eine Stimme vernahm, die zwar eindringlich auf ihn einsprach, aber dennoch nicht zu verstehen war. Er wollte antworten, brachte aber nichts heraus, obgleich er das Gefühl hatte, aufgefordert und gerüttelt zu werden. Aber seine Zunge war wie Blei und seine Wahrnehmung derart getrübt, dass er außer ein paar undeutlichen Umrissen nichts erkannte.
In jedem Fall aber musste er längere Zeit auf dem Fußweg gelegen haben, denn als ihn ein Passant, der mit einem Hündchen unterwegs war, mit dem Fuß in die Seite stieß, wurde es bereits hell und er war ganz durchnässt. Er fror unsäglich und konnte nicht verstehen, warum er hier auf dem Boden lag.
„Ist Ihnen nicht gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragte der Mann und neigte sich besorgt zu ihm herab.
„Wie? Was?“, stammelte Lucas, der alle Mühe hatte, seine Gedanken zu ordnen. „Nein danke, nicht nötig.“ Er versuchte, sich aufzurichten, rutschte jedoch wieder zusammen.
„Wohl etwas zu viel gebechert, wie?“, mutmaßte der Mann mit einem hässlichen Grinsen.
Ohne zu antworten, stemmte sich Lucas erneut hoch und kam allmählich wieder auf die Beine. Schließlich stand er diesem Mann schwankend gegenüber, der noch immer auf eine Erklärung hoffte. Doch er konnte und wollte ihm keine geben. Wozu auch, das ging ihn nichts an.
„Wie spät ist es?“, fragte Lucas stattdessen und schaute auf die Uhr. „Oh, ich sehe schon, ich muss mich wohl etwas vertan haben“, kam er einer Antwort zuvor und ließ den verdutzten Mann stehen.
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