Ich hielt mich für einen Menschenkenner. Meine Güte. Deshalb setzte ich mich auf den Ast und reichte jedem die Axt, der mal kräftig zuschlagen wollte.
Draußen im Flur wirkten die Triphets endlich. Es war, als holte die ganze Welt plötzlich Atem und bliese sich auf wie ein Ballon. Ich verlor kurz das Gleichgewicht und griff nach dem Geländer, dann machte ich mich auf den Weg nach unten. Ich wußte nicht genau, was ich tun wollte, aber es war Zeit, daß ich etwas Geld auftrieb. Die Miete war fällig, und ich wollte mir die Kohle dafür nicht bei IHM ausleihen müssen. Ich wühlte in den Taschen und spürte Banknoten. Klar, der Russe hatte mir am Abend drei große Scheine gegeben. Ich zog das Geld heraus und zählte es; es waren noch etwa zweitausendachthundert Kiam da. Ich muß mit Yasmin ganz schön wild gefeiert haben, als wir die anderen zweihundert verjubelten. Zu schade, daß ich mich nicht daran erinnern konnte.
Als ich auf die Straße trat, blendete mich die Sonne. Tagsüber funktioniere ich nicht so gut. Ich beschirmte die Augen mit der Hand und blickte die Straße hinauf und hinunter. Niemand sonst unterwegs, der Budayin scheut das Licht. Ich machte mich auf den Weg zur Promenade mit der vagen Absicht, ein paar Besorgungen zu erledigen. Das konnte ich mir jetzt leisten, ich hatte Geld. Ich grinste; die Drogen putschten mich auf, und die zweitausendachthundert Kiam sorgten für die restliche Schubkraft. Die Miete war bezahlt, die Ausgaben für ungefähr drei Monate waren herinnen. Es war an der Zeit, Vorräte anzulegen: das Pillenschächtelchen aufzufüllen, mir ein paar ganz besonders feine Kapseln und Pillen zu genehmigen, einen Teil meiner Schulden zu bezahlen, ein bißchen Essen einzukaufen. Der Rest kam auf die Bank. Ich neige dazu, Geld auszugeben, wenn ich es zu lange mit mir herumtrage. Lieber wegsperren, lieber in elektronischen Kredit umwandeln. Ich hüte mich davor, mit einer Kreditkarte herumzulaufen, um nicht Bankrott zu gehen, wenn ich mal zu bin und nicht mehr weiß, was ich tue. Ich gebe Bares aus oder nichts. Bytes kann man nicht durchbringen, nicht ohne Karte.
Ich ging Richtung Osttor, als ich die Promenade erreichte. Je mehr ich mich der Mauer näherte, um so mehr Leute sah ich — Nachbarn, die wie ich auf dem Weg in die City waren, Touristen, die in der ruhigen Zeit in den Budayin kamen. Dabei machten sie sich nur was vor, sie konnten am hellichten Tag genauso in Schwierigkeiten kommen.
An der Ecke zur Vierten Straße war eine kleine Barrikade, die Stadt führte dort Straßenarbeiten durch. Ich lehnte mich an die Pfosten, um zu hören, was die Nutten sich zu erzählen hatten, die eine Frühschicht einlegten — oder, wenn sie noch nicht genug verdient hatten, um nach Hause zu gehen, noch bei ihrer Spätschicht waren. Ich habe das alles schon millionenfach zuvor gehört, aber James Bond hatte mich auf die Moddys gestoßen, und deshalb bekamen diese Verhandlungen für mich heute eine ganz neue Bedeutung.
»Hallo«, eröffnete der kleine, dürre Freier. Er war europäisch gekleidet und sprach Arabisch, als hätte er die Sprache drei Monate lang in einer Schule gelernt, wo wirklich niemand, weder Schüler noch Lehrer, jemals näher als zehntausend Kilometer an eine Dattelpalme herangekommen war.
Die Mieze überragte ihn um zwei Kopf, aber dazu trugen die hochhackigen schwarzen Stiefel ihren Teil bei. Wahrscheinlich war sie keine richtige Frau, sondern eine Umwandlung, vielleicht hatte sie die Operation auch noch vor sich. Doch das schien dem Kerl nichts auszumachen. Sie war beeindruckend. Im Budayin müssen Nutten beeindruckend sein, um überhaupt aufzufallen. Bei uns auf der Promenade gibt es nicht viele unauffällige, graue Hausfrauen. Sie trug so eine Art kurzes schwarzes Rüschending, rückenfrei und ärmellos und vorne ziemlich offenherzig, in der Taille festgezurrt mit einer massiven Silberkette, an der ein Rosenkranz baumelte. Ihre Bemalung war theatralisch, pink und rosa; dazu trug sie eine Unmenge kastanienbraunen Haars, das kunstvoll und wider jedes Naturgesetz um ihr Gesicht arrangiert war. »Willste ausgehen?« fragte sie. Sobald sie den Mund aufmachte, war ich mir sicher, daß sie noch immer einen maskulinen Chromosomensatz in jeder ihrer aufgemöbelten Körperzellen trug, was auch immer sich unter diesen Rüschen befand.
»Kann schon sein«, sagte der Typ. Er ging die Sache langsam an.
»Willste was Besonderes?«
Der Mann nagte nervös an der Lippe. »Ich interessiere mich für Ashla.«
»Ach Baby, das tut mir leid. Mit meinem Busen kannste schmusen, aber Ashla hab ich keine.« Sie blickte zur Seite und spuckte. »Geh mal zu der rüber, ich glaub, die hat Ashla.« Sie zeigte auf ein Deb-Mädchen, das ich kannte. Der Freier bedankte sich und ging über die Straße. Ich fing zufällig einen Blick der ersten Hure auf. »Scheiße«, sagte sie und lachte leise. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Promenade, auf der Ausschau nach dem Mittagessen. Ein paar Minuten darauf sprach ein weiterer Mann sie an, das Gespräch lief ähnlich ab. »Willste was Besonderes?«
Dieser Typ war etwas größer als der erste und um einiges schwerer. »Brigitte?« fragte er entschuldigend.
Sie grub in ihrer schwarzen Vinyltasche und zog einen Plastikschuber mit Moddys raus. Ein Moddy ist viel größer als ein Daddy, den man ja nur auf eine Schnittstelle an der Seite des gerade verwendeten Moddys setzt, oder auf die Cory-Schnittstelle im Schädel, wenn man für Moddys nicht verdrahtet ist oder gerade Lust auf sich selbst hat. Das Mädchen hielt einen pink Plastikmoddy in der Hand und steckte den Schuber zurück in die Tasche. »Da hätten wir sie, deine Hauptfrau. Brigitte, die wird ganz schön populär, mit der Werbung, die für sie gemacht wird. Die kostet mehr.«
»Weiß schon«, sagte der Freier. »Wieviel?«
»Mach mal ein Angebot«, sagte sie. Sie hatte wohl Angst, er könnte ein Bulle sein, der sie reinlegen wollte. Das passierte immer wieder mal, wenn den religiösen Führern die Ungläubigen zum Verfolgen ausgingen. »Wieviel willste ausgeben?«
»Fünfzig?«
»Für Brigitte?«
»Hundert?«
»Und noch fünfzehn fürs Zimmer. Komm schon, Schätzchen!« Sie gingen die Vierte Straße vor. Ist Liebe nicht schön?
Ich wußte über Ashla und Brigitte Bescheid. Aber ich hatte keine Ahnung, was die anderen Moddys in dem Schuber waren. Und hundert Kiam war mir die Sache nicht wert. Plus fünfzehn für das Zimmer. Diese tizianfarbene Schöne zieht also ab mit ihrem Schatz und schiebt sich Brigitte rein und wird Brigitte, die Brigitte seiner Erinnerung; und es wird immer dasselbe sein, ganz egal, wer das Brigitte-Moddy benutzt, ob Frau, ob Deb oder Umwandlung.
Ich ging durch das Osttor und war schon auf dem halben Weg zur Bank, als ich abrupt vor dem Juweliergeschäft stehen blieb. Es ging mir etwas im Kopf herum. Irgend etwas ließ mir keine Ruhe, doch ich bekam es nicht zu fassen. Es war ein unangenehmes, kribbliges Gefühl. Ich wußte mir nicht zu helfen. Vielleicht waren es nur die Triphets, die ich genommen hatte. Ich hebe manchmal ganz schön ab, wenn ich so voll bin. Aber es steckte mehr dahinter als die Drogen. Es hing mit Bogatyrevs Ermordung oder dem Telefonat mit Okking zusammen. Irgendwas stimmte nicht.
Ich versuchte, mich so gut wie möglich zu erinnern. Mir war nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Okking wollte mich abwimmeln, soviel war klar. Aber es war nicht mehr als die Standardtour der Bullen gewesen: »Das ist Sache der Polizei; wir wollen nicht, daß du deine Nase in diese Angelegenheit steckst; du hattest letzte Nacht einen Job, okay, aber der ging in die Hose; also noch mal vielen Dank.« Die Strophe hatte ich von Okking schon früher gehört, hundertmal. Warum kam mir jetzt alles so fadenscheinig vor?
Ich schüttelte den Kopf. Wenn irgendwas dran war, würde ich es herausfinden. Zunächst einmal legte ich es ganz hinten in meinem Gehirn ab; dort sollte es vor sich hinköcheln und sich entweder in Nichts auflösen oder zu einem glasklaren, knallharten Faktum entwickeln, mit dem ich etwas anfangen konnte. Bis es soweit war, wollte ich mich nicht mehr damit beschäftigen. Ich wollte die Wärme, die Kraft und die Zuversicht genießen, die ich dank der Drogen zu empfinden begann. Der Zusammenbruch würde ohnehin kommen, und bis dahin wollte ich etwas für mein Geld.
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