„Das stimmt“, sagte Keri. „Also hast du damit nichts anfangen können.“
„Nee. Sorry. Hattest du mehr Glück?“
„Ein bisschen“, meinte sie. „Nachdem, was Lupita gesagt hat, hört es sich so an, als sei der Ort der Vista vielleicht in West Hollywood, in einem dieser eingezäunten Komplexe.“
„Das hört sich vielversprechend an“, bemerkte Ray.
„Vielleicht. Davon gibt es aber Tausende dort oben in den Hills.“
„Wir können Edgerton bitten zu prüfen, ob die Eigentumstitel mit jemandem übereinstimmen, der uns bekannt ist. Mit Strohfirmen ist das sicherlich schwierig. Aber man weiß nie, was Edgerton so ausgräbt.“
Das stimmte. Detective Kevin Edgerton war ein Genie in Sachen Technologie. Wenn irgendjemand eine Verbindung ausgraben konnte, dann er.
„Okay, setzen wir ihn darauf an“, meinte Keri. „Aber er soll den Ball flach halten und diskret vorgehen. Und gib ihm nicht zu viele Einzelheiten. Je weniger Leute Bescheid wissen, desto geringer die Gefahr, dass jemand versehentlich etwas ausplaudert und dadurch die falschen Leute warnt.“
„Alles klar. Was machst du jetzt?“
Keri dachte einen Moment nach und erkannte, dass sie keine neuen Spuren hatte, denen sie nachgehen konnte. Das bedeutete, sie musste das tun, was sie immer tat, wenn sie nicht weiterkam – von vorne anfangen. Und es gab jemanden, mit dem sie definitiv einen neuen Anfang machen musste.
„Überhaupt“, meinte sie, „kannst du Castillo bitten mich anzurufen, aber nicht offiziell, sondern über ihr Handy?“
„Okay. Was denkst du?“, fragte Ray.
„Ich glaube, es wird Zeit, mit einem alten Freund mal wieder in Kontakt zu treten.“
Angespannt wartete Keri in ihrem Auto, die Uhr im Auge behaltend, während sie vor den Geschäftsräumen der Weekly L.A. saß. Dies war eine alternative Zeitung, wo sie sich mit Officer Jamie Castillo verabredet hatte. Und ihre Freundin, Margaret „Mags“ Merrywether, arbeitete hier als Kolumnistin.
Die Zeit wurde knapp. Es war schon 12:30 Uhr am Freitag, knappe sechsunddreißig Stunden, bevor ihre Tochter vergewaltigt und in einem Ritualmord geopfert werden sollte zum Vergnügen wohlhabender Männer mit kranken Seelen.
Keri sah Jamie die Straße hinunterkommen und schüttelte die dunklen Gedanken ab. Sie musste sich jetzt darauf konzentrieren, wie sie den Tod ihrer Tochter verhindern konnte, statt sich hineinzusteigern, auf welch furchtbare Weise es passieren konnte.
Wie sie es angewiesen hatte, trug Jamie einen Mantel über ihrer Polizeiuniform, um weniger Aufmerksamkeit zu erregen. Keri winkte ihr vom Fahrersitz aus zu. Jamie lächelte und kam auf das Auto zu. Ihre dunklen Haare wehten im schneidenden Wind, obwohl sie sie in einen Pferdeschwanz zusammen gebunden hatte. Sie war einige Zentimeter größer als Keri und hatte eine athletischere Figur. Sie war Parkour-Fan und Keri hatte schon gesehen, was sie unter Druck leisten konnte.
Officer Jamie Castillo war noch kein Detective. Doch Keri war sich sicher, wenn sie erst einer war, würde sie großartig sein. Zusätzlich zu ihren körperlichen Fähigkeiten war sie zäh, smart, unnachgiebig und loyal. Sie hatte schon ihre eigene Sicherheit und sogar ihren Job für Keri aufs Spiel gesetzt. Wenn nicht schon Ray ihr Partner wäre, dann wäre Keris Wahl auf sie gefallen.
Vorsichtig stieg Jamie ins Auto, unfreiwillig zusammenzuckend, und Keri erinnerte sich, warum. Im Zuge der Jagd auf den Verdächtigen, der Keri ihre Verletzungen zugefügt hatte, hatte sie sich in nächster Nähe der Bombe befunden, die in seinem Apartment hochgegangen war. Ein FBI Agent war durch die Bombe ums Leben gekommen, ein weiterer hatte sich schwere Verbrennungen zugezogen, und Ray hatte eine Glasscherbe ins Bein abbekommen, was er aber seitdem nicht erwähnt hatte. Jamie hatte eine Gehirnerschütterung und schlimme Blutergüsse davongetragen.
„Bist du nicht gerade heute aus dem Krankenhaus entlassen worden?“, fragte Keri ungläubig.
„Ja“, sagte sie, und Stolz schwang in ihrer Stimme mit. „Ich durfte heute Morgen gehen. Ich bin nach Hause, hab meine Uniform angezogen und war zehn Minuten zu spät bei der Arbeit. Lieutenant Hillman hat mir das allerdings nachgesehen.“
„Wie geht es deinen Ohren?“, fragte Keri, bezugnehmend auf den Verlust ihres Gehörs, den Jamie direkt nach der Bombenexplosion erlitten hat.
„Ich kann dich gut hören. Ich habe immer wieder ein Klingeln in den Ohren. Die Ärzte meinen, das geht in ein oder zwei Wochen wieder weg. Keine langfristigen Schäden.“
„Ich kann kaum glauben, dass du heute arbeitest“, meinte Keri kopfschüttelnd. „Und ich kann kaum glauben, dass ich dich bitte, am ersten Tag gleich so viel zu tun.“
„Kein Problem“, versicherte Jamie ihr. „Ich musste eh‘ mal raus. Alle haben mich mit Samthandschuhen angefasst. Aber ich muss gleich zurück, sonst halte ich das nicht durch. Ich habe aber bei mir, worum du mich gebeten hast.“
Sie zog eine Akte aus ihrer Tasche und gab sie Keri.
„Danke.“
„Kein Problem. Und bevor du fragst, ich habe die „allgemeine“ User ID benutzt, um die Datenbank zu durchforsten, damit man es nicht nachverfolgen kann. Ich gehe davon aus, dass du deine Gründe hast, weshalb du nicht willst, dass ich meine eigene User ID benutze. Und ferner gehe ich davon aus, dass du deine Gründe dafür hast, warum du nicht freiwillig erzählst, warum du diese Infos brauchst?“
„Da hast du recht“, sagte Keri und hoffte, dass Jamie es damit gut sein ließ.
„Und ich nehme an, dass du mir nicht sagst, worum es hier geht oder mich in irgendeiner Form helfen lässt?“
„So ist es am besten, Jamie. Je weniger du weißt, desto besser. Und je weniger Leute wissen, dass du mir geholfen hast, desto besser ist es für mich.“
„Okay. Ich vertraue dir. Aber wenn du irgendwann meinst Hilfe zu benötigen, du hast meine Nummer.“
„Die habe ich“, sagte Keri und drückte Castillos Hand.
Sie wartete, bis Officer Castillo wieder bei ihrem Wagen und damit weggefahren war, bevor sie aus ihrem eigenen ausstieg. Die Akte, die Castillo ihr gegeben hatte, fest in der Hand, stieg sie die Stufen hinauf zu den Geschäftsräumen der Weekly L.A., wo Mags, und mit ihr hoffentlich ein paar Antworten warteten.
*
Zwei Stunden später klopfte es an der Tür zum Konferenzraum, in dem Keri sich eingerichtet hatte und Akten sichtete. Der große Tisch in der Mitte des Raumes war komplett mit Papieren bedeckt.
„Wer ist da?“ fragte sie. Die Tür öffnete sich eine Handbreit. Es war Mags.
„Ich wollte mich nur mal melden“, sagte sie. „Ich wollte sehen, ob ich dir irgendwie behilflich sein kann, meine Liebe.“
„Ich könnte eigentlich eine kleine Pause gebrauchen. Komm rein.“
Mags kam herein, machte die Tür zu, schloss sie hinter sich ab und stellte sicher, dass die Jalousien geschlossen waren, damit niemand hereinschauen konnte. Einmal mehr staunte Keri, wie sie sich angefreundet hatte mit der Frau, die quasi die Live-Action Version von Jessica Rabbit war.
Margaret Merrywether war über 1,80 Meter groß, selbst ohne die Stöckelschuhe, die sie normalerweise trug. Von toller Statur, mit milchig weißer Haut, reichlich Kurven, flammend roten Haaren, die toll zu ihrem rubinroten Lippenstift passten, und strahlend grünen Augen, schien sie gerade einem Modemagazin für Amazonen entstiegen zu sein.
Und all das, bevor sie auch nur ihren Mund öffnete, mit einen Akzent wie Scarlett O`Hara, unterlegt mit einer scharfen Zunge wie Rosalind Russell in His Girl Friday. Nur der leicht bissige Ton gab Aufschluss auf Margarets (von ihren Freunden Mags genannt) Persönlichkeit. Wie sich herausgestellt hatte, war sie auch bekannt unter dem Pseudonym „Mary Brady“, die sensationsmachende Kolumnistin, die Lokalpolitiker zu Fall gebracht, Amtsvergehen großer Firmen aufgedeckt und bestechliche Polizisten bloß gestellt hatte.
Читать дальше