»Balbulus wird immer besser, Brianna«, sagte sie.
»Er ist gierig! Eine Perle dafür, dass er Euch in die Bibliothek Eures Schwiegervaters lässt!« Ihre Dienerin stand an dem anderen Fenster, den Blick nach draußen gewandt, während Violantes Sohn an ihrer Hand zerrte.
»Brianna!«, maulte er. »Komm jetzt. Es ist langweilig. Komm mit auf den Hof. Du hast es versprochen.«
»Von den Perlen kauft Balbulus neue Farben! Wovon soll er es sonst tun? Gold wird auf dieser Burg nur noch für die Standbilder eines Toten ausgegeben.« Violante fuhr zusammen, als Fenoglio die Tür hinter sich zuzog. Schuldbewusst verbarg sie ihr Buch hinter dem Rücken. Erst als sie sah, wer vor ihr stand, entspannte sich ihr Gesicht. »Fenoglio!«, sagte sie und strich sich das mausbraune Haar aus der Stirn. »Müsst Ihr mich so erschrecken?« Das Mal auf ihrem Gesicht glich dem Abdruck einer Pfote.
Fenoglio griff mit einem Lächeln in den Beutel an seinem Gürtel. »Ich habe Euch etwas mitgebracht.«
Violantes Finger schlossen sich begierig um den roten Stein. Ihre Hände waren klein und rund wie die eines Kindes. Hastig schlug sie das Buch wieder auf, das sie hinter dem Rücken versteckt hatte, und hielt den Beryll vor eins ihrer Augen.
»Brianna, komm jetzt, oder ich sag ihnen, sie sollen dir die Haare abschneiden!« Jacopo griff der Dienerin ins Haar und zog so heftig daran, dass sie aufschrie. »Mein Großvater macht es auch so. Er schert den Spielfrauen die Köpfe kahl und den Frauen, die im Wald wohnen. Er sagt, sie verwandeln sich nachts in Eulen und schreien vor den Fenstern, bis man tot im Bett liegt.«
»Sieh mich nicht so an!«, raunte Fenoglio Meggie zu. »Den Satansbraten hab ich nicht erfunden. He, Jacopo!« Er gab Farid einen auffordernden Stoß mit dem Ellbogen, während Bri-anna immer noch versuchte, ihre Haare aus den kleinen Fingern zu befreien. »Ich habe dir jemanden mitgebracht.«
Jacopo ließ Briannas Haare los und musterte Farid wenig begeistert. »Er hat kein Schwert«, stellte er fest.
»Ein Schwert! Wer braucht so was?« Fenoglio rümpfte die Nase. »Farid ist ein Feuerspucker.«
Brianna hob den Kopf und sah Farid an. Jacopo aber blickte immer noch wenig begeistert.
»Oh, dieser Stein ist wunderbar!«, murmelte seine Mutter. »Mein alter war nicht halb so gut. Ich kann sie alle erkennen, Brianna, jeden Buchstaben! Hab ich dir mal erzählt, dass meine Mutter mir das Lesen beibrachte, indem sie für jeden Buchstaben ein kleines Lied erfand?« Mit leiser Stimme begann sie zu singen: »Ein brauner Bär beißt ab vom B sich einen guten Bissen... Ich konnte schon damals nicht sonderlich gut sehen, aber sie schrieb sie mir ganz groß auf den Fußboden, sie legte sie aus mit Blütenblättern oder kleinen Steinen. A, B, C, der Spielmann schläft im Klee.«
»Nein«, antwortete Brianna. »Nein, davon habt Ihr nie erzählt.«
Jacopo starrte immer noch Farid an. »Er war auf meinem Fest!«, stellte er fest. »Er hat Fackeln geworfen.«
»Das war nichts, ein Spiel für Kinder.« Farid betrachtete ihn mit so herablassender Miene, als wäre nicht Jacopo, sondern er selbst der Fürstensohn. »Ich kann noch ganz andere Sachen, aber ich glaube, du bist zu klein dafür.«
Meggie sah, wie Brianna ein Lächeln verbarg, während sie die Spange aus ihrem rotblonden Haar löste und es neu zusammensteckte. Sehr anmutig tat sie das. Farid beobachtete sie dabei - und Meggie ertappte sich bei dem Wunsch, ebenso schönes Haar zu haben, auch wenn sie nicht sicher war, dass sie es zuwege bringen würde, sich auf so graziöse Weise eine Spange hineinzustecken. Zum Glück zog Jacopo Farids Aufmerksamkeit wieder auf sich, indem er mit einem Räuspern die Arme verschränkte. Vermutlich hatte er die Haltung seinem Großvater abgeschaut.
»Zeig es mir, oder ich lass dich auspeitschen.« Die Worte klangen lächerlich, von einer so hellen Stimme geäußert - und doch zugleich furchtbarer als aus dem Mund eines Erwachsenen.
»Oh, tatsächlich.« Farids Gesicht verriet keine Regung. Ganz offenbar hatte er sich einiges von Staubfinger abge-schaut. »Was denkst du, was ich dann mit dir mache?«
Das verschlug Jacopo die Sprache, doch gerade als er sich Unterstützung bei seiner Mutter holen wollte, streckte Farid ihm die Hand hin. »Na gut, komm.«
Jacopo zögerte, und für einen Moment war Meggie versucht, nach Farids Hand zu greifen und ihm in den Hof zu folgen, statt Fenoglio dabei zuzuhören, wie er nach den Spuren eines Toten suchte. Doch Jacopo war schneller. Ganz fest schlossen sich seine kurzen, blassen Finger um Farids braune Hand, und als er sich in der Tür noch einmal umdrehte, war sein Gesicht das eines glücklichen und ganz gewöhnlichen Jungen. »Er zeigt es mir, hast du gehört?«, fragte er stolz, aber seine Mutter blickte nicht einmal auf.
»Oh, dieser Stein ist wunderbar«, flüsterte sie nur. »Wenn er nur nicht rot wäre und ich für jedes Auge einen hätte - «
»Nun, ich arbeite da an einer Lösung, aber ich habe leider noch nicht den geeigneten Glasmacher gefunden.« Fenoglio ließ sich auf einem der Stühle nieder, die einladend zwischen den Bücherpulten standen. Auf den Polstern prangte noch das alte Wappen, der Löwe, der nicht weinte, und bei einigen war das Leder so abgewetzt, dass es deutlich von all den Stunden kündete, die der Speckfürst hier verbracht hatte, bevor der Kummer ihm die Freude an seinen Büchern genommen hatte.
»Glasmacher? Wozu das?« Violante blickte Fenoglio durch den Beryll an. Es sah fast aus, als hätte sie ein Auge aus Feuer.
»Man kann Glas auf eine Weise schleifen, dass es Eure Augen besser sehen lässt, viel besser noch als ein Stein. Aber kein Glasmacher in Ombra versteht, wovon ich rede!«
»Ja, ich weiß, in diesem Ort taugen nur die Steinmetze etwas! Balbulus behauptet, dass es nicht einen anständigen Buchbinder nördlich des Weglosen Waldes gibt.«
Ich wüsste einen guten, dachte Meggie unwillkürlich und wünschte sich Mo für einen Moment so heftig herbei, dass es schmerzte. Die Hässliche aber blickte schon wieder in ihr Buch. »Im Reich meines Vaters gibt es gute Glasmacher«, sagte sie, ohne aufzusehen. »Er hat einige Fenster auf seiner Burg mit Glas verschließen lassen. Hundert Bauern musste er dafür als Söldner verkaufen.« Sie schien den Preis für mehr als angemessen zu halten.
Ich glaube, ich mag sie nicht, dachte Meggie und begann, von Pult zu Pult zu gehen. Die Einbände der Bücher, die darauf lagen, waren wunderschön, und zu gern hätte sie sich wenigstens eines heimlich unters Kleid geschoben, um es in Fe-noglios Kammer in Ruhe betrachten zu können, doch die Klammern, die die Ketten hielten, waren fest vernietet mit den hölzernen Buchdeckeln.
»Sieh sie dir ruhig an!« Die Hässliche sprach sie so plötzlich an, dass Meggie zusammenfuhr. Violante hielt sich immer noch den roten Stein vors Auge, er ließ Meggie unwillkürlich an die blutroten Juwelen in den Nasenwinkeln des Natternkopfes denken. Seine Tochter hatte mehr von ihrem Vater, als sie selbst vermutlich wusste.
»Danke«, murmelte Meggie - und schlug eines auf. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem Mo ihr erklärt hatte, warum es »aufschlagen« hieß. »Mach es auf, Meggie«, hatte er gesagt und ihr ein Buch hingeschoben, dessen hölzerne Deckel zwei Messingschließen umklammerten. Ratlos hatte sie ihn angesehen, worauf er ihr zugezwinkert und mit der Faust so fest auf die Kante zwischen den Schließen geschlagen hatte, dass sie aufschnappten wie kleine Mäuler und das Buch sich öffnete.
Das Buch, das Meggie in der Bibliothek des Speckfürsten aufschlug, zeigte keine Spur von Alter, wie es das andere getan hatte. Kein Schimmelfleck verunzierte das Pergament, kein Käfer, kein Bücherwurm hatte daran gefressen, wie sie es von den Handschriften kannte, die Mo restaurierte. Die Jahre gingen nicht gnädig um mit Pergament und Papier, ein Buch hatte allzu viele Feinde, und die Zeit ließ seinen Körper ebenso welken wie den eines Menschen. »Woran man sieht, Meggie«, sagte Mo immer, »dass ein Buch ein lebendes Ding ist!« Wenn sie ihm doch dieses nur hätte zeigen können!
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