Die Brise wurde steifer, kühler. Der Abend nahte, dicht dahinter die Nacht.
»Ich hab noch nie erlebt, daß du Schemen nachjagst«, sagte Walt.
»Das macht das Koffein. Ich habe heute zu viel Kaffee getrunken.«
»Blödsinn.«
Lem zuckte die Achseln.
»Es scheint, Dalberg wurde von einem Tier getötet, von irgend etwas mit Zähnen und Klauen, etwas Wildem«, sagte Walt. »Und doch würde kein verdammtes Tier den Kopf des Burschen so säuberlich mitten auf dem Küchentisch auf einen Teller legen. Das ist einfach krankhaft. Tiere tun so was nicht. Was auch immer Dalberg getötet hat... es hat den Kopf für uns zum Hohn dorthin gelegt. Und jetzt sag mir, um Christi willen, womit wir es hier zu tun haben.«
»Das willst du in Wirklichkeit gar nicht wissen. Und du brauchst es gar nicht zu wissen, weil ich in diesem Fall die Zuständigkeit an mich ziehe.«
»Den Teufel tust du.«
»Die Vollmacht dafür habe ich«, sagte Lem. »Das ist jetzt eine Bundesangelegenheit, Walt. Ich beschlagnahme sämtliches Beweismaterial, das deine Leute eingesammelt haben, alle Berichte, die sie bis jetzt geschrieben haben. Du und deine Leute dürft mit niemandem über das sprechen, was ihr hier gesehen habt. Mit niemandem. Eine Akte über den Fall werdet ihr haben, aber das einzige, was in der Akte steht, wird ein Vermerk von mir sein, daß ich, unter Hinweis auf die entsprechende Verordnung, das Bundesprivileg ausübe. Ihr seid da raus.
Ganz gleich, was passiert, niemand kann dir was anhängen, Walt.«
»Scheiße!«
»Halt dich raus.«
Walt zog die Stirn in Falten. »Ich muß wissen ...«
»Du sollst dich raushalten.«
»... ob Leute in meinem Bezirk in Gefahr sind. So viel zumindest kannst du mir sagen.«
»Ja.«
»In Gefahr?«
»Ja.«
»Und wenn ich mich jetzt mit dir anlege, versuche, die Zuständigkeit in diesem Fall zu behalten, gäbe es dann irgend etwas, was ich tun könnte, um die Gefahr zu verringern und die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten?«
»Nein, nichts«, sagte Lem wahrheitsgemäß.
»Dann hat es wenig Sinn, daß ich mich mit dir anlege.« »Überhaupt keinen«, sagte Lem.
Er setzte sich in Richtung Hütte in Bewegung, weil das Tageslicht rasch schwächer wurde und er nicht in der Nähe des Waldes sein wollte, wenn die Dunkelheit hereinkroch. Sicher, es war nur ein Maultierhirsch gewesen. Aber das nächste Mal? »Warte!« sagte Walt. »Du läßt mich jetzt sagen, was ich mir denke, und hörst nur zu. Du brauchst das, was ich sage, weder
zu bestätigen noch zu verneinen. Du brauchst mir nur bis zum Ende zuzuhören.«
»Also los«, sagte Lem ungeduldig.
Die Schatten der Bäume krochen stetig über das Stoppelgras der Lichtung. Die Sonne schwebte ruhig über dem westlichen Horizont.
Walt trat aus den Schatten in das verblassende Sonnenlicht, die Hände in den Hüfttaschen, blickte auf den staubigen Boden und nahm sich einen Augenblick Zeit, seine Gedanken zu sammeln. Dann fing er an: »Am Dienstagnachmittag betrat jemand ein Haus in Newport Beach, erschoß einen Mann namens Yarbeck und prügelte dessen Frau zu Tode. In derselben Nacht tötete jemand die Familie Hudston in Laguna Beach -Mann, Frau, halbwüchsigen Sohn. Die Polizei in beiden Gemeinden benutzt dasselbe Gerichtslabor, also dauert es nicht lang, um festzustellen, daß an beiden Orten ein und dieselbe Waffe benutzt worden war. Und das ist so ziemlich alles, was die Polizei in beiden Fällen erfahren wird, weil die NSA in aller Stille auch bei diesen Verbrechen die Zuständigkeit an sich gezogen hat. Im Interesse der nationalen Sicherheit.«
Lem gab keine Antwort. Allein, daß er sich bereit erklärt hatte, zuzuhören, tat ihm bereits leid. Außerdem würde er nicht direkt die Ermittlungen zur Aufklärung der Morde an den zwei Wissenschaftlern leiten, hinter denen beinahe mit Sicherheit sowjetische Drahtzieher standen. Diese Aufgabe hatte er an andere delegiert, um sich ganz darauf konzentrieren zu können, den Hund und den Outsider zu finden.
Die Sonne färbte sich orangerot. Die Fenster der Hütte glühten im Widerschein des verblassenden Feuers.
Walt sagte. »Okay, dann wäre da noch Dr. Davis Weatherby aus Corona Del Mar. Seit Dienstag verschwunden. Heute morgen hat Weatherbys Bruder die Leiche des Doktors im Kofferraum seines Wagens gefunden. Kaum sind die Pathologen der örtlichen Behörde dort eingetroffen, als auch schon die NSA-Agenten auftauchen.«
Die Schnelligkeit, mit der der Sheriff offensichtlich Informationen sammelte, ordnete und verarbeitete, die aus verschiedenen Gemeinden stammten, die sich nicht in seinem Bezirk befanden und daher auch nicht in seinem Zuständigkeitsbereich lagen, war etwas zermürbend.
Walt grinste, aber in seinem Grinsen war nicht die leiseste Spur von Humor. »Hast wohl nicht erwartet, daß ich diese Zusammenhänge herstelle, hm? Alles das steht in verschiedenen Polizeiberichten. Aber soweit ich das sehe, ist dieser Bezirk eine einzige Großstadt mit zwei Millionen Menschen, und deshalb arbeite ich mit sämtlichen Revieren eng zusammen.« »Worauf willst du hinaus?«
»Ich will darauf hinaus, daß es höchst erstaunlich ist, wenn an einem Tag sechs angesehene Bürger ermordet werden. Schließlich ist das hier Orange County, und nicht Los Angeles. Und noch erstaunlicher ist, daß alle sechs Todesfälle in Zusammenhang stehen mit dringlichen Angelegenheiten der nationalen Sicherheit. Das erweckt meine Neugierde. Ich fange also an, mich ein wenig um den Hintergrund dieser Leute zu kümmern, suche nach etwas, das sie miteinander verbindet...«
»Walt, um Gottes willen!«
»... und entdecke, daß sie alle für etwas arbeiten - oder gearbeitet haben -, das sich Banodyne Laboratories nennt.«
Lem war nicht böse. Er konnte Walt nicht böse sein - sie standen sich schließlich näher als Brüder. Aber die Gerissenheit, die er jetzt an den Tag legte, konnte einen verrückt machen. Lem sagte: »Hör zu, du hast kein Recht, Ermittlungen anzustellen.«
»Ich bin Sheriff, das solltest du nicht vergessen.«
»Aber keiner dieser Morde - mit Ausnahme dieses hier an Dalberg - fällt in deine Zuständigkeit. So fängt's an«, sagte Lem. »Und selbst wenn das der Fall wäre... sobald die NSA sich einschaltet, hast du nicht das Recht, deine Ermittlungen weiterzuführen. Tatsächlich verbietet dir das Gesetz das sogar ausdrücklich.«
Walt tat, als hätte er nicht gehört, und fuhr fort: »Also schlage ich nach, was Banodyne ist, woran sie arbeiten, und entdecke, daß sie sich mit Gentechnologie befassen ...«
»Du bist unverbesserlich.«
»Nichts deutet darauf hin, daß Banodyne mit Verteidigungsprojekten befaßt ist, aber das hat nichts zu bedeuten. Schließlich könnten das ja auch blinde Verträge sein, Projekte, die so geheim sind, daß die Mittel dafür nicht öffentlich ausgewiesen werden.«
»Herr Jesus!« sagte Lem gereizt. »Verstehst du denn wirklich nicht, wie verdammt gemein wir werden können, wenn wir die nationalen Sicherheitsgesetze auf unserer Seite haben?«
»Ich stelle im Augenblick lediglich Spekulationen an«, sagte Walt.
»Du wirst deinen >Honky [2] Honky: Weißer (Negerslang). - Anm. d. Ü.
<-Arsch gleich in eine Gefängniszelle hineinspekulieren.«
»Augenblick mal, Lemuel. Wir wollen hier keine Rassenauseinandersetzung führen.«
»Du bist unverbesserlich.«
»Jaah, und du fängst an, dich zu wiederholen. Jedenfalls hab' ich gründlich nachgedacht und mir zusammengereimt, daß die Morde an diesen Leuten, die bei Banodyne gearbeitet haben, irgendwie mit der Suchaktion am Mittwoch und Donnerstag zusammenhängen. Und mit dem Mord an Wesley Dalberg.«
»Zwischen dem Mord an Dalberg und den anderen Morden gibt es keine Ähnlichkeiten.«
»Natürlich nicht. Das war nicht derselbe Killer. Das seh' ich. Die Yarbecks, die Hudstons und Weatherby sind von einem Profi umgelegt worden, während der arme Wes Dalberg in Stücke gerissen wurde. Trotzdem gibt es eine Verbindung, weiß Gott, oder du würdest dich nicht für die Geschichte interessieren. Und die Verbindung muß Banodyne sein.«
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