Fidelma tat es. Die Wunden und Brandmale sprachen für sich.
»Die hat sie sich nicht selbst beigebracht.«
»Nein. Sie wurde gefesselt und gefoltert, bevor man sie tötete. Schau dir die Stellen an den Handgelenken an. Sie stammen von Riemen. Als sie tot war, muß der Mörder ihr die Fesseln abgenommen und sie ins Meer geworfen haben.«
Wie betäubt starrte Fidelma auf die Leiche der unglücklichen jungen Frau.
»Wenn du erlaubst, Bruder ...« Sie beugte sich vor, nahm die kalten Hände der Toten und untersuchte sie, besonders die Finger und die Nägel. Bruder Midach sah ihr neugierig zu. Fidelma blickte enttäuscht drein.
»Ich hatte gehofft, sie hätte sich gegen ihren Angreifer wehren und irgend etwas packen können, was uns einen Hinweis gäbe«, erklärte sie.
»Nein. Der tödliche Schlag traf sie wahrscheinlich, als sie es nicht ahnte«, sagte Midach. »Sie wurde von hinten erschlagen.«
»Er?« fragte Fidelma scharf.
Midach zuckte gleichmütig die Achseln. »Oder sie, wenn du willst. Obgleich ich nicht glaube, daß eine Frau so etwas tun könnte.«
Fidelma kniff einen Moment die Lippen zusammen, sagte aber nichts.
Bruder Midach erhob sich und klopfte sich den Sand von der Kutte. Er winkte Martan und noch einem Bruder, der aus dem Schatten trat, und wies sie an, die Leiche in die Abtei zu bringen.
»Ich werde die Leiche in die Totenhalle schaffen lassen und dem Abt Bericht erstatten.«
»Sag dem Abt, daß ich bald mit ihm sprechen werde«, sagte Fidelma, erhob sich ebenfalls und schaute nach der kleinen Gruppe von Leuten, die Cass ein Stück zurückgedrängt hatte.
»Meinst du, das hier steht im Zusammenhang mit dem Tod des Ehrwürdigen Dacan?« fragte Midach über die Schulter zurück.
»Das hoffe ich herauszubekommen«, antwortete Fidelma.
Midach verzog das Gesicht und schritt auf das Tor der Abtei zu, gefolgt von Bruder Martan mit der Laterne.
Fidelma ging auf die Gruppe von Menschen zu. Einige wollten anscheinend nichts mit dem traurigen Vorfall zu tun haben, denn sie schlichen sich fort. Cass hatte sich eine Laterne besorgt.
»Wer hat die Leiche gefunden?« fragte Fidelma und blickte einen nach dem anderen an.
Sie sah, wie zwei ältere Fischer im Licht ihrer Fak-keln verstörte Blicke tauschten.
»Ihr braucht euch nicht zu fürchten«, beruhigte sie sie. »Ich möchte nur wissen, wo und wie ihr die Leiche gefunden habt.«
Einer der Fischer, ein rotgesichtiger Mann mittleren Alters, schob sich nach vorn.
»Mein Bruder und ich haben sie entdeckt, Schwester.« Er sprach unsicher und zögernd.
»Erzähl mir, wie«, bat ihn Fidelma.
»Wir waren draußen in der Bucht, dicht bei dem Kriegsschiff aus Laigin, und warfen unsere Netze noch mal aus, ehe es dunkel wurde. Wir dachten schon, wir hätten einen großen Fang gemacht, doch als wir das Netz ins Boot holten, da sahen wir .« er bekreuzigte sich angstvoll, »sahen wir die Leiche der Schwester hier.«
»Wie dicht wart ihr bei dem Schiff aus Laigin?« fragte Fidelma.
»Das Schiff aus Laigin liegt am Eingang zur Bucht, dort ist tiefes Wasser und eine der Stellen in dieser Gegend, wo im Winter der Schellfisch steht. Da findet er viel Meeresgetier und Krebse.« Der Fischer spuckte plötzlich verbittert aus. »Und dann kommt dieses Kriegsschiff und geht genau in den Fischgründen vor Anker.«
»Ich verstehe. Also bist du mit deinem Bruder so dicht wie möglich an das Kriegsschiff herangefahren, um zu fischen?«
»Genau. Wir waren bloß ein paar Meter ab, als wir die arme Schwester ins Netz kriegten. Wir haben die Leiche geradewegs ans Ufer gebracht und Alarm geschlagen.«
Cass, der neben Fidelma stand und die Laterne hielt, beugte sich zu ihr.
»Kann sie vielleicht von dem Schiff aus Laigin ins Meer geworfen worden sein?« flüsterte er.
Fidelma ignorierte seine Bemerkung und wandte sich wieder an die Fischer, die sie unsicher ansahen.
»Wie verlaufen die Strömungen hier in der Bucht?« fragte sie.
Einer von ihnen rieb sich nachdenklich das Kinn.
»Jetzt gerade kommt die Flut herein. Um die Felsen herum sind die Strömungen sehr stark. Sie verlaufen um die ganze Landzunge herum zwischen den Felsen.«
»Demnach könnte die Leiche überall auf der Landzunge ins Meer geworfen worden sein.«
»Sogar auf der anderen Seite der Landzunge, Schwester, auch von dort könnte sie in die Bucht getrieben worden sein.«
»Zur Zeit würde eine Leiche eher an Land treiben als auf See hinaus?« hakte Fidelma nach.
»So ist es«, stimmte der Fischer ihr zu.
»Sehr gut, ihr könnt jetzt gehen«, sagte Fidelma und wiederholte etwas lauter: »Ihr könnt jetzt alle nach Hause gehen.«
Die kleine Gruppe der Neugierigen löste sich auf ihren Befehl langsam und widerwillig auf.
Cass spähte mißtrauisch in die Dunkelheit über der Bucht. Fidelma folgte seinem Blick. Lichter flackerten auf dem Kriegsschiff.
»Kannst du ein Boot rudern, Cass?« fragte Fidelma plötzlich.
»Natürlich«, antwortete er. »Aber .«
»Ich glaube, es wird höchste Zeit, daß wir dem Kriegsschiff aus Laigin einen Besuch abstatten.«
»Wäre das klug? Wenn Schwester Eisten ermordet und vom Schiff ins Meer geworfen wurde ...?«
»Wir haben keinen Beweis, nicht einmal einen begründeten Verdacht dafür«, erwiderte Fidelma ruhig. »Komm, suchen wir uns ein Boot.«
Der Klang der Vesperglocke ließ sie innehalten.
Cass drehte die Laterne so, daß das Licht einen Augenblick auf sein Gesicht fiel. Er sah müde aus.
»Wir verpassen die Abendmahlzeit«, protestierte er.
»Ich bin sicher, wir finden später noch etwas, wir verhungern schon nicht. Jetzt suchen wir uns ein Boot«, erwiderte Fidelma entschlossen.
Fidelma saß im Heck des kleinen Bootes und hielt die Laterne hoch, während Cass sich in die Riemen legte. Über das dunkle, rauschende Wasser der Bucht bewegte sich das Boot auf den großen Schatten und die funkelnden Lichter des Kriegsschiffs aus Laigin zu.
Beim Näherkommen sah Fidelma, daß mehrere Laternen das Deck des schlanken Schiffes erhellten. Männer bewegten sich darauf hin und her.
Sie waren nur noch wenige Meter vom Schiff entfernt, als sie angerufen wurden.
»Antworte«, murmelte Fidelma, als Cass an den Riemen zögerte.
»Schiff aus Laigin ahoi!« rief der Krieger. »Ein dalaigh des Gerichtshofs der Brehons will an Bord kommen.«
Mehrere Augenblicke herrschte Schweigen, dann antwortete dieselbe Stimme, die sie angerufen hatte.
»Kommt an Bord und seid willkommen.«
Cass steuerte das Boot längsseit unter eine Strickleiter, die von der Reling herabhing. Ihm wurde ein Tau zugeworfen, mit dem er das Boot festmachte, während Fidelma behende die Leiter emporkletterte und sich über die Reling schwang.
Auf dem Deck sah sie sich einem Dutzend verwegen aussehender Männer gegenüber, die sie verblüfft anstarrten.
Sie hörte, wie Cass hinter ihr hinaufstieg. Ein Mann, dessen Gesicht nicht zu erkennen war, kam mit dem wiegenden Gang eines Seemanns auf sie zu und schaute von Fidelma zu Cass. Sein Blick blieb schließlich an Cass haften.
»Was willst du, dalaigh?« fragte er unfreundlich.
»Ich bin es, die du anreden mußt«, wies Fidelma ihn zurecht. »Ich bin Schwester Fidelma von Kildare, dalaigh am Gerichtshof der Brehons.«
Der Mann wandte sich mit einem Erstaunen zu ihr, das er rasch zu überspielen wußte.
»Von Kildare, so? Vertrittst du Laigin?«
Fidelma ärgerte sich über den verwirrenden Umstand, daß ihr Mutterkloster Kildare tatsächlich im Königreich Laigin stand.
»Nein. Ich gehöre zwar zur Gemeinschaft von Kil-dare, aber in dieser Angelegenheit vertrete ich das Königreich Muman.«
»Schwester, ich möchte nicht ungastlich erscheinen, aber dies ist ein Kriegsschiff des Königs von Laigin und steht unter seinem Befehl. Ich meine, daß du hier nichts zu sagen hast«, stellte der Seemann hämisch fest.
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