Seltsamerweise verspürte er kein Triumphgefühl. Er dachte nicht an Corwin, sondern an die Erde. Zwei Jahre waren auf der Mutterwelt vergangen; Zeit genug für die Sirier, ihr Vorhaben durchzuführen. Ewing versuchte sich einzureden, daß das Schicksal der Erde vorherbestimmt war. Er hatte seine eigene Welt gerettet; es gab keine Hilfe für die Erde.
Es gab sie, sagte eine innere Stimme vorwurfsvoll. Es gibt sie immer noch.
Alles, was den Terrestriern fehlte, war ein Mann von der Tatkraft und Energie der Außenwelten. Die Führung mangelte ihnen. Sie übertrafen die Sirier tausend zu eins an Zahl. In jeder entschlossenen Erhebung mußten sie siegen.
Du könntest dieser Führer sein, beharrte die Stimme. Kehre zur Erde zurück.
Zornig unterdrückte er die Überlegung. Sein Platz war auf Corwin, wo seine Frau und sein Sohn ihn erwarteten. Die Erde mußte ihr eigenes Schicksal tragen..
Er versuchte, sich zu entspannen. Das Schiff schoß weiter durch den Raum, auf Corwin zu.
* * *
Es schien, daß die gesamte Bevölkerung sich versammelt hatte, um ihn zu empfangen. Er konnte sie von oben erkennen, als er sein Schiff durch die letzte aus der Reihe einwärts gerichteter Spiralen manövrierte und es sanft auf die Eisenbetonoberfläche des Raumfeldes aufsetzte.
Er ließ den Entgiftungstrupp seine Arbeit tun, während er die Menge beobachtete, die sich hinter der Barriere staute. Endlich, als das Schiff und der umgebende Boden abgekühlt waren, trat er heraus.
Das Getöse war ohrenbetäubend.
Tausende erwarteten ihn. In der ersten Reihe sah er Laira und Blade, den Premierminister und den Senat. Wissenschaftler. Berichterstatter. Menschen, Menschen, Menschen. Ewings erster Impuls war, in die Einsamkeit seines Schiffes zurückzuflüchten. Stattdessen zwang er sich, auf die Menge zuzugehen.
Irgendwie erreichte er Laira und küßte sie. Er schloß Blade in die Arme. Er lächelte Davidson und allen anderen zu. Er war ein Held. Er hatte einer Drohung ein Ende bereitet, die Welten zerstört hatte.
Corwin war sicher.
Er wurde hineingeschwemmt, zum Weltgebäude getragen, in die Privatgemächer des Premierministers geschmuggelt. Dort, während Sicherheitsbeamte die Neugierigen fernhielten, diktierte Ewing für die Videos einen lückenlosen Bericht seiner Tat, während lächelnde Freunde zuschauten.
Draußen fanden Umzüge statt. Er konnte den Lärm bis in das einundsiebzigste Stockwerk hören, in dem er saß. Eine Welt, die sechs Jahre lang unter einem Todesurteil gelebt hatte, war auf wunderbare Weise errettet worden. Was Wunder, daß die Begeisterung mit ihr durchging.
Gegen Abend ließen sie ihn nach Hause gehen. Man versicherte ihm, ein Wachkordon würde um sein Haus gezogen werden, damit er ungestört bliebe. Er dankte allen, wünschte ihnen eine gute Nacht und betrat sein Haus.
Er hatte mehr als dreißig Stunden nicht geschlafen. Aber im Bett wälzte er sich ruhelos hin und her, und trotz seiner Erschöpfung wollte der Schlaf sich nicht einstellen.
Er dachte:
Drei Männer starben, damit ich nach Corwin zurückkehren konnte. Ich bin ihnen etwas schuldig, Ich bin der Erde etwas dafür schuldig, daß Sie die Rettung Corwins ermöglicht hat.
Dann dachte er.
Als Laira mich heiratete, war sie der Ansicht, den Bürger Baird Ewing zu heiraten. Wie könnte ich sie ohne Gatten lassen und Blade ohne Vater!
Und dann dachte er:
Es muß einen Ausweg geben. Eine Möglichkeit, sowohl den toten Baird Ewings als auch meiner Familie gerecht zu werden.
Es gab sie. Die Antwort kam ihm bei Morgengrauen, kristallklar, ohne Zweifel und Ängste. Mit der Erkenntnis kam eine Welle des Friedens, und er fiel in gesunden Schlaf, zuversichtlich, daß er endlich den rechten Weg gefunden hatte.
* * *
Im Namen der dankbaren Bevölkerung Corwins suchte Premierminister Davidson ihn am nächsten Morgen auf und eröffnete ihm, er könnte sich als Belohnung wählen, was er nur wollte.
Ewing lachte. „Ich habe bereits alles, was ich brauche“, versetzte er, „Ruhm, Reichtum, eine Familie — was gibt es noch?“
Achselzuckend entgegnete der füllige kleine Premierminister: „Aber es muß sich doch etwas Angemessenes finden —“
„Ja“, bestätigte Ewing. „Sagen wir — sagen wir, Sie gewähren mir die Freiheit, mich mit den Notizbüchern zu befassen, die ich mitgebracht habe. In Ordnung?“
„Sicher, wenn Sie wollen. Aber kann das alles sein, das —“
„Noch etwas hätte ich gern. Nein, noch zweierlei. Zunächst möchte ich in Ruhe gelassen werden. Ich möchte aus dem Rampenlicht verschwinden. Keine Orden, keine öffentlichen Empfänge, keine Paraden mehr. Ichhabe meinen Auftrag erfüllt und will wieder in mein Privatleben zurückkehren.
Was das zweite angeht — nein, ich erwähne es noch nicht. Lassen Sie es uns so fassen: Wenn der Zeitpunkt kommt, werde, ich von der Regierung einen Gefallen erbitten. Er wird kostspielig sein, aber nicht übermäßig. Ich werde Sie wissen lassen, was es ist, wann und wenn ich es brauche.“
Ein Monat verstrich. Langsam ebbte der Kult ab, und Ewing kehrte in sein Privatleben zurück, wie er es erbeten hatte. Sein Leben würde zwar nie mehr das alte sein, aber das war nicht zu ändern.
Ein zweiter Monat verging, Der Apparat, den er im Keller seines Hauses baute, ging seiner Vollendung entgegen.
Er führte die letzten Versuche an einem warmen Mittsommertag durch. Die Maschine reagierte einwandfrei. Die Zeit war gekommen.
Er rief über den Kommunikator oben an. Laira las in seinem Arbeitszimmer; Blade saß vor dem Video. „Laira? Blade?“
„Was möchtest du, Baird?“ fragte Laira.
Ewing erwiderte: „Ich führe während der nächsten zwanzig Minuten einige sehr empfindliche Experimente durch. Jede Verlagerung im Raumgleichgewicht könnte sie verderben. Würdet ihr so gut sein, dort zu bleiben, wo ihr euch gerade befindet, bis ich von unten das Zeichen gebe?“
„Natürlich, Liebling.“
Ewing lächelte und hängte ein. Sorgfältig nahm er ein massives Brecheisen aus seinem Werkzeugkasten und lehnte es neben der Tür an die Wand. Er sah auf seine Uhr. Es war 14.03:30.
Er durchquerte noch einmal den Raum und nahm einige letzte Adjustierungen an der Apparatur vor. Er starrte auf seine Uhr, ließ die Minuten verrinnen. Sechs, sieben, acht …
Um 14.11:30 drehte er einen Schalter. Die Maschine summte kurz und warf ihn zehn Minuten in der Zeit zurück.
Er schwebte einige Zentimeter über seinem eigenen Rasen in der Luft. Er fiel landete sanft und blickte auf die Uhr. 14.01:30.
In diesem Augenblick, wußte er, ging sein früheres Selbst an den Kommunikator und rief Laira an. Ewing befeuchtete seine Lippen. Er würde seine Handlungen sorgfältig abstimmen müssen.
Auf Zehenspitzen lief er um das Haus und betrat es durch die Seitentür, die zu seiner Kellerwerkstatt führte. Er bewegte sichvorsichtig durch den Flur, bis er nur noch wenige Schritte von der Tür entfernt war.
Seine Uhr zeigte 14.03:10. Er wartete einen Augenblick. Um 14.03:30 vernahm er das schwache Klirren, als die Brechstange gegen die Wand gelehnt wurde.
Bis jetzt verlief alles planmäßig.
Er schob sich vor und spähte durch die halboffene Tür in die Werkstatt. Eine vertraute Gestalt saß mit dem Rücken zur Tür über den Zeitprojektor auf dem Tisch gebeugt und nahm genaue Adjustierungen vor, um zehn Minuten in der Zeit zurückzuspringen.
Seine Uhr stand auf 14.05:15.
Er trat rasch in den Raum und ergriff das Brecheisen, das er sich so sorgfältig zurechtgelegt hatte. Mit vier schnellen Sprüngen durchquerte er den Raum; sein Doppelgänger, in seine Arbeit vertieft, bemerkte ihn nicht eher, als bis Ewing eine Hand auf die Schulter des anderen legte und ihn von der Werkbank weghob. Im gleichen Atemzug schwang er die Brechstange; sie krachte in den Zeitprojektor und zertrümmerte ihn.
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