»Wie denn? Das ist nicht so einfach.«
Juniper wusste, dass er recht hatte. Was für den einen leicht war, konnte für den anderen furchtbar schwer sein.
»Warum hab ich dich noch nie in der Schule gesehen?«, fragte er.
»Oh, ich werde zu Hause unterrichtet.«
Giles nickte. »Das würde ich auch gerne.«
»Nein, würdest du nicht. Es ist schrecklich einsam.«
Giles sah aus, als wollte er etwas sagen, doch stattdessen sah er wieder zu den Bäumen hinüber, als würde er nach etwas Ausschau halten.
»Was hast du hier draußen gemacht?«, fragte Juniper.
Giles schwieg lange, bevor er antwortete. »Ich habe nach einem Baum gesucht.«
»Hier gibt es jede Menge Bäume. Wachsen bei dir zu Hause keine?«
»Doch.«
»Warum also solltest du im strömenden Regen so weit laufen, nur um dir unsere Bäume anzusehen?«
»Ich … Ich …« Er atmete tief ein. »Ich suche nach einem ganz bestimmten Baum.«
»Oh.« Juniper war verwirrt, doch sie genoss es, mit jemandem zu reden, der so alt war wie sie, auch wenn ihre Unterhaltung und Giles’ Verhalten etwas seltsam waren. Aber Juniper war sich ziemlich sicher, dass nichts, was Giles tat oder sagte, sonderbarer sein konnte als das, was mit ihren Eltern passiert war. Er mag die Natur, daran ist nichts auszusetzen . »Ich kenne alle Bäume hier in der Gegend. Es wachsen hauptsächlich Kiefern, ein paar Eichen, Tannen und Birken. Natürlich gibt es von jeder Sorte verschiedene Unterarten. Irgendwo wächst sogar Wacholder, aber das sind eher Büsche als Bäume.« Giles warf ihr einen merkwürdigen Blick zu, und Juniper versuchte, sich zu konzentrieren. »Was für ein Baum ist es? Und warum willst du ihn finden?«
»Das möchte ich lieber nicht sagen.«
»Aber wir sind doch jetzt Freunde. Ich bin nicht wie die Kinder in deiner Schule, oder?« Sie lächelte.
Giles sah sie an. »Nein, ich glaube nicht.«
»Dann erzähl’s mir. Wonach hast du gesucht?«
Er scharrte mit den Füßen im Schlamm und schluckte schwer. Sein Blick schoss nervös hin und her. »Ich … ich bin meinen Eltern letzte Nacht hierher gefolgt.«
Juniper machte ein verblüfftes Gesicht. »Sie waren hier draußen?«
»Ja, mitten in der Nacht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht das erste Mal war. Es stimmt schon länger etwas nicht mit ihnen.«
Juniper zog beide Augenbrauen hoch. »Was denn?«
»Keine Ahnung, es sind nur Kleinigkeiten.«
Offensichtlich redete er nicht gerne darüber. Seine Schultern sanken noch weiter herab, sein Blick war starr auf den Boden gerichtet, und er biss sich auf die Unterlippe, bis sie blutete. Doch Juniper musste noch mehr hören. Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass sie vielleicht doch nicht so allein war.
»Du kannst es mir ruhig erzählen«, sagte Juniper. Sie dachte an das geplatzte Pizzaessen. »Weißt du, manchmal habe ich das Gefühl, meine Eltern wollen nichts mehr mit mir zu tun haben. Sie setzen sich nicht einmal mehr zu den Mahlzeiten mit mir an einen Tisch. Früher haben wir immer zusammen gekocht, jeden Tag etwas anderes. Es gab einen Indischen, einen Französischen und einen Marokkanischen Abend. Wir haben uns als Küchenchefs verkleidet und verschiedene Akzente ausprobiert. Dad meinte, das wäre eine gute Übung für ihn als Schauspieler. Jetzt vergessen sie sogar, dass ich überhaupt etwas essen muss. Und Kitty füttern sie auch nicht mehr. Sie hat immer Hunger. Ich muss mich jetzt um uns beide kümmern.«
Giles sah zu ihr hoch, als sie weitersprach. »Einmal hat Dad mir beigebracht, wie ein Roboter zu tanzen.« Sie führte es ihm kurz vor. Erst waren Arme, Beine, Hals und Rücken ganz steif. Dann begann sie, mit abgehackten Bewegungen zu tanzen, bis sie in sich zusammensackte, als wäre der Stecker gezogen worden.
Es war ziemlich beeindruckend. »Meine Mom hat dazu Beatbox-Geräusche gemacht. Es war so lustig! Aber jetzt haben wir schon lange nicht mehr getanzt. Jedes Mal, wenn ich meinen Vater gefragt habe, hat er gesagt, dass sein Roboter einen Kurzschluss hat und nicht mehr zu reparieren ist. Von da an ging es nur noch bergab.«
»Und vorher sind sie nie so gewesen?«
Juniper schüttelte traurig den Kopf. »Sie haben sich verändert. Ich kann nicht genau beschreiben, wie. Es ist, als wären bei uns zu Hause alle Lampen kaputt, sodass sie mich in der Dunkelheit nicht sehen können. Als würde ich gar nicht existieren. Außer, wenn sie jemanden zum Anschreien brauchen.« Sie verstummte, überwältigt von ihren Gefühlen. »Früher habe ich ihnen noch etwas bedeutet.«
Nun fand Giles den Mut zu sprechen. »Du hast recht, es ist wie Tag und Nacht.« Seine Stimme klang traurig und wehmütig. »Früher sind wir immer ans Meer gefahren. Wir haben zusammen Sport gemacht. Mein Dad hat mir sogar Gitarre spielen beigebracht. Aber das ist lange her. Jetzt ist sogar ihre Musik anders geworden.«
In Junipers Kopf machte etwas »klick«. Sie fühlte, dass sie der Lösung ein Stück näher gekommen war. »Sind deine Eltern … sind sie berühmt?«
Giles zuckte mit den Schultern. »Mein Vater komponiert Opern und meine Mutter ist Sängerin. Ich schätze, irgendwie sind sie schon berühmt.«
»Giles, das ergibt alles einen Sinn!« Juniper zitterte vor Aufregung. Es gab andere Kinder wie sie, die genau dieselben Dinge erlebten. »Glaubst du … es hat etwas damit zu tun, dass sie berühmt sind?«, fragte sie. »Deine Eltern sind Stars, sie sind prominent. Meine Eltern …«
»Ich weiß, wer deine Eltern sind. Ich wünschte, es wären meine.«
»Nein, Giles, du verstehst nicht. Vielleicht, als ich jünger war … aber jetzt … jetzt ist alles anders. Ich glaube, es ist der Druck oder all die Aufmerksamkeit oder so was.«
»Vielleicht.« Giles klang nicht besonders überzeugt. »Vielleicht auch nicht. Seit ich ihnen gefolgt bin, denke ich, dass es auch etwas anderes sein könnte. Es ist eine Sache, sich gemein oder achtlos zu verhalten, aber es ist etwas ganz anderes, mitten in der Nacht in den Wald zu schleichen und …« Er sah sie an.
Juniper erwiderte seinen Blick. »Erzähl es mir.«
Giles seufzte. »Ich wollte sie im Auge behalten, um herauszufinden, was mit ihnen los ist, und ihnen vielleicht helfen zu können. Eines Nachts, als sie dachten, ich würde schlafen, verließen sie das Haus und liefen in den Wald. Ich bin ihnen gefolgt. Ich wollte nicht erwischt werden, darum bin ich ein Stück zurückgeblieben. Sie liefen eine lange Zeit, fast wie in Trance.
»Sind sie vielleicht Schlafwandler?«
»Nein, auf keinen Fall. Sie hatten seit Tagen nicht mehr geschlafen. Kurz bevor sie aufgebrochen waren, hatten sie sich noch heftig gestritten. Schließlich bin ich ihnen den ganzen Weg bis hierher gefolgt.« Er sah sich um. »Ich glaube zumindest, dass es hier war.« Er berührte einen Baum, der in der Nähe stand, untersuchte ihn, ohne etwas zu finden, und sprach weiter. »Es muss irgendwo hier in der Nähe gewesen sein. Und dann sind sie plötzlich verschwunden.«
»Wie meinst du das: verschwunden ?«
»In der einen Sekunde waren sie noch da. Sie standen vor einem Baum und berührten ihn. Dann waren sie weg.«
»Es war dunkel draußen. Vielleicht hast du einfach nicht gesehen, wo sie hingegangen sind.«
»Sie sind nirgendwo hingegangen. Es war dunkel, aber ich bin ihnen bis zu dem Baum gefolgt. Dort sind sie stehen geblieben und einfach verschwunden.«
»Bist du sicher?«
»Es ist die Wahrheit. Ich habe überall nach ihnen gesucht. Sie waren nicht mehr da. Zu Hause waren sie auch nicht. Ich bin so lange wach geblieben, wie ich konnte, aber ich hab sie erst am nächsten Morgen wiedergesehen. Da waren sie … anders. Du musst mir glauben. Sie waren wirklich verschwunden. Irgendetwas geht hier vor. Meine Eltern … sie … sie …«
Читать дальше