Da ihm Siris Worte niemand übersetzte, saß der Kubaner mit ratloser Miene an seinem Schreibtisch.
Lit stand kopfschüttelnd auf. »Aber das … das kann nicht sein. Was ist hiermit?« Er hob seinen Finger, der sich leblos krümmte wie ein aufgespießtes Insekt. Siri trat vor den riesigen Kühlschrank und öffnete die Tür, worauf Tausende von ordentlich aufgereihten Petrischalen zum Vorschein kamen.
»Genosse Lit, wenn es einem Menschen nicht gegeben ist, Wunder zu vollbringen – und diese Fähigkeit ist den wenigsten unserer Mitmenschen zu eigen -, muss er notgedrungen auf Täuschungsmanöver und Taschenspielertricks zurückgreifen. Nachdem feststand, dass unser Freund hier ein Betrüger ist, brauchte ich nur die Tricks Revue passieren zu lassen, mit denen er die vermeintlichen Wunder erklärte. Einige waren schlicht erfunden. Für andere gibt es eine rationale Erklärung. Nehmen wir zum Beispiel seinen sogenannten Liebestrank, mit dem er die junge Krankenschwester in sein Bett lockte. Sie folgte jedoch mitnichten einem Fluch. Vielmehr hatte er sie beim Diebstahl von Medikamenten erwischt, die sie nach Hause schicken wollte, in ihr Dorf. Ihre Liebesdienste waren der Preis für sein Stillschweigen. Simple Erpressung.
Viele seiner anderen Zaubereien lassen sich wissenschaftlich leicht erklären. Er ist nämlich unter anderem ein brillanter Chemiker. Ich habe versucht dahinterzukommen, wie er Ihren Finger zum Atrophieren brachte. Da Sie alle in derselben Höhle einquartiert waren, hat er Sie wahrscheinlich mit irgendeinem Virus infiziert. Wie Sie sehen, verfügt er über eine reichhaltige Sammlung von Kulturen. Er konnte ohne Weiteres nachts zu Ihrer Koje schleichen und Sie mit einem kontaminierten Präparat in Berührung bringen.«
Genosse Lit war wie vor den Kopf geschlagen. Hatte man ihn tatsächlich wie einen naiven Dorfbewohner hinters Licht geführt?
»Ich habe sämtliche merkwürdigen Ereignisse der letzten Zeit Santiago und dem Übernatürlichen zugeschrieben«, sagte er. »Ich habe sie nicht gemeldet, aus Angst vor der Reaktion meiner Vorgesetzten und nicht zuletzt aus Angst vor ihm. Meinen Sie, er hat auch etwas mit Oberst Has Tod zu tun? Anders kann ich mir dessen Reaktion auf den Hinterhalt nicht erklären.«
»Ist ein Gerücht erst einmal in die Welt gesetzt, entwickelt es rasch ein Eigenleben, junger Mann«, antwortete Siri. »Die Nachricht von der Krankheit seiner Tochter hatte den Oberst so schwer getroffen, dass er sich mit Opium darüber hinwegzutrösten versuchte. Ich fürchte, zum Zeitpunkt des Hinterhalts war er auf Grund seines Kummers und seines Drogenkonsums außer Stande, die Situation richtig einzuschätzen. Sein Bursche war der Ansicht, der Oberst sei nicht diensttauglich gewesen. Von Rechts wegen hätte er die Streife eigentlich gar nicht begleiten dürfen. Aber mit Hexerei hatte seine Reaktion nichts zu tun. Das Rauschgift hatte seine Sinne verwirrt.«
»Dann war also auch Isandro und Odons letzte Hoffnung nichts weiter als eine Fata Morgana. Auch sie waren einer Täuschung aufgesessen.«
»Ja und nein. Santiago weigerte sich, die Zeremonie zu vollziehen, weil er wusste, dass er nicht mit dem erhofften Resultat würde aufwarten können. Indem er Odon die Verantwortung übertrug, nahm er den Druck von seinen Schultern. Verstehen Sie? Dr. Santiago glaubt von ganzem Herzen an seine Magie. Er muss furchtbar enttäuscht gewesen sein, als er merkte, dass er damit nichts ausrichten konnte. Aber ich spüre – und vielleicht spürte er es ja auch -, dass Odon weitaus mehr Talent besaß. Er hoffte wohl, auf indirektem Wege doch noch zum Erfolg gelangen zu können, wenn er Odon das Ritual vollziehen ließ.«
»Wollen Sie damit sagen, Odon war ein Schamane?«
»Nein, nur dass er vermutlich über mediale Fähigkeiten verfügte. Er glaubte fest daran, dass der ganze Hokuspokus funktionieren würde und sein Freund und dessen Geliebte tatsächlich vereint in die Ewigkeit eingehen könnten. Das machte ihn für die Geister zu einem attraktiven Werkzeug.«
»Glauben Sie, es hat geklappt?«
Siri dachte an seinen ersten Besuch in der Präsidentenhöhle, an den Schrank und den Schatten der geheimnisvollen Fledermaus zurück. »Möglich wäre es«, sagte er. »Vielleicht ist der Doktor ja ausnahmsweise einmal auf die richtige Formel gestoßen.«
»Dann soll ich ihm sagen, sein Zauber hätte funktioniert?«, fragte Dtui.
»Um Himmels willen, nein. Wir dürfen ihn unter keinen Umständen in seinem Glauben bestärken, dass er tatsächlich die Fähigkeit besitzt, Menschen in die Ewigkeit zu schicken. Je gebremster sein Eifer, desto besser. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass Dr. Santiago in Kürze von seinem Posten entbunden werden könnte. Von Civilai weiß ich, dass die kubanische Botschaft sich brennend für sein Interesse an der schwarzen Magie interessiert. Er tritt vermutlich schon in den nächsten Tagen die Heimreise an.«
Dtui musterte den alten Kubaner, der nach wie vor vergeblich nach einem Zauber suchte, um sich die ungebetenen Gäste vom Hals zu schaffen. »Gut, eine letzte Frage«, sagte sie. »Angenommen, die Zeremonie hatte den gewünschten Erfolg, und Isandro und Hong Lan sitzen jetzt glücklich vereint unter einem Bobaum irgendwo im Himmel und schlürfen ein Fläschchen prickelnden Nirwananektar. Warum gibt Odons Geist dann noch immer keine Ruhe?
»Ah, ja. Gute Frage«, meinte Siri. »Anfangs dachte ich, sein Geist suchte lediglich einen knackigen, makellosen Körper, in dem er die Nächte durchtanzen konnte. Weshalb seine Wahl naturgemäß auf mich fiel. Dann fragte ich mich, was ihn derart aufgebracht hatte. Die Antwort darauf gab mir der Hmong-Späher, der den Überfall in der besagten Nacht anführte. Ein interessanter alter Knabe. Ein echter Exzentriker. Er trägt die Nägel seiner kleinen Finger traditionell lang und lackiert.«
»Der Fingernagel im Grab der Mumie?«
»Genau. Aber das habe ich nicht weiter verfolgt. Er erzählte mir, dass der Überfalltrupp in der Nacht, als der Arbeiter seine Begegnung mit den beiden Kubanern meldete, längst zum Angriff bereitstand.«
»Wie das?«, wollte Lit wissen.
Diesmal beantwortete Dtui seine Frage. »Sie hatten einen Tipp bekommen.«
»Dreimal dürfen Sie raten, von wem«, setzte Siri hinzu. »Santiago wollte die Zeremonie so schnell wie möglich vollziehen. Er war neugierig. Aber er befürchtete auch, dass Odon ihn hinterher erpressen könnte. Oder dass sich herumsprechen würde, dass er, der große Arzt und Magier, ein Schwindler war. Er rechnete wohl nicht damit, dass die vietnamesischen Soldaten Odon umbringen würden. Oder es war ihm egal. Jedenfalls streute er nach dem gewaltsamen Ableben des jungen Mannes jede Menge Indizien, die den Schluss nahelegten, dass Odon der Palo-Priester gewesen war.«
»Und Odons Geist weiß das und sinnt auf Rache«, sagte Dtui.
»Da bleibt nur eins«, befand Siri. Er trat vor den Schreibtisch und lächelte Santiago an. Der Kubaner schien sich von seinem Schock erholt zu haben und war offenbar wieder obenauf. »Würden Sie dem guten Doktor bitte sagen, dass wir alles wissen? Nicht, dass ich seine Machenschaften gutheißen würde, aber ich habe nach wie vor den größten Respekt vor seinen Fähigkeiten als Chirurg. Ich bedauere sehr, dass er seinen Beruf nach Abschluss dieser Angelegenheit wohl nicht mehr wird ausüben können, wünsche ihm aber dennoch alles Gute für die Zukunft.«
Während Dtui übersetzte, reichte Siri dem Kubaner die Hand und bedachte ihn mit einem herzlichen Lächeln. Santiago schlug ein und erwiderte das Lächeln. Zunächst schien er erstaunt über Siris festen Händedruck. Dann dämmerte es ihm.
Der Kubaner schrie und versuchte vergeblich, seine Hand zurückzuziehen. Eine Kraft ging von Siri auf Santiago über. Dtui sah, wie der Kubaner sich auf seinem Stuhl wand und krümmte. Dann richtete er sich langsam zu voller Größe auf, und sein Gesicht wirkte irgendwie jünger als zuvor. Als Siri schließlich seine Hand losließ, schien ein anderer Mensch am Schreibtisch zu sitzen.
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