»So viel... Neues ... neue Geräusche ... soviel Verschiedenes auf einmal. Es tut mir leid.«
»Ist schon gut«, sagte er, irgendwie gerührt.
»Ich bin ein paar Zimmer gewöhnt, an Dinge, die ich kenne. Starren die Leute uns an?«
»Niemand hat etwas bemerkt. Es gibt nichts anzustarren.«
Sie saß mit krummem Rücken da, den Kopf gesenkt, die Hände lagen zu Fäusten geballt in ihrem Schoß. Bis Einstein den Kopf auf ihre Knie legte. Während sie den Hund hinter den Ohren kraulte, begann sie sich langsam zu entspannen.
»Es hat mir wirklich gefallen«, sagte sie zu Travis, ohne dabei den Kopf zu heben, »wirklich sehr, und ich mußte immer denken, wie weit weg von zu Hause ich doch war, wie wunderbar weit weg von zu Hause ... «
»Nicht wirklich. Weniger als eine Stunde Fahrt«, beruhigte er sie.
»Sehr, sehr weit«, sagte sie.
Für sie war das wohl tatsächlich eine große Entfernung, vermutete Travis.
Sie fuhr fort: »Und als mir klarwurde, wie weit weg von zu Hause ich war und wie ... wie anders alles war ... da krampfte sich alles in mir zusammen, und ich hatte Angst wie ein Kind.«
»Möchten Sie jetzt nach Santa Barbara zurückfahren?«
»Nein!« sagte sie und sah ihm endlich in die Augen. Sie schüttelte den Kopf. Sie wagte es, um sich zu blicken, die Leute zu betrachten, die durch den kleinen Park schlenderten, und den Andenkenladen, der wie eine Windmühle aussah. »Nein. Ich möchte noch eine Weile bleiben. Den ganzen Tag. Ich möchte in einem Restaurant hier zu Abend essen, nicht in einem Straßencafe, sondern im Lokal, wie die anderen Leute es tun. Und möchte nach Hause, wenn es dunkel geworden ist.
Sie blinzelte und wiederholte verwundert die letzten Worte. »Wenn es dunkel geworden ist.«
»Einverstanden.«
»Außer natürlich. Sie hatten vorgehabt; früher heimzukommen.«
»Nein, nein«, sagte er. »Ich hatte vor, den ganzen Tag mit ihnen zu verbringen.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen.«
Travis hob eine Braue. »Was meinen Sie damit?«
»Das wissen Sie.«
»Ich fürchte nein.«
»Daß Sie mir helfen, in die Welt hinauszutreten«, sagte sie. »Daß Sie Ihre Zeit opfern, um jemandem ... wie mir zu helfen. Das ist sehr großzügig von Ihnen.«
Er war verblüfft. »Nora, lassen Sie mich Ihnen versichern, daß ich hier nicht als Wohltäter fungiere.«
»Ein Mann wie Sie hat aber an einem Sonntagnachmittag im Mai ganz sicher Besseres zu tun.«
»O ja«, sagte er im Selbstspott. »Ich hätte zu Hause bleiben und meine sämtlichen Schuhe gründlich eincremen und dann polieren können. Ich hätte auch die Makkaroni in der Schachtel zählen können.«
Sie starrte ihn ungläubig an.
»Mein Gott, das ist ja wirklich Ihr Ernst«, sagte Travis. »Sie denken, ich sei hier, bloß weil Sie mir leid tun.«
Sie biß sich auf die Unterlippe und sagte: »Es ist ja gut.«
Sie blickte wieder auf den Hund hinab. »Es macht mir nichts aus.«
»Aber ich bin nicht aus Mitleid hier, um Himmels willen!
Ich bin hier, weil es mir Spaß macht, mit Ihnen zusammenzusein, wirklich - ich mag Sie sehr.«
Obwohl sie den Kopf gesenkt hielt, war die Röte, die sich über ihre Wangen schlich, nicht zu übersehen.
Eine Weile sagte keiner von ihnen etwas.
Einstein schaute anbetend zu ihr auf, als sie ihn streichelte, wenn er auch hin und wieder Travis von der Seite einen Blick zuwarf, als wollte er sagen: Also schön, jetzt hast du die Tür zu einer Beziehung geöffnet, also sitz nicht einfach da wie ein Narr - sag etwas, unternimm etwas, erobere sie.
Sie kraulte den Retriever hinter den Ohren und streichelte ihn ein paar Minuten lang, dann sagte sie: »Jetzt bin ich wieder okay.«
Sie verließen den kleinen Park und schlenderten wieder an den Geschäften vorüber, und nach einer Weile war es, als hätten sich ihr Anfall von Panik und seine etwas ungeschickte Erklärung seiner Zuneigung nicht ereignet.
Es war ihm, als würde er einer Nonne den Hof machen. Schließlich wurde ihm bewußt, daß es sogar noch schlimmer war. Seit dem Tod seiner Frau vor drei Jahren hatte er im Zölibat gelebt. Der ganze Bereich sexueller Beziehungen schien ihm fremd und nun wieder völlig neu. Also war es beinahe so, als wäre er ein Priester, der sich um eine Nonne bemühte.
Fast in jedem Häuserblock gab es eine Bäckerei, und jedes der Schaufenster schien köstlichere Dinge zu enthalten als das Schaufenster zuvor. Düfte von Zimt, Puderzucker, Muskat, Mandeln, Äpfeln und Schokoladen mischten sich in der warmen Frühlingsluft.
Einstein stellte sich bei jeder Bäckerei auf die Hinterpfoten, legte die Vorderpfoten auf den Fenstersims und starrte sehnsüchtig durch das Glas auf das kunstvoll arrangierte Gebäck. Aber er betrat keinen der Läden, bellte kein einziges Mal.
Wenn er bettelte, war sein seelenvolles Gewinsel diskret leise, um die Touristen nicht zu belästigen. Als er dann mit einer Erdnußschnitte und einem kleinen Apfeltörtchen belohnt wurde, war er zufrieden und hörte auf zu betteln.
Zehn Minuten später enthüllte Einstein Nora seine außergewöhnliche Intelligenz. Er war in ihrer Gesellschaft ganz der brave Hund gewesen, voll Zuneigung und Freundlichkeit, hatte beträchtliche Initiative an den Tag gelegt, indem er Arthur Streck jagte und stellte. Aber einen Blick auf seine unheimliche Intelligenz hatte er ihr bislang nicht gestattet. Und als sie schließlich Zeugin derselben wurde, begriff sie zuerst gar nicht, was sie sah.
Sie kamen an der Apotheke des Städtchens vorbei, wo man auch Zeitungen und Magazine verkaufte, von denen einige in einem Ständer neben dem Eingang ausgestellt waren. Einstein strebte mit einem plötzlichen Ruck in Richtung Apotheke, dabei der überraschten Nora die Leine aus der Hand reißend.
Ehe Nora und Travis ihn wieder einfangen konnten, benutzte Einstein seine Zähne dazu, ein Magazin vom Regal zu reißen, es ihnen zu bringen und vor Noras Füße fallen zu lassen. Es war die Zeitschrift >Die moderne Braut<. Als Travis die Hand nach ihm ausstreckte, wich Einstein aus und schnappte sich ein weiteres Exemplar der >Modernen Braut<, das er vor Travis' Füße zu Boden fallen ließ, als Nora eben ihr Exemplar aufhob, um es wieder auf den Ständer zu legen.
»Du Dummchen«, sagte sie. »Was ist denn in dich gefahren?«
Travis griff nach der Leine, wand sich zwischen den Passanten hindurch, um das zweite Exemplar des Magazins wieder dorthin zurückzulegen, wo der Hund es genommen hatte. Er glaubte genau zu wissen, was Einstein im Sinn hatte, sagte aber nichts, aus Sorge, es könnte Nora peinlich sein, und sie setzten ihren Spaziergang fort.
Einstein besah sich alles, beschnüffelte interessiert die Vorübergehenden und schien seine Begeisterung für dem Ehestand gewidmete Druckerzeugnisse völlig vergessen zu haben.
Sie hatten jedoch wenig mehr als zwanzig Schritte zurückgelegt, als der Hund abrupt kehrtmachte, zwischen Travis'
Beine rannte, ihm dabei die Leine aus der Hand riß und ihn fast zu Boden warf. Einstein strebte geradenwegs der Apotheke zu, schnappte sich ein Magazin aus dem Ständer und kehrte damit zurück.
>Die moderne Braut.<
Nora begriff immer noch nicht, hielt das Ganze für komisch und beugte sich hinunter, um den Retriever am Hals zu kraulen. »Das ist wohl deine Lieblingslektüre, du dummer Hund? Liest es wohl jeden Monat, was? Weißt du, ich wette, das tust du. Du kommst mir richtig romantisch vor.«
Ein paar Touristen hatten den verspielten Hund bemerkt und lächelten; aber es war weniger wahrscheinlich als bei Nora, daß sie begriffen, daß das Tier bei seinem Spiel mit der Zeitschrift komplexe Hintergedanken verfolgte.
Als Travis sich bückte, um >Die moderne Braut< aufzuheben, in der Absicht, sie zurückzutragen, kam Einstein ihm zuvor, hielt das Heft mit den Zähnen fest und schüttelte es einen Augenblick lang heftig.
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