»Umso besser. Befragen Sie sie, solange sie müde und erschöpft sind.«
Die Frau lächelte wieder, diesmal aber gezwungen. »Morgen, Mr. Malenkovich. Sobald die Ärzte ihre Zustimmung erteilen. Wir werden morgen mit ihnen sprechen.«
Grigor ließ sich das durch den Kopf gehen. Es hatte keinen Sinn, sich mit Selenes Sicherheitsdienst anzulegen, sagte er sich. Außerdem genießt Humphries auch eine gute Nachtruhe — oder besser gute ›Nachtaktivitäten‹ …
»Sie können doch nicht ohne Genehmigung Patienten aus dem Krankenhaus holen«, sagte der jugendliche Arzt. Er hatte einen jungenhaften dunkelbraunen Pony. Wanamaker sagte sich, dass er beim weiblichen Krankenhauspersonal sicher gut ankam.
Er setzte seinen strengsten und grimmigsten Gesichtsausdruck auf.
»Das ist eine sicherheitsrelevante Angelegenheit der Astro Corporation«, insistierte er mit leiser, aber eisenharter Stimme.
Sie standen in der Aufnahme des Krankenhauses, einem wenig mehr als hüfthohen Schalter mit einem Computerterminal. Der Arzt war vom Computer angefordert worden, der das Zentrum normalerweise ohne menschliches Eingreifen führte. Wanamaker hatte bis Mitternacht gewartet, um Fuchs und seine Leute aus dem Krankenhaus herauszuholen. Die Nachtschicht war minimal besetzt. Er hatte sechs der größten und bärbeißigen Astro-Angestellten mitgebracht, die er aufzutreiben vermochte. Zwei von ihnen arbeiteten wirklich in der Sicherheits-Abteilung. Bei den anderen vier handelte es sich um zwei Mechaniker, einen Trainer von Astros privatem Fitness-Club und eine Vorstandsköchin.
Der Arzt schaute unsicher auf den Identifizierungs-Chip, den Wanamaker ihm auf Armlänge entgegenhielt. Er hatte ihn schon durchs Computerterminal der Aufnahme geführt und die Bestätigung erhalten, dass Jacob Wanamaker der Chef der Sicherheitsabteilung der Astro Corporation war.
»Ich sollte die Sicherheitsabteilung von Selene anrufen«, sagte der Arzt.
»Bewachen sie die vier denn nicht?«, fragte Wanamaker im Kasernenhofton — obwohl er ganz genau wusste, dass sie von einem seiner Leute abgezogen worden waren, der sich in ihr EDV-System gehackt hatte.
»Nicht in dieser Schicht«, sagte der Arzt. »Sie werden morgen um null acht hundert zurückkommen.«
»In Ordnung«, sagte Wanamaker. »Ich werde das morgen mit ihnen regeln. Fürs Erste habe ich die Anweisung, die vier zum Astro-Hauptquartier zu bringen.«
Wenn dieser junge Hund nicht nachgibt, werde ich ihn außer Gefecht setzen müssen, sagte Wanamaker sich. Er wollte das aber nicht tun. Er wollte, dass die Sache reibungslos über die Bühne ging.
Das Gesicht des jungen Mannes war zu glatt, um richtig die Stirn zu runzeln, aber er verzog das Gesicht und sagte:
»Dieses Krankenhaus untersteht dem Regierungsrat von Selene und nicht Astro oder sonst einem Konzern.«
Wanamaker nickte wissend. »Also gut. Setzen Sie sich mit Ihrem Regierungsrat in Verbindung und holen Sie die Zustimmung ein.«
Der Arzt warf einen Blick auf die Wanduhr. »Es ist fast ein Uhr nachts!«
»Ja, stimmt!«
»Sie werden alle schlafen.«
»Dann werden Sie sie eben wecken müssen.« Wanamaker hoffte inständig, dass der Junge nicht ernsthaft erwog, Selenes Sicherheitsabteilung anzurufen. Dann hätte er wahrscheinlich ein ernstes Problem.
»Wieso rufen Sie nicht Doug Stavenger an?«, schlug Wanamaker dem unschlüssigen Arzt vor.
»Mr. Stavenger?« Der Arzt machte große Augen. »Er weiß darüber Bescheid?«
»Er hat sein Einverständnis gegeben«, log Wanamaker.
»Aber …«
»Gibt es irgendeinen medizinischen Grund, aus dem sie noch im Krankenhaus bleiben müssten?«, fragte Wanamaker.
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein, sie hätten morgen sowieso entlassen werden sollen.«
»Na bitte. Geben Sie mir die Entlassungspapiere, und ich werde sie unterzeichnen.«
»Ich weiß nicht …«
Wanamaker wartete nicht länger. Er schob sich einfach an dem verwirrten jungen Arzt vorbei. Seine sechs Untergebenen folgten ihm in Reihe und versuchten so finster zu blicken, wie Wanamaker sie angewiesen hatte.
Als das Fahrzeug am Ende des nach Selene zurückführenden Tunnels zum Stehen kam, bemerkte Wanamaker, dass die untere Hälfte von Panchos rechtem Bein von einem Verband umwickelt war. Sie schaute finster, wie sie hinter dem Lenkrad des Fahrzeugs saß, das Bein auf den Kotflügel gestellt.
Fuchs stand neben Wanamaker und schien auch alles andere als glücklich. Seine drei Helfer waren bereits auf dem Weg zum kleinen Raumboot, das sie zum Schiff bringen würde, das im Orbit über der Mondoberfläche wartete.
»Humphries ist am Leben und unversehrt«, sagte Pancho, ohne vom Elektrokarren abzusteigen. »Aber das hat er nicht Ihnen zu verdanken, Lars.«
»Zu dumm«, erwiderte Fuchs mit hängenden Mundwinkeln. »Die Welt wäre besser dran, wenn er tot wäre.«
»Vielleicht, aber Sie haben ihn nicht erwischt. Nun hat er nämlich eine perfekte Entschuldigung, Ihnen nach dem Leben zu trachten, alter Freund.«
Fuchs setzte zu einer Antwort an, besann sich dann aber und schwieg.
»Was haben Sie für ihn?«, wandte Pancho sich an Wanamaker.
»Das einzige verfügbare bewaffnete Schiff ist ein neues Kampfschiff, die Halsey . Es ist nach einem amerikanischen Admiral im Zweiten Weltkrieg benannt.«
Pancho nickte knapp. »Okay, Lars. Es ist Ihr neues Schiff. Offiziell haben Sie es entführt, während es im Mondorbit auf eine Mannschaft wartete.«
»Sie geben es mir?«, fragte Fuchs verblüfft.
»Sie stehlen es. Wir werden es Ihrem langen Strafregister hinzufügen.«
Ein bitteres Lächeln erschien in seinem breiten, ansonsten verdrießlichen Gesicht. »Pancho … ich … weiß nicht, was ich sagen soll.«
Sie erwiderte das Lächeln nicht. »Bewegen Sie nur Ihren Hintern zum Schiff hinauf und hauen Sie, verdammt noch mal, schleunigst ab. Fliegen Sie in den Gürtel zurück und suchen Sie Unterschlupf bei den Felsenratten. Humphries wird Sie mit allem verfolgen, was er hat.«
Fuchs nickte verstehend. »Ich bedaure nur, dass ich ihn nicht getötet habe. Er hat den Tod verdient.«
»Das tun wir alle, alter Freund«, sagte Pancho. »Jetzt aber los! Bevor noch ein Trupp HSS-Sicherheitskräfte durch den Tunnel stürmt.«
Fuchs ergriff ihre Hand, verneigte sich und küsste sie. Pancho wurde rot.
»Gehen Sie schon. Bald ist hier die Hölle los. Ich muss mich darum kümmern.«
Fuchs musste fast lachen; er machte kehrt und trabte durch den Gang, der zum wartenden Raumboot führte, mutete an wie ein zu groß geratener Dachs. Die Arme des in Schwarz gekleideten untersetzten Mannes bewegten sich beim Laufen wie plumpe Flügel.
Pancho schaute ihm nach und fragte sich, ob sie ihm hätte sagen sollen, dass Amandas Baby sein Sohn war und nicht von Humphries. Sie hatte sich schon einmal entschieden, es ihm nicht zu sagen, und erneuerte diesen Entschluss nun. Lars würde nie Ruhe geben, wenn er es wusste. Er würde Humphries weiter nachstellen. Er würde den Stecher für Mandys Tod verantwortlich machen. Und er würde dann auch noch das Baby haben wollen. Er würde bei dem Versuch, es an sich zu bringen, umkommen. Es ist besser, wenn er es nicht weiß. Am besten erfährt er es nie.
Wanamaker schüttelte den Kopf. »Wenn Humphries erfährt, dass Sie Fuchs zur Flucht verholfen haben …«
Pancho grinste ihn an. »Teufel, Jake, Lars ist doch Ihnen entkommen. Sie sind derjenige, der ihn aus dem Krankenhaus rausgeholt hat. Er ist Ihnen entkommen und hat ein nagelneues Astro-Raumschiff gestohlen. Ich könnte Ihren Sold einbehalten oder sonst was.«
Wanamaker grinste schief. »Sie sind vielleicht eine Marke, Ms. Lane. Aber wirklich.«
»Kommen Sie«, sagte Pancho und klopfte auf den Plastiksitz neben sich. »Ich spendiere Ihnen eine Fahrt in die Stadt. Es wartet viel Arbeit auf uns.«
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