Sie schüttelt sich. Das wochenlange An-die-Decke-
Starren im Krankenhaus war genug für das ganze Leben. Und hinter den beiden Typen – wenn Nina erst einmal durch das Schultor durch ist – dort wartet Fiona!
Na gut. Nina klopft sich auf die Oberschenkel. Es bleibt ihr ja sowieso nichts anderes übrig … Sie hebt die Beine aus dem Auto und rutscht auf den Rollstuhl hinüber. Die Jungs bleiben stehen, als hätten sie das nicht schon oft genug gesehen. Nina verkrampft. Nur nicht die Blicke erwidern …
Nachdem Papa ihr den Rucksack auf den Schoß gelegt hat, atmet sie tief durch und rollt auf die Rampe zu. Hinter sich hört sie das Auto davonfahren.
»Darf ich vorbei, bitte!«
Fabian baut sich vor ihr auf. Nina muss den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen sehen zu können – soweit das möglich ist, denn seine Stirnfransen hängen fast bis zur Nasenspitze.
»Na, Sprung, heute keinen Bodyguard dabei?« Er grinst hämisch und fährt gleich fort: »Aber wir sind ja nicht so … Damit du nicht einsam bist, lassen wir dich einfach mitmachen!« Er deutet auf die Mauer. »Hast ja auch Räder. Dann würde dein Nachname endlich wieder zu dir passen!«
Nina schluckt. Gerade noch bringt sie ein »Haha, sehr witzig. Geh auf die Seite!« heraus.
Die Rampe hinaufzukommen, ist Herausforderung genug.
Fabian rührt sich keinen Zentimeter. Stattdessen grinst er von oben herab und tätschelt Ninas Kopf. »Na, vielleicht, wenn du ein bisschen gewachsen bist. Dann kannst du bei den Großen mitmachen.«
Nina schüttelt ihn ab, rollt rückwärts, um ihn loszuwerden. Max stellt sich hinter seinen Freund und lacht genauso blöd. Sein Kopf ragt über Fabians weit hinaus.
Nina räuspert sich, trotzdem ist ihre Stimme belegt. »Sagt genau der Richtige!«
Max legt seinen Arm um Fabians Schultern. »Immer noch wesentlich größer als du. Wie ist das eigentlich so, Sprung, wenn man auf Augenhöhe nur Hinterteile sieht?«
Mit wütendem Blick fixiert sie ihn, bemüht, die Tränen dahinter zu verstecken. Aufstehen und ihm eine kleben … Das wärs jetzt!
Endlich gehen die beiden einen Schritt zur Seite. Max deutet auf die Rampe. »Aber mach schnell, ich will den Trick noch einmal probieren, bevor es läutet!«
Ein Schauer läuft ihren Nacken hinunter. Die sehen jetzt genau zu … Sehen, wie mühsam das ist, die Steigung hochzukommen.
Max springt leichtfüßig neben ihr die Stufen hinauf. Oben angekommen, grinst er sie noch einmal blöd an. Dann nimmt er Anlauf und gleitet auf seinem Board die Kante der Mauer hinunter.
In der Klasse fährt Nina zu dem einzigen Platz, an dem kein Stuhl steht. Neben ihr holt Fiona Hefte aus der Schultasche. »Hallo!« Sie lächelt Nina an.
Es läutet.
Fiona sieht sich in der Klasse um. »Ich fasse es nicht, Fabian und Max kommen schon wieder zu spät.«
Nina verzieht das Gesicht. Überall geht es nur um Fabian, den »großen« Fabian und seine Clique.
Fiona kritzelt ein Herz mit einem F an den Rand ihrer Heftseite. Sie behauptet immer, dass damit Fiona gemeint ist.
Nina ist sich da nicht so sicher. Das Fabian-Fieber scheint eine ernsthaft ansteckende Krankheit zu sein. Aber Fiona ist nicht die Sportlichste und ihr wirklich liebes Zahnspangenlächeln hat Fabian noch nicht bemerkt. Wird er vermutlich auch nie. Eventuell liegt das an dem Vorhang vor seinen Augen. Freie Sicht hat er nur, wenn der Wind beim Skateboarden die Haare zur Seite weht. Wenn dabei auch noch seine viel zu großen Tribal-Shirts flattern, sieht er aus wie eine Vogelscheuche, findet Nina. Kurzum, Fiona und Fabian sind zwei Memory-Karten, die nicht zusammenpassen. Gut so! Denn Fiona hat etwas Besseres verdient als diesen Kotzbrocken.
Nun stolpern die Jungs in die Klasse.
Über den Rand ihrer Brille sieht Frau Winkler sie tadelnd an. »Was mache ich nur mit euch beiden? Morgen um Punkt : Uhr bringt ihr mir eine Fleißaufgabe. Nämlich die fertig ausgearbeiteten Seiten bis aus dem Mathematikbuch. Vielleicht merkt ihr euch dann endlich, dass der Unterricht mit dem Läuten beginnt!«
Fiona stupst Nina von der Seite an und schiebt ihr einen Zettel zu.
Nina faltet das Papier auf und liest: Wenn ich es nicht gleich erzähle, platze ich! Heute Nachmittag holen wir eine Katze aus dem Tierheim!!! Wann kommst du sie anschauen? Morgen?
Wie lieb! Morgen habe ich Therapie. Übermorgen vielleicht?, schreibt Nina und schiebt den Zettel wieder zurück.
»Schulhof?«, fragt Fiona beim Zurückgeben der Tabletts in der Mensa.
Nina nickt. Gemeint ist damit leider nur der schmale Weg neben der großen Wiese. Langsam rollt sie die Rampe hinunter, bremst den Lauf der Räder mit den Händen und stellt sich neben eine Bank. »Weißt du schon, welche Katze es wird?«
Fiona setzt sich neben sie. »Ein Kater mit schwarzen Ohren und weißem Gesicht, und am Kinn hat er auch noch einen schwarzen Punkt … So süß!«
Während sie mit leuchtenden Augen erzählt, spielt Nina mit den Rädern. Sie kippt die vorderen in die Luft und balanciert auf den hinteren.
»Dass du dabei nicht umfällst, wundert mich jedes Mal wieder«, murmelt Fiona.
Nina schmunzelt. »Mama kann da auch nicht zuschauen. Sie sagt dann ständig ›Du warst schon immer eine Zappeline‹ und droht, die Kippstützen hinten wieder anzustecken.«
Fiona lacht.
»Dabei sagt mein Therapeut, dass ich das gut können muss.« Nina beobachtet Fabian und die anderen »Großen« – oder die, die sich zumindest für groß und wichtig halten – wie sie sich auf der Wiese gegenseitig mit einem Ball abschießen. Fabian zieht seine Jacke aus, weil es in der Sonne so warm ist, und bekommt von Max den Ball zugespielt. Er zielt auf Kathi und wirft.
›Das könnte ich auch‹, denkt Nina und beißt die Zähne zusammen.
Dünnes Eis
Zu Hause macht Nina Hausaufgaben – im Stehen, festgehalten durch diverse Gurte und gepolsterte Schieber an einem speziellen Schreibtisch. Endlich hört sie den Schlüssel im Schloss.
»Wie war dein Tag, Schwesterherz?«
»Pfff …« Sie rollt die Augen. »Spielen wir?«
Daniel nimmt den Basketball aus dem Regal und wartet, bis Nina wieder im Rollstuhl sitzt. Dann öffnet er ihr die Tür zum Garten. Dort gibt es eine große, ebene Fläche und einen Korb an der Wand. Er dribbelt den Ball. Sobald Nina ihre Handschuhe anhat, fährt sie ihm wendig nach. Er spielt ihr den Ball zu, sie dreht um und wirft. Treffer!
Daniel fängt ihn wieder auf, läuft nach hinten und wirft selbst. Inzwischen ist Nina nach vorne gerollt und holt sich den Ball. Nun dribbelt sie, während sie eine Runde über den Platz fährt. Ihr Bruder stellt sich ihr in den Weg.
Plötzlich schaut Mama mit dem Handy am Ohr durch die Terrassentür. »Du bekommst gleich Besuch!«, flötet sie Nina zu. Kurz hält sie den Finger auf das Mikrofon und flüstert: »Sei nett zu ihm, er hat es gerade nicht leicht!«
Fragend sieht Nina zu Mama hin, doch die ist schon wieder im Haus verschwunden.
In diesem unachtsamen Moment nimmt Daniel Nina den Ball aus der Hand und wirft einen Korb. Tatsächlich läutet es wenige Minuten später. Kurz darauf kommt Fabian in den Garten.
Drohend baut Daniel sich vor ihm auf. »Bist du hier, um dich zu entschuldigen?«
Fabian zuckt zusammen, hält seinen Rucksack vor dem Körper fest. Trotzdem sieht er Nina erstaunt an. »Du … spielst Basketball?«
Sie prellt den Ball auf den Boden und fängt ihn wieder auf. Was macht der hier? Sprachlos starrt sie ihn an, so als ob die Zeit stillstünde. Durch ihre Gedanken flitzt die Erinnerung an unzählige Sticheleien, die bislang wenigstens nur in der Schule stattgefunden haben, und jetzt … jetzt steht er hier, in ihrem Garten!
»Was ist? Was willst du von Nina?« Daniel ballt eine Faust und klatscht sie in die andere Hand. »Soll ich?«, fragt er Nina.
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