„Alles klar, okay, ich hab’s verstanden. Ich erwarte, dass Tom so wie David werden wird, obwohl sie sich überhaupt nicht ähnlich sind. Deshalb habe ich mich in ihn verliebt, weil er so anders ist als David. Ich bin nur unzufrieden, weil ich mehr Zeit mit ihm verbringen möchte und es nicht kann.“ Sie streckte sich nach hinten aus und strich über Chesters samtweiche Ohren. „Danke, dass du so ein guter Zuhörer bist, Junge.“
Eine halbe Stunde später fuhr Lacey den Lieferwagen über den Kamm eines Hügels und das offene Meer lag vor ihr. Unten angekommen sah sie den Hafen von Poole, der keineswegs das war, was sie erwartet hatte. Für sie war ein Hafen eine von Menschenhand geschaffene Konstruktion. Der Hafen von Poole hingegen schien natürlich entstanden zu sein, mehrere große Flüsse trafen hier aufeinander. Das Wasser war extrem flach und mit mehreren kleinen Stücken Land durchsetzt. Jachten, Kreuzfahrtschiffe und große Passagierfähren bewegten sich träge durch das Wasser.
„Halt die Augen nach dem Ledergeschäft offen“, sagte Lacey zu Chester.
Sie folgte der Straße, die parallel zum Hafen verlief. Sie war von schicken Strandrestaurants gesäumt, deren Außensitze voll von Wochenend-Ausflüglern waren, die die letzten Wochen der Sommersonne genossen, in der Erwartung, dass sie bald dem Herbst weichen würde.
Herbst. Laceys Lieblingsjahreszeit. Sie war gespannt, wie England aussehen würde, wenn sich die Blätter orange, rot und braun färbten. Wilfordshire würde mit Sicherheit umwerfend aussehen und wenn die High Street zum Jahreszeitwechsel mit kleinen Flaggen geschmückt wurde (was sowohl im Frühling als auch im Sommer der Fall war), würde der Ort sogar noch schöner aussehen. Laceys spann ihren romantischen Tagtraum weiter und stellte sich vor, wie sie mit Tom am Lagerfeuer saß und gegrillte Marshmallows futterte, an einem warmen gewürzten Apfelwein nippte und geröstete Kastanien mampfte.
Falls er überhaupt Zeit dafür hat , dachte Lacey mürrisch und ihr romantisches Bild zersplitterte in ihrem Kopf wie ein zerbrochener Spiegel.
Es gelang ihr nicht, die nagenden Zweifel an Toms Behauptung, dass er nach der geschäftigen Sommer-Tourismussaison mehr Zeit haben würde, abzuschütteln. Immerhin waren da drei Feiertage, die es zu überstehen galt – Erntedankfest, Halloween und die Guy Fawkes’ Nacht –, bevor die Vorbereitungen für die Weihnachtszeit in vollem Gange sein würden. Die Leute würden für jeden einzelnen davon Kuchen und Kekse wollen, ganz zu schweigen von einer aufwendigen Macaron-Auslage fürs Schaufenster. Wenn Lacey etwas über Feiern in Großbritannien gelernt hatte, dann, dass es immer ein dazugehöriges Gericht gab, und Tom würde sich gezwungen fühlen, eine einzigartige Version davon zu kreieren. Nachdem sie seine Oster-Lebkuchenhasen und die Lebkuchenpferde für das Reiterfest gesehen hatte, konnte sie sich bereits vorstellen, wie viel Arbeit er in seine Halloween-Lebkuchenmänner stecken würde. Wie sie Tom kannte, würde er wahrscheinlich ein ganzes Spukhaus aus Lebkuchen bauen! Und er würde sich auch nicht damit zufriedengeben, seine üblichen Croissants und Kuchen zu verkaufen. Dafür hatte sich Tom seinem Handwerk zu sehr verschrieben. Er würde sich stundenlang abmühen, um sich neue Rezepte für mit Zimt gewürztes Apfelgebäck und Kürbismuffins auszudenken. Es war höchst unwahrscheinlich, dass er überhaupt Zeit für sie finden würde.
Plötzlich fing Chester an zu bellen und riss Lacey aus ihren besorgten Grübeleien heraus. Als sie aufsah, stellte sie fest, dass das Ledergeschäft direkt vor ihnen war. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie fast daran vorbeigefahren wäre.
„Danke, Chester“, sagte sie zu ihrem Welpen.
Er bellte stolz.
Sie lenkte den Lieferwagen an den Straßenrand und stellte den Motor ab. Dann sprangen Chester und sie in den strahlenden Sonnenschein hinaus und betraten das Ledergeschäft.
Es war von innen viel größer als Lacey erwartet hatte. Eine große steile Holztreppe zu ihrer Linken deutete darauf hin, dass es neben der Etage, die sie betreten hatte, noch eine weitere gab, die sich endlos weit nach hinten zu erstrecken schien. Als Lacey sich umblickte, sah sie, dass der Laden sowohl neue als auch alte Lederwaren führte, von Cowboystiefeln bis hin zu marokkanischen Sandalen, die direkt aus Marrakesch importiert worden waren, gab es hier einfach alles. Der Geruch war ein wenig überwältigend – Lacey bevorzugte den staubigen, metallischen Geruch von Antiquitäten – und es war sehr dunkel. Die schmalen Gänge waren mit Lederwaren vollgestopft. Handtaschen baumelten von der Decke und es gab zahlreiche Regale, die mit Jacken und hautengen Hosen gefüllt waren, von denen Lacey sicher war, dass sie schon in den achtziger Jahren aus der Mode gekommen waren. Der Laden war so vollgestopft, dass Lacey nicht einmal wusste, wo sie anfangen sollte, nach den antiken Gegenständen zu suchen, wegen denen sie gekommen war.
Sie zwängte sich durch die Gänge und bahnte sich ihren Weg an zwei Schaufensterpuppen – einem Mann in einem Wildlederanzug und einer Frau im Domina-Outfit (sogar mit Peitsche) – vorbei, bevor sie sich an dem erhöhten Tresen wiederfand, hinter dem ein Mann stand. Er war älter, hatte einen langen grauen Bart und trug eine schwarze, mit Quasten besetzte Lederweste über einem weißen T-Shirt, das in einer hellblauen Jeans steckte. Lacey fand, dass er aussah wie ein motorradfahrender, gitarreschwingender Rockstar. Oder zumindest wie ein pensionierter Rockstar.
Sie blickte zu ihm auf. „Könnten Sie mir zeigen, wo ich die Reitausrüstung finden kann? Auf Ihrer Website stand, dass Sie auch alte Sandwichkoffer, Feldflaschen und Flachmänner verkaufen.“
„Solange es aus Leder ist, haben wir irgendwo mindestens einen Artikel davon“, sagte er. Seine Stimme war viel sanfter als sein Aussehen vermuten ließ. „Kommen Sie mit.“
Lacey folgte dem Mann, der, nachdem er von dem erhöhten Tresen hinuntergestiegen war, kleiner war als sie. Geschickt bewegte sich der schlanke Mann durch die Gänge. Lacey musste sich beeilen, um Schritt zu halten. Offensichtlich kannte er den Laden sehr gut und Lacey vermutete, dass er der Besitzer war.
Sie erreichten die steile Holztreppe und stiegen hinauf. Das Holz knarrte unter ihnen. Lacey sah, dass der nächste Stock genauso vollgestopft war wie das Erdgeschoss.
„Ihre Auswahl ist beeindruckend“, sagte sie und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.
„Ich bin jetzt schon seit dreißig Jahren hier“, antwortete er. „Im Laufe der Jahre hat sich eine ganze Menge angesammelt.“
„Das sieht man.“
Er führte sie in den hinteren Bereich des Ladens.
„Steigen Sie auch in den Sattel?“, fragte der Mann.
„Motorradsattel?“, fragte Lacey, die annahm, er würde sich auf seine Kleidung beziehen.
Er lachte. „Nein. Pferdesattel.“
„Oh!“ Lacey lachte ebenfalls. „Nein, ich bin Antiquitätenhändlerin und Auktionatorin. Ich veranstalte eine Auktion zum Thema Pferde, daher mein Interesse.“
„Interessant“, sagte der Mann. „Ich stehe auf Vintage, wie Sie wahrscheinlich sehen können, aber von Antiquitäten habe ich keine Ahnung.“
Sie erreichten die Abteilung des Ladens, die dem Thema Reitsport gewidmet war, und Lacey sah, dass neue und alte Stücke miteinander vermischt waren. Er hatte nicht gelogen, als er behauptet hatte, dass er keine Ahnung hatte. Auf den meisten handgeschriebenen Etiketten standen so banale Dinge wie ‚alte Tasche‘. Es würde ewig dauern, bis sie sich durch alle Artikel durchgearbeitet hatte.
„Haben Sie sowas in der Art gesucht?“, fragte er.
„Mhm-hm.“
„Sind Sie sich da sicher? Denn Sie sehen etwas enttäuscht aus.“
„Es tut mir leid“, sagte Lacey. Als sie ihre Gesichtszüge wieder entspannte, fiel ihr auf, wie sehr sie die Stirn gerunzelt hatte. „Ich glaube nur, dass es eine Weile dauern wird, bis ich alles gefunden habe, was ich suche.“
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