»Er ist nicht gefälscht, falls du das meinst.« Al klang müde amüsiert.
Vielleicht nicht – er fühlte sich so echt an, wie er aussah –, aber das Wasserzeichenbild fehlte.
»Wenn er echt ist, muss er alt sein«, sagte ich.
»Steck das Geld einfach ein, Jake.«
Ich tat, wie geheißen.
»Hast du einen Taschenrechner? Irgendein anderes elektronisches Gerät?«
»Nein.«
»Dann kann’s losgehen, denke ich. Dreh dich um, damit du mit dem Gesicht zur Rückwand stehst.« Bevor ich das tun konnte, schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn und sagte: »O Gott, wo ist bloß mein Hirn? Ich hab den Gelbe-Karte-Mann vergessen.«
»Den wen? Den was?«
»Den Mann mit der gelben Karte. So nenne ich ihn nur, seinen richtigen Namen weiß ich nicht. Hier, nimm das.« Er wühlte in seiner Tasche, dann gab er mir ein Fünfzigcentstück. Ich hatte schon seit vielen Jahren kein solches Geldstück mehr gesehen. Wahrscheinlich seit meiner Kindheit nicht mehr.
Ich wog es in der Hand. »Ich glaube nicht, dass du mir das geben willst. Es ist wertvoll.«
»Klar ist es wertvoll, es ist einen halben Dollar wert.«
Al begann wieder zu husten, und diesmal schüttelte der Husten ihn durch wie ein stürmischer Wind, aber er wehrte ab, als ich auf ihn zutreten wollte. Er lehnte an dem Kartonstapel, auf dem mein Zeug lag, spuckte in den Packen Servietten in seiner Hand, sah hin, zuckte leicht zusammen und umschloss ihn mit einer Faust. Über sein hageres Gesicht liefen jetzt Schweißbäche.
»Hitzewallungen oder so ähnlich. Zu allem übrigen Scheiß pfuscht der verdammte Krebs auch noch an meinem Thermostat herum. Aber zu dem Mann mit der Karte. Er ist ein Trinker und an sich harmlos, aber er ist nicht wie alle anderen. Es ist, als ob er etwas wüsste. Ich glaube, das ist nur ein Zufall – weil er nicht weit von der Stelle entfernt sitzt, an der du rauskommen wirst –, aber ich wollte dich nur schon mal über ihn informieren.«
»Also, sehr erfolgreich bist du damit nicht«, sagte ich. »Ich hab keine Scheißahnung, wovon du redest.«
»Er wird sagen: ›Ich hab ’ne gelbe Karte vom Greenfront, also gib mir ’nen Dollar, heute ist nämlich Zwei-für-eins-Tag.‹ Hast du das?«
»Ich hab’s.« Die Scheiße wurde immer tiefer.
»Und er hat tatsächlich eine gelbe Karte in seinem Hutband stecken. Womöglich nur die Karte eines Taxiunternehmens oder vielleicht ein Coupon von Red & White, den er im Rinnstein gefunden hat, aber sein Hirn ist hinüber von reichlich billigem Wein, und er scheint die Karte für so was wie Willy Wonkas Golden Ticket zu halten. Deshalb sagst du: ›Ich hab keinen Dollar übrig, aber hier ist ein halber‹, und gibst ihm das Geldstück. Dann sagt er vielleicht …« Al hob einen jetzt knochendürren Finger. »Er sagt möglicherweise etwas wie: ›Wieso bist du hier?‹ oder ›Woher kommst du?‹ Er sagt vielleicht sogar etwas wie: ›Du bist nicht derselbe Kerl.‹ Das glaube ich zwar eher nicht, aber möglich ist es. Da gibt’s einiges, was ich nicht weiß. Unabhängig davon, was er sagt, lässt du ihn einfach am Trockenschuppen zurück – dort sitzt er nämlich – und gehst zum Tor hinaus. Wenn du gehst, ruft er dir wahrscheinlich nach: ›Ich weiß, dass du ’nen Dollar übrig hättest, du geiziger Drecksack!‹, aber du achtest nicht darauf. Siehst dich nicht um. Du überquerst die Bahngleise und bist an der Kreuzung von Main und Lisbon.« Er bedachte mich mit einem ironischen Lächeln. »Danach gehört die Welt dir, Kumpel.«
»Trockenschuppen?« Ich meinte mich vage an etwas in der Nähe der Stelle zu erinnern, an der jetzt Al’s Diner stand, und vermutete, es könnte der alte Trockenschuppen von Worumbo gewesen sein, aber was immer einst dort gewesen war, jetzt war es nicht mehr da. Hätte der gemütliche kleine Vorratsraum des Aluminaire ein Fenster gehabt, hätte es nur auf einen mit Klinkersteinen gepflasterten Hof und einen Laden für Freizeitkleidung hinausgeführt, der Your Maine Snuggery hieß. Kurz nach Weihnachten hatte ich mir dort einen North-Face-Parka gegönnt, war ein echtes Schnäppchen gewesen.
»Lass den Trockenschuppen, merk dir bloß, was ich gesagt habe. Dreh dich jetzt wieder um – so ist’s recht –, und mach zwei oder drei Schritte vorwärts. Kleine Schritte. Babyschritte. Stell dir vor, du wolltest bei völliger Dunkelheit die oberste Stufe einer Treppe finden – so vorsichtig.«
Ich tat wie geheißen und kam mir dabei vor wie der größte Trottel der Welt. Ein Schritt … ich musste den Kopf einziehen, um nicht die Aluminiumdecke zu streifen … zweiter Schritt … jetzt tatsächlich schon leicht gebeugt. Noch ein paar Schritte, dann würde ich knien müssen. Das würde ich unter keinen Umständen tun, letzter Wunsch eines Sterbenden hin oder her.
»Al, das ist idiotisch. Wenn ich dir keinen Karton Obstsalat oder ein paar dieser kleinen Geleeschalen holen soll, kann ich hier hinten nichts …«
In diesem Augenblick ging mein rechter Fuß tiefer, als wäre ich dabei, eine Treppe hinabzusteigen. Nur stand er weiter fest auf dem grauen Linoleum. Ich konnte ihn sehen.
»Jetzt geht’s los«, sagte Al. Seine Stimme klang nicht mehr rau, zumindest vorübergehend, sondern ganz sanft vor Befriedigung. »Du hast es gefunden, Kumpel.«
Aber was hatte ich gefunden? Was genau erlebte ich gerade? Die Macht der Autosuggestion schien die plausibelste Antwort zu sein, denn unabhängig davon, was ich spürte, konnte ich weiter meinen Fuß auf dem Linoleum sehen. Abgesehen von …
Sie wissen, wie man an einem sonnenhellen Tag die Augen schließen und ein Nachbild dessen sehen kann, was man gerade betrachtet? So war es auch hier. Wenn ich meinen Fuß ansah, sah ich ihn auf dem Linoleum stehen. Aber wenn ich blinzelte, sah ich meinen Fuß ganz kurz – eine Millisekunde bevor ich die Augen schloss, vielleicht auch eine Millisekunde danach, das konnte ich nicht sagen – auf einer hölzernen Treppenstufe. Und auch nicht im trüben Licht einer Fünfundzwanzigwattfunzel, sondern in hellem Sonnenschein.
Ich erstarrte.
»Weiter«, sagte Al. »Keine Angst, dir passiert nichts, Kumpel. Geh einfach weiter.« Er hustete bellend, dann sagte er in einer Art verzweifeltem Knurren: »Du musst es für mich tun.«
Also tat ich es.
Gott, steh mir bei, ich tat es.
1
Ich machte einen weiteren Schritt vorwärts und stieg die nächste Stufe hinunter. Meine Augen sagten mir, dass ich auf dem Boden des Vorratsraums von Al’s Diner stand, aber ich stand aufrecht, und mein Scheitel streifte nicht mehr die Aluminiumdecke. Was natürlich unmöglich war. Als Reaktion auf meine Sinnesverwirrung verkrampfte mein Magen sich missvergnügt, und ich konnte spüren, wie das Eiersalatsandwich und das Stück Apfelkuchen vom Mittagessen sich darauf vorbereiteten, gleich die Auswurftaste zu drücken.
Hinter mir – aber aus einiger Entfernung, als stünde er nicht anderthalb, sondern fünfzehn Meter weit weg – sagte Al: »Mach die Augen zu, Kumpel, dann ist es leichter.«
Als ich das tat, verflog die Sinnesverwirrung schlagartig. Es war, als hörte man auf zu schielen. Oder noch eher, als setzte man in einem 3-D-Film die Spezialbrille auf. Ich bewegte meinen rechten Fuß und ging eine weitere Stufe hinunter. Ich war auf einer Treppe; daran hatte mein Körper bei geschlossenen Augen keinen Zweifel.
»Noch zwei, dann mach sie auf«, sagte Al. Seine Stimme klang weiter entfernt denn je. Als stünde er nicht an der Tür des Vorratsraums, sondern am anderen Ende des Diners.
Ich setzte den linken Fuß nach unten. Als ich den rechten folgen ließ, hatte ich plötzlich ein Knacken in den Ohren, wie im Flugzeug, wenn der Kabinendruck plötzlich abfällt. Die Dunkelheit vor meinen Augen verfärbte sich rot, und ich spürte Wärme auf der Haut. Ich war in der Sonne. Das stand außer Zweifel. Und dieser schwache Schwefelgeruch war stärker geworden, war auf der sensorischen Skala von kaum wahrnehmbar auf deutlich unangenehm angestiegen. Auch das stand außer Zweifel.
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