Jumpy ging zu Velchar und klopfte ihm auf die Schulter.
»Mund zu, Kadett. Noch nie einen Mausbiber gesehen?«
Velchar stotterte:
»Einen schon ... Sir ... aber noch nicht zwei auf einmal!«
Gucky verschluckte sich fast, dann sagte er zu Holger Miller:
»Worauf warten wir noch? Hier ist nichts mehr zu tun. Es wird Aufgabe unserer Sanitätsschiffe sein, sich um die Kolonisten zu kümmern. Ab zur Freyt . Bully wird sich freuen, uns zu sehen. Und Ras Tschubai erst! Der hat sich vor der ganzen Angelegenheit rechtzeitig gedrückt, bevor sie begann.«
»Ras Tschubai?« fragte Miller erschrocken. »Er ist nicht bei euch?«
Gucky starrte ihn an und las in seinen Gedanken. Dann wußte er alles. Damit hatte er nicht gerechnet, und es war eine arge Überraschung für ihn.
»Also verschollen ...? Das muß passiert sein, als wir in das Robotschiff sprangen. Wahrscheinlich geriet er in die Reste des HÜ-Schirms und wurde zurückgeschleudert. Dabei verlor er die Orientierung. Was sollen wir nun tun?«
Leutnant Wellmann sagte nüchtern:
»Ihn suchen – und zwar in Richtung Sonne. Das ist die einzige Richtung, in die ein Objekt treibt, das keine nennenswerte Anfangsgeschwindigkeit besitzt. Es wird von der Sonne angezogen. Ich kann Ihnen das genau berechnen, sobald wir unterwegs sind.«
Gucky nickte Holger Miller zu.
»Starten wir, alter Freund. Worauf warten Sie noch ...?«
Kadett Alois Velchar schüttelte nach einer Weile den Kopf.
»Ein fürchterliches Durcheinander im Funkverkehr, aber wenigstens keine Robotsendungen mehr. Bis jetzt noch keine Erfolgsmeldung. Soll ich versuchen, Verbindung zum Flaggschiff aufzunehmen?«
»Gute Idee«, lobte Miller. »Mr. Bull soll wissen, daß wir die beiden Ilts gefunden haben. Er soll die Suche auf Ras Tschubai konzentrieren. Sagen Sie Bescheid, daß wir in Richtung Sonne nachforschen.«
Velchar machte sich wieder an die Arbeit.
Gucky und Jumpy versuchten inzwischen einen telepathischen Kontakt zu Ras zu erhalten, aber ihre Suche blieb erfolglos. Aus Sonnenrichtung kamen ganze Bündel von Störimpulsen, die sowohl den Funkverkehr als auch die telepathische Aufnahmefähigkeit beeinträchtigten. Nach einer halben Stunde gab es Gucky auf.
»Es hat keinen Zweck. Selbst wenn Ras dort wäre, könnte ich ihn weder aufspüren noch anpeilen. Wir müssen uns auf den Zufall und das Glück verlassen. Vielleicht klappt es, wenn wir in seine Nähe geraten.«
»Nichts werden wir dem Zufall überlassen«, dozierte Leutnant Wellmann, der wieder Stöße von Papier vor sich liegen hatte und den kleinen Navigationskomputer zu Hilfe nahm. »Wenn sich die Sache so verhält, Mr. Gucky, wie Sie es uns geschildert haben, gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: Ras fliegt mit konstanter Beschleunigung auf die Sonne zu, und zwar aus Richtung Sektor OP-63-GC. Dort wurde das Robotschiff vernichtet. Funktionierte sein Anzug, wäre er zurückgekehrt, das gleiche gilt für seine Teleporterfähigkeiten. Funktioniert aber beides nicht, aus welchen Gründen auch immer, fliegt er geradewegs auf die Sonne zu. Nur die Entfernung läßt sich leider nicht bestimmen, weil mir die Geschwindigkeitsangabe fehlt. Aber die Richtung haben wir. Wir brauchen ihr nur zu folgen.«
Gucky sah zu ihm und klopfte ihm väterlich auf die Schulter.
»Wie gut, daß wir Sie haben, Doktorchen. Hätten Sie auch nicht gedacht, daß Sie vielleicht einmal mit reiner Wissenschaft ein Menschenleben retten würden, was?«
»Gedacht nicht, aber gehofft«, gab Dr. Wellmann bescheiden zu. »Ich muß aber leider zu bedenken geben, daß wir Ras noch nicht gefunden haben.« Er studierte die Bildschirme. »Wir nähern uns der Bahn des ersten Planeten Er steht zufällig auf dieser Seite. Wie sind die Daten, Captain?«
Miller zuckte die Schultern.
»Wenig Hoffnung für ein organisches Lebewesen, Doktor. Zu heiß. Wenn Ras da gelandet ist, muß er tot sein. Es sei denn, die Rotation ließe es zu, daß die Temperaturen in der Zwielichtzone erträglich blieben, so wie bei Merkur in unserem eigenen Sonnensystem. Es ist kein großer Umweg ...«
»Wenn er dort ist und lebt, werden wir seine Gedankenimpulse auffangen können«, sagte Gucky.
Das Schiff bog ein wenig vom bisherigen Kurs ab, und näherte sich dem ersten Planeten, der keinen Namen erhalten hatte. Das Albedo war ungewöhnlich groß, der Planet erstrahlte in einem grellen Weiß.
Dr. Wellmann meinte:
»Da haben wir es: der Planet wendet immer nur dieselbe Seite der Sonne zu, wie Merkur. Das bedeutet eine ständig bleibende Zwielichtzone, die für Leben geeignet ist. Eine Lufthülle ist allerdings nicht mehr vorhanden, kann aber jederzeit durch Schmelzen der gefrorenen Atmosphäre auf der Nachtseite erzeugt werden. Wenn Mr. Tschubai hier ist, kann er überleben. Gehen wir näher.«
Sie umrundeten den Planeten, der auf der Tagseite soviel Sonnenwärme erhielt, daß geschmolzene Erze in Form kleiner Seen keine Seltenheit waren. Nur härteste Gesteinssorten mit hohen Schmelzwerten hielten der Hitze stand und blieben in fester Form erhalten.
Überall in den Spalten und Schluchten der Urlandschaft glühte Lava, die oft in zähen Strömen dahinfloß, um sich zu regelrechten Feuermeeren zu vereinigen.
»Ungemütlich«, stieß Miller hervor. »Ich gehe tiefer und werde die Zone des Terminators ansteuern. Dort umrunden wir den Planeten noch einmal.«
Gucky und Jumpy hörten nicht zu. Sie saßen in der äußersten Ecke der Kommandozentrale, hielten die Augen geschlossen und lauschten in sich hinein. Wenn es dort unten auf der Feuer- und Eiswelt ein denkendes Lebewesen gab, dann würden sie seine Gehirnimpulse auch empfangen.
Eine halbe Stunde verging, dann gaben die beiden Mausbiber es auf.
»Nichts«, faßte Gucky zusammen und sah erschöpft aus. »Kein Piepser da unten. Was nun?«
»Zur Sonne«, wiederholte Dr. Wellmann seine ursprüngliche Forderung. »Er kann jetzt nur noch in Richtung Sonne zu suchen sein. Ich hoffe nur, die Raumanzüge halten der Belastung stand, der sie in einem solchen Fall ausgesetzt sind. Ich kenne mich da nicht so aus ...«
»Sie können eine Menge vertragen«, beruhigte ihn Gucky, »Ras könnte sich sogar mehrere Stunden auf der Tagseite des ersten Planeten aufhalten, solange die Kühlanlage funktioniert. Wir haben also doch noch Hoffnung, falls Ihre Vermutung zutrifft.«
Wellmann gab keine Antwort. Er starrte auf den Bildschirm, in den gerade wieder die Sonne hineinwanderte. Es war eine Sonne, die an Sol erinnerte – nicht sehr groß, von gelber Farbe und mit einer Oberflächentemperatur von sechstausend Grad. Sie schleuderte riesige Protuberanzen ins All, die in gewaltigen Bögen in die glühende Atmosphäre zurückkehrten und dort versanken. Das gewohnte Bild, und doch anders.
Velchar bediente die Ortergeräte und Meßinstrumente.
»Starkes magnetisches Feld«, gab er zwischendurch bekannt. »Und Störungen! Funkverkehr unmöglich.«
»Haben Sie übrigens Verbindung zu Freyt erhalten?« fragte Miller.
»Leider nicht. Wir sind zu nahe an der Sonne.«
Mit hoher Geschwindigkeit flogen sie gerade auf die Sonne zu und näherten sich ihr bis auf dreißig Millionen Kilometer. Die Kühlanlage des Zerstörers arbeitete auf Hochtouren um die Temperatur niedrig zu halten.
Jumpy zuckte plötzlich zusammen. Seine Augen waren weit aufgerissen, als er Gucky zurief:
»Kontakt, Papi! Das muß Ras gewesen sein! So genau kann ich Gedankenmuster noch nicht unterscheiden, aber da draußen hat jemand gedacht. Es war nur ein Fetzen, den ich auffing ...«
Gucky rannte zu ihm und ergriff seine Hand.
»Wenn wir auf Kontaktschaltung gehen, empfangen wir besser. Welche Richtung? Hast du peilen können?«
»Es ging zu schnell – tut mir leid. Aber ... da ist es wieder!«
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