Der König nickte, und so ihre Einlassung noch nachträglich gutheißend schwieg er wieder, als gälte ihre Aufforderung über das Grab hinweg nun ihm selbst. Was es wohl war, was er verschwieg? Ob er es selbst wußte? Zumeist saß er einfach da, und sein Blick glitt, ohne sich festzuhaken, über Marie hinweg nach draußen, während die Parkettböden des Schlößchens unter den Schritten derer knarrten, die vor der Tür unruhig antichambrierten und darauf warteten, daß ihr Herr endlich zurückfinde in die Wirklichkeit. Doch es war, als säße der König blind und taub im Parkettknarren seiner Diener und vergäße alles um sich her, und Marie, die Hände vor der Schnürung ihres Kleides gefaltet, stand geduldig bei ihm an der glänzenden Holztäfelung neben dem hohen Fenster.
Niemand hatte sie jemals auf diese Weise betrachtet. Der König sah sie an, ohne daß sein Blick irgend etwas an ihr zu finden schien, und als sie das bemerkte, spürte sie im selben Augenblick, wie sehr sie es genoß. Als könnte sie sich unter dem völlig gleichgültigen Blick selbst vergessen. Irgendwann wagte sie es, die Augen zu schließen, um diesem Gefühl nachzuspüren, dem Honigfluß dieses seltsamen Triumphes, der wohl darin bestand, dem König zu gehören. Der Rücken tat ihr weh, und ihre Füße, eingeschnürt in den ungewohnten Seidenschühchen, begannen erst zu kribbeln und dann zu pulsieren vor Schmerz, doch auch der Schmerz ließ sie triumphieren. Und obwohl ja nichts Unsittliches darin lag, flatterten ihr doch die Augenlider vor Erregung. Wie ein Tierchen war sie. Nein, wie etwas noch viel Geduldigeres. Noch viel Nachgiebigeres. Noch viel Stummeres. Stand mit zitternden Lidern vor dem König und spürte lächelnd auf der eigenen Haut, wie sein Vergessen sie zu einem Ding werden ließ.
Als sie sich das mit Herzklopfen zum ersten Mal eingestand, mußte sie einen Moment ihre Schenkel gegeneinanderdrücken, um die Spannung zu verringern. Sie war ein Ding. Ein Ding, das man benutzte, selbst dann, wenn man es vergaß. Denn auch dann war es da. Sie gehörte ihrem König wie die Insel, auf der sie waren, und die ebenso stumm blieb wie sie, was auch immer geschah. Und die immer da war. Hierher, wußte Marie, gehörte sie. Hier konnte ihr nichts geschehen. Hier war sie schön. Ich bin kein Monster, dachte sie. Und spürte, wie das Vergessenwerden ihr Fleisch mit seinem sehnenden, lustvollen Schmerz mazerierte. Sie triumphierte unter ihren geschlossenen, wenn auch zitternden Lidern, und ein Lächeln zuckte um ihre Lippen. Sie zwang sich, ganz flach zu atmen, und stand still, ganz still.

Der Schnee wollte lange nicht schmelzen im fahlen Licht des kalten Frühjahrs, das auf den Winter 1812 folgte, doch als das struppige Pferd seine Hufe zögerlich auf das Eis des Ufersaums setzte, zerbrach es mit lautem Krachen. Marie blieb überrascht stehen, im Arm das Bündel Reisig, das zu holen Fintelmann ihr und ihrem Bruder aufgetragen hatte. Christian war in diesem Moment viel zu weit weg, als daß er hören konnte, was sie hörte, und dennoch sah sie sich aufgeregt nach ihm um, während das Pferd durch das nun aufspritzende Wasser auf sie zustampfte.
Soldaten! War es nur einer, oder waren es mehrere? Marie rührte sich nicht, sie war ja so klein, vielleicht übersah man sie. Ein Kind, was sollte man auch damit? Verstohlen musterte sie die Uniform dessen, der da auf sie zukam. Wenn sie auch hier auf der Insel weit weg vom Krieg lebten, kannte sie doch wie alle die Uniformen der Franzosen, aber eine solche Aufmachung hatte Marie noch nie gesehen: eine schwarze Schafsfellmütze und ein weiter brauner Filzmantel, dessen Schöße über das Hinterteil des wirklich sehr struppigen Pferdes bis fast auf den Boden fielen. An den Kragenstücken weiße Litzen, orientalische Hosen, an der Taille von einem Gürtel gerafft, dazu schwarze Stiefel.
In diesem Winter sprach man auch auf der Pfaueninsel viel von den nicht enden wollenden Zügen der verwundeten und mit Erfrierungen bedeckten französischen Soldaten der Grande Armée, die auf ihrem Rückzug aus Rußland durch Berlin kamen, in Lumpen gewickelt, die Kürassiere ohne Pferde, ihre Sättel auf den Rücken, ohne Gewehre die Infanterie. Und von den Russen flüsterte man hinter vorgehaltener Hand, sie folgten ihnen bereits auf dem Fuße. Das, schoß es Marie durch den Kopf, mußte einer der Kosaken des Generals Tschernitschew sein, der die Oder überquert haben sollte. Oder einer der Kalmücken aus der asiatischen Steppe, von deren Grausamkeiten die Franzosen nur das Allerfürchterlichste berichtet hatten.
Bevor der Hof nach Breslau geflohen war, hatte Kronprinz Wilhelm seinem Freund Gustav noch ein Billett geschrieben: Im nächsten Sommer werde er zurück sein auf der Pfaueninsel. Dann die unerhörte Kapitulation Yorks. Die lange erhoffte Proklamation des Königs. Lützows wilde, verwegene Jagd. Auch die Hofgärtner schickten ihre Söhne in den Krieg. Ein Sello und ein Schulte waren gefallen. Von einem Fintelmann hieß es, er überbringe, als Bauer verkleidet, der mit Rosenwildlingen handele, geheime Depeschen ins Hauptquartier. Marie bezwang ihre Angst und schaute geradewegs in das breite Gesicht mit den gewaltigen Wangenknochen und sehr kleinen blinzelnden Augen.
Das Pferd stand jetzt still und dampfte im harten Licht. Von seinem nassen Fell tropfte an den Flanken und vor allem an dem sich schwer auswölbenden Bauch das Havelwasser hinab. Marie sah Handschuhe aus weißem Leder, zwei gekreuzte Pistolen im Koppel, an der Seite einen Säbel, in der Ellbeuge eine Lanze, der Schaft rot bemalt, mit einer Eisenspitze, die vor ihrem Gesicht auf und ab tanzte. Sie verstand nicht, was der Soldat sagte. Ließ vor Schreck das Holz fallen. Der Soldat lachte. Die Lanze tanzte. Und sie fiel in das Lachen ein, bis es verstummte. Der Soldat musterte sie nachdenklich. Dann deutete er lächelnd eine Verbeugung an und verschwand im Unterholz des Ufers. Marie hörte, wie die Hufe das Eis mit jedem Schritt zerstampften, nur allmählich wurde es leiser, dieses Krachen und das Prusten des Pferdes.

Marie tippte mit dem Zeigefinger ganz sanft gegen das Glas, und es begann sich mit klingelndem Scharren um eine imaginäre Achse zu drehen. Das rote Leuchten, dunkel und warm darin gefangen, warf zitternde Splitter um sich her auf das weißgestrichene Fensterbrett und das rauhe Steinzeug der Blumentöpfe. Dann lag das Glas wieder still. Ein altes Weinglas, das keinen Stiel mehr hatte und aus dessen gewölbtem Rand ein Stück ausgebrochen war wie ein zackiges Blatt und das so mehr einem Blütenkelch glich als einem Gefäß, dort im Fenster vor dem Sekretär des Onkels, zwischen den Töpfen mit den Pelargonien. Gustav hatte es entdeckt und auf einen Moment gewartet, an dem niemand zu Hause war außer ihnen beiden, um es Marie zu zeigen. Er hatte sie vor den Kelch geführt, dessen tiefdunkelrotes Glas das helle Sonnenlicht aufleuchten ließ, und Marie war sofort wie verzaubert. Die Pelargonien verbreiteten ihren Geruch nach Zitrone.
»Ist von Kunckel«, flüsterte Gustav.
Marie spürte die Aufgeregtheit und den Schauder in seiner Stimme. Großvater Fintelmann, der über Jahrzehnte den Obst- und Gemüsegarten des Schlosses Charlottenburg betreut hatte, nach seiner Pensionierung auf die Insel gekommen und schon im nächsten Jahr an Entkräftung gestorben war, hatte ihnen immer wieder die Geschichten vom Alchimisten und Goldmacher Johann Kunckel erzählt, der einst hier gelebt hatte. Das papierne Gesicht im Lehnstuhl mit der spitzen großen Nase, die Augen gelb. Kunckel war Marie egal, aber von dem roten Glas konnte sie den Blick nicht lassen, nicht genug bekommen von dem Feuer darin, wieder und immer wieder stieß sie den Kelch vorsichtig mit ihrem Zeigefinger an, ganz leicht nur, und immer wieder vollführte er seine Drehung um den imaginären Zirkelpunkt. Kippelte dann, mit winzigem Zittern, über unsichtbaren Unebenheiten des hölzernen Fensterbrettes und erstarrte schließlich laut- und bewegungslos.
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