Der zweite Anlauf Celans bei seinen editorischen Bemühungen in der österreichischen Hauptstadt war erfolgreicher — er gipfelte in der Herausgabe des Gedichtbandes „Der Sand aus den Urnen“. Doch das war nur ein Scheinerfolg, denn diese Geschichte endete schließlich ganz traurig. Das Buch erschien im September 1948, dank der Vermittlung des surrealistischen Malerfreundes Edgar Jene, im kleinen Wiener Verlag A. Sexl, hatte die Auflage von 500 Exemplaren und enthielt 48 Gedichte, welche in drei Zyklen eingeteilt wurden: „An den Toren“ (17 Gedichte), „Mohn und Gedächtnis“ (30 Gedichte) und „Todesfuge“ (als eigenständiger Zyklus). Zu diesem Zeitpunkt war Celan allerdings schon in Paris. Seine Wiener Freunde aus dem Kreise von Jene, welche die Aufsicht über Druck und Herstellung des Buches übernahmen, kümmerten sich in Wirklichkeit kaum darum. Als Celan das Buch endlich zugeschickt bekam, war er über seine polygraphische Qualität entsetzt: es war mit einem farblosen, durchaus ordinären Einband sowie mit zwei geschmacklosen Illustrationen Jenes ausgestattet und wimmelte (was viel schlimmer war) von zahlreichen sinnentstellenden Druckfehlern, so dass der Autor nach einigen Überlegungen schweren Herzens veranlassen musste, das Buch aus dem Verkehr zu ziehen und einzustampfen (lediglich 9 Exemplare sollten laut der Abrechnung der Verlagsbuchhandlung verkauft werden). Damit scheiterten Celans Bemühungen, seinen ersten Gedichtband in Österreich herauszubringen.
Aber auch in Paris gab Celan die Hoffnung nicht auf, seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Jene Zwischenstationen, die durch gescheiterte Buchprojekte entstanden, benutzte er zur ständigen Umstrukturierung seiner Typoskripte, indem er die Zahl und Anordnung der Gedichte änderte und ihnen neu geschriebene Texte beifügte. Das war ein natürlicher Prozess der Suche nach einer sinngemäßen und adäquaten Form, der im Endergebnis die Einheitlichkeit, den inneren Zusammenhang und den künstlerischen Wert seines Gedichtbandes erhöhte. Nach der negativen Erfahrung mit österreichischen Verlagen setzte er jetzt auf Deutschland, wo einige seiner ersten Versuche ebenfalls schief gingen. So erhoffte er sich im Jahre 1949 seinen umgewandelten Gedichtband zuerst im Düsseldorfer Karl Rauch Verlag zu publizieren, wo schon vorher seine Übersetzung von Jean Cocteaus „Der goldene Vorhang. Brief eines Amerikaner“ erschienen war, erhielt dort aber eine Absage. Eine Zeit lang erwog er auch den Gedanken, den Suhrkamp Verlag dafür zu gewinnen, aber auch dieses Vorhaben missglückte. Solch erfolgloses Abklopfen mehrerer Türe sollte Celan sehr deprimiert haben. In einem Brief an seine niederländische Freundin Diet Kloos-Barendregt vom 6. September 1949 versucht er seinen damaligen psychologischen Zustand wie folgt zu beschreiben: „Was ich brauche, was ich so dringend brauche, eben deshalb, weil ich so oft von mir weg muss, auf Reisen gehen muss — und wie unbequem ist dieses Reisen: ich selber bin dabei reglos, wechsle nicht den Ort, die Welt aber saust unter meinen Füssen vorbei! — was ich also brauche, ist das Gefühl, dass es bei all diesem Hin und Her einen Ausgangspunkt gibt, der, wenn er auch nie wieder erreicht werden kann, dennoch bestehen bleibt — ein solcher Ausgangspunkt wären meine Gedichte, wenn ich sie in Sicherheit wüsste, sauber abgedruckt und gebunden“ [3] Paul Celan. „Du mußt versuchen, auch den Schweigenden zu hören“. Briefe an Diet Kloos-Barendregt. Handschrift — Edition — Kommentar. Hrsg. von Paul Sars. — Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2002, S. 71–72.
. Dieser Seelenschrei des einsamen jungen Dichters in der fremden Stadt beweist sehr gut, welche Bedeutung er schon damals seinen Gedichten beigemessen hat — für ihn waren sie das wertvollste Kleinod und der einzige Sinn seines Lebens.
Erst nach der Tagung der Gruppe 47 in Niendorf, die im Frühjahr 1952 stattfand und zu der Celan dank den Bemühungen seiner Freunde, vor allem Milo Dors und Ingeborg Bachmanns, eingeladen war, öffnete sich für ihn eine reale Perspektive, seine Gedichte endlich in einem deutschen Verlag veröffentlicht zu sehen. Obwohl seine Lesung bei dieser Tagung kaum geglückt zu nennen ist (Celans ästhetische Vorstellungen stimmten mit der auf realistische, sachliche Pragmatik orientierte Gruppe nicht überein, daher schien den meisten Teilnehmern sein Lesen — insbesondere der „Todesfuge“ — zu pathetisch), konnte er dort jedoch einige verständnisvolle Zuhörer und einen Verleger finden, den seine Gedichte tief beeindruckt hatten. Das war Willy A. Koch, der Cheflektor der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland erhielt Celan am 25. Juni 1952 von ihm einen Brief mit der Bitte, möglichst bald eine Auswahl seiner Gedichte an den Verlag zu schicken, und bereits am 30. Juni konnte Koch den Eingang des Manuskripts für den Cedichtband „Mohn und Gedächtnis“ bestätigen. Nach weiteren zwei Wochen hatte die Verlagskonferenz auf Initiative Kochs beschlossen, „das Manuskript eines außerordentlichen Lyrikers, der in Deutschland so gut wie unbekannt ist, als Weihnachtsgabe zu drucken mit der Motivierung, dass es sich um die Entdeckung eines Dichters von hohem Rang handelt“ [4] Markus May, Peter Goßens, Jürgen Lehman (Hrsg.) Celan-Handbuch. Leben — Werk — Wirkung. — Stuttgart; Weimar: Verlag J. B. Metzler 2008, S. 56.
. Man kann sich leicht die Reaktion Celans auf diesen Beschluss des Verlags vorstellen. In seinem Brief vom 21. August, den er an den damaligen Verlagsleiter Helmut Dingelday adressiert, schrieb Celan: „Für mich bedeutete dieser Brief die Nachricht — ich weiß ihr kaum eine andere aus den letzten Jahren zur Seite zu stellen —, brachten diese Zeilen die Befreiung von tausend Ungewissheiten und Undeutlichkeiten und damit die Zuversicht, von der beinahe alles Weitere abhängt“ [5] Celan-Jahrbuch, S.56.
. Am 17. Dezember 1952 liegen die ersten Exemplare des Bandes ausgedruckt vor, die dann als Weihnachtsgeschenk an die Freunde des Verlags gehen, und seit Januar 1953 kann man das Buch in den Buchhandlungen erwerben.
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Ohne jeglichen Zweifel stellte der Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ den wichtigsten Meilenstein und den größten Durchbruch in Celans Leben dar. Bereits seine schwierige Entstehungsgeschichte bekräftigt diese These. Der Weg zu diesem „offiziellen“ poetischen Buchdebüt des Dichters dauerte viel länger, als die Genese aller nächsten Gedichtbände des Autors — von den ersten, noch in Czernowitz 1944 entstandenen Gedichten über die in Bukarest und Wien geschriebenen Texte — bis zu den lyrischen Schöpfungen der Pariser Zeit waren etwa acht Jahre vergangen. Auch die Dichte der Erfahrungen, die hier ihren Niederschlag fanden, ist kaum mit anderen Perioden seines Lebens zu vergleichen: Krieg und Verfolgung, Deportation und Ermordung der Eltern, das rumänische Arbeitslager, Flucht aus dem sowjetischen Czernowitz nach Rumänien, das elende Dahinvegetieren in den Metropolen Europas… All das klingt in diesem dichterischen Erstling Celans mit.
Der Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ enthält diesmal 56 lyrische Texte. Fast die Hälfte davon (26 Gedichte) wurde von dem eingestampften Wiener Band „Der Sand aus den Urnen“ übernommen, was darauf hinweist, dass Celan seinen missglückten Wiener Band nicht verworfen, sondern fortgesetzt hatte. Der Titel stammt aus dem in Wien geschriebenen Gedicht „Corona“ (lat. Kranz), wo es heißt: „Wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis“. Dieses Wortpaar, das in Celans poetischem System ein ausgeprägtes Oxymoron, aber zugleich auch eine unlösbare Einheit bildet, da es die Polarität von Erinnerung und Vergessen skizziert und das Gedenken an die Toten zu einem unentbehrlichen Element des Lebens erklärt, ist vielschichtig und tiefgehend, es löst beim Leser eine Fülle von spontanen Assoziationen aus, die zwischen Flamme, Rausch, Traum, Liebe, Schmerz und Tod lokalisiert sind. „Erst der ‘Mohn’, das Eintauchen in Traum, Rausch und Vergessen, ermöglicht das lebendige ‘Gedächtnis’ der Toten“ [6] Wolfgang Emmerich. Paul Celan. — Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1999, S. 93 [Rowohlts Monographien]
, — bemerkt dazu Wolfgang Emmerich. Im Wiener Band „Sand aus den Urnen" war „Mohn und Gedächtnis“ der Titel des größten mittleren Zyklus. Nun hat Celan dieses weit verzweigte, symbolträchtige Bildgefüge auf den Buchumschlag seines Gedichtbandes programmatisch als einen metaphorischen Oberbegriff gestellt — so dass die Titel der Gedichtzyklen nun im Lichte dieses traumatischen Bildes gelesen werden könnten. Der erste Zyklus „Der Sand aus den Urnen“ (25 Gedichte) umfasst noch Gedichte aus der Czernowitzer, Bukarester und Wiener Zeit, die „Todesfuge“ (in Czernowitz konzipiert und in Bukarest abgeschlossen und zum ersten Mal in der rumänischen Übersetzung von Celans Freund Petre Solomon unter dem Titel „Todestango“ („Tangoul mortii") in der Zeitung „Contemporanul“ vom 2. Mai 1947 veröffentlicht) bildet einen eigenständigen Abschnitt und erfüllt hier die Rolle einer Achse, die strukturell und thematisch das Gleichgewicht hält, der dritte Zyklus „Gegenlicht“ (17 Gedichte) und die vierte Zyklusfolge „Halme der Nacht“ (1 3 Gedichte) — schließen dann jene Gedichte ein, die bereits in Paris entstanden waren. Diese Strukturierung ist chronologisch, aber auch thematisch angelegt, und wir können verfolgen, wie radikal sich thematische Dominanten des Autors seit der Wiener Zeit verändert haben. Mit Recht betont Joachim Seng: „Der Band ist ein gutes Beispiel dafür, wie Celan mit Hilfe der Komposition auf veränderte Wirklichkeit reagiert“ [7] Celan-Handbuch, S. 58.
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