„Freund Conway“, sagte er, „auch wenn die Argumente meines Freunds Fletcher stichhaltig sind und ich persönlich Murchisons und Ihre Rückkehr an Bord begrüßen würde, kommen Freundin Naydrad und ich doch mit den Patienten gut zurecht. Sie befinden sich alle in stabiler Verfassung, bis auf drei, bei denen ein leichter Rückgang der Körpertemperatur zu verzeichnen ist.“
„Glauben Sie, das liegt an einer zunehmenden Schockwirkung?“ fragte Conway.
„Nein, mein Freund“, antwortete Prilicla. „Vielmehr bessert sich anscheinend ihr Allgemeinzustand allmählich.“
„Wie sieht es mit der emotionalen Ausstrahlung aus?“
„Es gibt zwar noch nichts auf bewußter Ebene, mein Freund“,
entgegnete der Empath, „aber dafür strahlen die Patienten ein unbewußtes Gefühl aus, als ob ihnen irgend etwas fehlte, auf das sie ganz begierig sind.“
„Kein Wunder, bis auf einen haben die alle Hunger“, erwiderte Conway trocken.
„Der Gedanke an diesen einen ist mir ebenfalls ziemlich zuwider“, antwortete Prilicla. „Aber um auf den Zustand der Patienten zurückzukommen: Auch bei den Verletzten hier oben sind Lungenschäden und Atemwegsentzündungen zu beobachten, wie sie bereits von Freundin Murchison festgestellt worden sind und die sie ganz richtig auf die beschädigten Hydraulikbehälter zurückgeführt hat, allerdings in weit geringerem Maße. Aber unter den Bedingungen, die auf dem Planeten herrschen, zu operieren, und das mit der sehr viel weniger spezialisierten transportablen Ausrüstung, ist vielleicht nicht unbedingt.“
„Prilicla“, unterbrach ihn Conway ungeduldig, „eigentlich wollen Sie uns doch nur durch die Blume sagen, daß wir zu blind oder dumm sind, um eine wichtige medizinische Tatsache zu berücksichtigen. Sie bringen es aber wegen Ihrer eigenen Nettigkeit wieder einmal nicht übers Herz, unsere Gefühle zu verletzen. Äußerste Ungeduld und Neugier können übrigens auch ziemlich unangenehme Emotionen sein, also sagen Sie uns bitte geradeheraus, was Sie entdeckt haben, Doktor.“
„Tut mir leid, mein Freund“, erwiderte der Empath. „Ich hab festgestellt, daß bei allen nicht nur die Atemwege, sondern gleichermaßen auch die Speiseröhren entzündet sind. Diese Entzündung ist zwar noch relativ leicht und tritt nicht so deutlich wie an den anderen Stellen auf, sämtliche Verletzten sind aber, ungeachtet ihrer physiologischen Klassifikation, in gleicher Stärke davon befallen. Ich hab mich schon gefragt, ob es vielleicht auf dem Wrack irgendeine Erklärung dafür gibt.“
„Auch die Amputationswunden sind mir ein Rätsel“, fahr Prilicla fort. „Bislang hab ich die Schnittwunden von denen übrigens keine bis zu den lebenswichtigen Organen vorgedrungen ist, vernäht und generell versorgt. Aber um die Stümpfe herum hab ich vorläufig nur sterile Binden gewickelt, bis endgültig geklärt ist, ob man die ursprünglichen Glieder wieder annähen kann oder nicht. Haben Sie da unten auf dem Planeten irgend etwas gefunden, das vielleicht ein fehlendes Glied oder Organ sein könnte? Oder haben Sie sich schon mal Gedanken über Form, Größe und Zweck dieser fehlenden Körperteile gemacht?“
Aus dem mittleren Teil des Wracks drangen die kratzenden Geräusche von an Metall schabendem Metal herüber, und in den Kopfhörern war der unregelmäßige, schwere Atem des Captains zu hören, während er ein Hindernis aus dem Weg räumte. Als wieder Ruhe eingekehrt war, antwortete Murchison: „Ja, Doktor, aber ich hab bisher noch keine endgültigen Schlüsse daraus gezogen. Bei allen drei Klassiffkationstypen sind die Stümpfe mit einem ziemlich komplizierten Nervengeflecht verbunden. Im Fall des großen DCOJ gibt es eine zusätzliche röhrenförmige Verknüpfung, die kollabiert ist. Da sie mit dem komplexen oberen Darmtrakt eng verbunden ist, kann ich sie nicht bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgen. Berücksichtigt man allerdings die Plazierung dieser Glieder oder Organe, die sich bei den beiden kleineren Spezies am Ende des Rückgrats und bei der großen Lebensform in der Mitte der Körperunterseite befinden, dann kann ich nur sagen, daß der Angreifer vor allem die fehlenden Teile für genießbar gehalten haben muß, da er ansonsten nichts abgeschnitten hat. Ich hab zwar keine genaue Vorstellung von der Form oder Größe der fehlenden Glieder oder Organe, aber ich glaube, es handelt sich wahrscheinlich um Schwänze, Genitalien oder brustähnliche Gebilde.“
„Entschuldigen Sie bitte, daß ich so einfach eine medizinische Besprechung unterbreche, Murchison“, fiel ihr Fletcher ins Wort, wobei man ihm deutlich seine Freude anhören konnte, sich auf diese Weise weitere Details zu ersparen. Entsprechend schnell fuhr er fort: „Doktor Conway, ich hab noch einen DCMH gefunden. Er hat sich im Bettzeug verheddert, rührt sich nicht, scheint aber unverletzt zu sein. Ich hab mir gedacht, Sie wollen ihn vielleicht lieber hier untersuchen, dann muß ich ihn nicht durch die ganzen Trümmer im Gang ziehen.“
„Bin schon unterwegs“, entgegnete Conway. Er kletterte aus dem Laderaum und kroch, den Spuren des Captains folgend, durch den Gang, wobei er dem von Fletcher fortgesetzten Bericht lauschte. Direkt hinter dem freigeräumten Abschnitt des Gangs war der Captain auf das Schlafdeck gestoßen. Dieses Deck war für den frühen Hyperraumschiffstyp, die noch nicht mit künstlicher Schwerkraft ausgerüstet gewesen waren, ganz charakteristisch und mit Reihen von Doppelhängematten bestückt, in denen die Schlafenden in der Schwerelosigkeit wie zwischen den beiden Scheiben eines Sandwiches festgehalten wurden. Überdies waren diese Hängematten mit einer Art Stoßdämpfer verbunden, so daß sie von Besatzungsmitgliedern, die gerade keinen Dienst hatten, gleichzeitig als Beschleunigungsliegen genutzt werden konnten.
Es gab drei verschiedene Hängemattengrößen, folglich bestand die Besatzung aus DCLGs, DCMHs und DCOJs, was wiederum der Beweis dafür war, daß auch die großen und scheinbar nichtintelligenten DCOJs zur Schiffsbesatzung gehörten und mitnichten Haustiere waren. Nach Anzahl und Größe der Hängematten zu urteilen, hatte es dreimal so viele Wesen von den beiden kleinen Lebensformen wie von der großen Spezies gegeben.
Als Conway gerade an den beschädigten Druckbehältern des Hydrauliksystems vorbeikam, berichtete der Captain, er habe die Hängematten schnell einmal durchgezählt, und die Gesamtzahl, nämlich dreißig, stimme mit der Anzahl der Verletzten überein, die sie inner- und außerhalb des Schiffs gefunden hätten. Das aber bedeutete, daß der gesuchte Verbrecher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keiner der drei Spezies angehörte, aus denen sich die Besatzung zusammensetzte.
Die Situation auf dem Schlafdeck sei nur schwer präzise zu schildern, erklärte Fletcher, weil sich beim Umstürzen des Schiffs allerlei lose Gegenstände wie Dekorationsstücke und persönliche Habseligkeiten auf der Wand angesammelt hätten. Ein Drittel der Hängematten sei ordentlichverstaut, während die restlichen zwei Drittel so aussähen, als seien sie in großer Eile geräumt worden. Zweifellos gehörten die ordentlichen Hängematten zu den diensthabenden Besatzungsmitgliedern. Wenn aber laut Borddienstplan jeweils nur ein Drittel der Besatzung auf Wache sein mußte, während alle anderen freihatten, dann fand es der Captain ausgesprochen merkwürdig, daß der gesamte Rest in den Kojen lag, anstatt sich wenigstens zur einen Hälfte auf einem Freizeitdeck oder sonstwo außerhalb des Schlafraums zu erholen. Bei seinen Überlegungen hatte Fletcher allerdings nicht die Tatsache berücksichtigt, daß bei einem Landemanöver mit diesem Schiffstyp der sicherste Platz noch immer in einer Doppelhängematte war.
Als Conway den Schlafraum erreichte, kroch der Captain gerade rückwärts heraus. Fletcher deutete in den Raum und sagte: „Der Verletzte liegt nah an der Innenhaut zwischen den DCMH-Hängematten. Rufen Sie mich, falls Sie Hilfe brauchen, Doktor.“
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