Er wälzt sich in Schlamm und Grün, über und über, erstarrt von Zeit zu Zeit, schaut sichernd um sich, nimmt Witterung auf, lauscht.
Erneut verschwimmt Harpanets Vergangenheit vor der merkwürdigen und schrecklichen Wirklichkeit. Wenn er eine Zukunft hat, liegt sie jenseits seines Vorstellungsvermögens, hinter einer nebelgrauen Wand. Es gibt nur ein Jetzt, fremdartige Pflanzen, feuriges Jucken, kühlenden Schlamm, und ein Hier, Schlammraum und Garten zugleich, alptraumhaft verändert. Er wälzt sich, um die Wunde auszuwaschen, hebt Schlammbatzen auf, um sie über seine Flanke zu streichen.
Angst fortzugehen, Angst zu bleiben. Welches Lebewesen im Wasser könnte das Blut schmecken und nach dessen Quelle streben? Die Räuber der Heimatwelt waren Bilder auf einem Thaktan, Geister auf einer alten Magnetaufzeichnung, doch trotz aller Ferne schrecklich genug. Was lauert in diesen fremdartigen Wassern? Aber er hört von fernher das Geräusch vorüberziehender Fahrzeuge und weiß, es sind keine Fahrzeuge der Fithp.
Eine Maschine nähert sich, wird lauter und lauter. Harpanets Ohren und Augen schieben sich aus dem Wasser.
Die Maschine schwankt seltsam auf zwei Rädern, wie ein Erdling auf seinen Beinen. Sie wird langsamer, schwankt noch mehr, bleibt stehen.
Erdlinge nähern sich zu Fuß.
Harpanets Muskeln wissen, was sie zu tun haben, wenn er verletzt ist, erschöpft, ohne Freunde, verzweifelt, allein. Harpanets Geist kommt auf keine andere Lösung. Und er sieht keine Zukunft –
Er springt aus dem Wasser. Fremdartige Waffen werden auf ihn gerichtet. Er wirft sein Gewehr ins Gestrüpp, dreht sich auf den Rücken, streckt alle vier Läufe aus und wartet.
Der Erdling kommt rasch herbeigerannt. Kein ausgewachsenes Fi’ würde versuchen, sich so zu bewegen. Er setzt Harpanet einen Hinterlauf mit aller Kraft auf die Brust, Harpanet spürt es kaum. Harpanet unterdrückt das Bedürfnis zu lachen, so kann man ja kaum eine Rippe verbiegen. Dennoch bleibt er mit ausgestreckten Gliedern Hegen, vollendet seine Unterwerfungsgebärde. Der Erdling schaut auf seinen Gefangenen hinab, atmet schwer, als habe er ein Rennen gewonnen…
* * *
»Wir haben ihn!« rief Harry. »Und jetzt weiter?« Er deutete zu dem Hügel hinauf, wo ein Dutzend Bewaffneter mit ihren Gewehren im Anschlag verborgen warteten.
»Ich kann mit ihnen reden«, sagte Carlotta, ohne recht zu glauben, daß sie damit Erfolg haben würde.
»Die hören nicht zu.« Der Teufel soll sie holen, das ist mein Rüßler, den können sie jetzt nicht umbringen! Wütend dachte Harry nach. Ein schuldbewußtes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, er klappte die Sitzbank des Motorrades hoch, unter der er sein Werkzeug aufbewahrte.
»Ist Ihnen etwas eingefallen?«
»Vielleicht.« Er suchte in der Werkzeugrolle und fand Fallschirmschnur. Sie war dünn, kräftig genug, um einen Mann zu halten, aber wohl nicht besonders wirkungsvoll gegen einen von denen. Er wies auf den Gefangenen, machte mit beiden Händen Bewegungen, die »aufstehen« bedeuteten.
Das Wesen erhob sich und sah sie teilnahmslos an.
»Da läuft es einem ja eiskalt den Rücken runter«, sagte Harry. Er umklammerte sein Gewehr. Eine Kugel ins Auge, und wir sind alle Sorgen los. »Probieren Sie mal, ob er Sie trägt«, sagte Harry.
»Mich tragen?«
»Als Königin des Dschungels sozusagen. So stark ist er bestimmt.«
Ein Dutzend Lastwagenfahrer und Bauern stand mit schußbereiten Waffen da.
Harry ging voran und führte das Weltraumwesen an der Schnur. Carlotta saß im Damensitz auf dessen Rücken. Sie strahlte zu den Männern hinüber. »Hallo!« rief sie ihnen zu.
Die Zuschauer schwiegen eisig.
»Es hat sich unterworfen«, rief Carlotta. »Wir bringen es zur nächsten Regierungsstelle.«
Laut klickend wurde ein Sicherungshebel umgelegt.
Harry pfiff leise vor sich hin und sagte: »Hüja, Bursche! Alles in Ordnung, Leute. Seht ihr, ist doch nur ein großer grauer Erdnußfresser!«
Unmutsäußerungen wurden laut, doch sie konnten ungehindert passieren.
Richte den Blick auf die Welt, die vorüberzieht,
Um Weisheit hast du dich genug bemüht.
Bedrängnis, Qual, Neid, Not – all das belastet
Das Dasein des Gelehrten, der nicht rastet.
DR. SAMUEL JOHNSON Von der Vergeblichkeit menschlichen Wünschens
Zeit: 150 Stunden nach der Stunde Null
Wes Dawson wurde wach. Er hörte das Heulen der Beschleunigungs Warneinrichtung, russische Flüche und das tiefe Summen des Triebwerks von Thaktan Flishithy. Der Boden war geneigt, nicht zu einer Wand hin, sondern zu einer Ecke. Offenbar beschleunigte das Raumschiff bei gleichzeitiger Verlangsamung der Rotation.
Um die Gefangenen würden sich die Fithp während der Flugmanöver nicht kümmern. Wes tat es den anderen nach: er legte sich wie ein Seestern auf den Bauch, krallte sich mit Fingern und Zehen in der Auskleidung des Raumes fest und döste vor sich hin.
Der Kippwinkel wurde größer, während die Rotationsgeschwindigkeit von Thaktan Flishithy immer mehr abnahm. Nach einigen Stunden rückten alle zur Heckwand hin. Sie waren wach und unterhielten sich, nur Wes Dawson schwieg. Nikolai machte Handbewegungen, als beschreibe er eine Achterbahn, und die anderen lachten.
Nach einigen weiteren Stunden war die Heckwand zum Fußboden geworden. Thaktan Flishithys Triebwerk erzeugte eine Kraft nahe der Erdbeschleunigung.
Die Tür öffnete sich.
Jetzt war es eine Tür, da die Decke zur Wand geworden war. Vier FithpKrieger kamen unverzüglich herein. Sie trieben die Gefangenen in den Gang hinaus, wo vier weitere Krieger mit Tashajämp, der Gehilfin des Lehrers, warteten. Dmitri verbeugte sich vor ihr. »Grüße«, sagte er (jedenfalls war es das Klangmuster, das sie für eine Begrüßung gelernt hatten, es enthielt das Wort für Zeit). »Frage, Ziel wir?«
»Ziel Podo Thaktan«, sagte Tashajämp. »Macht euch lernbereit.«
Jetzt, wo kein Vorgesetzter in der Nähe war, wirkte sie gelassener als zuvor. Woher kam dieser Eindruck? Wes beobachtete sie. Sie ging mit selbstsicheren Schritten, während er sie sonst vor der Berührung mit den Kriegern wie auch Menschen hatte zurückschrecken sehen. Vermutlich waren jetzt die Krieger ihre Leibwache.
Wie auch immer, er wollte etwas von ihr. »Frage: Ziel Thaktan Flishithy?«
»Nach zwei Mahlzeitpausen wird dieser Zustand enden. Es wird fast keinen Antrieb geben. Ihr werde lange schwerelos leben. Ihr müßt es lernen«, sagte sie.
Sie hatte seine Frage nicht beantwortet, das taten sie oft.
Der Gang verzweigte sich. Der neue Gang neigte sich, schwang dann nach rechts. Eigentlich hätte er radial verlaufen müssen. Warum also die Krümmung? Etwa, damit es hübscher aussah? Bei Rotation des Raumfahrzeugs würde der Korridor um zwanzig bis fünfundzwanzig Grad ansteigen…
Aber ein radialer Gang verliefe unter Rotationsbedingungen vertikal. Da Fithp keine Leitern ersteigen konnten, mußten die Wege nach innen spiralförmig sein. Am besten Ausschau nach den Schnellaufzügen halten.
Da die Sowjets nicht mehr mit Wes sprachen, richtete auch er das Wort nicht mehr an sie. Es war eine Art Spiel geworden. Beobachten, Schlüsse ziehen. Wer lernt schneller, Ihr oder ich?
Tashajämp sagt, daß wir bald nahezu schwerelos leben werden. Wie erreichen sie, daß es nur eine annähernde Schwerelosigkeit ist, und warum lassen sie das Raumschiff nicht rotieren, um sie ganz zu vermeiden? Den Fithp war wenig Schwerkraft lieber, aber nicht so wenig. Was konnte sie daran hindern, das Raumschiff rotieren zu lassen?
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