Plötzlich sah sie Luna. Sie raste mit fliegenden Ohren hinter einem schwarzen Ungetüm von Hund her.
„Luna, hierher!“, rief Vanessa energisch.
Der Hund musste taub geworden sein. Er blieb nicht einen Augenblick lang stehen, sondern fuhr damit fort, das schwarze Ungetüm zu verfolgen.
Wo war nur Sarah? Vanessa ging über die Wiese und sah sich suchend um. Und dann entdeckte sie sie.
Sarah saß mit zwei Typen auf einer Bank und unterhielt sich allem Anschein nach prächtig. Gerade lachte sie laut heraus.
„Das ist doch die Höhe!“, schimpfte Vanessa, obwohl ihr niemand zuhörte. Sie ging schnell auf die Bank zu.
„Also hier steckst du!“, sagte sie vorwurfsvoll zu Sarah. „Ich hab' die halbe Stadt nach dir und Luna abgesucht. Du hättest mir ja sagen können, dass du dich im Park mit Freunden treffen willst.“
Endlich hörte Sarah damit auf, den schlanken Jungen anzulächeln. Aber sie schien sich nur ungern von ihm loszureißen.
„Ich wäre gleich zurückgekommen, wenn du deinen Hund besser erzogen hättest“, erklärte sie Vanessa. „Ich hab' Luna nur in den Garten gelassen, aber dann sind die beiden Jungs mit Rocky vorbeigekommen, und Luna ist einfach über den Zaun gesprungen und Rocky hinterhergerast.“
„Was für ein Rocky denn?“, fragte Vanessa verblüfft.
„Lustiger Name für einen Hund, nicht wahr? Ich hab' auch gelacht, als ich ihn gehört habe: Rocky heißt der Hund, den deine Luna jagt. Hast du ihn nicht gesehen? Ein schwarzer Riese mit ganz viel Fell!“, meinte Sarah grinsend.
„Du meinst dieses Ungetüm?“, fragte Vanessa und deutete auf den großen schwarzen Hund.
„Allerdings. Das ist Rocky. Deine Luna hat sich in ihn verliebt, glaube ich.“ Sarah lachte schon wieder. Dabei schielte sie verdächtig zu dem großen Blonden hin, als wolle sie die Wirkung ihres Gelächters auf ihn testen.
Vanessa fand, es war an der Zeit, die beiden gutaussehenden Typen auf der Bank kennenzulernen. Wenn Sarah nicht von selbst auf die Idee kam, sie vorzustellen, musste sie nachhelfen.
„Ich bin übrigens Vanessa“, sagte sie unbestimmt in Richtung der beiden Jungs. „Und der kleine graue Hund gehört mir.“
Der große Blonde grinste, und der tolle Dunkle betrachtete Vanessa mit interessiertem Blick.
„So, so, du bist also Vanessa“, sagte der Dunkle lächelnd. „Das ist ja ein toller Tag. Da lernen wir so ganz nebenbei zwei süße Mädchen kennen...“
„Wieso? Habt ihr Sarah auch gerade erst kennengelernt?“, fragte Vanessa verblüfft.
„Natürlich. Das heißt - eigentlich hat Rocky sie kennengelernt. Er hat sie nämlich umgerannt, als er vor deinem sogenannten Hund ausgerissen ist. Wir haben ihr wieder auf die Beine geholfen, und so lernt man sich eben kennen“, meldete sich nun der große Blonde zu Wort.
Vanessa sah irritiert von, einem zum anderen.
„Habt ihr auch Namen?“, wollte sie wissen.
Die beiden lachten.
„Ich heiße Henri“, sagte der Dunkle, der Vanessa eigentlich besser gefiel.
„Und ich Niklas“, ergänzte der Blonde lächelnd.
„Wem von euch beiden gehört der Riesenhund?“, erkundigte sich Vanessa.
„Mir“, antwortete Henri, der dunkelhaarige Junge.
„Dann könntest du ihn vielleicht dazu bewegen, damit aufzuhören, meine Luna zu Tode zu hetzen“, bat Vanessa, ohne zu lächeln.
„Wenn du meinst.“
Henri pfiff durch die Zähne.
Der schwarze Riesenhund mit dem komischen Namen Rocky hielt mitten in einem Sprung inne, drehte sich um seine eigene Achse und raste im Eilzug-Tempo auf Henri zu. Gerade als Vanessa sicher war, dass der Hund seinen Herrn einfach plattdrücken würde, bremste Rocky so scharf ab, dass der Kies unter der Bank nach allen Seiten stob. Dann saß er still und sah Henri erwartungsvoll an.
„Braver Hund!“, lobte Henri das Ungetüm und tätschelte es.
„Wie hast du das nur fertiggebracht?“, fragte Vanessa beeindruckt. „Ich versuche seit sechs Wochen, meinen Hund zu erziehen, aber der versteht immer nur Bahnhof. Er pinkelt ins Haus und knabberte unsere Teppiche an. Kannst du mir sagen, was man tun muss, um einem Hund das abzugewöhnen?“
Wenn Henri lächelte, sah er wie ein großer Lausejunge aus, fand Vanessa. Es gefiel ihr, wie er lächelte: Seine dunklen Augen blitzten dann übermütig, und er sah richtig lustig aus.
„Ich könnte dir Unterricht im Hundeerziehen geben. Wann hast du Zeit?“, fragte er grinsend.
Vanessa wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie sah zu Sarah hinüber, die immer noch damit beschäftigt war, Niklas anzuhimmeln.
„Wollen wir nicht endlich nach Hause gehen?“, fragte sie ihre Freundin.
Sarah wirkte, als käme sie von weit her. „Nach Hause? Du meinst, zu dir?“
„Ja, natürlich, wohin denn sonst? Ich dachte, wir wollten uns einen gemütlichen Nachmittag machen“, rief Vanessa ihr gereizt in Erinnerung.
Ihr ärgerlicher Gesichtsausdruck verschwand, als sie sah, was die beiden Hunde trieben. Rocky, der große schwarze Hund und Luna, der kleine graue, umkreisten sich, jeder die Nase am Hinterteil des anderen.
„Also so was!“, lachte Vanessa. „Die schämen sich kein bisschen, seht ihr?“
Sarah und die beiden Jungs lachten ebenfalls. „Warum sollen sie sich schämen, nur weil sie ein bisschen Leckerschmecker machen?“
Henri schien sich königlich zu amüsieren.
„Leckerschmecker?“, fragte Vanessa irritiert. „Was ist denn das für ein bescheuerter Ausdruck?“
„Wieso bescheuert? Siehst du nicht, dass die beiden Hunde genau das treiben? Sie mögen sich, so viel ist klar. Ich finde, wir sollten sie öfter zusammenbringen. Wie ist es mit morgen?“
Henri sah Vanessa fragend an.
Vanessa gab den fragenden Blick an Sarah weiter, und Sarah starrte ihrerseits Niklas an.
Aber eine Antwort auf Henris Frage gab niemand.
„Ihr wollt also nicht“, stellte Henri fest. „Schade. Ich dachte, wo wir uns jetzt schon mal kennen...“
„Ich kenne hier keinen außer meiner Freundin Sarah“, behauptete Vanessa keck.
„Wir haben uns vorgestellt. Ich bin Henri, und das ist mein Freund Niklas. Wer Rocky ist, weißt du auch. Also, was soll der Blödsinn?“, fragte Henri ärgerlich.
„Ich finde schnelle Anmache doof“, hielt Vanessa ihm vor. „Und deshalb gehen Sarah und ich jetzt nach Hause.“
„Ist das wahr, Sarah?“, wandte sich Henri an Vanessas Freundin. „Gehst du nach Hause, nur weil Vanessa es will?“
„Ich wollte sowieso gerade gehen“, sagte Sarah schnell. Sie stand endlich von der Bank auf. „Ciao, Jungs.“
„Ihr habt doch nichts dagegen, wenn wir auch gehen?“, fragte nun Niklas und stand ebenfalls auf.
„Wir können euch nicht daran hindern“, schnappte Vanessa. Sie leinte Luna an, obwohl die sich dagegen wehrte, und ging energisch los.
Rocky ging mit der Nase an Lunas Hinterteil direkt hinter ihr her.
„Kannst du deinen unanständigen Hund nicht an die Leine nehmen?“, rief Vanessa Henri zu.
„Ich hab' keine Leine dabei. Rocky folgt mir aufs Wort. Wenn ich will, geht er bei Fuß“, antwortete Henri lachend.
„Dann sag ihm gefälligst, dass er das tun soll!“, forderte Vanessa ihn auf.
Henri tat ihr den Gefallen. „Rocky, bei Fuß!“, rief er. Der gehorchte tatsächlich und ging brav neben Henris linkem Bein.
Und was tat die unmögliche Luna, die Vanessa als Baby aus dem Tierheim geholt hatte, um ihr ein schönes Zuhause zu geben? Undankbar, wie sie war, drehte sie sich um und versuchte sich von der Leine loszureißen, um näher bei ihrem großen Freund zu sein.
„Dein Hund hat Geschmack, das muss man ihm lassen“, stichelte Henri.
Vanessa ärgerte sich schon wieder. Zumindest gab sie es vor.
„Zieht bloß Leine!“, rief sie den Jungs zu. „Und nehmt das Ungetüm mit, von dem ihr behauptet, es sei ein Hund.“
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