Selma berichtete viele Jahre später von einem anderen Nervenzusammenbruch. Ihr Vater sei aus Kuba zunächst nach Berlin gereist. Und als er die Zerstörungen der Stadt gesehen habe, sei er zusammengebrochen und habe in einer Klinik behandelt werden müssen. Aber woher wußte sie das? Nur ihr Vater konnte es ihr gesagt haben. Aber er war doch von Havanna nach Lindau gereist. Hatte er einen Umweg über Berlin gemacht? Das schien nicht glaubwürdig — mit seinem Gepäck und der Anforderung Claires, die ihn am Bodensee erwartete. Oder hatte Selma ihn mißverstanden, ja, mißverstehen wollen, während er vielleicht vom Nervenzusammenbruch bei der Ankunft in Havanna sprach, dachte sie an eine andere Ankunft. Daß die Ankunft in Havanna, weißes Schiff, blauer Himmel, am Ziel der Flucht, ihren Vater durchgerüttelt und entsetzt hatte, daß er am Ende war ganz am Anfang, konnte sie sich nicht vorstellen, und so mußte sie wohl oder übel oder unbewußt den Familienroman umdichten, niemand konnte ihr widersprechen, wollte ihr widersprechen. Und war es nicht auch gleichgültig, wann und wo ihr starker, vernünftiger Vater einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte? Es soll auch nur beiläufig erwähnt werden.
Kornitzer verbrachte eine schlaflose Nacht in der lauten Pension, stand beim ersten Türenknallen am Morgen auf und bog in die Calle San Lázaro, da sah er schon das Meer. Er ging am Turm von San Lázaro vorbei, es drängte ihn, auf der Hafenpromenade spazierenzugehen. Er starrte in die Brandung wie in einen blinden Spiegel. Ich muß mich entschuldigen für den peinlichen Vorfall, sagte er sich. Und lief zurück durch die Altstadt, drückte sich an den Hauswänden entlang, schlüpfte unter die Kolonnaden, wenn er sie fand, um zumindest ein wenig Schatten zu ergattern. Als er die Treppe zu der Kanzlei emporstieg, kam ihm der Rechtsanwalt Santiesteban Cino mit wehenden Rockschößen entgegen. Ich muß ins Gericht, ich habe einen Termin versäumt, kommen Sie mit, wenn Sie wollen. Und dann begaben sich die beiden Männer in einem scharfen Galopp drei, vier Blocks weiter, überquerten eine Avenida, dann noch einmal eine große Kreuzung, prall heiß, tauchten wieder in einen Kolonnadengang, und dann wies der Rechtsanwalt vage mit der Hand in die Ferne. Da: das Gericht. Und als sie eintraten in den vornehmen Bau mit den dorischen Säulen — Kornitzer nun seinem Empfinden nach ein, zwei Schritte hinter seinem neuen Bekannten —, drehte der sich plötzlich nach ihm um und sagte: Alles Unheil kommt daher, daß mein Kalender nicht ordentlich geführt wird. Señora Martínez poliert ihre Fingernägel aufs Schönste, und die Termine schmoren, schmoren. Kornitzer war gar nicht sicher, ob er alles richtig verstanden hatte, er lauschte dem Klang nach, der Wortenergie, der Melodie, und versuchte, Schritt zu halten mit dem Rechtsanwalt, der vorwärtsstürmte und dabei seine Robe, in die er im Gehen, Laufen, geschlüpft war, zurechtnestelte. Und Kornitzer half ihm instinktiv, das Ärmelloch zu erwischen, an dem der Rechtsanwalt mit einem energischen Griff gerade vorbeizielte. Kornitzer verstand nicht viel von dem Verfahren, an dem teilzunehmen er eingeladen war. Ein Schneider war betrogen worden, er hatte einen Ballen Stoff bestellt, geliefert wurde von einem Händler ein minderwertiger Stoff. Der Schneider hatte sich zu zahlen geweigert, er war verklagt worden. Der Rechtsanwalt verteidigte ihn wortreich, und alles endete mit einer Vertagung des Verfahrens. Der Richter zog sich mit seinen Beisitzern für kurze Zeit zurück, dann befand er, die Kammer habe einen Anspruch, den minderwertigen Stoff in Augenschein zu nehmen. Ein Zeitaufschub, eine neue Verhandlung. Ohne den Stoff kein Urteil. Kornitzer kam dies umständlich und ineffektiv vor, aber es war die erste Verhandlung in einem Rechtssystem, von dem er nichts verstand, also schwieg er und verbot sich auch im Stillen ein Urteil.
Wissen Sie was? fragte der Rechtsanwalt ihn beim Rückweg. Kornitzer ängstigte sich ein bißchen, er würde eine eitle Frage stellen: Wie war ich? Oder: Wie haben Sie mein Plädoyer empfunden? Aber er ließ Kornitzer gar nicht erst zu Wort kommen und sagte: Deutschland, das ist doch ein Land der Präzision. Das mußte Kornitzer einsilbig bestätigen, ohne zu wissen, wohin eine Argumentation führen könnte, die so begann. (Hoffentlich nicht zu den Patenten.) Aber dann schlug ihm der Rechtsanwalt vor, er, der Deutsche, möge doch seine Termine überwachen. Einen Kalender führen, was Señora Martínez wohl für eine überflüssige Angelegenheit hielt. Im Vorzimmer hinge ein Kalender der kubanischen Zuckerrohrwirtschaft mit schönen Bildern, optimistischen Schnittern, Zuckermühlen, romantischen Bildern und Kästchen für jeden Tag. Das heißt, Sie haben keinen Terminkalender? fragte Kornitzer mitleidig. Wozu? fragte der Anwalt. Die Termine purzeln täglich, verkleben, verkleistern sich. Der eine Richter ist unpäßlich, möchte aufs Land fahren, ein anderer verheiratet in einem reifen Zustand seine Tochter, der gegnerische Anwalt begreift, daß er auf weitläufige Weise mit meiner Angestellten verwandt ist, und muß sich ein Plädoyer ganz neu erfinden. Und mir kann es ebenso gehen. Man muß handeln, wenn das Handeln geboten ist. An dieser Stelle versuchte der Rechtsanwalt zum ersten Mal den Namen Kornitzer auszusprechen, es war eher wie das polternde Verenden einer kleinen Dampfmaschine, aber Kornitzer dachte wiederum, daß es ein gutes Zeichen sei, wenn er versuchte, sich seinen Namen zumindest einzuprägen, und er schlug keine Korrektur des Lautstandes vor, tz, tz. Das hörte sich vielleicht für einen Kubaner wie der Stammlaut der Malariamücke an, tz, eine Verscheuchungsgeste und gleichzeitig ein Gesumm. Man mußte als jemand, der mit dieser Lautverbindung durchs Leben oder nun durch eine neue Lebenserfahrung ging, sehr, sehr vorsichtig sein. Also sagte er gar nichts, und in dieser Lücke sprach der Anwalt weiter; offenkundig hatte er selbst diese Lücke gar nicht bemerkt. Noch einmal wiederholte er salbungsvoll: Man muß handeln, wenn das Handeln geboten ist. (Oder rekapitulierte Kornitzer diesen Satz, weil er ihn als einen grundsätzlichen verstand?) Als eine Lebensregel hörte sich das sehr vornehm und subjektiv an, aber für den Alltag mit Mandanten war das Prinzip, das der Rechtsanwalt aufs Panier hob, nicht wirklich geeignet. Man mußte handeln, um jeden Preis. (Dabei handelte man vermutlich meistens zu spät.) Oder: Man mußte vermeiden, sich in Händel hineinziehen lassen. Auch das war denkbar und ratsam. Was Kornitzer dann sagte, war kryptisch, vielleicht nicht idiomatisch im kubanischen Spanisch, aber auch nicht falsch: Das muß sich ändern, sagte Kornitzer, und er wußte nicht genau, ob er das wirklich auf Spanisch gesagt hatte, zufällig, aus Sprachungeschick. Der Rechtsanwalt nickte und er auch, sie waren sich zweifellos einig. (Aber worin, wogegen? In der besänftigenden oder sich ereifernden Tonlage? In einer Art von Sympathie?)
Als sie in die Kanzlei zurückgekehrt waren und Santiesteban Cino seine zusammengenestelte Robe auseinanderfaltete, servierte Señora Martínez einen scharf gebrühten Kaffee, den sie gemeinsam schlürften. Arbeiten Sie, arbeiten Sie! rief der Rechtsanwalt, und es klang mit dieser Emphase wie ein Wunder. Und Kornitzer kam sich sehr geistesgegenwärtig vor, als er sagte: Ich kann arbeiten, zweifellos, ich möchte arbeiten, aber ich darf keinem Kubaner seine Arbeit wegnehmen. Das tun Sie auch nicht. Sie beraten mich in Fragen der Präzision, der Kalendergenauigkeit. Das kann kein Kubaner. Sie werden ein freischaffender Rechtskonsulent sein, der meiner Kanzlei assoziiert ist. Ich werde Sie um Rat fragen, und Sie werden mir den Rat gegen ein seriöses Honorar entbieten. Haben Sie mich verstanden, Doktor Kornitzer? Der Name war wirklich schwer auszusprechen, und später wurde er vereinfacht oder weggelassen. Kornitzer war der Mann, der manches mitbekam, was auch die anderen Emigranten betraf, der mithörte, mitdachte und wirklich peinlich genau Termine überwachte. Jemand, der initiiert war, aber nicht selbst handeln durfte. Schräg gegenüber der Kanzlei, einen Block weiter, war der Sitz des kubanischen Roten Kreuzes. Kornitzer knüpfte Kontakte, auch zu der Hilfsorganisation Joint, Joint Distribution Committee , hieß der volle Name, und der Joint schien wie ein internationales Füllhorn, ein Rettungsring zu sein. Kornitzer nahm Termine bei der Hilfsorganisation wahr, wenn der Anwalt möglicherweise auch eine Tochter verheiratete oder ohne Gründe einen Tag der Kanzlei fernblieb. Kornitzer entfaltete eine kräftige Kreativität, um Gründe zu erfinden, warum der Anwalt eben gerade nicht anwesend war. (In Deutschland wäre ihm ein solches Verhalten unverzeihlich vorgekommen.) Aber wichtige Termine verpaßte er nicht mehr. Und damit hatte er einen Stein im Brett bei seinen Klienten; es sprach sich herum.
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