Diesen und vielen anderen Gedanken hing ich nach in jener Nacht. Wie oft quälen sie doch den Menschen! Ja, quälen sage ich, denn das Denken macht uns die Hilflosigkeit des menschlichen Verstandes erst recht bewußt. Was ist schon unsere schwache Stimme in der unendlichen stummen Weite des Weltenraums? Kann unsere schwache Intelligenz die Geheimnisse jenes sternenübersäten Himmels enträtseln? Wird uns je eine Antwort zuteil werden? Nie und nimmer - nichts als ein Echo und phantastische Visionen! Und dennoch glauben wir, daß es eine Antwort gibt und daß dereinst eine rosige Dämmerung die Nacht, durch welche wir uns tasten, beenden wird. Wir glauben es, denn von jenseits des Grabes leuchtet der Widerschein ihrer Schönheit schon jetzt in unser Herz, und wir nennen sie Hoffnung. Ohne Hoffnung würden wir den moralischen Tod erleiden, mit Hilfe der Hoffnung aber können wir vielleicht doch zum Himmel aufsteigen oder im schlimmsten Fall, wenn auch sie nur freundliches Blendwerk sein sollte, das vor Verzweiflung uns bewahren soll, sanft hinabsinken in die Abgründe ewigen Schlafes.
Sodann dachte ich über das Unternehmen nach, auf das wir uns eingelassen hatten. Wie phantastisch war es doch, und dennoch schien alles so seltsam mit der jahrhundertealten Inschrift auf der Scherbe übereinzustimmen! Wer war jenes mystische Weib, das inmitten der Reste einer längst versunkenen Kultur als Königin ein ebenso sonderbares Volk beherrschte? Und was bedeutete diese Geschichte von dem Feuer, das ewiges Leben spendete? War es möglich, daß es irgendeine Flüssigkeit oder Essenz gab, welche die Mauern des Fleisches so verstärkte, daß die Beschüsse des Verfalls ihnen nichts anhaben konnten? Es war möglich, doch nicht wahrscheinlich. Die unendliche Verlängerung des Lebens war sicher nicht, wie der arme Vincey meinte, etwas so Wunderbares wie die Erzeugung des Lebens und seine zeitlich begrenzte Dauer. Doch wenn es stimmte - was dann? Wer es fand, konnte zweifellos die Welt beherrschen. Er konnte sich alle Schätze der Welt und alle Macht und alles Wissen, das Macht bedeutet, aneignen. Er konnte dem Studium jeder Kunst und jeder Wissenschaft ein Lebensalter widmen. Wenn dies wirklich stimmte und diese >Sie< tatsächlich unsterblich war, was ich nicht einen Moment lang glaubte - warum hauste sie dann, obwohl sie über solche Macht verfügte, in einer Höhle unter Kannibalen? Nein, es gab keinen Zweifel: diese ganze Geschichte war Unsinn, nichts als ein Ausfluß der abergläubischen Zeit, in der sie niedergeschrieben worden war. Auf jeden Fall würde ich nicht versuchen, Unsterblichkeit zu erlangen. In den etwa vierzig Jahren, die ich auf Erden wandelte, hatte ich schon zu viele Enttäuschungen und Bitternisse erfahren, um mir eine endlose Verlängerung dieses Zustandes zu wünschen. Und dennoch glaube ich, daß mein Leben verhältnismäßig glücklich gewesen ist.
Als ich mir dann noch sagte, daß im Augenblick eine plötzliche Beendigung unserer Erdenlaufbahn viel wahrscheinlicher war als eine unendliche Verlängerung, schlief ich endlich ein - wofür jeder, der diesen Bericht liest, falls dies überhaupt jemand tut, sicherlich überaus dankbar sein wird.
Als ich erwachte, dämmerte es gerade, und die Wächter und Träger, die sich zum Aufbruch rüsteten, huschten wie Geister in dem dichten morgendlichen Nebel hin und her. Das Feuer war niedergebrannt, und als ich mich erhob und streckte, ließ mich die feuchte Morgenkühle am ganzen Leib erzittern. Dann sah ich mich nach Leo um. Er saß aufrecht und stützte den Kopf in die Hände. Sein Gesicht war glutrot, seine Augen glänzten, und ihr Weiß war gelb verfärbt. »Nun, Leo«, sagte ich, »wie fühlst du dich?«
»Sterbenselend«, erwiderte er heiser. »Mein Kopf fühlt sich an, als wolle er zerspringen, und ich zittere am ganzen Körper.«
Ich pfiff durch die Zähne - Leo hatte hohes Fieber. Als ich zu Job ging, um Chinin zu holen, wovon wir zum Glück immer noch einen ziemlichen Vorrat hatten, mußte ich feststellen, daß es mit ihm nicht viel besser stand. Er klagte über Rückenschmerzen und Schwindel und konnte sich kaum rühren. Ich tat das einzige, was unter diesen Umständen möglich war: ich gab beiden eine ordentliche Portion Chinin und nahm ebenfalls zur Vorsicht eine etwas kleinere Dosis. Dann ging ich zu Billali, berichtete ihm von dem Zustand der beiden und fragte ihn nach seinem Rat. Er sah sich Leo und Job an, welchen er übrigens seines Wanstes, seines runden Gesichtes und seiner kleinen Augen wegen >Schwein< nannte.
»Ja«, sagte er, als wir außer Hörweite waren, »Fieber! Dachte ich's mir doch. Den Löwen hat es schwer gepackt, doch er ist jung und wird es überstehen. Beim Schwein ist es nicht so schlimm. Es hat nur das >leichte Fieber<; es beginnt immer mit Rückenschmerzen. Bei seinem Fett wird es ihm wohl nicht viel anhaben.«
»Können sie Weiterreisen, mein Vater?« fragte ich. »Sie müssen, mein Sohn. Wenn sie hierbleiben, werden sie bestimmt sterben; außerdem liegen sie in den Sänften besser als auf dem Boden. Wenn alles gut geht, werden wir heute abend den Sumpf hinter uns haben, und dann wird die Luft besser. Komm, legen wir sie in die Sänften und brechen wir auf, denn es ist sehr gefährlich, in diesem Morgennebel herumzustehen. Wir können unterwegs frühstücken.«
Schweren Herzens willigte ich ein, und wir setzten die Reise fort. Die ersten drei Stunden verlief alles gut, doch dann ereignete sich ein Unfall, durch den wir fast unseren ehrwürdigen Freund Billali verloren hätten, dessen Sänfte sich an der Spitze der Karawane befand. Wir passierten gerade einen besonders gefährlichen Teil des Sumpfes, wo die Träger bis zu den Knien in den Schlamm einsanken, und es war mir in der Tat ein Rätsel, wie sie es fertigbrachten, die Sänften über solch morastigen Boden zu tragen, obgleich die beiden Ersatzträger zusammen mit den anderen vier Trägern ihre Schultern unter die Tragestangen stemmten. Plötzlich, während wir so dahinschwankten, ertönte ein schriller Schrei, dem entsetzte Rufe folgten, und gleich darauf hörte man ein lautes Planschen. Die Karawane machte halt.
Ich sprang aus meiner Sänfte und eilte nach vorn. Etwa zwanzig Meter entfernt befand sich der Rand eines jener dunklen, schmutzigen Tümpel, die ich bereits erwähnte, und der Pfad, dem wir folgten, zog sich an dessen ziemlich steilem Ufer entlang. Als ich auf den Tümpel blickte, sah ich zu meinem Schreck, daß darin Billalis Sänfte schwamm, doch Billali selbst war nirgends zu sehen. Folgendes war geschehen: Einer von Billalis Trägern war unglücklicherweise auf eine sich sonnende Schlange getreten, die ihn ins Bein biß. Daraufhin ließ er die Tragestange los und hielt sich, als er das Gleichgewicht verlor und das Ufer hinabzustürzen drohte, an der Sänfte fest, wodurch er diese mit sich riß. Die anderen Träger ließen sie gleichfalls los, und sie rutschte zusammen mit Billali und dem Mann, welchen die Schlange gebissen hatte, hinab in den schlammigen Tümpel. Als ich an den Rand des Wassers trat, war keiner von ihnen zu se-hen, und der unglückliche Träger blieb auch für immer verschwunden. Entweder war er mit dem Kopf auf irgend etwas Hartes aufgeschlagen oder der Schlamm hielt ihn fest oder der Schlangenbiß hatte ihn gelähmt. Billali war, wie gesagt, ebenfalls nicht zu sehen, doch an der heftig sich bewegenden Sänfte, in deren Tücher und Vorhänge er sich verwickelt hatte, erkannte man doch wenigstens, wo er sich befand.
»Dort ist er! Dort ist unser Vater!« rief einer der Männer, doch rührte weder er noch einer der anderen auch nur einen Finger, um ihm zu helfen. Sie standen wie angewurzelt da und starrten ins Wasser.
»Platz da, ihr Halunken!« rief ich auf englisch, warf meinen Hut weg, nahm einen Anlauf und sprang mit einem mächtigen Satz in den gräßlichen schlammigen Tümpel hinein. Einige Stöße brachten mich zu dem unter dem Tuch zappelnden Billali.
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