«Also ich bevorzuge die Staatskapelle. «Meno trank sein Glas aus. Das Bier schmeckte brunnig und war kalt wie ein alter Schlüssel.»Der Amethyst macht sich gut vor den Insel-Bänden. — Mineralisch gesprochen würden sich die Radeberger also an Diamanten halten, die Wernesgrüner dagegen an Smaragde?«
«Weil sie im stillen glauben, eigentlich seien Smaragde das Eigentliche«, pflichtete Richard bei. — Ulrich und Meno sind im Grunde rote Socken. Was mich nur wundert, ist, daß Anne davon völlig frei ist. Oder zu sein scheint. Was wissen Geschwister voneinander. Was wissen Eheleute voneinander. Bißchen weltfremd, der Schwager, mit seinen Insektenforschungen und seinen Schreibereien, die er nie jemandem zeigt. Kann also nichts taugen, sonst würde er’s ja mal vorlesen, sollen doch alle eitel sein, die Autoren. Hockt im Verlag über beschriebenem und bedrucktem Papier, und ob sie das Komma nun so oder so setzen, was ändert’s. Aber jeder ist gemacht, wie er gemacht ist.»Du sag mal, Meno, was ich dich schon lange fragen wollte, du kennst doch den Faun-Palast, da gibt’s im Vestibül eine Pflanze, ich nenne sie Schlangenpflanze, weil sie gebänderte Blätter hat. Weißt du, wie sie wirklich heißt?«
«Ob’s Christian gutgeht, was meinst du? Ich habe ihm geschrieben, aber er hat noch nicht geantwortet … die könnten mich übrigens auch ziehen. Mein letzter Reservistendienst war vor knapp drei Jahren.«— Richard mit seinen Einschätzungen. Die Praxis obsiegt, und die Theoretiker sind Krüppel, die das Leben und die Welt nicht kennen. Dabei stehen wir alle mit beiden Beinen in Träumen … Was er sagt, ist doch, daß die Wernesgrüner nicht wirklich zählen. So ein Unsinn. Und nur, weil Ärzte wichtig sind. Halbgötter in Weiß, pah! Sie machen Menschen gesund … und wennschon. Wenn einer als Kranker ein Dummkopf war, ist er es als Gesunder auch. Und wenn ich nun plötzlich Radeberger trinke, was dann?» Habt ihr vielleicht ein Felsenkeller-Bier?«
«Das Wehrlager muß er durchhalten, das haben wir ihm gesagt. Wir können ihn da nicht raushalten, und wenn er den Studienplatz will, wird er sich die zwei Wochen zusammenreißen können«, sagte Richard.
«Es könnte eine Vriesea splendens sein, eine Bromeliacee«, sagte Meno.
Eines Abends in der zweiten Wehrlager-Woche las Christian ein Buch, eine in die» Junge Welt «geschlagene Lebensbeschreibung, Fraktur auf fleckigem Holzschliffpapier; jemand rief» Achtung!«, Schemel rückten, und noch ehe Christian reagieren konnte, wurde ihm das Buch aus der Hand gerissen. Christian starrte in Hantschs triumphierendes Gesicht. Er wollte vom Bett springen und ihm das Buch wieder wegnehmen, konnte sich aber nicht bewegen. Das Buch hieß»Mein Weg nach Scapa Flow«, Verfasser war der U-Boot-Kommandant Günther Prien. Natürlich schlug Hantsch sofort das letzte Foto auf: Hitler überreicht Prien das Ritterkreuz; Hantsch schlug das Buch wieder zu, hielt es hoch:»Von wem haben Sie das?«
Christian sagte nichts, obwohl ihm die Angst bis zum Hals stieg. Er hatte einen schweren Fehler begangen, dieses Buch zu lesen, noch dazu hier, und er wünschte sich, die Zeit zurückdrehen zu können bis zu dem Moment, in dem Siegbert es ihm gab, und nicht Ja zu sagen, es abzulehnen aus dem mulmigen Gefühl, das er gehabt und auf das er nicht gehört hatte.
«Von wem Sie diese Schwarte haben, frage ich Sie!«Hantsch trat auf den Flur und rief die Schüler in den Raum, die draußen Stiefel putzten.
Christian schwieg. Siegbert stand blaß neben der Tür, sagte nichts, wich Blicken aus; Hantsch sagte so leise, daß Christian dachte, daß er vielleicht träume und die Klassenkameraden sich in wenigen Sekunden auflösen würden wie ein Spuk:»Es ist also Ihres, wie ich Ihrem Schweigen entnehme. Das wird Sie teuer zu stehen kommen, Hoffmann. Sie lesen Nazi-Literatur, Sie … ein Abiturient. Ein Abiturient an einer sozialistischen EOS. Das habe ich noch nicht erlebt. — Sie alle hier«, er beschrieb einen Bogen durch den Raum,»sind Zeugen für diesen Vorfall. Es wird eine Untersuchung geben. Diesmal kommen Sie mir nicht davon, Hoffmann. Sie beide«, er bestimmte Siegbert und Jens,»passen auf, daß Hoffmann nicht abhaut oder sonst irgendwie verrückt spielt. Ich werde dem Kommandeur Meldung machen.«
«Herr Hoffmann? — Frank, Christians Klassenlehrer. Kann ich Sie sprechen? — Privat. Es geht um Ihren Jungen, es ist etwas vorgefallen.«
Frank hatte in der Klinik angerufen, auf Station; Richard setzte sich.»Was?«
«Am Telefon war die Rede von einem Hitler-Buch, das er gelesen hat. Ich habe versucht, mit meinem Kollegen zu sprechen, der in Schirgiswalde ist, aber sie sind noch beim Kommandeur. Es ist eine Untersuchung eingeleitet worden.«
Richard hörte zu, wie Frank etwas vorschlug, registrierte aber erst nach einigen Sekunden, daß er nach Waldbrunn kommen, Frank abholen und mit ihm nach Schirgiswalde fahren solle.
Er rief Anne auf der Arbeit an, erreichte sie nicht. Er rief zu Hause an: Robert nahm ab, Richard legte sofort wieder auf, er hatte sich nicht überlegt, ob es klug wäre, dem Jungen etwas zu sagen, damit er es wiederum Anne sagte; er hatte spontan nach dem Hörer gegriffen, jetzt kamen ihm Zweifel, ob es richtig war, Anne einzuweihen, vielleicht würde sie durchdrehen; dann sah er sie vor sich, und dann meinte eine andere Stimme in ihm, daß er sie unbedingt erreichen mußte, es wäre besser, wenn sie mitkäme; er sah hoch, die Schwestern musterten ihn, und er dachte: Wo ist denn deine Entscheidungssicherheit hin, Chirurg; dann rief er noch einmal zu Hause an:»Hör gut zu, Robert, was ich sage«, und erzählte ihm, daß er mit Christians Klassenlehrer nach Schirgiswalde fahre,»sag Anne Bescheid. Ich rufe an, sobald ich Genaueres weiß.«
In Waldbrunn wartete Frank schon; er berichtete ihm, daß Stabenow inzwischen angerufen und ihm Einzelheiten erzählt habe; kein Hitler-Buch, aber eines aus der Hitler-Zeit; er halte das für eine ernste Sache. Richard fuhr wie ein Irrer, verfuhr sich in Schirgiswalde, die Einwohner reagierten nicht auf ihre Fragen nach dem Wehrlager; erst ein VP-Streifenwagen, den sie mit Winken und Hupen anhielten, zeigte ihnen den Weg, nicht ohne zuvor um Richards Fahrerlaubnis und einen Alkoholtest zu bitten; jetzt hätte Richard Anne gern dabeigehabt, denn er fühlte sich imstande, die beiden Polizisten totzuschlagen; Frank wiegelte ab, zeigte einen Ausweis, der auf die beiden aber keinen Eindruck machte.
Christian sah seinen Vater nach Dr. Frank aus Major Volicks Zimmer treten, das kurzgeschnittene sandfarbene Haar, in dem es kaum graue Strähnen gab, trug noch die Einschnürung durch die OP-Haube, die dunkelblauen Augen sahen ihn nicht an.
«Komm mit«, sagte Richard nur. Sie gingen nach draußen. Auf dem Appellplatz wehten die Fahnen im Wind. Ein Zug Kreuzschüler übte Stechschritt. Christian beobachtete seinen Vater, plötzlich kam die Angst zurück, die er bei dem Verhör durch Volick und Hantsch nicht gehabt hatte.»Da hast du was angestellt, Junge«, sagte Richard müde, er drehte sich zum Tor, wo zwei Wachen einige Schüler zur Lagerstraße passieren ließen, lallend und lachend schlenderten sie in Richtung der Unterkunftsbaracken.
«Ausgang gehabt«, sagte Richard, nickte zu ihnen hin.
«Sie waren in Wilthen, wo der Weinbrand herkommt. «Hätten ihn Anne und Richard an einem normalen Tag besucht, hätte Christian sich für die betrunkenen Schüler geschämt, jetzt empfand er nichts als Gleichgültigkeit.
«Haben wir dir nicht gesagt, daß du keinen Blödsinn machen sollst?«
Christian duckte sich, machte sich klein, zog Kopf und Arme an den Körper; er war entschlossen, nichts zu sagen. Richard hob die Arme, erwähnte Herrn Orré, das sei wohl sinnlos gewesen, pure Zeitverschwendung; er ließ die Arme fallen.»Junge — wie konntest du nur … du weißt doch ganz genau, wo du hier bist.«»Ja.«
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