Auf seinem Hosenbein begann sich jetzt ein dunkler Fleck zu bilden. Blut. Das beunruhigte ihn. Er öffnete seine Hose und fuhr sich mit den Fingern so lange über den Schenkel, bis er den Roboter gefunden hatte. Er hielt ihn zwischen zwei Fingerspitzen hoch und betrachtete ihn mit zugekniffenen Augen. Er konnte nur die kleinen Klingen erkennen, die im hellen Sonnenlicht glänzten. »Wo geht die Reise hin?«, murmelte er dem Roboter zu. Das war sogar noch besser. Jetzt sah er endgültig wie ein Verrückter aus, der sich mit den eigenen Fingern unterhielt. Er war jetzt sein eigener Herr. Im Augenblick vertrat er nur noch sich selbst.
Catel zerdrückte den Roboter zwischen seinen Nägeln und wischte seine blutige Hand an seiner Hose ab. Es war, als ob man eine Zecke zerdrückte. Ein Feuerwehrauto raste mit Sirenengeheul an ihm vorbei.
Eine Woche später rückte Lieutenant Dan Watanabe einen Laptopbildschirm zurecht, der auf dem Nachttisch neben einem Krankenhausbett stand. Im Bett lag Eric Jansen. Auf dem Bildschirm war die Aufnahme eines sauber halbierten Roboters zu sehen. Vor allem dessen Innenleben war gut zu erkennen. »Wir haben inzwischen den unbekannten Asiaten identifizieren können, von dem ich Ihnen erzählt habe. Sein Name war Jason Chu.«
Eric nickte langsam. Sein ganzes Bein war bandagiert und sein Gesicht blass und fahl: Anämie aufgrund des hohen Blutverlusts. »Jason Chu arbeitete für Rexatack, das Unternehmen, dem die Patente der Hellstorm-Drohnentechnik gehörten«, erklärte Eric.
»Also hat Mr. Chu einen Einbruch ins Nanigen-Hauptquartier organisiert, um zu erfahren, was Nanigen mit den Patenten seines Unternehmens anstellte?«
»Genauso ist es«, bestätigte Eric.
»Und Sie haben diese Sicherheitsroboter programmiert?«
»Nicht zum Töten. Drake hat sie zu Killerrobotern umprogrammiert.« Er machte die Augen zu und hielt sie eine Weile geschlossen, dann öffnete er sie wieder. »Sie können mich anklagen. Mein Bruder ist tot, und das ist meine Schuld. Mir ist egal, was mit mir passiert.«
»Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge wird keine Anklage gegen Sie erhoben«, antwortete Watanabe vorsichtig.
Eine Krankenschwester kam herein. »Die Besuchszeit ist vorbei.« Sie schaute auf die Monitore von Erics Überwachungsgeräten. »Versteht ihr Jungs diesen dezenten Hinweis, oder muss ich einen Arzt rufen?«
»Ich bin kein Junge, Ma’am«, sagte Dorothy höflich, aber bestimmt und stand auf.
Auch Watanabe wuchtete sich von seinem Stuhl hoch und sagte zu Eric: »Dorothy würde liebend gerne einen funktionierenden Nanigen-Roboter auseinandernehmen und untersuchen.«
Eric zuckte die Achseln. »Der ganze Nanigen-Kernbereich ist voll davon.«
»Nicht mehr. Der ganze Bau ist bis auf die Grundmauern abgebrannt. Dieser ganze Kunststoff brannte wie Zunder. Es war ein höllisches, giftiges Feuer. Hat zwei Tage gedauert, bis es vollständig gelöscht war. Danach war nichts mehr übrig. Auch keine Roboter. Wir haben eine verbrannte Leiche gefunden, die wir für Drake halten. Anhand seines Zahnschemas werden wir das genau feststellen können. Und diese Verkleinerungsmaschine, die ist nur noch ein Holzkohlenbrikett.«
»Werden Sie irgendjemanden anklagen?«, fragte Eric noch, als Watanabe und Girt bereits am Gehen waren.
Watanabe blieb im Türrahmen stehen. »Die Täter sind tot. Der Staatsanwalt steht unter Druck, in der Sache nichts weiter zu unternehmen. Der Druck kommt von – sagen wir mal – Regierungsstellen. Die wollen nicht, dass über diese Roboter geredet wird. Ich glaube, dass man die ganze Sache als Betriebsunfall darstellen wird.« Seine Stimme nahm einen leicht enttäuschten Ton an. »Aber man weiß ja nie«, fügte er hinzu und schaute die wissenschaftliche Forensikerin an. »Das gehört zu der Art von Schlamassel, in der Dorothy und ich gern rumwühlen, nicht wahr?«
»Ich steh auf Schlamassel«, sagte Dorothy Girt etwas spitz. »Gehen wir, Dan. Der gute Mann braucht jetzt seine Ruhe.«
18. NOVEMBER, 9:00 UHR
Der Regen war über Westmolokai hinweggezogen, und der Passatwind wurde immer stärker, rüttelte an den Palmen am Strand und wehte Brandungsspritzer aufs Ufer. Ein Stück vom Wasser entfernt flatterte eine Gruppe von aus Leinwand und Bambus errichteten Zelten heftig im Wind. Der Dixie-Maru-Campingplatz hatte schon bessere Zeiten erlebt.
Aber er war für ein karges Studentenbudget erschwinglich.
Karen King saß auf einem Feldbett und streckte sich. Der Wind hob einen Musselinvorhang im Zeltfenster empor und offenbarte einen herrlichen Ausblick auf den Strand, die Palmen und eine riesige blaue Wasserfläche. Ganz nah am Ufer brach eine weiße Explosion aus dem Meer hervor.
Karen packte Rick an der Schulter und schüttelte ihn. »Ein Wal, Rick!«
Rick rollte sich herum und öffnete die Augen. »Wo?«, fragte er verschlafen.
»Du bist nicht interessiert.«
»Doch, bin ich. Ich bin nur noch schläfrig.« Er setzte sich auf und schaute aus dem Fenster.
Karen bewunderte die Muskeln auf seinem Rücken und seinen Schultern. Im Labor in Cambridge wäre sie nie auf die Idee gekommen, dass unter diesen miesen Flanellhemden, die Rick so gerne trug, ein ansehnlicher Körper stecken könnte.
»Ich sehe nichts«, sagte er.
»Dann warte eben. Vielleicht kommt er noch mal.«
Sie beobachteten schweigend das Meer. In der Ferne waren jenseits des Molokai Channel am Horizont die diesigen Umrisse des Ko’olau Pali von Oahu zu sehen, dessen Bergspitzen von wolkigen Wattebäuschen umhüllt waren. Es regnete auf dem Pali. Rick legte die Hand um Karens Taille. Sie legte ihre Hand auf die seine und drückte sie.
Ohne Vorwarnung passierte es dann wieder. Zuerst der Kopf und dann der restliche Körper eines Buckelwals brachen plötzlich aus dem Ozean hervor, der Wal schoss hoch, drehte sich in der Luft und klatschte mit einer unglaublichen, bombengleichen Wucht auf das Wasser.
Danach schauten sie noch eine Weile auf das Meer hinaus, aber es blieb ruhig. Vielleicht war der Wal abgetaucht oder weitergeschwommen.
Rick brach das Schweigen. »Ich habe einen Anruf von diesem Polizisten bekommen. Lieutenant Watanabe.«
»Was? Das hast du mir gar nicht erzählt.«
»Er sagt, wir dürften Hawaii jetzt wieder verlassen.«
Karen schnaubte. »Sie vertuschen alles.«
»Ja. Und wir müssen in das langweilige, alte Cambridge zurück –«
»Schließ nicht von dir auf andere«, sagte Karen und drehte sich ihm zu. »Ich gehe nicht nach Cambridge zurück. Nicht jetzt.«
»Warum?«
»Weil ich einen Weg zurück … dorthin finden werde.«
»Du meinst die Mikrowelt?«
Sie lächelte nur.
»Aber Karen, das ist unmöglich. Da gibt es keinen Weg – und selbst wenn, wärst du verrückt, wenn du es versuchst.« Er schaute auf seine Arme. Die Blutergüsse waren immer noch nicht vollständig verschwunden. »Die Mikrowelt tötet Menschen wie die Fliegen.«
»Klar – jede neue Welt ist gefährlich. Aber denke doch an all die Entdeckungen …« Sie seufzte. »Rick, ich bin Wissenschaftlerin. Ich muss dorthin gehen. Tatsächlich kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, nicht mehr in diese Mikrowelt zu kommen. Die Technik existiert – und du weißt so gut wie ich, wie das mit der Technik ist. Wenn eine Sache einmal erfunden ist, wird sie nie mehr zurückerfunden.«
»Das gilt aber auch für die üblen Sachen«, warf Rick ein.
»Genau. Die Killerroboter und die Mikrodrohnen werden nicht mehr verschwinden. Menschen werden auf schreckliche neue Arten sterben. Entsetzliche Kriege werden mit dieser Technik geführt werden. Die Welt wird nie mehr die gleiche sein.«
Ein Windstoß schüttelte das Zelt, und das Zelttuch schlug gegen ihre Campingtaschen in der Ecke.
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