»Und >Sie< lebt immer dort drinnen?« fragte ich. »Oder verläßt sie zuweilen den Berg?«
»Nein, mein Sohn, wo sie ist, dort bleibt sie.« Inzwischen hatten wir die große Ebene erreicht, und ich betrachtete entzückt die Schönheit der mannigfachen halbtropischen Blumen und Bäume, von denen die letzteren meist einzeln oder höchstens zu dritt oder zu viert beisammenstanden. Die meisten waren sehr groß und stellten anscheinend eine Abart der immergrünen Eiche dar. Auch viele Palmen gab es, einige davon mehr als hundert Fuß hoch, sowie die größten und schönsten Baumfarne, die ich je gesehen habe, umschwärmt von buntschillernden Honigsaugern und großen Schmetterlingen. Zwischen den Bäumen im hohen Gras tummelte sich allerlei Wild. Ich sah ein Rhinozeros, eine große Büffelherde, Elenantilopen, Zebras, eine Rappenantilope sowie eine Unmenge Kleinwild und drei Strauße, die bei unserer Annäherung blitzschnell davonliefen. So zahlreich war das Wild, daß ich nicht länger widerstehen konnte. Da mein Expreßgewehr zu schwer war, hatte ich eine Martinibüchse bei mir in der Sänfte, und als ich eine schöne Elenantilope sah, die ihr Geweih an einem der eichenähnlichen Bäume wetzte, sprang ich heraus und schlich mich so nah wie möglich an sie heran. Als ich etwa achtzig Meter entfernt war, wandte sie den Kopf und starrte mich erschrocken an. Ich hob die Büchse, zielte, da sie mir ihre Seite zuwandte, auf ihre Schulter und feuerte. Während meiner ganzen bisherigen, freilich nicht sehr bedeutenden Jägerlaufbahn hatte ich noch nie einen so guten Schuß getan, denn die Antilope sprang hoch in die Luft und fiel tot zu Boden. Die Träger, die stehengeblieben waren, um mir zuzusehen, ließen ein erstauntes Murmeln hören - ein ungewöhnliches Kompliment von diesen mürrischen Leuten, die nie etwas zu überraschen schien -, und einige Männer rannten sofort los, die Antilope auszuweiden. Obwohl ich mir das Tier gern angese-hen hätte, schlenderte ich gleichgültig, als hätte ich in meinem Leben nie etwas anderes getan als Elenantilopen erlegt, zu meiner Sänfte zurück. Ich merkte, daß die Achtung der Amahagger für mich um einige Grad gestiegen war, denn sie betrachteten das Ganze als einen Beweis dafür, daß ich über mächtige Zauberkraft verfügte. In Wirklichkeit hatte ich noch niemals eine Elenantilope in freier Natur gesehen. Billali empfing mich voll Begeisterung.
»Prächtig, mein Pavian!« rief er. »Ganz prächtig! Trotz deiner Häßlichkeit bist du ein großer Mann. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, so würde ich es nicht glauben. Und du willst mich wirklich die Kunst, auf diese Weise zu töten, lehren?«
»Gewiß«, prahlte ich, »das ist kinderleicht.«
Insgeheim nahm ich mir jedoch fest vor, mich, wenn >mein Vater< Billali zum erstenmal schoß, zu Boden zu werfen oder hinter einem Baum Schutz zu suchen.
Nach diesem kleinen Zwischenfall geschah nichts Besonderes, bis wir etwa eineinhalb Stunden vor Sonnenuntergang den Schatten des gewaltigen vulkanischen Berges erreichten. Es ist mir ganz unmöglich zu schildern, wie tief mich seine grimmige Erhabenheit beeindruckte, während meine unermüdlichen Träger durch den alten Kanal der Stelle zustrebten, wo die dunkelbraunen Felsen von Gipfel zu Gipfel immer höher emporragten, bis sie sich hoch oben in den Wolken verloren. Ich kann nur sagen, daß ihre einsame und erhabene Größe mich beinahe mit Ehrfurcht erfüllte. Immer höher stiegen wir den sonnigen Abhang hinauf, bis schließlich die von oben hereinbrechenden Schatten seinen Glanz verhüllten, und plötzlich bogen wir in einen in den Fels gehauenen Weg ein. Tiefer und tiefer führte dieses wunderbare Bauwerk, an dem Tausende von Menschen viele Jahre lang gearbeitet haben müssen. Wie es ohne die Hilfe von Sprengpulver und Dynamit überhaupt geschaffen werden konnte, ist mir bis zum heutigen Tage ein Rätsel. Es wird wohl immer eines der Rätsel dieses wilden Landes bleiben. Ich kann nur vermuten, daß diese Gänge und riesigen Höhlen, die aus den Felsen herausgeschlagen wurden, staatliche Unternehmungen jenes uralten Volkes von Kor gewesen sind, das in dunkler Vorzeit hier lebte, und daß sie -wie die ägyptischen Baudenkmäler - im Laufe vieler Jahrhunderte durch den Frondienst vieler Tausender Gefangener und Sklaven geschaffen wurden. Doch was für ein Volk war dies?
Endlich erreichten wir den Felsen selbst und standen vor dem Eingang eines finsteren Tunnels, der mich stark an die Eisenbahntunnel erinnerte, die unsere Ingenieure im neunzehnten Jahrhundert bauten. Diesem Tunnel entfloß ein ansehnlicher Wasserstrom. Es war derselbe, der sich schließlich zu dem von mir bereits geschilderten Fluß entwickelte, und wir waren ihm schon von der Stelle an gefolgt, wo der Einschnitt in den Felsen begann. Die eine Hälfte dieses Einschnitts bildete nämlich einen Kanal für den Strom, und die andere, welche ungefähr acht Fuß höher lag, diente als Straße. Vor dem Eingang der Höhle hielt unsere Karawane an, und die Träger entzündeten einige irdene Lampen, die sie mit sich führten. Billali stieg aus seiner Sänfte und teilte mir höflich, doch bestimmt mit, daß >Sie< befohlen habe, uns nun die Augen zu verbinden, damit wir nicht die geheimen, durch das Innere des Berges führenden Wege kennenlernten. Ich fügte mich bereitwillig, doch Job, der sich inzwischen trotz der strapaziösen Reise recht gut erholt hatte, war gar nicht damit einverstanden; offenbar fürchtete er, man wolle ihn wieder bei lebendigem Leibe braten. Er beruhigte sich jedoch ein wenig, als ich ihm sagte, daß es hier weder Töpfe noch Feuer, auf denen man sie erhitzen konnte, gäbe. Der arme Leo war, nachdem er sich stundenlang ruhelos herumgewälzt hatte, Gott sei Dank endlich in Schlaf oder in eine Art Betäubung versunken, und so brauchte man ihm nicht die Augen zu verbinden. Bei uns tat man dies, indem man uns ein Stück von dem gelblichen Leinen, aus dem die Gewänder der Ama-hagger, soweit sie welche trugen, bestanden, um die Augen legte. Ich stellte später fest, daß sie dieses Leinen nicht selbst herstellten, sondern den Gräbern entnahmen. Das Tuch wurde am Hinterkopf zusammengeknotet und dann, damit es nicht verrutschte, unter dem Kinn verschlungen. Auch Ustane verband man die Augen - wahrscheinlich weil man fürchtete, sie könnte uns die geheimen Wege verraten.
Danach zogen wir weiter, und schon bald erkannte ich am Echo der Schritte und am lauter werdenden Rauschen des Wassers, daß wir uns tief im Innern des Berges befanden. Es war ein unheimliches Gefühl, mitten in das Herz dieses unbekannten Felsens hineingetragen zu werden, doch Unheimliches waren wir indessen schon gewohnt und deshalb auf so ziemlich alles gefaßt. Ich lag also still, lauschte dem Trappeln der Träger und dem Rauschen des Wassers und versuchte mir einzubilden, daß das Ganze recht lustig sei. Plötzlich stimmten die Männer wieder jenen melancholischen Gesang an, den ich schon in der ersten Nacht, als sie uns in unserem Walboot gefangennahmen, gehört hatte, doch diesmal klangen ihre Stimmen ganz merkwürdig. Nach einer Weile wurde die Luft so dick, daß mich ein Gefühl befiel, als müßte ich ersticken, und schließlich wurde die Sänfte um eine Biegung herumgetragen und dann um eine zweite und dritte, und das Rauschen des Wassers verstummte. Nun war die Luft wieder frischer, doch es kamen immer neue Biegungen, die mich mit meinen verbundenen Augen sehr verwirrten. Ich versuchte sie mir für den Fall, daß wir einen Fluchtversuch unternahmen, zu merken, doch gelang mir dies natürlich nicht. Nach etwa einer halben Stunde merkte ich, daß wir uns wieder im Freien befanden. Durch meine Augenbinde fiel Licht, und ich spürte einen kühlen Lufthauch auf meinem Gesicht. Nach wenigen Minuten machte die Karawane halt, und ich hörte, wie Billali Ustane befahl, ihre Binde und sodann die unseren abzunehmen. Ich wartete jedoch nicht auf sie, sondern nahm sie selbst ab und sah mich um.
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