Warum geht die Tochter eines reichen US Senators nicht auf eine schicke Privatschule?
Mia las wohl ihre Gedanken.
„Stafford fand das nie gut. Er wollte immer, dass sie eine Privatschule besucht und später nach Harvard geht, so wie er. Aber es ging nicht nur um die Ausbildung. Er wollte es auch, weil er Privatschulen für sicherer hält“, sagt sie. „Ich wollte aber, dass sie auf eine staatliche Schule geht, damit sie mit einer bunten Mischung von Kids auf das echte Leben vorbereitet wird. Es war eines der wenigen Male, bei denen ich mich durchgesetzt habe. Wenn Ashley jetzt auf dieser Schule etwas zugestoßen ist, bin ich dafür verantwortlich.“
Keri wollte diesen Gedanken im Keim ersticken.
„Erstens – Ashley wird nichts zustoßen. Zweitens – wenn doch etwas passiert wäre, wäre es nicht die Schuld ihrer Mutter, sondern die Schuld desjenigen, der ihr etwas angetan hat.“
Dann blickte sie Mia Penn lange ins Gesicht. Hatte sie sich überzeugen lassen? Keri wollte verhindern, dass diese Frau die Fassung verlor. Sie entschied, noch einen Schritt weiter zu gehen.
„Lassen Sie uns noch einmal gemeinsam überlegen: Gibt es jemanden, der Ashley schaden will? Oder vielleicht Ihnen und Ihrem Mann?“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ashley oder ich irgendwelche Feinde haben. Auch bei Stafford glaube ich das nicht, aber er ist ein einflussreicher Mann. Ich meine, ihm wurde schon öfter gedroht, aber es ist schwer zu sagen, ob das ernst zu nehmen ist.“
„Bisher hat noch niemand Lösegeld gefordert?“
Jetzt stand ihr der blanke Schrecken ins Gesicht geschrieben.
„Denke Sie, dass es darum geht?“
„Nein, nein. Ich will nur nichts übersehen. Ich habe keinen konkreten Verdacht. Diese Fragen sind nur Routine.“
„Es gab keine Lösegeldforderung.“
„Sie verfügen offensichtlich über einen gewissen Reichtum.“
Mia nickte.
„Meine Familie ist recht wohlhabend, aber das weiß eigentlich niemand. Alle denken, dass unser Geld von Stafford kommt.“
„Nur aus Neugierde – über welchen Betrag sprechen wir denn in etwa?“, fragt Keri. In diesem Job war es manchmal unmöglich, diskret zu sein.
„Das kann ich Ihnen nicht genau sagen, wir haben das Strandhaus in Miami und eine Wohnung in San Francisco, aber beides läuft unter Firmennamen. Wir sind ziemlich aktiv auf dem Markt und haben zahlreiche Investitionsgüter. Sie haben ja die Kunstgegenstände hier im Haus gesehen. Insgesamt geht es um etwa fünfundfünfzig, vielleicht sechzig Millionen.“
„Weiß Ashley das?“
Die Frau zuckte mit den Schultern.
„Gewissermaßen schon. Sie kennt keine genauen Zahlen, aber sie weiß, dass wir viel besitzen und dass die Leute nicht alles wissen müssen. Stafford gibt sich gerne als ‚Mann des einfachen Volkes‘.“
„Redet Ashley mit ihren Freunden über diese Dinge?“
„Das glaube ich nicht. Wir haben ihr immer wieder gesagt, dass sie das nicht herumposaunen soll.“ Sie stöhnte und fügte dann hinzu: „Gott, ich rede viel zu viel. Stafford wäre bestimmt wütend auf mich.“
„Führen Sie beide eine glückliche Ehe?“
„Ja, natürlich.“
„Und kommen Sie mit Ashley gut zurecht?“
„Sie ist für mich der wichtigste Mensch auf der ganzen Welt.“
„Okay. Und wie kommt Stafford mit ihr aus?“
„Sie kommen gut miteinander zurecht.“
„Gibt es irgendeinen Grund, warum sie von Zuhause weglaufen würde?“
„Definitiv nicht. Sie ist nicht weggelaufen, da bin ich sicher.“
„Wie war ihre Laune in letzter Zeit?“
„Gut, stabil, glücklich.“
„Kein Liebeskummer?“
„Nein.“
„Drogen oder Alkohol?“
„Wer weiß das schon so genau, aber im Allgemeinen ist sie eine verantwortungsbewusste junge Frau. Diesen Sommer hat sie den Junior-Rettungsschwimmer gemacht. Dafür musste sie jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen. Sie ist kein launischer, fauler Teenager. Außerdem hat das neue Schuljahr vor zwei Wochen begonnen.“
„Gibt es dort irgendwelche Probleme?“
„Überhaupt nicht. Sie mag ihre Lehrer, kommt mit den anderen Schülern gut aus und wird dem Mädchen-Basketball-Team beitreten.“
Keri sah ihr tief in die Augen. „Was glauben Sie, was passiert ist?“
Sie sah verwirrt aus. Ihre Lippe zitterte ein wenig.
„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie. Sie sah zur Haustür und wandte sich dann wieder Keri zu. „Ich will sie einfach nur wieder haben. Wo zur Hölle bleibt Stafford nur?“
Wie auf sein Stichwort kam ein Mann um die Ecke. Es war Senator Stafford Penn. Keri hatte ihn schon oft im Fernsehen gesehen, aber als er jetzt vor ihr stand, spürte sie seine mächtige Ausstrahlung. Er war Mitte vierzig, muskulös und ziemlich groß, bestimmt zwei Meter. Er hatte blondes Haar, wie Ashley, markant geschnittene Gesichtszüge und leuchtend grüne Augen. Von ihm ging eine Anziehungskraft aus, die beinahe greifbar war. Keri schluckte, als er ihr die Hand hinhielt.
„Stafford Penn“, sagt er, auch wenn ihm klar war, dass sie das bereits wusste.
Sie lächelte. „Keri Locke. LAPD Pacific, Einheit für vermisste Personen.“
Stafford gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss auf die Wange und setzte sich. Dann kam er direkt zur Sache.
„Wir wissen es sehr zu schätzen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, aber ich persönlich denke, dass wir bis morgen warten sollten.“
Mia sah ihn ungläubig an.
„Stafford…“
„Das Kind wird erwachsen“, fuhr er fort. „Ashley ist eine selbstständige junge Frau. Das gehört eben dazu. Wenn sie ein Junge wäre, hätten wir uns damit schon vor Jahren herumschlagen müssen. Deswegen hatte ich Mia gebeten, sich zurückzuhalten. Ich bezweifle, dass dies die einzige Situation sein wird, in der wir um Hilfe rufen. Und ich möchte nicht, dass uns keiner mehr ernst nimmt, wenn wir wirklich Hilfe brauchen.“
„Dann glauben Sie, dass alles in Ordnung ist?“, fragte Keri.
Er senkte den Blick.
„Ich glaube, dass Teenager einfach so sind. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass der Tag gekommen ist. Sie steht jetzt auf eigenen Füßen. Ich wette, dass sie heute Nacht auftaucht. Spätestens morgen früh, wahrscheinlich schwer verkatert.“
Mia starrte ihn fassungslos an.
„Es ist ein Montagnachmittag im laufenden Schuljahr, nicht Spring Break in Daytona“, schnappte sie. „Außerdem würde Ashley das nicht tun.“
Stafford schüttelte den Kopf.
„Ich bitte dich Mia, jeder muss mal Dampf ablassen“, sagt er. „Als ich fünfzehn war, habe ich einmal zehn Bier in drei Stunden getrunken. Ich habe buchstäblich tagelang gekotzt. Und ich weiß noch, wie mein Vater sich über mich lustig gemacht hat. Jetzt habe ich das Gefühl, dass er irgendwie stolz auf mich war.“
Keri nickte nur still, als wäre das ganz normal. Es würde niemandem helfen, einem US Senator auf die Füße zu treten.
„Vielen Dank, Senator. Wahrscheinlich haben Sie Recht. Weil ich nun schon hier bin, könnte ich mir vielleicht Ashleys Zimmer ansehen?“
Er zuckte mit den Schultern und deutete auf die Treppe. „Nur zu.“
Oben angekommen ging Keri den langen Flur entlang, betrat Ashleys Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Genau so hatte sie sich das Zimmer vorgestellt: Schickes Bett, passende Schränke und Tischchen, ein Poster von Adele und der legendären einarmigen Surferin Bethany Hamilton. Auf dem Nachttisch stand eine Retro-Lavalampe. Auf ihrem Kopfkissen lag ein Stofftier. Es war so alt und abgegriffen, dass Keri nicht mehr erkennen konnte, ob es ein Hund oder ein Schaf sein sollte.
Sie öffnete das MacBook auf dem Schreibtisch und stellte überrascht fest, dass kein Passwort eingerichtet war.
Welcher Teenager würde seinen Laptop für jeden zugänglich auf dem Schreibtisch liegen lassen?
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