Der kleine Mann gehorchte und schwankte nicht mehr unterwegs. Der von der Sonne zernagte Abhang auf der andern Seite der Kluft war schlüpfrig, aber nicht steil, und es gelang ihm, ein schmales Felsstück zu erreichen, das aus der Wand vorsprang. Dort wandte er sich mit dem Gesicht gegen Kid und setzte sich.
»Jetzt ist die Reihe an Ihnen!« rief er ihm zu. »Aber bleiben Sie nicht stehen und sehen Sie auch nicht nach unten! Und jetzt los! Der ganze Mist hier taugt schon nichts mehr.«
Kid begann mit waagerecht gehaltenem Stock den Übergang. Es war klar, daß die Brücke schon in ihren letzten Zügen lag. Er vernahm ein Knistern unter seinen Füßen. Die ganze Schneemasse schien sich zu bewegen. Das Knistern wurde immer stärker. Dann hörte er einen einzelnen scharfen Knack. Er erkannte, daß irgend etwas Schlimmes hinter ihm geschah. Hätte er sonst nichts gespürt, so würde schon der gespannte und erregte Ausdruck in Carsons Gesicht es ihm enthüllt haben. Aus der Tiefe hörte er das leise und schwache Plätschern eines rieselnden Baches, und ganz unwillkürlich und unfreiwillig warf er einen schnellen Blick in den schimmernden Abgrund. Dann nahm er sich zusammen und starrte wieder geradeaus. Als er die zwei Drittel zurückgelegt hatte, war er bei der Vertiefung angelangt. Die scharfen Ränder des Risses, die von der Sonne noch kaum berührt waren, zeigten deutlich, wie frisch er war. Kid hob bereits den einen Fuß, um den Riß zu überqueren, als dieser langsam breiter zu werden begann, während Kid gleichzeitig eine Reihe von scharfen, schnappenden Geräuschen vernahm. Er wollte sich beeilen weiterzukommen und machte deshalb den Schritt länger als beabsichtigt. Aber dadurch glitt sein Schuh, dessen Nägel abgeschliffen waren, auf der andern Seite des Risses aus. Er fiel auf sein Gesicht und rutschte sofort in den Spalt der Brücke hinab. Seine Beine schwebten frei in der Luft, aber es war ihm gelungen, im Fallen den Stock quer über die Lücke zu legen, und er konnte jetzt seine Brust dagegen stemmen. Zuerst wurde ihm ganz übel, weil sein Herz mit unheimlicher Schnelligkeit klopfte. Sein erster Gedanke war indessen nur Staunen, daß er nicht tiefer gefallen war. Hinter sich vernahm er Krachen und Knistern und ein Schütteln, das seinen Stock zittern ließ. Und tief, tief unter sich, aus dem Herzen des Gletschers, drang das leise und hohle Dröhnen der Schneemassen zu ihm herauf, die sich losgerissen hatten und auf den Boden des Abgrundes schlugen. Dennoch hielt die Brücke immer noch, obgleich sie an der andern Seite fast völlig vom Felsen losgerissen war und in der Mitte den großen Riß hatte, während der Teil, den er bereits zurückgelegt hatte, in einem Winkel von zwanzig Grad abwärts hing. Er konnte sehen, daß Carson, der auf seinem Vorsprung saß, die Füße fest gegen die allmählich schmelzende Oberfläche stemmte, schnell das Seil von der Schulter nahm und es abzuwickeln begann.
Mit einem schnellen Blick berechnete Carson den Abstand, löste das Tuch, das er um den Hals trug, und knüpfte es an das Seil, das er durch ein zweites Tuch, das er in seiner Tasche hatte, noch weiter verlängerte. Das Seil selbst war aus Schlittentauen und kurzen, zusammengeflochtenen Ledersträngen geknüpft und sowohl leicht wie stark. Carson warf es sehr gewandt und hatte gleich Erfolg, so daß es Kid gelang, es zu ergreifen. Er hatte offenbar die Absicht, mit dem Seil in der Hand aus dem Spalt zu kriechen. Aber Carson, der inzwischen das andere Ende des Seils um seinen Körper gebunden hatte, hinderte ihn daran.
»Binden Sie es sich auch um«, befahl er.
»Wenn ich dann hinunterstürze, ziehe ich Sie mit«, wandte Kid ein.
Der kleine Mann erlaubte keinen Widerspruch.
»Halten Sie den Mund«, kommandierte er. »Der Klang Ihrer Stimme genügt vollkommen, um das Ding da zum Einsturz zu bringen.«
»Wenn ich aber wirklich zu gleiten beginne.«, begann Kid. »Halten Sie jetzt gefälligst die Schnauze. Sie werden überhaupt nicht zu fallen beginnen, verstanden? Nun tun Sie, wie ich gesagt habe. so. so ist’s richtig. unter die Achsel. Binden Sie es gehörig fest. Jetzt. Los! Aber vorsichtig! Ich werde das Seil schon einholen! Kommen Sie jetzt.« Kid war vielleicht zehn Schritt weit gekommen, als die Brücke völlig zusammenzubrechen begann. Lautlos und stoßweise zerbröckelte sie und stellte sich dabei immer schräger.
»Schnell«, rief Carson und holte mit beiden Händen das Seil ein, das sich durch Kids Bewegung gelockert hatte.
Als es dann krachte, krampften sich Kids Finger in die harte Wand, während sein Körper von der zerbröckelnden Brücke nach unten gezogen wurde. Carson saß, die Beine gespreizt und gegen den Boden gestemmt, da und holte das Seil aus allen Kräften ein. Durch diese Bemühungen wurde Kid wohl an die Wand heran, gleichzeitig aber Carson aus der Höhlung, in der er saß, herausgezerrt. Er schnellte wie eine Katze herum, krallte sich mit wilder Energie am Eise fest, glitt aber doch hinab. Unter ihm - mit vierzig Fuß Seil zwischen ihnen -kämpfte Kid ebenso verzweifelt, um sich festzuhalten. Aber ehe das Dröhnen aus der Tiefe ihnen meldete, daß die Brücke den Boden des Abgrunds erreicht hatte, waren beide hängengeblieben. Carson fand zuerst eine Stelle, und das bißchen Gewicht, das er jetzt in seinen Zug am Seil noch legen konnte, genügte, um seinen eigenen Sturz aufzuhalten.
Beide blieben in kleinen Vertiefungen stecken, aber die von Kid war so schmal, daß er ohne Hilfe von oben doch tiefer gestürzt wäre, obgleich er sich aus allen Kräften an die Wand drückte und festkrallte. Er hing über einem Vorsprung an der Felswand und konnte deshalb nicht hinabsehen. Einige Minuten vergingen, während deren beide sich bemühten, sich Klarheit über ihre Lage zu verschaffen. Auch machten sie verblüffende Fortschritte in der Kunst, sich an dem nassen und glitschigen Eise festzukrallen. Der kleine Mann war der erste, der zu sprechen begann.
»Kreuzdonnerwetter«, sagte er. Und fügte dann eine Minute später hinzu: »Wenn Sie sich einen Augenblick festhalten und das Seil ein bißchen lockern, werde ich mich umdrehen können. Versuchen Sie es mal.«
Kid machte einen Versuch, stützte sich aber dann wieder auf das Seil.
»Es geht«, meinte er. »Sagen Sie mir, wann Sie bereit sind. Aber schnell.«
»Ungefähr drei Fuß unter mir ist eine Stelle, wo meine Hacken Halt finden können«, sagte Carson. »Ich brauche nur einen Augenblick dazu. Sind Sie bereit?«
»Nur los.«
Es war eine schwere Arbeit, die paar Meter hinabzukriechen und sich dann umzudrehen und hinzusetzen. Aber es war noch schwerer für Kid, sich eng an die Eiswand zu pressen und in einer Lage zu verharren, die von Minute zu Minute immer höhere Anforderungen an seine Muskeln stellte. Er merkte schon, wie er ganz leise, fast unmerklich, hinabzurutschen begann, als das Seil sich endlich wieder straffte. Da sah er auch schon das Gesicht Carsons über sich. Kid bemerkte, daß die sonnengebräunte Haut Carsons ganz fahl war, weil ihm das Blut aus dem Gesicht gewichen war, und er dachte, wie er wohl aussehen mochte. Als er dann aber sah, wie Carson mit zitternden Fingern nach seinem Messer tastete, sagte er sich, daß er Schluß machen müßte. Der Mann war offenbar außer sich vor Angst und wollte das Seil durchschneiden.
»Kü. kü. kümmern Sie si. si. sich nur nicht um mi. mi. mich.«, stotterte der kleine Mann. »Mir i. i. ist ga. gar nicht ba. bange. Es sind n. nur meine Ne. nerven. hol. hol sie der T. teufel. In einer Mi. mi. nu. nute geht es wie. wie. wieder.«
Und Kid beobachtete ihn, wie er dalag: ganz zusammengekauert, die Schultern zwischen den Knien, zitternd und linkisch. Mit der einen Hand straffte er das Seil ein bißchen, mit der andern, die das Messer hielt, schlug und hieb er Löcher für seine Absätze in das Eis.
Kid wurde es ganz warm ums Herz. »Hören Sie mal, Carson. Sie können mich nie da hinaufziehen, und es hat keinen Zweck, daß wir beide zum Teufel gehen. Machen Sie Schluß und schneiden Sie das Seil durch.«
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