Ich ließ die Finger über die vertraute, feine Schmiedearbeit des Gartenzauns gleiten. Das war ein Anblick, mit dem ich schon nicht mehr gerechnet hätte: die antikem Stil nachempfundene, elegante Fassade, die Säulen der Veranda, die dunklen Rechtecke meiner Fenster.
»Du hast ja wieder beide Augen«, sagte ich flüsternd zu Nebogipfel.
Er schaute an seinem renovierten Körper hinunter und breitete die Hände aus, so daß das blasse Fleisch im Licht des Plattnerits leuchtete. »Ich brauche keine Prothesen mehr«, meinte er. »Nicht mehr. Jetzt, wo ich restauriert worden bin — genauso wie du.«
Ich legte die Hände auf die Brust. Das Gewebe des Hemdes fühlte sich rauh an unter der Hand, und das Schlüsselbein lag hart darunter. Mir kam es jedenfalls solide genug vor. Und nach wie vor fühlte ich mich wie ich — ich meine, ich spürte eine Kontinuität des Bewußtseins und blickte auf einen einzigen, hellen Pfad der Erinnerung, der durch dieses ganze Geflecht von Historien zu den überschaubareren Tagen meiner Kindheit führte. Aber dennoch konnte ich nicht mehr derselbe sein — denn ich war in jener Optimalen Historie zerlegt und hier wieder zusammengesetzt worden. Ich fragte mich, wieviel von diesem hellen Universum noch in mir steckte. »Nebogipfel, kannst du dich noch daran erinnern — als wir jene Grenze am Anfang der Zeit durchbrochen hatten — den glühenden Himmel und das alles?«
»Ich erinnere mich an alles.« Seine Augen waren schwarz. »Du etwa nicht?«
»Ich bin mir nicht sicher«, erwiderte ich. »Es kommt mir jetzt alles wie ein Traum vor — besonders hier, in diesem kalten englischen Regen.«
»Aber die Optimale Historie ist die Realität«, flüsterte er. »Das alles hier…« — er deutete auf dieses unschuldige Richmond —, »diese partiellen, sub-Optimalen Historien — das ist der Traum.«
Ich wog das Plattneritglas in der Hand. Es war ein medizinisches Gefäß, mit einem Verschlußstopfen aus Gummi. Also ein ganz trivialer Gegenstand — von dem glühenden Plattnerit einmal abgesehen — und es erübrigte sich zu sagen, daß ich weder eine Ahnung hatte, wo es herkam, noch wie es zwischen die Verstrebungen meiner Maschine geraten war. »Nun, das ist real genug«, sagte ich. »Es hat sich wirklich alles fein gefügt, nicht wahr? Wie, wenn sich ein Kreis schließt.« Ich ging zur Tür. »Ich glaube, daß es besser ist, wenn du etwas zurücktrittst — außer Sichtweite — bevor ich klingle.«
Er zog sich in den Schatten der Veranda zurück, und bald war nichts mehr von ihm zu sehen.
Ich zog an der Klingelschnur.
Ich hörte, wie im Haus eine Tür aufging und ein leiser Ruf — »Komme schon!« — ertönte, und dann vernahm ich schwere, hastige Schritte auf der Treppe. Ein Schlüssel klapperte im Schloß, und die Tür öffnete sich knarrend.
Eine in einem Messinghalter steckende, flackernde Kerze stieß durch den Flur auf mich zu; das breite und runde Gesicht eines jungen Mannes mit verschlafenen Augen kam zum Vorschein. Er war vielleicht dreiundzwanzig oder vierundzwanzig, und er trug einen verschlissenen, fadenscheinigen Bademantel, der über ein verkrumpeltes Nachthemd geworfen war; sein braunes Haar stand strähnig von dem komischen, breiten Kopf ab. »Ja?« sagte er brüsk. »Vielleicht wissen Sie, daß es drei Uhr nachts ist…«
Ich hatte schon von vornherein nicht genau gewußt, was ich überhaupt sagen sollte, aber jetzt, wo er vor mir stand, fand ich gar keine Worte mehr. Erneut erlitt ich diesen merkwürdigen, unangenehmen Schock des Wiedersehens. Ich glaube nicht, daß sich ein Mensch meines Jahrhunderts jemals daran hätte gewöhnen können, sein eigenes Ich zu begrüßen, egal, wie oft er es schon praktiziert hatte — und jetzt wurde dieser ganze emotionale Komplex noch mit einem besonderen Aspekt angereichert. Denn hier handelte es sich nicht mehr bloß um eine jüngere Version von mir: sie war auch ein direkter Vorfahre von Moses. Es war, als ob ich einem jüngeren Bruder gegenüberstünde, den ich bereits verloren geglaubt hatte.
Wieder musterte er mein Gesicht, diesmal mit Mißtrauen. »Was, zum Teufel, wollen Sie? Ich weise Sie darauf hin, daß ich Hausierern grundsätzlich nichts abkaufe, wissen Sie — selbst wenn dies die hierfür in Frage kommende Tageszeit wäre.«
»Nein«, meinte ich sanft. »Nein, ich weiß, das Sie das nicht tun.«
»Aha, das wissen Sie also?« Er wollte schon die Tür zudrücken, aber er hatte etwas in meinem Gesicht gesehen — ich erkannte es an seinem Blick — eine Ahnung des Erkennens. »Sie sagen mir wohl besser, was Sie überhaupt wollen.«
Umständlich brachte ich die Medizinflasche mit dem Plattnerit zum Vorschein, die ich hinter dem Rücken versteckt gehalten hatte. »Ich habe das hier für Sie.«
Er runzelte die Stirn, als er das merkwürdige grüne Glühen der Flasche sah. »Was ist das?«
»Es ist…« Wie hätte ich es ihm erklären sollen? »Es ist eine Art Probe. Für Sie.«
»Eine Probe wovon?«
»Ich weiß nicht«, log ich. »Ich möchte, daß Sie es herausfinden.«
Er war nun neugierig, aber noch immer zurückhaltend; und jetzt ließ sein Gesichtsausdruck eine gewisse Sturheit erkennen. »Was herausfinden?«
Diese blöden Fragen regten mich langsam auf. »Verdammt, Mann — haben Sie denn gar keine Initiative? Führen Sie ein paar Versuche durch…«
»Ich glaube nicht, daß mir Ihr Ton gefällt«, meinte er pikiert. »Was für Versuche?«
»Oh!« Ich fuhr mit der Hand durch mein nasses Haar; ein derart affektiertes Gehabe paßte schlecht zu einem so jungen Mann, dachte ich. »Es ist ein neues Mineral — das müßten Sie doch sehen!«
Er runzelte die Stirn, und sein Mißtrauen wurde intensiver.
Ich beugte mich vor und stellte das Glas auf der Treppe ab. »Ich werde es Ihnen hierlassen. Sie können es sich ja mal ansehen, wenn Sie wollen — und ich weiß, daß Sie das wollen — ich will Ihnen jetzt nicht mehr Ihre Zeit stehlen.« Ich drehte mich um und ging den Weg hinunter, wobei das laute Knirschen meiner Schritte im Kies den Regen übertönte.
Als ich mich umschaute, sah ich, daß er das Glas aufgehoben hatte, und das grüne Glühen schwächte die Schatten der Kerze auf seinem Gesicht ab. »Aber Ihr Name…«, rief er.
Da kam mir eine Eingebung. »Mein Name ist Plattner«, behauptete ich.
»Plattner? Kennen wir uns?«
»Plattner«, wiederholte ich fast verzweifelt und kramte in den hintersten Winkeln meines Gehirns nach einer detaillierteren Lüge. » Gottfried Plattner…«
Es schien mir, als ob es ein anderer gewesen wäre, der das gesagt hatte — aber sobald die Worte meinen Mund verlassen hatten, wußte ich, daß ich sie nicht mehr zurücknehmen konnte.
Es war geschehen; der Kreis hatte sich geschlossen!
Er rief weiter hinter mir her, aber ich ging ungerührt weg, weg von dem Tor und den Hügel hinunter.
Nebogipfel erwartete mich hinter dem Haus, in der Nähe der Zeitmaschine. »Es ist erledigt«, sagte ich zu ihm. Der erste Hauch von Morgenlicht überzog den verhangenen Himmel, und ich konnte den Morlock als eine Art körnige Silhouette wahrnehmen: er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, und das Haar klebte flach am Rücken. Seine Augen waren große, blutrote Scheiben.
»Du siehst ja schlimm aus«, meinte ich mitfühlend. »Dieser Regen…«
»Das macht nichts«, erwiderte er.
»Was wirst du jetzt tun?«
»Was wirst du jetzt tun?«
Anstelle einer Antwort beugte ich mich über die Zeitmaschine und zerrte daran. Sie verwand sich, quietschte wie ein altes Bett und kam dann mit einem heftigen Stoß auf dem Rasen zur Ruhe. Ich fuhr mit der Hand am ramponierten Rahmen der Maschine entlang; Moos und Grasreste klebten an den Quarzstangen und am Sattel, und eine Kufe war völlig deformiert.
Читать дальше