Jeden Tag, wenn Kornitzer in die Rechtsanwaltskanzlei fuhr, sah er Männer, junge, alte, die, kaum daß sie in eine Straßenbahn eingestiegen waren, offenbar an nichts anderes mehr denken konnten, als eine Frau ausfindig zu machen, vorzugsweise eine hübsche, ersatzweise auch eine unscheinbare, um die drangvolle Enge zu nutzen und sich an ihr zu reiben. Kornitzer versuchte manchmal, den genervten oder angeekelten Blick der Frau aufzufangen, aber das gelang nicht. Das Objekt des Übergriffes wollte nicht Subjekt des einverständigen Schauens, des gegenseitigen Sich-Anschauens werden. Der Blick ging ins Leere, Vage. Und es wäre ebenfalls ein Übergriff gewesen, an der Haltestelle, an der die Frau ausstieg, ihr zu folgen und sie anzusprechen: Man habe gesehen, gespürt, was ihr in der Straßenbahn widerfahren sei, ob man sie auf eine Limonade oder einen Kaffee einladen dürfe. Dieser Impuls mußte streng zurückgedrängt werden. Die Kränkung der Frau war nicht zu reparieren. Im Gegenteil: Die nachgetragene Freundlichkeit erregte Argwohn. Die Kränkung war für die betroffene Frau, ja, fast jede war einmal betroffen, nur durch das Wiedereintauchen in die Menge abzuwaschen. Durch die vermeintliche Linderung brannte sie sich in das Gedächtnis, das der Frau und gleichzeitig in das des zufälligen, mitleidigen Zeugen.
Und es gab andere Männer, die es schafften, wenn die Straßenbahn leerer war, sich vor einer Frau aufzumandeln und ihr zehn, fünfzehn Stationen lang auf die Beine oder — wenn sie es romantischer haben wollten — in die Augen zu sehen, sich wer weiß was erhoffend, emotionale Hungerleider. Aber der Gipfel waren die visuellen Aggressionen, denen Frauen ausgesetzt waren, die in der Straßenbahn saßen, die in die entgegengesetzte Richtung fuhr. Die Wagen kreuzen sich für Sekunden, die Scheibe, durch die die Frau sichtbar wird, ist schmutzig, aber es fehlt nie ein schmuddeliger, fettiger oder krankhaft glatzköpfiger Kerl, der die Frau frech oder geil oder herausfordernd (oder alles zugleich) anglotzt. Welche Funktion hat dieser bannende Blick? Das innere Sammelalbum mit Frauenbildern ( posiciones ) zu vergrößern? Die Hoffnung, die beobachtete Frau bei einer Reaktion auf dieses blitzartige sexuelle Ansinnen zu überraschen? Und selbst wenn er einen Blick des Einverständnisses erhaschen könnte, wie sollte er so schnell von der einen Straßenbahn in die Straßenbahn der entgegengesetzten Richtung wechseln können? All das war hirnverbrannt und illusorisch, möglicherweise der Reflex eines leerlaufenden Jagdinstinkts, der dann in der Häuslichkeit mit der häßlichen, blauädrigen und schon verschlissenen eigenen Frau zu einem erhitzten und gleichzeitig gelangweilten Verkehr führte. Der Unterrock blieb im Gedächtnis. Nur das Bilderkino im Kopf flimmerte: Die Frau aus der Straßenbahn blickte stumm und verachtend auf das fremde Bett, in der eine Ehefrau verraten worden war. Kornitzer sah das alles und dachte darüber nach. Ein Ergebnis konnte sein Nachdenken nicht haben, es war eher ein Schauen, an das sich Gedanken hefteten, von denen er sich wünschte, daß sie in der Hitze nicht klebrig wurden.
Er hätte gerne mit Señora Martínez besprochen, wie sie solche Übergriffe einschätzte, moralisch und ästhetisch, und wie sie sie erlebt hatte, aber dann scheute er sich doch, denn er schätzte, daß Señora Martínez höchstens vier, fünf Jahre älter als er war und daß es vermutlich auch beleidigend war, sie nach vielleicht historischen Erfahrungen zu befragen, die zweifellos mit einem männlichen Begehren zu tun hatten, aber in die Vergangenheit gerichtet und irgendwann versickert waren. Hatte dieses Ende Señora Martínez erleichtert oder beschämt, weil sie an ein Alter, eine Begrenzung des Begehrtwerdens erinnert wurde? Und er überlegte, warum Señora Martínez, die sich nicht nur die Fingernägel polierte, sondern auch sonst eine Menge von Tricks ausgedacht hatte, um sich und vor allem ihre kostbare Arbeitskraft zu schonen, überhaupt Angestellte in einer Rechtsanwaltskanzlei war und warum sie vor seinem Eintreffen die einzige Angestellte gewesen war. Eine ehemalige Geliebte, die abgefunden werden mußte? Oder eine, die sich bewährt hatte durch Anhänglichkeit? Oder eine abgewiesene, die sich nicht beirren ließ und auf eine weitere Chance wartete? Und dann schoß ihm siedendheiß ein Gedanke an Claire in den Kopf, an Frau Claire Kornitzer, und daß man auch fragen mußte, warum und wie sie jetzt arbeitete und unter welchen Umständen. Gab es keinen Herrn Martínez, wie es keinen Herrn Kornitzer mehr gab, der einen der Dame angemessenen Status garantierte? Und so hörte er sofort auf, in Gedanken Fragen an Señora Martínez zu stellen, weil er nicht wollte, daß ähnliche Fragen an Claire gestellt würden. Fragen, die auch ihn betrafen, den nicht mehr anwesenden Ehemann, den Ehemann, der die Frau aus Gründen, die nicht jeder auf Anhieb im Gesicht der Ehefrau lesen konnte, verlassen hatte, verlassen mußte. Und so blieben seine Fragen unbeantwortet.
Mit dem Kriegseintritt Kubas war jede Verbindung nach Deutschland unmöglich geworden, auch das Rote Kreuz konnte nichts tun. Er mutmaßte, er taxierte, aber mehr wollte er wirklich nicht tun, ohne sich unangemessen in das Leben einer Frau einzumischen, mit der er nun einmal ein Vorzimmer teilte und nicht mehr. Daß sie in einem schönen, beruhigenden Alt und kurz danach auch manchmal in einem energischen Flötenton (schrill wie ein siedender Wasserkessel) viele Antragsteller, Bittsteller, die vielleicht zukünftige oder ehemalige Klienten waren, fernhielt, sparte auch ihm Arbeit. Und so fand er sich in einer seltsamen Solidarität, Kameradschaft mit der bronzefarbenen Frau, die ihre Lippen morgens und abends ziegelrot schminkte (anstrich?) und gründlich leckte. Er sah durchaus, wenn sie eine neue Bluse trug, mandelblütenfarbene Schluppen um den Hals, ein halsferner Kragen in Azurblau oder eine blaßgelbe Rüsche, die auch bis über den Schulteransatz ragte, er sah es, registrierte es und sagte zu sich selbst: Es geht mich nichts an. Halt den Mund, Richard! Und keine Komplimente!
Ob er und seine Flüchtlings-Absonderlichkeiten, seine Empfindlichkeit, seine Traurigkeit Señora Martínez im Gegenzug etwas angingen, ob sie sich grundsätzliche Gedanken machte über den Mann, der ihr nun eben täglich gegenübersaß und ihre Geduld und Sprachfähigkeit strapazierte, darüber konnte sich Kornitzer wirklich keine Gedanken machen. Hätte er sie sich gemacht, er wäre in Grund und Boden gesunken oder hätte sich vor der Vorzimmer-Kollegin unter dem Schreibtisch schamvoll versteckt. Doch deswegen war er nicht eingestellt worden.
Und dann geschah etwas, das Kornitzer ausklammern wollte aus dem gelassenen Hin und Her zwischen Máximos Hotel mit den vielen Emigranten und der Rechtsanwaltskanzlei mit den Unwägbarkeiten. Er fuhr wie an jedem Tag mit der Straßenbahn, er sah in der drangvollen Enge den rasierten Nacken einer Frau und den schönen, sehnigen Hals darunter, er sah auch einen ersten knochigen Wirbel, ein Höckerchen, jedenfalls einen nicht von einem winzigsten Fleischkissen ummantelten Knochen, darüber karamellfarbene Haut gespannt. Und dann hörte er einen Zornesschrei der Frau, sie stieg aus an einer Haltestelle, eine Mietskasernen-Gegend mit dunklen Lichthöfen, und er stieg auch aus. Er sah sofort den feuchten Fleck auf ihrem Rock, an dem sie nervös und angewidert rieb, und sie stieß auch einen Fluch aus, der hier wiederzugeben nicht angemessen erscheint, aber der eben doch markerschütternd war. Kornitzer jedenfalls hatte zuerst den rührenden, mageren Wirbel gesehen, dann den Fleck, nun sah er das empörte Gesicht der jungen Frau. Im Prinzip sagte das Gesicht: Und was willst du denn noch? Noch einer! Aber er hatte schon getan, was er nie tun wollte, hatte in seine Tasche gegriffen und ein sorgfältig gebügeltes, gefaltetes Taschentuch hervorgezogen — ja, die Zimmermädchen in Máximos Hotel arbeiteten zufriedenstellend —, und er gab es der jungen Frau in die Hand. Sie dankte knapp, wischte, wischte an sich herum und schimpfte über alles, was männlich, kubanisch und schweinisch war. Dazu wollte Kornitzer — taktisch oder nicht taktisch — keinen Kommentar abgeben. Aber er betrachtete ihr Gesicht, das vielleicht in seinem Liebreiz nicht ganz auf der Höhe des obersten Wirbels war, aber plötzlich hatte sie ein Glitzern in den Augen. Ob sie erfreut war über seine Hilfsbereitschaft oder nur über das feine, noch aus Breslau stammende Batist-Taschentuch, wußte er nicht. Aber was tun mit dem Taschentuch, das sie ihm, nun ja, befleckt, befeuchtet zurückgeben mußte?
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