Herta Muller - Atemschaukel

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Atemschaukel: краткое содержание, описание и аннотация

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Herta Müllers Atemschaukel ist ein Ereignis. In einem überwältigenden, poetischen Roman erzählt sie vom Schicksal eines jungen Mannes aus Siebenbürgen im russischen Arbeitslager.
"Ich setzte mich an den Tisch und wartete auf Mitternacht. Und Mitternacht kam, aber die Patrouille hatte Verspätung. Drei Stunden mussten vergehen, das hielt man fast nicht aus. Dann waren sie da. Die Mutter hielt mir den Mantel mit dem schwarzen Samtbündchen. Ich schlüpfte hinein. Sie weinte. Ich zog die grünen Handschuhe an. Auf dem Holzgang, genau dort, wo die Gasuhr ist, sagte die Großmutter: ICH WEISS DU KOMMST WIEDER.
Ich habe mir diesen Satz nicht absichtlich gemerkt. Ich habe ihn unachtsam mit ins Lager genommen. Ich hatte keine Ahnung, dass er mich begleitet. Aber so ein Satz ist selbständig. Er hat in mir gearbeitet, mehr als alle mitgenommenen Bücher. ICH WEISS DU KOMMST WIEDER wurde zum Komplizen der Herzschaufel und zum Kontrahenten des Hungerengels. Weil ich wiedergekommen bin, darf ich das sagen: So ein Satz hält einen am Leben."

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Dann stieg Schischtwanjonow aus der Kabine, rieb sich das Kinn und schüttelte die Beine, weil sie vielleicht noch schliefen. Er winkte die Eingemummten zu sich. Sie öffneten die Ladeklappe und schmissen Spitzhacken und Brechstangen herunter. Schischtwanjonow gestikulierte mit dem Zeigefinger, sprach ungewöhnlich kurz und leise. Er stieg wieder in die Kabine, und das leere Auto fuhr mit ihm davon.

Tur musste dem Gemurmel den Befehlston geben und schrie: Baumlöcher graben.

Wie Geschenke suchten wir die Werkzeuge im Schnee. Die Erde war knochenhart gefroren. Die Spitzhacken prallten ab, die Brechstangen tönten wie Eisen auf Eisen. Nussgroße Brocken spritzten uns ins Gesicht. Ich schwitzte im Frost und fror im Schwitzen. Ich zerfiel in eine Gluthälfte und eine Eishälfte. Der Oberkörper war ausgebrannt, beugte sich mechanisch und gluste aus Angst vor der Norm. Der Unterleib war ausgefroren, die Beine schoben sich totkalt in die Därme.

Nachmittags waren die Hände blutig, die Baumlöcher aber nicht tiefer als eine Hand. So blieben sie.

Erst im Spätfrühjahr wurden die Löcher fertiggegraben und zwei lange Baumreihen gepflanzt. Die Allee wuchs schnell. Diese Bäume gab es sonst nirgends, nicht in der Steppe, nicht im Russendorf und in keinem Ort der Umgebung. Die ganzen Jahre wusste niemand im Lager, wie die Bäume heißen. Je größer sie wurden, um so weißer wurden Astholz und Stämme. Nicht filigran und wachsweiß durchscheinend wie die Birken, sondern imposant im Wuchs und mit stumpfer Haut wie Gipspaste.

Als ich im ersten Sommer aus dem Lager daheim war, sah ich diese gipsweißen Lagerbäume im Erlenpark, alt und riesig. Im Baumlexikon von meinem Onkel Edwin stand: Der schnellwachsende Baum schießt bis zu 35 Meter in die Höhe. Standhaftigkeit bezeugt der Baum mit seinem Stamm, der 2 Meter dick werden und ein Lebensalter von 200 Jahren erreichen kann.

Mein Onkel Edwin ahnte nicht, wie richtig, besser gesagt treffend, die Beschreibung war, als er mir das Wort schießt vorlas. Er sagte: Dieser Baum ist anspruchslos und ausgesprochen schön. Aber majestätisch verlogen. Wieso nennt er sich SCHWARZPAPPEL mit seinem weißen Stamm.

Ich habe nicht widersprochen. Nur gedacht hab ich mir: Wenn man einmal unterm schwarzlackierten Himmel die halbe Nacht auf die Erschießung gewartet hat, ist der Name nicht mehr verlogen.

Taschentuch und Mäuse

Im Lager gab es vielerlei Tücher. Das Leben ging von einem Tuch zum anderen. Vom Fußwickeltuch zum Handtuch, zum Brottuch, zum Meldekrautkopfkissentuch, zum Hausier- und Betteltuch und sogar zum Taschentuch, wenn man überhaupt eines hatte.

Die Russen im Lager brauchten kein Taschentuch. Sie pressten das eine Nasenloch mit dem Zeigefinger zu und bliesen den Rotz durchs andere wie Teig auf den Boden. Dann pressten sie das saubere Nasenloch zu, und der Rotz spritzte durchs andere. Ich habe geübt, bei mir flog der Rotz nicht weg. Niemand im Lager nahm zum Naseputzen ein Taschentuch. Wer eines hatte, brauchte es als Beutel für Zucker und Salz. Wenn es ganz zerrissen war, als Klopapier.

Einmal bekam ich ein Taschentuch geschenkt von einer Russin. Es war sehr kalt. Mich trieb der Hunger. Nach der Arbeit ging ich wieder mal ins Russendorf hausieren mit einem Stück Anthrazitkohle, das man jetzt zum Heizen brauchte. Ich klopfte an eine Tür. Eine alte Russin öffnete, nahm mir die Kohle ab und ließ mich ins Haus. Das Zimmer war niedrig, in der Wand das Fenster so tief wie mein Knie. Auf einem Hocker standen zwei magere, grauweiß gescheckte Hühner. Dem einen Huhn hing der Kamm übers Auge, es schlenkerte mit dem Kopf wie ein Mensch ohne Hände, dem das Haar ins Gesicht fällt.

Die alte Frau redete seit einer Weile. Ich verstand nur hie und da ein Wort, spürte aber, worum es ging. Dass sie Angst vor den Nachbarn hat, dass sie schon lange mit zwei Hühnern allein ist, aber lieber mit den Hühnern redet, als mit den Nachbarn. Dass sie einen Sohn in meinem Alter hat, dass er Boris heißt und von zu Hause so weit weg ist wie ich, in der anderen Richtung, in einem Lager in Sibirien, in einem Strafbataillon, weil ein Nachbar ihn denunziert hat. Vielleicht habt ihr Glück, du und mein Sohn Boris, sagte sie, und dürft bald nach Hause. Sie zeigte auf den Stuhl, und ich setzte mich an die Tischecke. Sie nahm mir die Mütze vom Kopf und legte sie auf den Tisch. Sie legte einen Holzlöffel neben die Mütze. Dann ging sie zum Herd und schöpfte aus dem Topf Kartoffelsuppe in eine Blechschüssel. Es war bestimmt ein Liter Suppe. Ich löffelte, sie stand neben meiner Schulter und schaute mir zu. Die Suppe war heiß, ich schlürfte und schielte zu ihr. Und sie nickte. Ich wollte langsam essen, weil ich länger was von der Suppe haben wollte. Aber mein Hunger saß wie ein Hund vor dem Teller und fraß. Die zwei Hühner hatten ihre Füße eingezogen, hockten auf dem Bauch und schliefen. Die Suppe heizte mich bis in die Zehen. Meine Nase tropfte. Abadschij, warte, sagte die Russin und brachte aus dem Nebenzimmer ein schneeweißes Taschentuch. Sie gab es mir in die Hand und drückte meine Finger zu, als Zeichen, dass ich es behalten soll. Sie schenkte es mir. Und ich wagte nicht, mich zu schneuzen. Was da geschah, ging weit über das Geschäftliche des Hausierens und mich und sie und ein Taschentuch hinaus. Es betraf ihren Sohn. Und mir tat es gut und auch wieder nicht, sie oder ich oder wir beide waren ein Stück zu weit gegangen. Sie musste etwas tun für ihren Sohn, weil ich da war und er von zu Hause so weit weg wie ich. Mir war es peinlich, dass ich da war, dass ich nicht er war. Und dass sie das auch spürte und sich darüber hinwegsetzen musste, weil sie die Sorgen um ihn nicht mehr aushielt. Auch ich hielt es nicht mehr aus, zwei Menschen zu sein, zwei Verschleppte, das war mir zu viel, das war nicht so einfach wie auf dem Hocker zwei Hühner nebeneinander. Ich war mir doch selber schon um eine Last zu viel.

Mein Kohletuch, grob und dreckig, hab ich nachher auf der Straße draußen als Taschentuch benutzt. Und nach dem Schneuzen um den Hals gelegt, da war es mein Halstuch. Mit den Halstuchenden hab ich mir im Gehen die Augen gewischt, oft und kurz, dass es nicht auffällt. Es hat mich zwar keiner beobachtet, ich wollte, dass es mir nicht auffällt. Ich wusste zu gut, es gibt ein inneres Gesetz, wonach man mit dem Weinen nie anfangen darf, wenn man zu viele Gründe hat. Ich redete mir ein, dass die Tränen von der Kälte kommen, und glaubte mir.

Das schneeweiße Taschentuch aus feinstem Batist war alt, ein gutes Stück aus der Zarenzeit. Es hatte einen handgestickten Ajour-Rand, Stäbchen aus Seidenzwirn. Die Lücken zwischen den Stäbchen waren akkurat genäht und in den Ecken kleine Seidenrosetten. So etwas Schönes hatte ich lang nicht mehr gesehen. Die Schönheit der normalen Gebrauchsgegenstände war zu Hause nicht der Rede wert. Im Lager ist es gut, sie zu vergessen. In dem Taschentuch erwischte sie mich. Diese Schönheit tat mir weh. Ob dieser Sohn der alten Russin, der er und ich in einem war, je wieder nach Hause kommt. Ich fing an zu singen, um die Gedanken abzustellen. Ich sang für uns beide den Viehwaggonblues:

Im Walde blüht der Seidelbast

Im Graben liegt noch Schnee

Und das du mir geschrieben hast

Das Brieflein tut mir weh

Der Himmel lief, Wolken mit ihren vollgestopften Kissen. Dann schaute der frühe Mond mit dem Gesicht meiner Mutter. Die Wolken schoben ihr ein Kissen unters Kinn und ein Kissen hinter die rechte Wange. Und durch die linke Wange zog das Kissen wieder hinaus. Und ich fragte den Mond: Ist meine Mutter schon so schwach. Ist sie krank. Gibt es unser Haus noch. Wohnt sie noch dort, oder ist sie auch in einem Lager. Lebt sie überhaupt noch. Weiß sie, dass ich noch lebe, oder weint sie schon um einen Toten, wenn sie an mich denkt.

Schon den zweiten Winter war ich im Lager, wir durften keine Post nach Hause schreiben, kein Lebenszeichen. Im Russendorf standen nackte Birken, darunter die Schneedächer wie krumme Betten in Luftbaracken. In dieser frühen Dämmerung war die Haut der Birken anders bleich als am Tag und anders weiß als Schnee. Ich sah den Wind biegsam durch die Äste schwimmen. Auf dem Trampelweg neben den geflochtenen Weidenzäunen kam mir ein holzbraunes Hündchen entgegen. Es hatte einen dreieckigen Kopf, hohe Beine, stracksdünn wie Trommelstöcke. Weißer Atem flog ihm aus dem Maul, als würde es mein Taschentuch essen und dabei mit den Beinen trommeln. Das Hündchen lief vorbei, als wäre ich nur der Schatten vom Zaun. Es hatte recht, ich war auf diesem Heimweg ins Lager nichts weiter als ein gewöhnlicher russischer Gegenstand in der Dämmerung.

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