Chester schnaubte erneut und trottete ihr hinterher.
Lacey betrachtete gerade abwesend eine Schreibkommode aus Walnussholz, als eine Stimme neben ihr sagte: „Was für ein wunderschöner Hund.“
Als sie sich umdrehte, sah sie, dass ein Mann neben Chester in der Hocke gegangen war und ihn streichelte. Er war ziemlich elegant gekleidet und trug eine sandfarbene Anzugsjacke, ein weißes Hemd und eine beige Hose. Sein Haar war dunkelblond und lockig.
„Ich bin ein großer Fan von Border Collies“, fügte er hinzu und blickte mit strahlenden blauen Augen zu Lacey auf. Er lächelte, und auf seinen Wangen erschienen Grübchen.
„Er ist ein English Shepherd“, erklärte Lacey.
Als der Mann lachte, blitzten seine perlweißen Zähne hervor. „Ah, Sie sind Amerikanerin. Hier drüben nennen wir sie Border Collies.“
„Ach ja?“, sagte Lacey überrascht. „Das muss ich mir merken.“ Damit konnte sie Gina beeindrucken, wenn sie wieder in Wilfordshire war.
„Das ist eine schöne Rasse, nicht wahr?“, fuhr der Mann fort. „Ich habe als Kind einen Collie bekommen, nur weil ich Colin heiße.“ Er kicherte. „Aber letzten Endes war es eine tolle Idee! Die Hündin ist seitdem meine ständige Begleiterin.“
Er zerzauste Chesters Fell und Lacey warf einen Blick über ihre Schulter, um nach dem Sawyer Sohn Ausschau zu halten. Sie fand ihn und er war wieder allein. Jetzt war die Gelegenheit, um mit ihm über ihren Vater zu sprechen. Aber Lacey war zu nervös, um sich auch nur zu bewegen.
„Tut mir leid“, sagte Colin plötzlich. „Ich kaue Ihnen das Ohr ab, nicht wahr?“
„Ganz und gar nicht“, sagte Lacey und drehte sich um, verlegen, weil sie unhöflich gewesen war, und dankbar, weil sie eine Ausrede hatte, nicht rüberzugehen. „Sie haben mir von Ihrem Collie erzählt.“
Colin hörte auf, Chester zu streicheln und stand auf. Er war groß und schlank. Lacey schätzte ihn auf Mitte bis Ende vierzig.
„Stella“, sagte er. „Sie ist zu Hause. Leider ist sie mittlerweile viel zu alt, um lange unterwegs zu sein. Aber als sie noch jünger war, hat sie Versteigerungen geliebt.“ Wieder lächelte er. „Wie heißt Ihr Hund?“
„Chester“, sagte sie und sah zu, wie ihr Hund mit der Nase voran um den Sockel der Walnusskommode herumlief und dabei interessante, jahrhundertealte Düfte beschnupperte. „Ich habe ihn adoptiert, als ich nach Großbritannien gezogen bin. Eigentlich hat er eher mich adoptiert.“
„Er ist bestimmt ein Schnäppchen-Spürhund, oder?“, scherzte Colin, als Chester seine zweite Runde um die Kommode drehte.
Lacey kicherte. „Er hilft gerne.“
In diesem Moment ertönte eine Stimme über die Lautsprecher. „Meine Damen und Herren, wenn Sie jetzt bitte Platz nehmen würden, die Auktion beginnt in fünf Minuten.“
Lacey blickte zu der Stelle hinüber, wo sie den Sawyer Sohn zuletzt gesehen hatte. Er war verschwunden. Sie hatte die Chance verpasst, mit ihm zu sprechen, weil sie durch ihre Unterhaltung mit Colin zu abgelenkt gewesen war. Oder, um ehrlich zu sein, sie hatte sich von Colin ablenken lassen, weil sie zu nervös war, um dem Hinweis auf ihren Vater nachzugehen.
„Nach Ihnen“, sagte Colin und deutete auf die Tür, die zum Foyer führte.
Sie ging hinaus und überlegte, was sie als nächstes tun sollte, während Chester neben ihr hertrabte. Die Auktion würde mehrere Stunden dauern. Sie konnte nicht bis zum Ende warten, um mit dem Mann im schwarzen Anzug zu sprechen. Dann fiel ihr das Schild im Foyer ein. Nachdem der erste Artikel verkauft worden war, würde sie nur fünf Minuten warten müssen, bevor jemand im Büro war, mit dem sie sprechen konnte. Also ging sie in den Auktionssaal, um die fünf Minuten totzuschlagen.
Colin deutete auf einen Stuhl und Lacey setzte sich. Chester zwängte sich an ihren Beinen vorbei, bevor er sich mit einem herzhaften Gähnen neben ihre Füße legte.
„Da ist aber jemand müde“, sagte Colin und setzte sich neben sie.
„Wir sind heute Morgen früh aufgebrochen“, erklärte Lacey, bevor ihr plötzlich klar wurde, dass sie nur einen Kaffee zum Frühstück getrunken hatte und es jetzt fast Mittagszeit war! Sie gähnte, noch bevor sie sich zurückhalten konnte.
„Sie müssen auch müde sein“, sagte Colin. „Ich hole Ihnen einen Kaffee. Da drüben gibt es Getränke.“
„Das ist nicht nötig“, versuchte Lacey zu sagen, konnte jedoch nicht richtig sprechen, da sich ihr Gähnen in die Länge zog.
Es war zu spät. Colin war bereits losgegangen, um den Kaffee zu holen.
Die Sitze füllten sich schnell, und eine Gruppe älterer Menschen schlurfte die Reihe entlang und auf sie zu.
„Dieser Platz ist besetzt“, sagte Lacey zu einer alten Frau, die zu ihrer Linken auftauchte.
„Was?“, fragte die Frau mit lauter Stimme.
„Dieser Platz ist besetzt“, versuchte Lacey es noch einmal. Sie bemerkte, dass die Frau ein Hörgerät trug, also klopfte sie auf den Stuhl, um ihre Aussage zu unterstreichen.
„Danke, Schätzchen!“, rief die Frau, die Laceys Geste offensichtlich missverstanden hatte und sich prompt auf Colins Platz setzte.
Lacey drehte sich nach rechts, wo sich gerade ein Mann auf Krücken und mit einem gebrochenen Bein auf den anderen freien Platz neben ihr setzte.
Sie stand auf und sah sich um, ob vielleicht irgendwo anders noch zwei Plätze frei waren, nur um festzustellen, dass der Auktionssaal fast vollbesetzt war. Genau in diesem Moment kam Colin mit dem Kaffee wieder. Er blickte zu Laceys beiden Seiten, betrachtete die alte Frau mit dem Hörgerät und den verletzten Mann mit den Krücken und lachte. Mit einem spielerischen Achselzucken stellte er den Kaffee auf dem Beistelltisch ab und nahm weiter oben im Saal Platz.
Lacey sank wieder auf ihren Stuhl und war überrascht, dass sie tatsächlich enttäuscht war, bei der Auktion nicht neben Colin zu sitzen.
Weil es schön ist, Gesellschaft zu haben , sagte sie streng zu sich selbst.
Der Mann im schwarzen Anzug betrat die Bühne, und sein Mikrofon quietschte, als er hineinsprach. „Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich bin Jonty Sawyer und möchte Sie an diesem Wochenende alle bei der Auktion willkommen heißen. Wir beginnen mit zwei sehr eindrucksvollen Kunstwerken des berühmten mexikanischen Wandmalers David Alfaro Siqueiros, die beide bereits in der Memorial Art Gallery in New York ausgestellt waren.“
Vorsichtig stellte die Assistentin das erste Gemälde auf die Staffelei. Es war eine beeindruckende Interpretation eines Pferdes in schwarzen Strudeln.
„Hier haben wir Pferd und Reiter, mit Schuhcreme gemalt“, sagte Jonty Sawyer. Die Assistentin stellte das zweite Bild auf die Staffelei. Es war ein Ölgemälde mit einem Mann auf einem Pferd in leuchtenden Rot- und Brauntönen. „Das zweite Bild ist dieses farbenfrohe Ölgemälde.“
Lacey war fassungslos. Beide Bilder waren wunderschön und absolut perfekt für die Kunden, mit denen sie bei ihrer eigenen Auktion rechnete. Sie hatte nicht erwartet, bei dieser Auktion etwas zu finden, das sie tatsächlich haben wollte, erwischte sich jedoch dabei, wie sie sich bereit machte, auf die Bilder zu bieten. Ihr Herz klopfte vor lauter Vorfreude.
„Das Anfangsgebot liegt bei fünfhundert Pfund“, verkündete Jonty Sawyer.
Lacey hob sofort die Hand.
„Fünfhundert Pfund“, bestätigte Jonty Sawyer und zeigte auf sie.
Weiter hinten in der Halle wurde eine weitere Hand gehoben.
„Fünfhundertfünfzig?“, fragte er, dann nickte er und bestätigte: „Fünfhundertfünfzig.“
Er blickte wieder zu Lacey. Sie hob erneut die Hand, und der Bieterkrieg begann.
Während der Preis immer um weitere fünfzig Pfund in die Höhe getrieben wurde, ließ Lacey ihren Blick durch den Raum schweifen und versuchte, den Bieter ausfindig zu machen, gegen den sie kämpfte. Ihr Blick fiel auf Colin.
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