Ah dagegen schlug vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen und rannte schnurstracks zu der Riesin.
»Laß mich los«, protestierte Ah, »vielleicht braucht sie unsere Hilfe!«
»Aber Arachna ist böse und gefährlich.«
»Erst einmal müssen wir feststellen, ob sie sich verletzt hat.«
»Na gut, aber dann geh ich voran«, erklärte der Tiger entschieden. Er staunte selber, wie nachgiebig er geworden war.
Achr sprang voraus und näherte sich behutsam der Riesin. Arachna lag tatsächlich in einer tiefen Ohnmacht. Sie hatte sich beim Klettern total verausgabt, und der Aufprall auf die Steine hatte ihr das Bewußtsein genommen. Doch sie atmete, und von einer Verletzung war nichts zu sehen.
»Ich denke, wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden«, beharrte Achr, »schließlich hat uns auch die Schlange Glua zur Flucht geraten. Wacht Arachna erst mal auf, ist es womöglich zu spät. Außerdem wird sich ihre Ankunft ohnehin bald herumsprechen. Im Zauberland wachen Tausende von Augen und Ohren über alles, was geschieht. In der Luft kreisen die Riesenadler mit Karfax an der Spitze, und es gibt die Vogelpost der Krähe Kaggi-Karr. Auf dem Boden wiederum sind die Zwerge allgegenwärtig; sie tarnen sich so geschickt, daß man sie selbst bei genauem Hinschauen nicht entdeckt. Unter der Erde schließlich tummelt sich das Mäusevolk der Königin Ramina.«
Wer wußte besser als die einstige Raubkatze Achr, daß die Bewohner des Zauberlandes stets auf der Hut vor allen möglichen Feinden waren.
Ah sah unschlüssig den Tiger an, dessen Fell sich vor Besorgnis sträubte, dann richtete sie den Blick wieder auf Arachna. Die Zauberin lag schmutzig und mit wirrem Haar noch immer leblos da, ihr Gesicht wirkte trotz der Ohnmacht böse und hinterhältig.
Achr hat recht, dachte das Mädchen, er kennt die Riesin besser als ich und weiß, wozu sie fähig ist. Außerdem stimmt es ja, bisher habe ich nur Schlechtes über sie gehört! Deshalb sagte sie entschlossen:
»Also gut, laß uns fliehen. Doch wir wollen dem ersten, dem wir begegnen, mitteilen, daß hier am Abhang eine Frau liegt, die Hilfe braucht.«
Der Tiger war einverstanden. Er wollte die Bewohner des Zauberlandes ja gleichfalls von der Ankunft der Hexe in Kenntnis setzen. Sollten sie selbst entscheiden, wie sie mit ihr verfuhren.
Doch plötzlich hielt er in seinen Überlegungen inne und dachte verwirrt: Aber wo soll ich überhaupt hin? Die Leute hier werden mich nicht gerade mit offenen Armen empfangen, denn sie kennen mich ja nur als gefährlichen Räuber. Außerdem bin ich in Begleitung eines Riesenmädchens, das dazu noch Ähnlichkeit mit Arachna besitzt. Meine Chancen werden sich dadurch bestimmt nicht verbessern.
Achr seufzte bekümmert. Wär schon nicht übel, jetzt dem Höhlenlöwen Grau und den fünf Säbelzahntigern zu begegnen, dachte er. Mit denen würde ich sicherlich eine gemeinsame Sprache finden…
Genau, das war es! Die Löwen und das Rudel waren zur Grenze zwischen dem Zauberland und der Großen Wüste aufgebrochen, wo sich der Tunnel zum Planeten Rameria befand; der Tiger hatte sie damals belauscht. Dort waren die Ramerianer mit Grau gelandet, dorthin waren der Tapfere Löwe, der Eiserne Holzfäller, der Weise Scheuch und die anderen Bewohner des Zauberlandes geeilt. Auch der Drache Oicho hatte diesen Ort angeflogen, immer aufs neue schwer beladen mit irgendwelchem Gerät. Wie die Vögel erzählten, wollten die Außerirdischen ein Schiff bauen.
Alles klar, sagte sich Achr. Wenn schon vor Arachna fliehen, dann dorthin! Die Truppe, die sich da versammelt hat, ist so groß, daß sie es sogar mit der Riesin aufnehmen kann. Falls es ihr in den Sinn kommt, Ah und mich zu verfolgen.
Nun war er etwas zuversichtlicher. Er warf einen letzten prüfenden Blick auf die Hexe und lief los. Das Mädchen schloß sich ihm an.
Sie hatten einen mehrstündigen Weg vor sich, der über steinige Pfade immer bergab führte. Für Achr war die Strecke nicht besonders schwierig, er hatte nur Sorge, Ah könnte stolpern oder gar abrutschen. Doch schon bald stellte er beruhigt fest, daß die kleine Uidin ganz hervorragend mit dem felsigen Grund zurechtkam. Aufgewachsen im Unterirdischen Reich, war sie mit Gestein und Hügeln bestens vertraut.
Das Mädchen selbst aber, vertieft in den Anblick dieser neuen herrlichen Welt, nahm die Schwierigkeiten gar nicht wahr. Unten angelangt, stand sie staunend, ja geradezu hingerissen, vor einer Baumgruppe, und gleich im ersten Wäldchen, das sie erreichten, tat sie sich an Beeren und Früchten gütlich, die hier in großen Mengen wuchsen.
Achr durchstreifte inzwischen das Unterholz und kam nach einer Weile gleichfalls zufrieden zurück. Er leckte sich noch die Lippen von dem schmackhaften Braten, den er ergattert hatte.
Bald darauf gelangten sie an einen Bach mit kristallklarem Wasser, und der Tiger wußte, daß es bis zu ihrem Ziel nicht mehr weit war.
Plötzlich vernahmen sie einen gewaltigen Schrei, der als Echo von Berg zu Berg widerhallte. Wie angewurzelt blieben die beiden stehen und schauten sich um.
Arachna war wieder zu sich gekommen, hatte sich an Ah und den Tiger erinnert und die Verfolgung aufgenommen. Sie eilte mit Riesenschritten, ohne auf Hindernisse zu achten, den Berg hinunter und riß dabei ganze Geröllawinen mit sich. Wie sie so, über die Spalten und Felsvorsprünge setzend, zielstrebig näherkam, erinnerte sie an eine Gewitterwolke, die wenig Gutes verhieß.

»Bloß weg hier!« rief der Tiger dem Mädchen zu und sauste los. Ah, die nicht seine Sprungkraft besaß, aber größere Schritte machen konnte, folgte ihm ohne Schwierigkeiten.
Es war eine Art Wettrennen zwischen ungleichen Gegnern, denn Arachna hatte sich schnell von den erlittenen Strapazen erholt. Unter anderen Bedingungen hätte es dem Mädchen sogar Spaß gemacht, frei dahinzulaufen, nicht überall an Grenzen zu stoßen wie in ihrem unterirdischen Tal. So dagegen überwog die Furcht. Obwohl ihr andererseits nicht in den Sinn wollte, daß eine aus ihrem Stamm etwas Schlimmes mit ihnen vorhaben sollte.
Die Riesin kam immer näher, im allgemeinen gewann sie solche Wettrennen. Achr, der nach Verbündeten Ausschau hielt, spornte seine Freundin noch mehr an, denn sie mußten gleich am Ziel sein. Aber wo blieben der Tapfere Löwe, der Höhlenlöwe Grau, der gewaltige Drache Oicho? Niemand, nicht einmal ein Tiger seines ehemaligen Rudels, war zu sehen.
Armer Achr! Woher hätte er wissen sollen, daß der Katamaran »Arsak« längst fertiggestellt und auf große Fahrt gegangen war. Mit Kau-Ruck und Sor von der Rameria, durch die Große Wüste nach Kansas zu den Farmersleuten Smith. Dort hatte sich Chris, der Sohn der berühmten »Fee des Tötenden Häuschens« Elli, zu ihnen gesellt, und gemeinsam waren sie zum Golf von Mexiko aufgebrochen, um dort nach dem Einbeinigen Seemann Charlie Black zu suchen. Dieser alte Seebär war ja mit seinem Schiff auf ein Korallenriff gelaufen und gesunken. Doch auch der Höhlenlöwe Grau mit seinen Säbelzahntigern war weit weg. Die Tiere hatten längst Abschied von den Bewohnern des Zauberlandes genommen, die damals ihre Zelte am Bauplatz aufgeschlagen hatten und jetzt in einem abgelegenen Wäldchen lebten. Sie hätten im Kampf gegen Arachna allein allerdings sowieso nichts ausrichten können. Dazu hätten sie wenigstens den Eisernen Ritter Tilli-Willi gebraucht.
In der Ferne tauchte der Schwarze Stein des Zauberers Hurrikap auf, den der Tiger unbedingt erreichen wollte, weil dort der Eingang zum Tunnel war. Arachna hatte inzwischen den Berg hinter sich gelassen und war ihnen dicht auf den Fersen. Sie sprühte vor Zorn, daß die beiden ihr zu entkommen drohten. Wenn sie Achr und Ah nicht wieder einfing, würde bald jeder im Zauberland von ihrer Rückkehr wissen. Dabei hatte sie doch vor, seine aufsässigen Bewohner, all diese Käuer, Zwinkerer und Springer, ein für allemal zu unterwerfen. Schnell und ohne daß sie eine Ahnung von der Gefahr bekamen, sollte das gehen. Deshalb mußte sie den Tiger und das Mädchen um jeden Preis schnappen und zu sich in ihre alte Höhle bringen. Dort hausten ihre einstigen Diener, die Zwerge, die ihre Herrin ordentlich aufpäppeln würden. Sobald sie sich dann von allen Strapazen erholt hatte, würde sie ans Werk gehen.
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