»Eine weise Entscheidung«, bemerkte Antemius. »Das Wichtigste ist in der Tat ...«
»... den Schein zu wahren«, ergänzte Odoaker. Antemius blickte ihn erstaunt an: Dieser ungehobelte Soldat lernte aber schnell die Regeln der Politik!
»Sein Erzieher darf mit ihm gehen?« fragte der Alte.
»Ich habe nichts dagegen. Der Junge kann sich so seinen Studien widmen, und das kann ihm nur guttun.«
»Wann müssen sie abreisen?« fragte Antemius.
»Je früher, desto besser: Ich will keine weiteren Scherereien haben.«
»Und darf ich erfahren, wohin es gehen soll?«
»Nein. Nur der Kommandant der Eskorte wird entsprechende Weisungen erhalten.«
»Aber muß ich Vorbereitungen für eine lange oder für eine kurze Reise treffen?«
Odoaker zögerte einen Augenblick und sagte dann: »Für eine ziemlich lange Reise.«
Antemius nickte, zog sich mit einer ehrfurchtsvollen Verneigung zurück und ging in Richtung seines Gemachs davon. Bei Odoaker traf kurz danach eine Gruppe Offiziere ein, die sein besonderes Vertrauen genossen und seinen engsten Beraterstab bildeten. Unter ihnen war auch Wulfila, der noch Anzeichen der Verwirrung nach seinem letzten Gespräch unter vier Augen mit seinem Herrn zeigte. Odoaker ließ ihnen das Mittagessen servieren, und als alle saßen und jeder sich seine Portion Fleisch genommen hatte, fragte er sie, wohin er ihrer Meinung nach den Knaben ins Exil schicken sollte. Jemand schlug Istrien vor, ein anderer Sardinien. Plötzlich sagte einer der Anwesenden: »Meiner Ansicht nach sind dies zu weit entfernte Orte, die schwer zu kontrollieren sind. Es gibt eine Insel im Tyrrhenischen Meer, die rauh und unwirtlich und in jeder Hinsicht arm ist, aber ziemlich in der Nähe und doch einigermaßen weit von der Küste entfernt liegt. Auf einem überhängenden, völlig unzugänglichen Felsen steht eine alte Villa, die teilweise verfallen, aber noch bewohnbar ist.« Er stand auf und ging zur Wand, auf die eine Karte des Reiches aufgemalt war, und deutete auf einen Punkt im Golf von Neapel: »Capri.«
Odoaker antwortete nicht sofort. Offensichtlich dachte er über die verschiedenen Vorschläge nach. Dann sagte er: »Dies scheint mir der beste Ort zu sein, ziemlich isoliert, aber auf jeden Fall nicht allzu schwer zu erreichen. Der Junge wird von einer Hundertschaft unserer besten Krieger eskortiert werden. Ich will weder Überraschungen noch unvorhergesehene Umstände: Trefft also die nötigen Vorbereitungen! Ich werde euch Bescheid sagen, wenn der Moment der Abreise gekommen ist.«
Die Sache war entschieden, und man wechselte das Thema. Alle waren bester Laune: Das Bewußtsein, sich in der Residenz der höchsten Macht zu befinden, und die Aussicht auf ein angenehmes Leben auf der Grundlage von ausgedehnten Besitzungen, von Sklaven, Frauen, Herden, Villen und Palästen stimmten sie so euphorisch, daß sie geneigt waren, über den Durst zu trinken. Als Odoa-ker sie verabschiedete, waren die meisten so betrunken, daß die Diener ihnen helfen mußten, zu ihren Unterkünften zu gelangen, damit sie dort eine nachmittägliche Ruhepause einlegen konnten -eine für diese Gegenden typische Gepflogenheit, an die auch sie sich mit Leichtigkeit gewöhnt hatten.
Wulfila, der im Gegensatz zu ihnen noch einigermaßen nüchtern war, weil er viel Alkohol vertrug, wurde zurückgehalten.
»Hör zu«, sagte Odoaker zu ihm. »Ich habe beschlossen, dir die Bewachung des Knaben anzuvertrauen, weil du der einzige bist, auf den ich mich bei dieser Mission verlassen kann. Du hast mir schon gesagt, was du in dieser Angelegenheit denkst, und jetzt sage ich dir, was ich denke: Wenn ihm etwas passieren sollte, was auch immer, würdest du dafür verantwortlich gemacht, und dann wäre dein Kopf weniger wert als die Essensreste, die ich den Hunden zum Fraß vorgeworfen habe. Hast du mich richtig verstanden?«
»Ich habe dich sehr gut verstanden«, erwiderte Wulfila, »und ich glaube, daß du deine Entscheidung, den Jungen zu schonen, noch bereuen wirst, aber du bist es, der die Befehlsgewalt hat.« Diese letzten Worte brachte er hervor wie jemand, der den Satz gern mit einem »... bis auf weiteres« beendet hätte. Odoaker begriff, wollte aber nichts mehr hinzufügen.
Als der Tag der Abreise kam, traten kurz vor dem Morgengrauen zwei Mägde in Romulus' Zimmer, um ihn zu wecken und reisefertig zu machen.
»Wohin wird man uns bringen?« fragte der Knabe.
Die Mägde verständigten sich über ein Zeichen und sagten dann, an Ambrosinus gewandt, der sich sofort erhoben hatte: »Wir wissen es noch nicht, aber Antemius ist sicher, daß ihr nach Süden reisen werdet, und aufgrund der Menge an Lebensmittelvorräten meint er, es würde sich um eine mindestens einwöchige Reise handeln, vielleicht dauert sie auch länger. Es könnte nach Gaeta oder nach Neapel gehen oder vielleicht auch nach Brindisi, aber dieses Ziel hält er für weniger wahrscheinlich.«
»Und danach?« fragte Ambrosinus.
»Es wird kein Danach geben«, erwiderte die Magd. »An eurem Bestimmungsort werdet ihr, egal, wie er heißt, für immer bleiben.«
Ambrosinus wandte den Blick ab und versuchte, seine Erregung zu verbergen. Die Mädchen küßten Romulus die Hände und flüsterten: »Leb wohl, Cäsar! Gott möge dich beschützen!«
Kurz darauf wurden Romulus und Ambrosinus, von Wulfilas Männern eskortiert, an der Basilika vorbei nach draußen geführt. Die Tür stand offen, und am anderen Ende des Schiffes sah man eine von brennenden Lampen umgebene Bahre: Man war im Begriff, die feierliche Beisetzung Flavia Serenas vorzubereiten. Antemius trat näher, von einem von Odoakers Leuten wachsam verfolgt, begrüßte Romulus mit großer Ehrerbietung und sagte: »Leider ist es dir nicht gestattet, an der Beisetzungsfeier für deine Mutter teilzunehmen, die ich selbst mit der größten Sorgfalt geplant habe, aber vielleicht ist es besser so. Gute Reise, mein Herr. Gott möge dir helfen!«
»Danke«, sagte Ambrosinus zu Antemius und grüßte ihn seinerseits mit einem Kopfnicken. Er stieg in die Kutsche und hielt die Tür auf, um Romulus einsteigen zu lassen, aber der Junge ging noch einige Schritte weiter, bis zur Schwelle der Basilika. Dort warf er einen langen Blick auf Flavia Serenas Leichnam und murmelte: »Leb wohl, Mama.«
V
Das Bild kristallisierte sich nur langsam heraus. Zunächst war es bloß ein vages Schimmern, ein grünlicher Widerschein, dann nahm es im schwachen Licht der Morgensonne immer deutlichere und klarere Konturen an: ein großes Becken voller Wasser, eine Steinmaske in Form eines Satyrgesichts mit geöffnetem Mund, aus dem gluckernd ein Bächlein in das große Bassin rann. Oben krümmte sich ein mit Tropfen bedecktes Gewölbe, von dem ganze Büschel von Venushaar herabhingen; dort oben drang durch breite Risse das Tageslicht ein und malte seltsame Effekte an die Wände und auf die Oberfläche des Wassers. Rund um das Becken standen Sockel mit den Überresten verstümmelter Statuen. Ein altes verlassenes Nymphäum.
Aurelius machte Anstalten, sich aufzusetzen, aber diese plötzliche Bewegung entlockte ihm nur einen Schmerzensschrei. Erschrocken hüpften einige Frösche in das stehende Wasser.
»Immer mit der Ruhe«, ertönte eine Stimme hinter ihm, »du hast ein ganz schönes Loch in der Schulter, das könnte wieder aufgehen.«
Aurelius wandte sich um, und schlagartig kehrten die Szenen seiner Flucht in die Lagune in sein Gedächtnis zurück - das Bild von dem verängstigten Knaben, das Gesicht dieser stolzen Frau, das im Tod erbleichte - und der Stich, den er in seinem Herzen fühlte, war heftiger und qualvoller als seine körperlichen Schmerzen. Vor ihm stand ein Mann von etwa sechzig Jahren mit runzeliger, vom Salz verdorrter Haut; er trug eine Tunika aus grober Wolle, die ihm bis zu den Knien reichte, und seinen kahlen Kopf hielt er mit einer Mütze, die ebenfalls aus Wolle war, bedeckt.
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