Es war ein Tag für Heldentaten, Doktor – Heldentaten, die keiner je besungen hat und von denen, wenn überhaupt, nur mit stammelnden Worten berichtet wurde. Wer mich gerettet hat, ob es ein Passagier war oder jemand von der Besatzung, das weiß ich nicht. Jedenfalls hob mich jemand auf wie einen nassen Hund und trug mich hinaus zu einem Rettungsboot. Ich war überzeugt, daß der Sohn der Schlangentänzerin mit seinem blutüberströmten Kopf und den wirren Augen zurückgeblieben war und umkommen würde. Daß ich selbst nicht umgekommen bin, verdanke ich wohl dem Salzwasser, aber es war nicht gerade eine Vergnügungsfahrt; und aus der Woche, die darauf folgte, weiß ich nichts mehr.
In der Geschichte, die ich vor einigen Abenden dem Grüppchen von Farnleigh Close erzählte, berichtete ich als nächstes davon, wie Boris Yeldritch, der alte Zirkusdirektor – längst tot –, mich als »Patrick Gore« in Empfang nahm. Ich habe auch zumindest angedeutet, wie mir zumute war. Sie wissen, warum ich auf meine Verfassung nicht näher eingegangen bin. Boris fand ohne Mühen einen Platz für mich im Zirkus, denn schließlich war ich (was sollen wir darum herumreden) ein Krüppel, der – dank meiner Studien seinerzeit zu Hause – einen wunderbaren Wahrsager abgab. Es war eine Zeit der Schmerzen und Demütigungen, besonders da ich auf meinen Händen »gehen« lernen mußte. Ich will dabei nicht länger verweilen, denn Sie sollen nicht denken, ich wollte Ihr Mitleid oder Mitgefühl – schon der Gedanke bringt mich in furchtbare Wut. Mir geht es wie dem Mann im Theaterstück. Eure Achtung will ich erringen, wenn ich es kann. Euren Respekt werde ich erzwingen, und wenn ich euch dafür umbringen muß. Aber euer Mitleid? Wie könnt ihr es wagen!
Aber mir geht auf, daß ich mich wie ein Tragöde wegen Dingen gebärde, die ich im Grunde schon fast vergessen habe. Lassen Sie uns die griesgrämige Stimmung vertreiben und uns amüsieren über das, was wir nicht ändern können. Sie wissen, was aus mir geworden ist: Ich bin Wahrsager gewesen, falscher Spiritualist und Okkultist, und Zauberkünstler dazu. Vor einigen Tagen auf Farnleigh Close war es fast ein wenig unvorsichtig von mir, daß ich soviel davon verraten habe. Aber ich bin als Mann, der alles weiß, schon unter so vielen Namen und in so vielen Verkleidungen aufgetreten, daß ich nicht groß befürchten mußte, jemand werde mich wiedererkennen.
Glauben Sie mir, in meinem Geschäft ist es nur gut, wenn man keine Beine hat. Ich würde es mir nicht anders wünschen. Aber die künstlichen waren mir oft im Wege, und ich fürchte, wirklich geschickt im Umgang mit ihnen bin ich nie geworden. Schon früh habe ich gelernt, mich nur auf den Händen fortzubewegen, und das mit – wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen – unglaublicher Schnelligkeit und Wendigkeit. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu erzählen, wie oft mir das in meinem Geschäft als falsches Medium nützlich war und welch bemerkenswerte Effekte ich für die Besucher meiner Séancen ersonnen habe. Denken Sie einmal eine Weile lang darüber nach, dann werden Sie es sich ausmalen können.
Bei solchen Auftritten trage ich unter meinen künstlichen Gliedmaßen und den gewöhnlichen Hosen stets noch eine eng sitzende Hose mit Lederflicken, die mir als Beine dienen und auf dem Boden keinerlei Spuren hinterlassen. Da oft alles auf die Geschwindigkeit ankam, bin ich heute in der Lage, meine Beinprothesen binnen fünfunddreißig Sekunden ab- und wieder anzuschnallen.
Und das ist natürlich die schmerzlich einfache Erklärung dafür, wie ich den Automaten bedienen konnte.
Dazu ein paar Worte, da sich die Geschichte nun einmal wiederholt. Es könnte nicht nur schon vorher geschehen sein, es ist schon vorher geschehen. Ist Ihnen klar, Doktor, daß dies das Geheimnis von Kempelens und Maelzels Schachspieler ist? * [* Es ist tatsächlich so, wie Mr. Gore schreibt. Ich bin auf diese Erklärung erstmals in einer alten Ausgabe der Encyclopaedia Britannica gestoßen (9. Auflage, erschienen 1883). Der Verfasser des Artikels, J. A. Clarke, schreibt: »Der erste Operateur war ein polnischer Freiheitskämpfer namens Worousky, der auf dem Schlachtfeld beide Beine verloren hatte. In der Öffentlichkeit trug er Beinprothesen, und das und die Tatsache, daß in Kempelens Gesellschaft kein Kind oder Zwerg reiste, genügte, um beim Publikum jedes Mißtrauen zu zerstreuen, daß jemand im Inneren der Maschine sitzen könne. Der Automat machte mehrere Tourneen durch die Hauptstädte und Residenzen Europas, war für kurze Zeit im Besitz Napoleons I. und wurde nach Kempelens Tod im Jahre 1819 noch von Maelzel vorgeführt. 1854 ging er bei einem Brand in Philadelphia verloren.« Band XV, S. 210.] Mit der einfachen Hilfe eines Mannes von meiner Statur im Inneren der Kiste, auf der die Figur saß, versetzten sie ganz Europa und Amerika fünfzig Jahre lang in Staunen. Wenn dieser Schwindel Leute von so verschiedenem Temperament wie Napoleon Bonaparte und Phineas Barnum täuschen konnte, müssen Sie nicht unglücklich sein, wenn er auch Sie getäuscht hat. Aber in Wirklichkeit sind Sie ja gar nicht darauf hereingefallen, und das haben Sie mir auf dem Dachboden deutlich zu verstehen gegeben.
Ich zweifle nicht daran, daß dies auch im siebzehnten Jahrhundert schon das Geheimnis der Goldhexe war. Verstehen Sie nun, warum der Automat so sehr in Ungnade fiel, als mein verehrter Vorfahr Thomas Farnleigh, der ihn für einen schwindelerregenden Preis gekauft hatte, die Wahrheit darüber erfuhr? Er hatte das große Geheimnis kennengelernt, und wie manch anderer, der in die geheimen Mysterien eingeweiht wird, war er wütend. Er hatte geglaubt, er bekomme ein Wunder. Statt dessen bekam er nur einen raffinierten Trick, und wenn er seine Freunde damit hinters Licht führen wollte, mußte er immer einen eigenen Operateur im Hause haben.
Ursprünglich funktionierte es so: Der Raum im Inneren, davon haben Sie sich selbst vergewissert, ist groß genug für jemanden wie mich. Wenn man erst einmal in der Kiste, dem »Sofa«, steckt und die Tür verschlossen wird, öffnet sich an dessen Oberseite ein Fenster, durch das man an die Mechanik der Figur gelangt. Hier finden wir – mit simplen Gegengewichten versehen – ein Dutzend Hebel, die mit Händen und Körper in Verbindung stehen. In den Knien der Puppe sind Löcher verborgen, die sich von innen öffnen lassen und durch die der Operateur hinaussehen kann. So konnte Maelzels Figur Schach spielen, und so spielte unsere Goldhexe vor hundert Jahren die Cittern.
Eine der besten Ideen bei der Hexe war jedoch das Verfahren, mittels dessen der Operateur ungesehen in die Kiste geschleust wurde. Darin hat der Erbauer der Hexe für meine Begriffe Kempelen noch übertroffen. Zu Beginn der Veranstaltung öffnete der Zauberkünstler die Kiste, damit alle sich vergewissern konnten, daß nichts darin war. Wie kam der Operateur nun hinein?
Ihnen brauche ich das nicht zu erklären. Mit Ihren Bemerkungen auf dem Dachboden am Tag nach dem Mord – die ja ausdrücklich auf mich gemünzt waren – und den Fragen nach dem Kostüm, das der Schausteller getragen hatte, zeigten Sie deutlich genug, daß Sie die Sache durchschaut hatten, und damit wußte ich wiederum, daß ich auf verlorenem Posten stand.
Das traditionelle Kostüm des Zauberers besteht, wie jeder weiß, aus einem weiten wallenden Umhang mit Hieroglyphen darauf, und der Erfinder des Automaten machte sich lediglich diesen Umstand zunutze, wie später nicht ganz so elegant die indischen Fakire. Kurz gesagt, unter dem Umhang verbirgt sich jemand: im Falle des Fakirs ein Kind, das unbemerkt in den Korb klettert, im Falle des Schaustellers unserer Hexe der Operateur, der in den Kasten stieg, während der Zauberer in seiner großen Robe sich an dem Apparat zu schaffen machte und die Lichter im Raum erloschen. In vielen meiner eigenen Programme habe ich den Trick schon mit Erfolg angewandt.
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