„Ich habe einen Flyer“, fügte der Mann hinzu. Er nahm eine glänzende Broschüre von seinem Schwarzen Brett und reichte sie Lacey. „Da sind alle Auktionen von Sawyer & Sons aufgelistet, die dieses Jahr stattfinden.“
Lacey überflog die Broschüre. Die Karte auf der Rückseite zeigte, dass das Auktionshaus in Dorchester nicht weit von ihrem nächsten geplanten Stopp in Weymouth entfernt war. Es wäre kein großer Umweg, wenn sie kurz dort vorbeischauen würde, auch wenn ihr Herz dabei vielleicht noch mehr in Mitleidenschaft gezogen werden würde.
Sie kam zu dem Schluss, dass sie dieses Risiko eingehen musste. Sie hatte sich entschieden, keinen Abstecher nach Canterbury zu machen, während sie in Dover in der Nähe Urlaub gemacht hatte, und diese Entscheidung könnte sie durchaus die einzige wirkliche Spur gekostet haben, den sie zu ihrem Vater gehabt hatte.
Sie bezahlte ihre Waren, bedankte sich bei dem Besitzer des Ledergeschäfts für seine Hilfe und machte sich dann mit Chester auf den Weg zum Lieferwagen. Nachdem sie alles darin verstaut hatte, rief sie in ihrem Laden an, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung war.
„Wie läuft‘s?“, sagte sie in ihr Handy.
„Viel los“, ertönte Ginas Stimme an ihrem Ohr. „Wie läuft es bei der der Schatzsuche?“
Lacey überlegte, ob sie Gina erzählen sollte, was sie über ihren Vater erfahren hatte, entschied sich dann jedoch dagegen. Es laut auszusprechen, würde die Sache irgendwie realer machen, und dazu war sie noch nicht bereit.
„Erfolgreicher, als ich erwartet hatte“, sagte sie ausweichend.
„Also, ich habe gerade mit den Druckern telefoniert“, sagte Gina. „Wie sich herausgestellt hat, haben sie morgen geschlossen, sie können die Plakate also nur heute drucken. Deswegen habe ich ihnen einfach grünes Licht gegeben.“
Nach allem, was sie gerade über ihren Vater erfahren hatte, waren die Plakate so ziemlich das Letzte, woran Lacey im Moment dachte. „Alles klar. Ich vertraue dir. Solange ein Pferd auf dem Plakat ist, muss ich es nicht vorher sehen.“
„Ja, ja. Da ist ein Pferd drauf. Eine Art von Pferd zumindest.“
Lacey schloss die Augen und das Herz rutschte ihr in die Hose. „Eine Art von Pferd? Was soll das heißen?“
„Naja, ich habe das Bild aus dem Internet“, erklärte Gina. „Ich habe nach ‚Rennpferd‘ gesucht und das Bild direkt von der Seite mit den Ergebnissen heruntergeladen. Ich bin also nicht auf die eigentliche Website gegangen.“
Lacey gefiel die Richtung nicht, die dieses Gespräch nahm. „Sprich weiter …“
„Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass das Bild von einer Rettungsstation stammt, einer Wohltätigkeitsorganisation für Pferde, die im Ruhestand sind. Du weißt schon, die keine Rennen mehr laufen, weil sie zu alt sind. Also es ist ein Pferd, nur eben ein sehr altersschwaches.“
Lacey seufzte. Gut, dass die Aufgabe nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. „Hoffentlich fällt es niemandem auf“, sagte sie. „Hör mal, ich muss jetzt Schluss machen. Ich mache einen kleinen Abstecher zu einem Auktionshaus ein paar Kilometer weiter, das ich mir ansehen möchte. Mal sehen, ob ich da vielleicht neue Kontakte knüpfen kann.“
„Natürlich“, erwiderte Gina reumütig. Lacey konnte regelrecht hören, wie sie mit den Augen rollte. „Dann werde ich also die Kasse machen und heute Abend abschließen?“
Ein vertrautes Gefühl von Schuld stieg in Lacey auf. Sie musste sich daran erinnern, dass Gina ihre Angestellte war. Das Erledigen von Routineaufgaben gehörte nun einmal zu ihrer Stellenbeschreibung. „Wenn ich nicht rechtzeitig zurück bin, um mich darum zu kümmern, dann ja.“
„In Ordnung“, seufzte Gina.
Lacey legte auf und sah Chester an. „So wie sie mit mir spricht, könnte man fast meinen, ich würde sie nicht bezahlen! Dabei habe ich ihr sogar dieses große Hydrokultursystem besorgt, wegen dem sie monatelang herumgeheult hat.“
Sie rollte mit den Augen und drehte den Schlüssel in der Zündung herum. Der Wagen sprang stotternd an. Als sie die Hafenstraße entlang in Richtung Dorchester fuhr, betrachtete sie das Ledergeschäft im Außenspiegel. Als sie den Laden betreten hatte, hatte sie nicht damit gerechnet, dass sie mit etwas viel Kostbarerem als Antiquitäten wieder fahren würde: einer heißen Spur zu ihrem Vater.
Das Auktionshaus Sawyer & Sons befand sich auf einer Art englischem Landgut. Laceys Mutter und ihre Schwester würden töten, um dort zu leben. Efeu rankte sich an den verwitterten roten Ziegelsteinen hinauf und um die weißen Fensterrahmen im zweiten Stock. Auf dem Kiesplatz vor dem Haus standen teure Geländewagen. Lacey konnte nicht umhin, rot zu werden, als Toms hässlicher Wagen lärmend neben ihnen zum Stehen kam.
Lacey überprüfte noch einmal die Broschüre, die der Lederwarenhändler ihr gegeben hatte.
„Heute findet eine Auktion statt“, sagte sie zu Chester und warf einen Blick auf die digitale Uhr im Wagen. „Sie beginnt in einer Viertelstunde. Wir müssen uns beeilen, wenn wir einen der Sawyers erwischen wollen.“
Sie sprang aus dem Wagen. Chester tat es ihr gleich. Gemeinsam stiegen sie die Steinstufen hinauf und traten durch die großen Türen des Herrenhauses.
Das Foyer war so prunkvoll und voller Menschen, dass Lacey eher das Gefühl hatte, in einem Theater zu sein und nicht in einem Auktionshaus. Sawyer's war eindeutig eine edle Einrichtung. Sie konnte nicht anders, als sich in ihrer lässigen Kleidung ein wenig fehl am Platz zu fühlen.
Ein Schild über ihrem Kopf zeigte an, dass es direkt geradeaus zum Büro für Bezahlung und Abholung ging. Bitte warten Sie mit der Abholung bis fünf Minuten nach dem Kauf , stand dort. Der Auktionssaal befand sich hinter den Türen auf der rechten Seite, also ging Lacey nach links in den Ausstellungsraum, wo alle Lose der kommenden Auktion ausgestellt waren.
Der Ausstellungsraum war so groß wie ein Ballsaal und voller wunderschöner Antiquitäten. Auf zwei Tischen im Bankettstil, die in der Mitte des Raumes standen, waren Ornamente, Schmuck, Porzellan und Kunst ausgestellt und an den Wänden standen große Möbelstücke.
Lacey spürte einen Anflug von Freude in ihrer Brust. Hier ging der Traum eines jeden Antiquitätenhändlers in Erfüllung. Das war genau die Art von Laden, die sie eines Tages führen wollte. Die Art von Ort, an dem ihr Vater sich schnell verlieren würde …
Eine Schwere legte sich auf ihre Schultern, als ihr einfiel, warum sie überhaupt hierhergekommen war; nicht, um nach Antiquitäten zu jagen, sondern um nach Hinweisen zu suchen, wo ihr Vater abgeblieben sein könnte.
Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Am anderen Ende der Halle stand ein elegant gekleideter Mann. Durch seinen formellen schwarzen Anzug war sofort zu erkennen, dass er der Auktionator bei Sawyer & Sons war.
Lacey machte einige Schritte auf den Mann zu, der jedoch genau in diesem Moment von einem Kunden angesprochen wurde. Sie hielt inne. Chester blickte sie fragend an.
„Ich möchte ihn nicht unterbrechen, wenn er gerade mit einem Kunden beschäftigt ist“, erklärte sie.
Chester schnaubte, fast als wüsste er, dass der wahre Grund, weshalb sie stehen geblieben war, der war, dass sie Zeit schinden wollte und sich deshalb einfach auf die erstbeste Ausrede stürzte, um nicht mit dem Mann zu sprechen. Denn wenn er tatsächlich wusste, was mit ihrem Vater passiert war, was kam dann als Nächstes? Die Angst zu wissen, was mit ihrem Vater geschehen war, schien plötzlich schlimmer zu sein als die Unsicherheit, an die sie sich all die Jahre gewöhnt hatte.
Der Mann im Abzug ging mit dem Kunden davon, um sich um sein Anliegen zu kümmern.
„Sehen wir uns doch die Möbel an, bis er Zeit hat“, sagte Lacey eilig und ging in die entgegengesetzte Richtung.
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