Das weiße Taschentuch aus Batist hatte noch niemand benutzt. Auch ich habe es nie benutzt, aber wie eine Art Reliquie von einer Mutter und einem Sohn bis zum letzten Tag im Koffer aufbewahrt. Und schließlich auch nach Hause mitgenommen.
Im Lager hatte so ein Taschentuch nichts zu suchen. Ich hätte es all die Jahre auf dem Basar für etwas Essbares tauschen können. Ich hätte Zucker oder Salz dafür bekommen, vielleicht sogar Hirse. Die Versuchung war da, der Hunger blind genug. Was mich abhielt: Ich glaubte, das Taschentuch ist mein Schicksal. Wenn man sein Schicksal aus der Hand gibt, ist man verloren. Ich war mir sicher, der Abschiedssatz meiner Großmutter ICH WEISS DU KOMMST WIEDER hat sich in ein Taschentuch verwandelt. Ich schäme mich nicht, wenn ich sage, das Taschentuch war der einzige Mensch, der sich im Lager um mich kümmerte. Ich bin mir sicher, auch heute noch.
Manchmal kriegen die Dinge eine Zartheit, eine monströse, die man von ihnen nicht erwartet.
Am Kopfende hinterm Kissen ist der Koffer und unterm Kissen im Brottuch das vom Mund abgesparte, unschätzbar wertvolle Brot. Und wo auf dem Kissen das Ohr liegt, piepst es eines Morgens. Und man hebt den Kopf und wundert sich, zwischen Brottuch und Kissen zappelt ein hellrosa Knäuel, groß wie das eigene Ohr. Sechs augenlose Mäuse, jede kleiner als ein Kinderfinger. Und ihre Haut wie Seidenstrümpfe, die zucken, weil sie aus Fleisch sind. Mäuse aus dem Nichts geboren, ein Geschenk ohne Grund. Da war ich plötzlich stolz auf sie, als ob auch sie stolz auf mich wären. Stolz, weil mein Ohr Kinder bekommen hatte, weil sie trotz der 68 Betten in der Baracke bei mir geboren wurden und ausgerechnet mich zum Vater haben wollten. Sie lagen alleine da, eine Mutter habe ich nie gesehen. Ich genierte mich vor ihnen, weil sie mir so maßlos trauten. Ich spürte sofort, dass ich sie liebte und dass ich sie loswerden muss, und zwar sofort, bevor sie Brot fressen und bevor die anderen aufwachen und etwas merken.
Und ich hob das Knäuel Mäuse aufs Brottuch, hielt die Finger wie ein Nest, um ihnen ja nicht wehzutun. Ich schlich aus der Baracke, trug das Nest über den Hof. Meine Füße zittrig vor Eile, dass mich ja kein Wachsoldat sieht und kein Wachhund riecht. Doch meine Augen wichen nicht vom Tuch, dass mir beim Gehen ja keine Maus herunterfällt. Dann stand ich in der Latrine und schüttelte das Tuch ins Loch. Die Mäuse plumpsten in die Grube. Kein Pieps. Ich atmete nur einmal tief, geschafft.
Als ich neun Jahre alt war, fand ich auf einem alten Teppich im hintersten Winkel der Waschküche ein neugeborenes graugrünes Kätzchen mit verklebten Augen. Ich nahm es in die Hand und streichelte ihm den Bauch. Es fauchte und biss mir in den kleinen Finger, ließ nicht los. Da sah ich Blut. Da drückte ich mit Daumen und Zeigefinger — ich glaube, ich habe ganz zugedrückt, und zwar am Hals. Mir klopfte das Herz wie nach einem Zweikampf. Das Kätzchen, weil es tot war, hatte mich beim Töten ertappt. Dass es keine Absicht war, machte es nur schlimmer. Monströse Zärtlichkeit verstrickt sich anders in Schuld als absichtliche Grausamkeit. Tiefer. Und länger.
Was das Kätzchen mit den Mäusen gemeinsam hat:
Kein Pieps.
Und was das Kätzchen von den Mäusen unterscheidet:
Bei den Mäusen war es Absicht und Mitleid. Bei dem Kätzchen die Verbitterung, dass man streicheln will und gebissen wird. Das ist das Eine. Zugzwang das andere. Wenn man das Drücken anfängt, kann man nicht zurück.
Es gibt viele Schaufeln. Aber die Herzschaufel ist mir die liebste. Nur ihr habe ich einen Namen gegeben. Mit der Herzschaufel kann man nur Kohle, und nur lockere Kohle, aufladen oder abladen.
Die Herzschaufel hat ein Schaufelblatt, das ist so groß wie zwei Köpfe nebeneinander. Es ist herzförmig und tief gewölbt, an die fünf Kilo Kohle oder der ganze Hintern des Hungerengels hätten darin Platz. Das Schaufelblatt hat einen langen Hals mit einer Schweißnaht. Im Vergleich zu diesem großen Blatt hat die Herzschaufel einen kurzen Stiel. Er endet in einem Querholz.
Mit der einen Hand packt man den Hals und mit der anderen das Querholz oben am Stiel. Aber ich würde sagen, unten am Stiel. Denn bei mir ist die Herzschaufel oben, und der Stiel ist die Nebensache, also seitlich oder unten. Also ich packe das Herzblatt oben am Hals und das Querholz unten am Stiel. Ich halte die Balance, die Herzschaufel wird zur Schaukel in meiner Hand, wie die Atemschaukel in der Brust.
Die Herzschaufel muss eingearbeitet werden, bis das Schaufelblatt ganz blank ist, bis die Schweißnaht einem wie eine Narbe in der Hand liegt — und die ganze Schaufel wie ein zweites äußeres Gleichgewicht.
Kohleabladen mit der Herzschaufel ist nämlich anders als Brennziegelaufladen. Beim Ziegelaufladen hat man nur seine Hände, es geht um die Logistik. Aber beim Kohleabladen macht das Werkzeug, die Herzschaufel, die Logistik zur Artistik. Kohleabladen das ist vornehmster Sport, wie kaum das Reiten, kaum das Kunstspringen, kaum das elegante Tennis. Wie Eiskunstlauf. Ich und die Schaufel sind ein Paarlauf, könnte man sagen. Wer einmal seine Herzschaufel gehabt hat, der wird von ihr mitgerissen.
Das Kohleabladen beginnt so: Ist die Bordwand des Autos polternd nach unten gekippt, stellst du dich links oben hin und stichst die Kante schief ab, bis auf den Kastenboden, wobei du mit dem Fuß wie auf einen Spaten aufs Herzblatt trittst. Hast du dir am Rand des Lastwagens zwei Fuß Platz geschafft, so dass du jetzt auf dem Holzboden stehst, fängst du an mit dem Schaufeln. In einem wiegenden Schwungrhythmus spielen alle Muskeln mit. Du packst mit der linken Hand das Querholz und mit der rechten den langen Hals, dass die Finger auf den Knötchen der Schweißnaht liegen. Dann von links oben die Kohle abstechen und sie in einem Bogen abwärtsziehen bis zum Rand und sie im selben Schwung, über den Rand der Bordkante hinaus, in die Tiefe stoßen. Das heißt, die rechte Hand nun am Holzstiel hinaufgleiten lassen, fast bis zum Quergriff — wobei sich das Körpergewicht auf die rechte Wade verlagert und bis in die Zehenspitzen läuft. Dann die Schaufel leer zurück, links hinauf. Und wieder Schwung und dann die Schaufel wieder vollgeladen rechts hinunter.
Wenn der Großteil der Kohle abgeladen und der Abstand zur Bordkante zu groß geworden ist, kann man nicht mehr mit einem Bogenschwung arbeiten. Jetzt braucht es die Fechtstellung: Rechter Fuß graziös nach vorn, linker Fuß als Stützachse stabil nach hinten, Zehen leicht auswärts gedreht. Dann die linke Hand am Querholz, die rechte Hand diesmal nicht tief am Hals, sondern ganz locker ständig am Stiel auf und ab gleiten lassen und die Last ausbalancieren. Nun stichst du ein, hilfst mit dem rechten Knie nach, ziehst es zurück und verlagerst das Gewicht durch eine geschickte Wendung auf den linken Fuß, so dass kein Stückchen Kohle vom Herzblatt herunterfällt, und machst eine weitere Drehung, also einen Schritt mit dem rechten Fuß nach hinten, wobei sich Oberkörper und Gesicht mitdrehen. Dann verlagerst du das Gewicht auf einen dritten, neuen Fußpunkt rechts hinten, der linke Fuß steht jetzt graziös, mit leicht angehobener Ferse wie beim Tanzen, nur noch der Außenrand des großen Zehs hat Bodenhaftung — und jetzt wirfst du die Kohle in weitem Schwung vom Herzblatt hinaus in die Wolken, so dass die Schaufel waagerecht in der Luft steht, also nur von der linken Hand am Querholz gehalten. Es ist schön wie ein Tango, wechselnd spitzwinklig bei gleichbleibendem Takt. Und ab der Fechtstellung, wenn die Kohle weiter wegfliegen muss, wird es fließend abgelöst von Walzeranwandlungen, wobei die Gewichtsverlagerung im großen Dreieck geschieht, die Körperneigung ist bis 45 Grad, und in der Wurfdistanz fliegt die Kohle wie ein Vogelschwarm. Und der Hungerengel fliegt mit. Er ist in der Kohle, in der Herzschaufel, in den Gelenken. Er weiß, nichts wärmt den ganzen Körper mehr als das Schaufeln, das am ganzen Körper zehrt. Er weiß aber auch, dass der Hunger fast die ganze Artistik frisst.
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