»Doch, er ist echt genug, um hier zu liegen, wann immer ich ihn lesen will. Bloß ist der Text niemals der gleiche, was mich zu der Ansicht gebracht hat, daß er nicht aus Materie gemacht ist.«
»Ein Scherz ist es nicht.«
Gogarty lachte. »Nein, ich denke nicht.«
»Bernard ist nicht tot.«
Gogarty nickte. »Nein. Bernard ging mit seinen Noozyten, und ich glaube, seine Noozyten sind am gleichen Ort wie die nordamerikanischen Noozyten. — Wenn ›Ort‹ das geeignete Wort ist.«
»Und wo sollte das sein? In einer anderen Dimension?«
Gogarty schüttelte energisch den Kopf. »Genau hier. Genau hier, wo alles beginnt. Wir leben natürlich im Makrokosmos, und wenn wir unsere Welt erforschen, neigen wir dazu, den Blick auf die großen äußeren Phänomene zu lenken. Aber die Noozyten gehören dem Mikrokosmos an. Es fällt ihnen schwer, einen Begriff wie den des Universums mit seinen Sternen zu verstehen. Sie richten den Blick nach innen. Für sie liegt das zu Entdeckende in den sehr kleinen Phänomenen. Und wenn wir davon ausgehen können, daß die nordamerikanischen Noozyten sehr rasch eine entwickelte Zivilisation schufen — eine Annahme, die durchaus berechtigt scheint —, dann können wir getrost vermuten, daß sie Mittel und Wege gefunden haben, die sehr kleinen Phänomene zu erforschen.«
»Kleiner als sie selbst.«
»Um einen noch größeren Faktor kleiner als unsere Größe verglichen mit einer Galaxis.«
»Sie sprechen von Quantenlängen?« Paulsen-Fuchs wußte nicht viel von diesen Dingen, doch war er auch nicht völlig ahnungslos.
Gogarty nickte. »Nun ergibt es sich, daß das sehr Kleine meine Spezialität ist. Darum wurde ich gebeten, an dieser Noozyten-Untersuchung teilzunehmen. Der größte Teil meiner Forschungsarbeit beschäftigt sich mit Leptonen und den hypothetischen Rishonen, und ich glaube, wir können unser Augenmerk auf die Submikroskala richten, wenn wir entdecken wollen, wohin die Noozyten gingen, und warum.«
»Haben Sie eine Vermutung, warum?« fragte Paulsen-Fuchs.
Gogarty zog einen Stoß von Papieren über den Tisch, die mit handgeschriebenen Texten und Gleichungen bedeckt waren. »Information kann noch kompakter gespeichert werden als im molekularen Gedächtnis. Es kann in der Struktur der Raumzeit gespeichert werden. Was ist Materie schließlich anderes als eine stehende Welle von Information in Vakuum? Die Noozyten haben dies unzweifelhaft entdeckt und damit gearbeitet — Haben Sie von Los Angeles gehört?«
»Nein. Was ist damit?«
»Noch ehe die Noozyten verschwanden, verschwanden Los Angeles und die Küstenstädte weiter südlich bis Tijuana. Oder, besser gesagt, sie wurden etwas anderes. Ein großes Experiment, vielleicht. Eine Kostümprobe dafür, was jetzt geschieht.«
Paulsen-Fuchs nickte, ohne wirklich zu verstehen, und lehnte sich mit seiner Teetasse zurück. »Es war schwierig, hierher zu kommen«, sagte er. »Schwieriger noch, als ich erwartete.«
»Die Regeln haben sich geändert.«
»Darin scheint allgemeine Übereinstimmung zu bestehen. Aber warum, und in welcher Weise?«
»Sie sehen müde aus«, sagte Gogarty. »Ich schlage vor, daß wir uns einfach entspannen, der Wärme erfreuen und unseren Verstand über das wiederholte Lesen des Briefes hinaus nicht strapazieren.«
Paulsen-Fuchs nickte wieder, dann lehnte er den Kopf zurück und schloß die Augen. »Ja«, murmelte er. »Viel schwieriger als ich dachte.«
Zur Stunde des Sonnenaufgangs hatte der Schneefall aufgehört. Das Tageslicht verwandelte die Felder und Ufer in harmloses Weiß. Die düsteren Schneewolken waren abgezogen und ihnen folgten harmlos aussehende graue Wattebäusche, die mit dem Westwind einhertrieben. Paulsen-Fuchs erwachte zum Duft von Toast und frischem Kaffee. Er stützte sich auf die Ellbogen und rieb sich das zerzauste Haar. Die Couch, auf der er genächtigt hatte, war ein angenehmes Lager gewesen; er fühlte sich ausgeruht und erfrischt, wenn auch noch unsauber von der langen Reise.
»Wie wäre es mit heißem Wasser für eine Dusche?« fragte Gogarty.
»Wundervoll.«
»Im Duschbad ist es ein bißchen kalt, aber ziehen Sie diese Badeschuhe an, bleiben Sie auf den Holzlatten, und es sollte nicht allzu schlimm sein.«
Sehr viel munterer und wacher — im Duschraum war es unmenschlich kalt gewesen —, setzte sich Paulsen-Fuchs an den Frühstückstisch. »Ihre Gastfreundschaft ist bemerkenswert«, sagte er, als er Toast mit Butter und Marmelade kaute. »Ich fühle mich sehr schuldig an der Art und Weise, wie Sie in Deutschland behandelt wurden.«
Gogarty schürzte die Lippen und winkte ab. »Denken Sie sich nichts dabei! Alle standen unter Streß, was verständlich ist.«
»Was sagt der Brief heute morgen?«
»Lesen Sie selbst!«
Paulsen-Fuchs entfaltete das blendend weiße Blatt und fuhr mit dem Zeigefinger die sauber geschriebenen Buchstaben und Wörter entlang.
Lieber Heinz, lieber Sean. Sean hat die Antwort. Dehnung der Theorie, zu intensive Beobachtung. Schwarzes Loch der Gedanken. Wie er sagte. Theorie paßt, Universum ist geformt. Nicht anders herum. Zu viel Theorie, zu wenig Flexibilität. Mehr steht bevor. Große Veränderungen.
Bernard
»Sonderbar«, sagte Paulsen-Fuchs. »Und es ist dasselbe Blatt?«
»Soweit ich es beurteilen kann, dasselbe.«
»Was will er diesmal sagen?«
»Ich denke, er bestätigt die Richtung meiner Arbeit, obwohl er sich nicht sehr klar ausdrückt. Vorausgesetzt, Sie lesen die Botschaft genauso wie ich. Sie werden das Gelesene abschreiben müssen, damit wir vergleichen können.«
Paulsen-Fuchs schrieb den Text auf ein Blatt Papier und reichte es Gogarty.
Der Physiker nickte. »Diesmal viel ausdrücklicher.« Er legte das Blatt weg und schenkte Kaffee nach. »Geradezu beschwörend. Er scheint zu bestätigen, was ich letztes Jahr sagte — daß das Universum tatsächlich keinen Unterbau hat, daß, wenn eine gute Hypothese daherkommt, eine, welche die vorausgegangenen Ereignisse erklärt, der Unterbau sich selbst entsprechend formt, und eine überzeugende Theorie geboren wird.«
»Dann gibt es letzten Endes keine Realität?«
»Anscheinend nicht. Schlechte Hypothesen, die nicht damit übereinstimmen, was auf unserer Ebene geschieht, werden vom Universum zurückgewiesen. Gute, überzeugende, werden einverleibt.«
»Das muß für den Theoretiker höchst verwirrend sein.«
Gogarty nickte. »Aber es gibt mir die Möglichkeit zu erklären, was mit unserer Erde geschieht.«
»So?«
»Das Universum bleibt nicht immer dasselbe. Eine brauchbare Theorie kann die Realität nur für eine gewisse Zeit bestimmen, und dann muß das Universum ein paar Veränderungen einführen.«
»Die Denkgebäude umstürzen, damit wir nicht selbstzufrieden werden?«
»So ist es. Aber Realität kann in ihrer Veränderung nicht beobachtet werden. Sie muß sich auf einer Ebene verändern, die durch Beobachtung nicht fixiert ist. Als unsere Noozyten also alles auf der kleinsten möglichen Ebene beobachteten, war das Universum unfähig, flexibel zu handeln, sich umzuformen. Es baute sich eine Art Spannung auf. Die Noozyten erkannten, daß sie sich in der Welt der Makrokosmos nicht länger halten konnten, also… nun, ich kann wirklich nicht mit irgendeiner Gewißheit sagen, was sie taten. Aber als sie gingen, wurde die Spannung plötzlich gelöst und verursachte einen Bruch. Die Dinge sind jetzt aus dem Lot. Die Veränderung war zu abrupt, sie führte zu Ungleichheiten in der Anpassung. Das Ergebnis ist ein Universum, das mit sich selbst nicht übereinstimmt, das widersprüchliche Phänomene zuläßt, jedenfalls in unserer Nachbarschaft. Wir bekommen leuchtenden Schnee, unzuverlässige Maschinen, ein sanftes Chaos. Und es mag sanft sein, weil…« Er schnitt eine Grimasse und zuckte die Achseln. »Mehr zerschlagenes Porzellan, fürchte ich.«
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