Simon Green - Der Eiserne Thron

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Im Jahre des Herrn 22--: Mit eiserner Faust regiert Ihre Majestät Kaiserin Löwenstein XIV. das galaktische Imperium.
Plebejer und Adel leiden gleichermaßen unter ihrer Knute.
Owen Todtsteltzer, Lord von Virimonde, Letzter einer Linie berühmter Krieger, versucht sich der Aufmerksamkeit und den Launen der Herrscherin zu entziehen – und fällt gerade dadurch in Ungnade. Unversehens wird, ein Kopfgeld auf Owen ausgesetzt, und er muß zur zwielichtigen Nebelwelt fliehen, wo er eine Truppe ungleicher Verbündeter um sich schart. Ihr Ziel: den Eisernen Thron zu stürzen…

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Es gab keine Möglichkeit, das festzustellen. Die Bilder konnten von überall her kommen. Sie existierten nur im Verstand des Empfängers und hatten außerhalb keine Realität.

Valentin kannte dieses Gefühl. Er überlegte, daß Huth vielleicht ganz andere Bilder sah, und nahm sich vor, später mit ihm darüber zu reden. Die Esper waren extrem vorsichtig, wenn es um ihre Identität ging, und das nicht ohne Grund.

Auf Rebellion stand der Tod. Wenn man sie erwischte. In der Kaverne war alles still, trotzdem war die Atmosphäre gespannt und knisterte förmlich von der ungesprochenen Sprache der Telepathen. Huth brachte seinen Mund dicht an Valentins Ohr.

»Ich kann mitverfolgen, was vorgeht. Hört einfach durch mich zu.«

Ein scharfes Prickeln legte sich wie ein Helm aus Stacheldraht um Valentins Kopf, und allmählich wurde er sich eines sanften Stimmengewirrs bewußt, das die Luft erfüllte. Die Esper redeten scheinbar alle gleichzeitig und wirr durcheinander, ohne dadurch unverständlich zu werden; Hunderte von Stimmen, die alle klar und deutlich ohne Verlust von Bedeutung in seinem Kopf erklangen. Es waren mehr als bloße Worte; Gedanken, Gefühle, Eindrücke, die Schärfe und Geschmack hinzufügten. Und darunter ein Konzert von Wesenheiten, sechs scharfe, unnachgiebige Egos, die miteinander diskutierten, lenkten und Entscheidungen trafen. Valentins Bewußtsein schwang im Rhythmus mit, aber er grenzte sich scharf ab. Der Aufprall schierer Gedanken wäre für einen normalen menschlichen Verstand zuviel gewesen, doch Valentins Geist war schon lange nicht mehr normal. Nicht nach allem, was er damit angestellt hatte. Er hielt sich am Rand der telepathischen Wellen und genoß fasziniert, was er auffangen konnte. Wenn die Esper-Droge mir diese Fähigkeiten verleiht , dann muß ich sie einfach haben . Zur Hölle mit dem Preis . Er spürte Huths Lachen neben sich mehr, als daß er es hörte.

Dann zog Huth sich zurück, machte einen Schritt zur Seite, und die telepathische Verbindung brach ab. Valentin schwankte auf den Beinen, als er wieder in die engen Grenzen seines Egos zurücksank. Schwache Erinnerungen an das Erlebnis waren alles, was er zurückbehielt, aber sie hatten seinen Hunger geweckt. Valentin Wolf grinste schief. Wahrscheinlich hatte Huth genau das beabsichtigt: Ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und seine Konzentration auf Wege zu lenken, wie er an die Droge kommen konnte. Nur, daß Valentin sich mit Drogen auskannte und daß keine einzige es bisher geschafft hatte, ihn abhängig zu machen. Und die Esper-Droge war schließlich nicht der einzige Grund, der ihn hergeführt hatte. Der Untergrund war der Weg zur Macht, und das kam an erster Stelle. Immer.

Valentins Kopf ruckte scharf herum, als vier Männer durch einen weiteren Eingang in die Höhle traten. Ihre Gesichter waren vollkommen gleich und zeigten den gleichen Ausdruck, und sie bewegten sich auch auf die gleiche Art und Weise. Das einzige Unterscheidungsmerkmal bildete ihre verschiedenartige Kleidung. Klone. Wahrscheinlich Vertreter der Klon-Bewegung. Sie waren groß und schlank und fast unglaublich geschmeidig. Die Klone strahlten eine natürliche Erhabenheit aus, die weit über bloße Würde zu gehen schien.

Valentin erkannte einen geborenen Anführer, wenn er ihn sah.

Was auch immer hier zu besprechen war, es mußte von allergrößter Wichtigkeit sein. Die Anführer der Klone erschienen kaum jemals persönlich zu einer Besprechung.

Den vier Männern folgten drei Frauen, die sich ebenfalls bis aufs Haar glichen. Valentins Interesse erwachte. Er hatte diese Gesichter schon einmal gesehen. Es war das Gesicht der Esper-Frau, die zu Füßen der Imperatorin gestorben war, nachdem sie die Eiserne Hexe vor dem versammelten Hof mit einer Torte im Gesicht gedemütigt hatte. Sie war eine Elfe gewesen: Angehörige der Esper-Liberations-Front, des extremistischen Flügels der Esper-Bewegung. Und jetzt stellte sich heraus, daß sie außerdem auch ein Klon gewesen war. Durchaus ungewöhnlich, denn nur wenige Esper überlebten das Klonen.

Die drei Frauen waren vielleicht Anfang Zwanzig und trugen die gleiche Kleidung wie ihre tote Schwester, Eisen und Leder. Sie waren klein und stämmig, mit nackten, muskulösen Armen, und eine von ihnen hielt lässig eine eiserne Hantel in der Hand, als wöge sie nichts. Alle drei besaßen langes schwarzes Haar, das bis zu den Schultern fiel und in das sie zahlreiche bunte Bänder geknotet hatten. Ihre Gesichter waren kühn geschnitten, mit hochstehenden Wangenknochen, und in wilden Farben geschminkt. In ledernen Scheiden an ihren Hüften steckten Schwerter und Disruptorpistolen. Beides sah ganz danach aus, als hätten sie häufig davon Gebrauch gemacht. Die drei Frauen blickten ruhig und kühl in die Runde, und ein unsichtbarer Hauch von Gefahr ging von ihnen aus.

»Willkommen, Stevie Blues«, sagte Mister Perfekt. »Eure Anwesenheit ehrt uns. Als Esper und Klone seid Ihr geradezu prädestiniert, die beiden Untergrundbewegungen einander näherzubringen.«

»Obwohl keiner von uns sagen kann, wem Eure Loyalität in Wirklichkeit gilt«, sagte der Drache, und eine lange, dünne Zunge schoß aus seinem Maul.

»Spart Euch die Schmeicheleien und die Paranoia«, erwiderte eine der Stevie Blues kühl. »Wir sind hier, um miteinander zu reden, also fangt gefälligst an. Einige von uns haben auch noch andere Dinge zu erledigen.«

»Freaks und Perverse!« brummte das schwebende Mandala.

»Gruppenehen wie die Eure sind unter Klonen verboten.«

»Wir sind in allererster Linie Elfen«, erwiderte die mittlere Stevie Blue ruhig, »Wir kämpfen um Freiheit. Jede Form von Freiheit. Was stört Euch daran?«

Plötzlich leckten tosende Flammen um die drei Elfen, und die Hitze ließ Valentin und die anderen einen Schritt zurückweichen. Die Stevie Hues schien es nicht zu kümmern. Sie waren Pyros und immun gegen ihr eigenes Feuer. Die Klon-Vertreter verzogen das Gesicht, als wollten sie klarstellen, daß sie nichts damit zu tun hatten. Der Wasserfall begann leicht zu dampfen, und der Drache regte sich unbehaglich. Mister Perfekts Gesicht wurde rot. Vielleicht war er ja doch wirklich anwesend. Valentin grinste. Ihm gefiel die Schau.

»Nun?« fragte die dritte Stevie Blue und funkelte das Mandala wütend an. »Habt Ihr noch etwas zu sagen?«

»Nicht zu diesem Zeitpunkt«, erwiderte das schwebende Mandala steif. Das Feuer der Elfen erlosch genauso rasch, wie es gekommen war, und alle atmeten insgeheim erleichtert auf.

»Kann man Euch denn nicht für zehn Minuten allein lassen?« ertönte plötzlich eine fremde Stimme, und alle wandten sich um. Ringsum an den Wänden flammten Bildschirme auf, als die Kyberratten sich in die Konferenz einschalteten. Hacker, Techno-Fanatiker, jugendliche Rebellen mit den unterschiedlichsten Motiven. Sie verbargen ihre Gesichter wie die Anführer der Esper hinter Masken, nur daß ihre Masken von Lektronen generiert waren. Kyberratten wurden getötet oder konditioniert, wenn man sie zu fassen bekam, doch die Verlockungen und Möglichkeiten der Lektronensysteme waren viel zu groß, als daß sie ihnen hätten widerstehen können. Die meisten von ihnen hatten keinerlei Interesse an Religion oder Politik und wollten nichts als in Ruhe gelassen werden, und nur die gemeinsame Gefahr hatte sie mit den Klonen und Espern zusammengeführt. Kyberratten waren Unpersonen. Sie versteckten sich hinter falschen IDs und einer Vielzahl von Namen, Organisationen und Firmen. Sie lebten in den Mauern des Systems wie Ratten, und sie stahlen, was sie benötigten, während niemand hinsah. Geister, die in der Maschinerie des Imperiums spukten. Sie unterstützten die Untergrundbewegung mit elektronischen Betrügereien und anderen Maschen, und sie nutzten jede Gelegenheit, ihre schlechte Laune an den Autoritäten auszulassen, die sie verfolgten. Es gab eine Menge Möglichkeiten, jemandem mit Hilfe von Lektronen das Leben schwerzumachen, und die Kyberratten kannten alle.

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