An einem der nächsten Tage kam ein aufgeregter Aufseher in den Schlafsaal und holte Deutsch ans Telephon der Kanzlei. Deutsch glaubte, das müsse ein Mißverständnis sein. Aber er war wirklich gemeint! Am Telephon meldete sich ein Major Estuvo und stellte sich als Flügeladjutant Seiner Exzellenz des Staatspräsidenten der Republik Kuba vor. Mit ausgesuchten, zierlich gedrechselten Redewendungen begrüßte er ihn und machte ihm die Mitteilung: Das Offizierskorps der kubanischen Armee habe von seinem Mißgeschick erfahren, den Offizieren sei es nicht recht, einen Kameraden in einer solchen Lage zu wissen. Sie hätten ein Gesuch eingereicht mit dem dringenden Wunsch nach Freilassung seiner Person . Und der Staatspräsident werde dem Gesuch in kürzester Zeit Folge leisten. Das war alles sehr verwirrend. Doch in der nächsten Nacht schlief Julius Deutsch sehr viel ruhiger auf seinem Strohsack.
Zwei Tage später wurde er in das Immigrationsamt befohlen. Dort wartete auf ihn eine feierliche Zeremonie. Er wurde zwei Vertretern des kubanischen Offizierskorps vorgestellt, Herren mit beeindruckenden Epauletten, pistaziengrünen Ordensbändern und zackigen Schnurrbärten, einem Vertreter der Kanzlei des Staatspräsidenten, auch sehr schön geschmückt wie ein Zirkuspferd, einigen höheren Beamten, deren Funktion er nicht verstand, und schließlich war auch der frühere österreichische Konsul Edgar von Russ anwesend. Señora Gomez, die nunmehrige Chefin des Immigrationsamtes, eine Dame mit Sonnenbrille, großer Perlenkette und großen Füßen, an denen sie makellose Spangenschuhe aus sandfarbenem Wildleder trug, hielt eine formvollendete Rede. Es war wie eine Sprechszene aus einer noch nicht geschriebenen Operette, die um die Jahrhundertwende herum spielte. Der Tribut der Armee. Die Ehre des Staates. Die internationale Solidarität, die sich noch nicht zu ihrer vollen Blüte entfaltet hatte. Señora Gomez drückte ihre Genugtuung darüber aus, daß das Offizierskorps seine Befreiung veranlaßt und daß der Präsident ausnahmsweise auch den Verzicht auf Gebühren angeordnet habe. Diesen Programmpunkt hielten die anwesenden Kubaner offenbar für das Bedeutungsvollste des Gnadenaktes. Und so feierlich wie der Akt begonnen hatte, endete er auch: Mit allseitigen Verbeugungen (Verrenkungen?) und Toasts auf die ruhmreiche Republik Kuba, die doch ein Rohr im Winde war, ein Rohr, von den USA gestützt, geschützt, egal in welcher Lage. Unter den Zuckerbaronen waren US-Amerikaner, auch jüdische US-Amerikaner, die ihre Sympathien und Antipathien für oder gegen europäische verarmte Juden nicht so deutlich zeigen wollten. Mit anderen Worten: unsichere Kantonisten, nur sicher auf dem Feld, auf dem die Konjunktur gerade blühte.
Ungerupft kam Deutsch allerdings auch nicht davon. Anstatt an die Kasse des Einwanderungsamtes mußte er einige hundert Dollar (geliehene Dollar) an den Fürsorgefonds der Offiziere zahlen, vollkommen freiwillig natürlich. Julius Deutsch erzählte das mit einem gewissen grimmigen Vergnügen, als seine wirklichen Befreier einen kleinen Umtrunk mit ihm hielten. Rechtsanwalt Santiesteban Cino hatte dafür seine Räume zur Verfügung gestellt, und es wurde ein schöner Abend, bei dem Señora Martínez etwas spitzmäulig Flasche um Flasche öffnete, wozu sie eigentlich nicht angestellt war, ein Abend, bei dem alle stolz waren, wie sie sich gegenseitig in die Hände gespielt hatten und wie dabei das kubanische Militär sein Gesicht gewahrt und einen Coup gegen die Einwanderungsbehörde gelandet hatte. Auch die kommunistische Rechtsanwältin war anwesend, aber sie blieb schweigsam, stirnrunzelnd, und auch Santiesteban Cino richtete kaum ein Wort an sie. Sie taute erst auf, als sie Fritz Lamm sah. Es war wohl eine merkwürdige Koalition, die unter anderen Bedingungen als zur Feier der Befreiung des prominenten Häftlings keine Stunde miteinander verbracht hätte, doch an diesem Freudentag einen Abend, der bis in die tiefe Nacht reichte. Von Tiscornia wollte Deutsch dann auch nicht mehr sprechen, und er wollte auch nicht in Kuba bleiben, auch nicht in einem anderen lateinamerikanischen Land; das war nachzuvollziehen. Und so verschwand er bald aus den Augen der Emigranten. Später erfuhr Kornitzer, Deutschs Name habe als ein Emigrant erster Klasse auf einer Special Rescue-Liste , die Roosevelt vorgelegt und genehmigt worden war, gestanden.
Fritz Lamm dagegen schüttelte sich in der Hitze Havannas wie ein begossener Pudel, wenn er von seiner Haft erzählte. Er war bewundernswert. Er litt unter Asthma-Anfällen, mußte ab und zu in ein Krankenhaus und konnte die Rechnungen nur mit Geldspenden von Freunden aus den USA und aus Kuba begleichen. (Oder war er einfach stoischer, dickfelliger dem Leiden gegenüber? Nahm er das Leiden an als einen Anteil an seinem Sozialismus? Kornitzer konnte ihn das schlecht fragen.) Der Großteil der Flüchtlinge blieb mehr als ein halbes Jahr in Tiscornia interniert. Als ein sieben Monate altes Kind im Lager starb, gab es einen Aufruhr. Kurz danach kam es zu einem spontanen Essensstreik, weil die Mahlzeiten unbeschreiblich schlecht und die Töpfe und das Geschirr schmutzig waren.
Fritz Lamm wußte, daß die Leitung der SAP in der schwedischen Emigration war, er spann Kontaktfäden, aber das gelang nicht wirklich. (Vermutlich kam den Genossen in Schweden die Anfrage aus Kuba operettenhaft vor, warum war der so ernsthafte Genosse nicht in einem „wirklich“ sozialistischen oder zumindest sozialdemokratischen Land gelandet? Es schien sein Fehler zu sein. Das Land schien unseriös, und das färbte auf den Emigranten gleich ab. Wie ein Lila oder Türkis, etwas Ungefähres. Die dramatische, auch banale Klarheit Rot und Schwarz fehlte. Rot und Schwarz waren die Farben der unglücklichen Nachbarinsel Haiti.) Lamm war so optimistisch zu glauben, daß der Sozialismus lebendig sei und er nach dem Ende des Krieges trotz aller Niederlagen die SAP-Genossen und ihre Gedankenwelt, die er vor zehn Jahren verlassen mußte, wiederfinde.
Durch Fritz Lamm lernte Kornitzer auch Emma Kann aus Frankfurt am Main kennen. Sie war noch jünger als Lisa und Hans und auch Fritz Lamm. 1933 war sie als Au-pair-Mädchen in England von der Machtergreifung Hitlers überrascht worden, sie hatte dann als Sprachlehrerin in Internaten in Südengland arbeiten können und glücklicherweise 1936 ein Angebot einer Import-Export-Firma in Antwerpen bekommen und angenommen. (War es in Philipp Auerbachs Firma? Sie wußte es später selbst nicht mehr.) Das war eine glückliche Zeit, bis zum Überfall der deutschen Truppen auf Belgien im Mai 1940, bis zu ihrer Flucht nach Frankreich. Auch sie war im Lager Gurs gewesen, aber sie konnte sich nicht an Lisa erinnern und Lisa nicht an sie. Es waren so viele, so viele, sagten beide übereinstimmend, tausende von Frauen, zwölftausend. An ihre überaus energische Mitgefangene Hannah Arendt konnte sich Emma Kann erinnern. Weil Emma Kann einen belgischen Staatenlosenpaß hatte und aus Deutschland ausgebürgert worden war, wurde sie freigelassen. Eine Zeitlang lebte sie recht und schlecht im unbesetzten Teil Frankreichs, bis auch das unmöglich wurde. Über Casablanca war sie mit einem Seelenverkäufer nach Kuba gekommen. Hier kam sie als Englischlehrerin unter, privat, ohne Arbeitserlaubnis wie Kornitzer. Immer sah sie besorgt aus, obwohl sie es nicht mehr als andere war, aber in der gleißenden Helligkeit Havannas litten ihre Augen, und beim Lächeln entblößte sie viel Zahnfleisch. Vielleicht sah sie besorgt aus, weil sie Gedichte schrieb. Von den Gedichten sprach sie stolz, aber sie wollte sie nicht zeigen. Vielleicht hatten die anderen Emigranten auch allzu formell gefragt, man nahm Kornitzer und auch Fritz Lamm nicht ab, daß sie sich ernsthaft für Gedichte interessierten. Später vielleicht einmal, wenn alles vorbei war, antwortete sie ausweichend. (Aber wann war alles vorbei, und was war „alles“?) Sie zeigte ihre Neugier, ihre Freude an der Sprache, an der Sinnlichkeit jeder Erfahrung, an der Schönheit der Landschaft, aber damit war kein Staat zu machen. Kurz nach der Entlassung aus Gurs hatte sie ein Gedicht geschrieben, das die betörende Schönheit der kargen Pyrenäen-Landschaft feierte und die Freiheit darin. Es war ein nüchternes, strenges Gedicht, von dem sie kein Aufhebens machte, das sie aber glücklicherweise nie verlor und später veröffentlichte.
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