„Oh, sicher.“ Benj hatte den Sarkasmus abgelegt, und der Enthusiasmus, der ihn bewogen hatte, sich der atmosphärischen Physik zu widmen, setzte sich durch. „Reflektiertem Sonnenlicht entnehmen wir ohnehin nur den geringsten Teil der Meßdaten. Fast alles entstammt der planetaren Eigenstrahlung. Er gibt selbst mehr Strahlung ab, als er von der Sonne erhält; du kennst ja die alte Diskussion, ob Dhrawn nun ein Planet oder ein Stern sei. Wir können die Bodentemperatur feststellen, einiges über die Bodenbeschaffenheit, kennen die Ve rfallszeiten und sind imstande, die Wolkenbildung zu verfolgen. Mit den Winden ist es schwieriger…“ Er zögerte, als er bemerkte, daß McDevitts Blick auf ihm ruhte; das Gesicht des Meteorologen war ausdruckslos. Der Mann begriff den Grund des Zögerns sofort und nickte ihm zu, bevor der Ausbruch von Selbstvertrauen versiegen konnte.
McDevitt war nie Lehrer gewesen, aber er verstand mit jungen Leuten umzugehen. „Mit den Winden ist es schwieriger, weil die Wolkenhöhe nie mit absoluter Gewißheit ermittelt werden kann, und außerdem, weil adiabatische Temperaturschwankungen oftmals mehr darüber Aufschluß geben als Luftmassenprofile. Unter den herrschenden Schwerkraftverhältnissen vermindert sich die atmosphärische Dichte bei je hundert Meter Höhenzuwachs um jeweils die Hälfte, und daraus entstehen enorme Temperaturschwankungen, die…“ Er verstummte erneut, doch diesmal sah er seine Mutter an. „Bist du mit diesen Angelegenheiten vertraut oder soll ich sie genauer erklären?“
„Aufgrund deiner Darlegungen würde ich nur ungern quantitative Probleme lösen müssen“, antwortete Easy, „aber ich kann mir von den Verhältnissen ein ausreichendes Bild machen. Ich habe den Eindruck, daß ihr mit eurer Vorhersage, wann der Nebel sich verziehen wird, recht vorsichtig sein wollt. Würde ein Bericht über Oberflächendruck und Windverhältnisse euch die Arbeit erleichtern? Die Kwembly hat Instrumente an Bord, wie ihr wißt.“
„Vielleicht“, räumte McDevitt ein, während Benj wortlos nickte. „Kann ich mit der Kwembly im direkten Kontakt treten? Wird mich jemand verstehen? Mein Stennish ist noch nicht gebrauchsgerecht.“
„Ich werde dolmetschen, falls ich mit euren Spezialtermini klarkomme“, sagte Easy. „Es wäre jedoch besser, wenn du die Sprache unserer kleine n Freunde zu erlernen versuchen würdest. Viele von ihnen beherrschen die unsere ganz gut, aber sie schätzen es, wenn man sich auch umgekehrt die Mühe macht.“
„Ich weiß. Ich habe vor, mich damit zu beschäftigen. Wenn du mir helfen könntest, würde ich mich freuen.“
„Selbstverständlich, falls ich die Zeit aufbringe; aber du bist weitaus häufiger mit Benj als mit mir zusammen.“
„Benj? Er ist erst vor drei Wochen mit mir eingetroffen und hat wie ich keine Möglichkeit gehabt, sich um das Sprachproblem zu kümmern.
Wir haben uns beide mit dem Observations- und Computernetz vertraut machen müssen.“
Easy lächelte ihren Sohn an. „Er wird dir allerhand beibringen können, obschon ich zugeben muß, daß er sein Stennish hauptsächlich von mir und nicht von den Meskliniten gelernt hat. Er wollte unbedingt etwas können, das seine Schwester nicht kann. Du darfst es mir als mütterlichen Stolz anrechnen, aber ich glaube, er wird dir vorzüglichen Unterricht erteilen. Aber das hat Zeit; ich hätte die Informationen für Dondragmer gerne baldmöglichst. Er sagte, der Wind komme derzeit mit einer Geschwindigkeit von ungefähr sechzig Meilen pro Stunde aus westlicher Richtung, falls diese Angaben euch dienlich sind.“
Der Meteorologe überlegte einen Moment lang.
„Ich füge sie dem bereits gespeicherten Material hinzu und spule alles durch“, sagte er schließlich.
„Dann haben wir etwas vorzuweisen, wenn er anruft, und falls die numerischen Details, die er uns gibt, zu stark abweichen, können wir ohne weiteres einen zweiten Durchgang machen. Warte einen Augenblick.“
Er und der Junge wandten sich den Geräten zu.
Von der Tätigkeit, die sie während der darauffolgenden Minuten entfalteten, verstand die Frau wenig. Natürlich wußte sie, daß die beiden Daten in den Computer fütterten, der auf ihre gezielte Auswertung programmiert war.
Anscheinend vermochte Benj die ihm zugeteilte Arbeit ohne Überwachung zu bewältigen, und sie freute sich darüber. Man hatte ihr und ihrem Ehemann zu verstehen gegeben, daß die mathematischen Fähigkeiten des Jungen den Anforderungen, die sein Interessengebiet stellte, womöglich nicht gerecht würden. Die Tätigkeit, die er gegenwärtig ausübte, war natürlich bloß Routine, die jedermann ohne besondere Vorkenntnisse und nach kurzer Einblicknahme erledigen konnte, aber Easy zog eine ermutigendere Interpretation vor.
„Natürlich gibt es immer Unsicherheitsfaktoren“, bemerkte McDevitt, während der Computer den Input zu ordnen begann. „Das Zentralgestirn beeinflußt die Oberflächentemperatur von Dhrawn nur sehr wenig, aber man darf den Effekt nicht völlig vernachlässigen. In den drei Jahren, in denen wir den Planeten nun observieren, hat er sich beständig der Sonne genähert. Außer den Daten, die uns das halbe Dutzend Robotsonden übermittelt hat, besaßen wir keine Berichte von der Oberfläche, bis die Meskliniten den Forschungsauftrag überna hmen, aber auch ihre Messungen haben erst einen winzigen Bruchteil der Oberfläche erfaßt. Unsere Vorhersagetätigkeit beruht fast ausschließlich auf empirischen Methoden, gleichwohl wie sehr wir an die Gesetze der Physik glauben möchten, und wir verfügen einfach noch nicht über genug Daten, um empirisch atmosphärische Gesetzmäßigkeiten aufdecken zu können.“
Easy nickte. „Das ist mir klar“, sagte sie, „und Dondragmer auch. Trotzdem habt ihr mehr Informationen als er, und ich glaube, in der gegenwärtigen Situation ist ihm der kleinste Hinweis willkommen. Wäre ich dort unten, Tausende von Meilen von jeder Hilfe entfernt, in einer Maschine, die sich im Teststadium befindet, und sogar außerstande zu sehen, was ringsum vorgeht — nun, ich kann aus Erfahrung sagen, wie gut es da ist, eine Verbindung nach draußen zu besitzen. Nicht bloß wegen der Möglichkeit des Gesprächs, sondern damit die anderen sehen, was man durchmacht.“
„Wir hätten verdammte Schwierigkeiten, ihn zu sehen“, sagte Benj. „Sogar bei ungetrübter Atmosphäre sind sechs Millionen Meilen eine immense Strecke für ein Teleskop.“
„Natürlich, aber du weißt wohl, wie ich es meine“, antwortete seine Mutter gelassen. Benj hob die Schultern und sagte nichts mehr; das gespannte Schweigen, das ihrem Wortwechsel folgte, währte etwa eine halbe Minute, dann spuc kte die Maschinerie ein Blatt mit geheimnisvollen Symbolen aus. McDevitt nahm es; die beiden anderen beugten sich über seine Schultern, um es ebenfalls sehen zu können, obwohl zumindest Easy nichts davon verstand. Der Junge brauchte nur fünf Sekunden, um den Text zu lesen, dann gab er einen Laut wie eine Mischung aus einem Schnaufer und einem Kichern von sich. Der Meteorologe blickte zu ihm auf.
„Nur zu, Benj. Diesmal kannst du so sarkastisch sein, wie du willst. Ich rate davon ab, dieses Resultat unzensiert an Dondragmer zu übermitteln.“
„Wieso? Stimmt etwas nicht?“ erkundigte sich die Frau.
„Nun, die meisten Daten haben wir natürlich über die Meßsatelliten beko mmen. Ich habe die Angaben über den Wind eingegeben und einen minimalen Unsicherheitsfaktor berücksichtigt. Ich weiß nicht, welche Instrumente in den Fahrzeugen verfügbar und wie präzise sie sind, oder wie genau man sie durchgesagt hat; ungefähr sechzig Meilen Windgeschwindigkeit, sagtest du. Den angeblichen Nebel habe ich übergangen, da keine Daten vorliegen. Nach dieser Computerrechnung beträgt die Sichtweite unter normalen Lichtverhältnissen — normal für menschliche Augen, das heißt also auch etwa für mesklinitische, schätze ich — zweiundzwanzig Meilen, Zerrfaktor ein Grad.“
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