Stephen Baxter - Zeitschiffe

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Eine neue Reise durch die Zeit führt den Helden aus H. G. Wells’ »Die Zeitmaschine« in Vergangenheiten und Zukünfte, die sich als alternative Zeitströme entpuppen, die er womöglich sehr erzeugt. Der Versuch, das temporale Durcheinander zu ordnen, führt ihn zum Urknall zurück und enthüllt ihm die Geheimnisse des Multiversums… Die »offizielle Fortsetzung« des SF-Klassiker ist eine sehr lange, recht zähe und wenig originelle Hetzjagd durch die Äonen, die erst in ihrem Finale einen »sense of wonder« gewinnt und ein wenig für die aufgewendete Lesezeit entschädigt.

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Durch meine Brille konnte ich erkennen, daß die Oberfläche dieses freien Abschnittes belebt war — sie pulsierte regelrecht — und zwar mit schreienden, sich krümmenden und krabbelnden Babies. Es waren Tausende von ihnen, dieser unbeholfene Morlock-Nachwuchs, wobei ihre kleinen Hände und Füße an den struppigen Haarbüscheln ihrer Kameraden herumzerrten. Sie rollten herum wie junge Affen und bearbeiteten ›Junior-Versionen‹ der Informationswände, die ich schon erwähnt hatte, oder stopften Essen in ihre großen Rachen; hier und da bewegten sich Erwachsene durch die Menge, hoben hier jemanden auf, der hingefallen war, schlichteten dort einen kleinen Streit und beruhigten irgendwo im Hintergrund ein weinendes Kind.

Belustigt ließ ich den Blick über dieses Meer aus Kindern schweifen. Vielleicht mochten manche ihre Freude an einer solchen Kollektion Menschenkinder haben — nicht jedoch ich als eingefleischter Junggeselle — aber das hier waren Morlocks… Man muß sich daran erinnern, daß die Morlocks für menschliche Begriffe ohnehin nicht sehr attraktive Wesen sind, nicht einmal als Kind, mit ihrem leichenblassen Fleisch, der kalten Haut und diesem Gestrüpp auf dem Kopf. Wenn Sie sich einen gigantischen Tisch vorstellen, der von sich krümmenden Maden übersät ist, dann vermittelt Ihnen das eine ungefähre Ahnung von den Eindrücken, die mir hier vermittelt wurden!

Ich wandte mich Nebogipfel zu. »Aber wo sind ihre Eltern?«

Er zögerte, als ob er nach den richtigen Worten suchen würde. »Sie haben keine Eltern. Dies hier ist eine Gebärfarm. Wenn sie alt genug sind, werden die Kinder von hier zu einer Tagesstätte gebracht, entweder in der Sphäre oder…«

Doch ich hörte schon nicht mehr zu. Ich musterte Nebogipfel von oben bis unten, aber sein Haar verdeckte die Konturen des Körpers.

Mit einem intensiven Gefühl des Wunders erkannte ich nun eine weitere dieser so offensichtlichen Tatsachen, die mir seit meiner Ankunft hier ins Auge gestochen hatten, ohne daß ich sie indessen interpretiert hätte: es gab keine Anzeichen sexueller Diskriminierung, weder bei Nebogipfel noch bei irgendeinem der anderen Morlocks, mit denen ich bisher zu tun gehabt hatte — nicht einmal bei solchen Vertretern wie meinen Niedergravitations-Besuchern, deren Körper nur spärlichen Haarwuchs aufwiesen und die deshalb um so leichter ausgemacht werden konnten. Der Durch-schnitts-Morlock hatte die Statur eines Kindes, er hatte weder erkennbare sekundäre Geschlechtsmerkmale noch eine besondere Ausprägung von Hüfte oder Brust… Mit einem Schock realisierte ich, daß ich von den Liebes- und Geburtsriten der Morlocks weder etwas wußte noch mir bisher Gedanken darüber gemacht hatte!

Nebogipfel gab mir einen kurzen Überblick über die Aufzucht und Erziehung der jungen Morlocks.

Das Leben der Morlocks nahm in diesen Gebärfarmen und Kindertagesstätten seinen Anfang — zu meiner schmerzlichen Erinnerung war die ganze Erde in eine solche verwandelt worden — und dort wurde den Kindern zusätzlich zu den Grundformen zivilisierten Verhaltens eine essentielle Fertigkeit vermittelt: Lernfähigkeit. Wie wenn ein Schuljunge des neunzehnten Jahrhunderts — anstatt sich eine Menge Unfug über Griechisch und Latein und obskure geometrische Theoreme in seinen armen Schädel zu prügeln — gelernt hätte, sich zu konzentrieren, Bibliotheken zu benutzen, sich Wissen anzueignen — und vor allem, zu denken. Gemäß dieser Philosophie erfolgte die Aneignung von spezifischem Wissen in Abhängigkeit von den anstehenden Aufgaben und den Neigungen des Individuums.

Als Nebogipfel mir das referierte, verspürte ich fast eine körperliche Reaktion, als ich die Simplizität dieser Logik erfaßte. Natürlich! — sagte ich mir — soviel zu Schulen! Welch ein Kontrast zu dem Schlachtfeld der Ignoranz und Inkompetenz, das meine eigene reizlose Schulzeit dargestellt hatte!

Ich verspürte den Drang, Nebogipfel nach seinem Beruf zu fragen.

»Unsere Tätigkeiten nehmen uns nicht so in Anspruch, wie das bei euch der Fall ist«, entgegnete er. »Ich habe zwei Vorlieben — Berufungen.« Seine Augen waren nicht zu sehen und machten es daher um so schwieriger, seine Emotionen zu interpretieren. Er sagte: »Physik und die Ausbildung der Kinder.«

Ausbildung und Training aller Art zogen sich durch das ganze Leben der Morlocks, und es war nicht ungewöhnlich, daß ein Individuum drei oder vier ›Laufbahnen‹ einschlug, um es in meiner Sprache auszudrücken — nacheinander oder sogar parallel. Das generelle Intelligenzniveau der Morlocks lag nach meiner Einschätzung etwas höher als bei den Menschen meines Jahrhunderts.

Dennoch war ich von Nebogipfel Berufswahl überrascht; ich hatte angenommen, daß Nebogipfel sich ausschließlich auf die Naturwissenschaften spezialisiert haben mußte, so profund war seine Kompetenz, meinen zuweilen etwas verworrenen Ausführungen zur Theorie der Zeitmaschine und der Evolution der Geschichte zu folgen.

»Sag mir«, verlangte ich leichthin, »aufgrund welcher Fähigkeit haben sie dich zu meinem Aufseher gemacht? Wegen deiner Expertise in Physik — oder deiner Begabung als Kindermädchen?«

Ich hatte den Eindruck, daß sich sein schwarzer, mit kleinen Zähnen besetzter Mund zu einem Grinsen verzog.

Dann traf mich der Schlag der Erkenntnis — und ich verspürte eine gewisse Demütigung bei dem Gedanken. Ich bin in meiner Zeit ein bedeutender Mann, und trotzdem war ich der Aufsicht einer Person unterstellt worden, deren Fachgebiet eher der Kindergarten war!

…Und doch, reflektierte ich jetzt, was war denn mein Patzer, gleich nach meiner Ankunft im Jahre 657208, sonst gewesen, wenn nicht der Handlung eines Kindes vergleichbar?

Jetzt führte Nebogipfel mich zu einer Ecke der Kinderstation. Dieser besondere Ort wurde von einer Struktur überdacht, die annähernd die Größe und Gestalt eines kleinen Wintergartens hatte und aus dem blassen, durchsichtigen Material des Bodens bestand — überhaupt war das einer der wenigen überdachten Stellen in dieser Stadt-Kammer. Der Unterstand verfügte weder über Möbel noch irgendwelche Geräte, außer ein paar Trennwänden mit ihren glühenden Bildschirmen, die ich schon vorher gesehen hatte. Und, im Zentrum des Bodens, befand sich etwas, das wie ein kleines Bündel aussah — Kleidungsstücke vielleicht —, die aus dem Glas gezogen worden waren.

Mir fiel auf, daß die hier versammelten Morlocks ernsthafter wirkten als jene, welche die Kinder beaufsichtigten. Auf ihren mit wasserstoffblondem Haar bewachsenen Körpern trugen sie lockere Kittel — westenähnliche Kutten mit vielen Taschen —, die mit Werkzeugen vollgestopft waren, deren Zweck mir überwiegend verborgen blieb. Einige dieser Werkzeuge glühten leicht. Diese neue Klasse von Morlocks hatte etwas an sich, das mich irgendwie an Ingenieure erinnerte: ein merkwürdiger Kontrapunkt in diesem Meer aus Babies; und, obwohl sie durch meine deplazierte Präsenz abgelenkt waren, beobachteten die Ingenieure das kleine Bündel auf dem Boden und sondierten es periodisch mit irgendwelchen Instrumenten.

Meine Neugier verstärkte sich, und ich ging auf dieses Bündel im Mittelpunkt zu. Nebogipfel blieb zurück und ließ mich allein weitergehen. Das Ding war nur wenige Zoll lang und noch halb ins Glas eingebettet, wie eine aus einer felsigen Oberfläche gehauene Skulptur. Tatsächlich sah es auch aus wie eine kleine Statue: hier waren die Ansätze zweier Arme, dachte ich, und da etwas, aus dem ein Gesicht werden mochte — eine mit Haaren bedeckte Scheibe, die von einem dünnen Mund geteilt wurde. Die Genese des Bündels schien nur langsam voranzugehen, und ich fragte mich, weshalb die verborgenen Maschinen sich mit der Herstellung dieses Artefaktes so schwer taten. War es vielleicht besonders komplex?

Und dann — es war ein Augenblick, der mich bis an mein Lebensende verfolgen wird — öffnete sich dieser winzige Mund. Die Lippen teilten sich mit einem leise schmatzenden Geräusch, und ein Wimmern, schwächer als das eines neugeborenen Kätzchens, durchdrang die Luft; und das Miniaturgesicht verzog sich, als ob es sich irgendwie echauffieren würde.

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