Genau in diesem Moment hüstelte Amy. Emily riss sich von Daniels Anblick los und schaute über ihre Schulter.
„Hallo, Ames“, begrüßte sie auch ihre Freundin und verdrehte die Augen.
Es war immer noch ungewohnt für Emily, dass Amy so leicht erreichbar für sie war. Ihr vorübergehender Umzug nach Sunset Harbor war für sie beide wunderbar gewesen und brachte ihnen die unkomplizierte Freundschaft zurück, die sie geteilt hatten, bevor Emily aus New York City verschwunden war, ohne es ihr zu sagen. Und Amys organisatorische Fähigkeiten waren unheimlich nützlich, wenn es darum ging, die Logistik von Charlottes Geburt zu planen.
„Ich wusste nicht, dass du heute vorbeikommst“, sagte Emily zu ihrer Freundin.
„Ich bin hierhergekommen, um mit Dan über die Checkliste zu sprechen“, antwortete Amy.
Emily setzte sich ihr gegenüber und runzelte die Stirn. „Welche Checkliste?“
„Die wegen der Entbindung“, sagte Amy in einem Ton, der deutlich machte, dass das wohl offensichtlich sein sollte. „Du brauchst deine Kliniktasche, einen Plan, wie du hinkommst, wo du parken kannst, wen du anrufen musst. Wir haben eine Kommunikationshierarchie geschrieben, bei der Dan mich anruft und ich dann dafür verantwortlich bin, Harry, Jayne, deine Mutter und Lois anzurufen. Harry informiert die Leute in Sunset Harbour, Lois erzählt es dem Rest des Personals in der Pension und so weiter. Ehrlich, Emily, ich bin schockiert, dass du das alles noch nicht organisiert hast.“
Emily lachte. „Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich erst in drei Monaten fällig bin!“
„Du musst vorbereitet sein“, belehrte Amy sie. „Wenn Charlotte beschließt, sich schon morgen auf den Weg zu machen, musst du vorbereitet sein.“
Chantelles Augen weiteten sich. „Sie könnte schon morgen kommen?“, fragte sie und war ganz begeistert von dieser Aussicht. „Ich könnte schon morgen eine Schwester haben?”
Emily berührte schützend ihren Bauch, und in ihrem Hinterkopf wuchs eine quälende Sorge. „Ich hoffe nicht.“
Daniel kam und setzte sich neben sie. „Verschaff Emily keine Albtraumszenarien, wegen denen sie sich Sorgen machen muss“, sagte er zu Amy. „Und mach auch Chantelle nicht solche falschen Hoffnungen. Sie wartet verzweifelt darauf, ihre kleine Schwester kennenzulernen.“ Er wandte sich an Chantelle. „Charlotte wird bis Dezember in Mamas Bauch bleiben. Es gibt nur eine sehr, sehr kleine Chance, dass sie früher kommt.“
„Du meinst also, sie könnte an meinem Geburtstag kommen?“, fragte Chantelle und grinste bei dieser Aussicht von einem Ohr zum anderen.
Daniel lachte und schüttelte den Kopf. „Halloween und gleich noch zwei Geburtstage?“, scherzte er. „Ich hoffe nicht!“
„Es würde es leicht machen, sich daran zu erinnern“, sagte Amy schmunzelnd.
In diesem Moment klingelte es an der Tür.
„Ich werde aufmachen“, sagte Emily, die unbedingt eine Ablenkung von dem Gedanken brauchte, dass Baby Charlotte zu früh geboren werden könnte.
Draußen im Foyer war das Gasthaus voller Aktivität. Die hektische Sommerzeit war zwar vorbei, aber es gab immer viel zu organisieren, besonders jetzt, wo im Speisesaal drei Mahlzeiten am Tag serviert wurden und die Flüsterkneipe jeden Abend geöffnet war. Sobald auch das Restaurant und das Spa eröffnet waren, würden sie keinen Moment Ruhe mehr haben, dachte Emily.
Sie eilte an Lois und Marnie vorbei, die an der Rezeption beschäftigt waren, dann öffnete sie die Tür. Dort stand ein elegant gekleideter Herr. Er schien ungefähr fünfzig Jahre alt zu sein, hatte graumelierte Haare und ein paar Lachfalten um seine Augen.
„Paul Knowlson“, sagte er selbstsicher und hielt Emily die Hand hin, um sie zu schütteln, als würden sie irgendeine Art von Geschäft abschließen.
Sie nahm seine Hand und schüttelte sie. „Es tut mir leid, Herr Knowlson, ich glaube nicht, dass ich Sie kenne“, sagte sie.
„Ich habe ein Apartment gebucht“, sagte er und zog einen Zettel aus seiner Jackentasche. „In Trevor's House”, las er ab.
„Oh!”, rief Emily aus. Er war ihr erster Gast in einem der neuen Apartments. „Das ist im Haus auf der anderen Seite der Grünanlage“, sagte sie. „Ich werde Sie hinbringen.“
„Fantastisch“, antwortete Paul.
Emily führte ihn den Weg entlang. Sie spürte einen Anflug von Aufregung, weil sie wusste, dass dies das erste von vielen Malen sein würde, dass sie einem Gast sein Apartment zeigen würde. Es war wunderbar zu sehen, wie all ihre harte Arbeit an Trevors Haus Früchte trug, und zu wissen, dass das Geschenk, das er ihnen hinterlassen hatte, genutzt wurde, anstatt dahinzuwelken.
„Kann es sein, dass ich da einen New Yorker Akzent gehört habe?“, fragte Paul, während sie weitergingen. „Stammen Sie von dort?“
„Das stimmt”, antwortete Emily lächelnd. „Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Kennen Sie New York City gut?“
Paul nickte. „Ja, ich bin auch dort aufgewachsen. Aber jetzt lebe ich in Florida.“
„Und Sie sind ein Geschäftsmann?“, fragte Emily nach.
Paul lachte und deutete auf seinen teuren Anzug. „Was hat mich verraten?“
Sie erreichten Trevors Haus und Emily führte ihn hinein. Der Hauptbereich unten war jetzt völlig offen, mit einer hüfthohen Glaswand zwischen dem brandneuen, glitzernden Restaurant und dem Weg zu der Treppe, die zu den Wohnungen führte. Das Restaurant hatte seine Pforten noch nicht geöffnet, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis das passierte, dachte Emily aufgeregt.
„Sie haben Apartment vier“, sagte Emily und deutete auf die Treppe. „Es hat einen schönen Balkon mit Blick auf den Ozean.“
„Klingt perfekt“, antwortete Paul.
Emily führte ihn die Treppe zum Zwischengeschoss hinauf und deutete auf ein schmiedeeisernes Tor im Pariser Stil mit einem goldenen Schild mit der Aufschrift ‚Nur für Gäste‘. Sie zeigte ihm den großen Schlüssel, der das Tor öffnete, und dann gingen sie den Korridor entlang und blieben vor dem vierten Apartment stehen.
Emily erinnerte sich an die Aufregung, die sie verspürt hatte, als sie sich zum ersten Mal in den neuen Wohnungen umgesehen hatte. Sie waren meisterhaft von den Erik & Sons Drillingen entworfen worden. Sie hoffte, dass Paul auf den ersten Blick genauso beeindruckt von dem Apartment sein würde wie sie.
Sie schloss die Tür auf und öffnete sie, dann bedeutete sie Paul, hineinzugehen.
„Das ist fantastisch“, sagte Paul mit einem Nicken.
Er schien ein netter Mann zu sein, aber Emily konnte seine geschäftstüchtige Ader erkennen. Sie war von der gleichen Qualität wie bei Amy, eine fast falkenähnliche Fähigkeit, Geld und Qualität zu erschnüffeln, um seine Umgebung zu beurteilen und ein sofortiges Urteil zu fällen. Es war ein riesiges Kompliment, dass so jemand ihre bescheidene Herberge überhaupt buchte.
Emily reichte ihm den Schlüssel. „Die Mahlzeiten werden im Moment im Haupthaus serviert“, erklärte sie. „Bitte besuchen Sie uns, wann immer Sie möchten. Das Restaurant im Erdgeschoss ist noch nicht offen, also wird hier alles sehr ruhig sein.“
Sie verabschiedeten sich und Emily ging zurück zum Haupthaus. Im Foyer traf sie auf Lois.
„Ich hatte vergessen, dass wir einen Gast im Trevor's haben“, sagte sie. „Ist alles für ihn arrangiert? Saubere Bettwäsche, Bademantel, Kaffeepads für die Maschine?“
Lois nickte ernst. „Ja“, sagte sie und klang beleidigt wegen der Andeutung, dass sie möglicherweise etwas vergessen haben könnte.
Emily errötete. „Entschuldigung, natürlich ist es das.“
Es war nicht immer leicht für Emily, sich daran zu erinnern, dass Lois nicht mehr der nervöse, überemotionale Schussel war wie früher. Sie hatte sich in letzter Zeit wirklich gut entwickelt, wahrscheinlich teilweise wegen ihrer Beförderung und Gehaltserhöhung. Emily wusste, dass sie darauf vertrauen konnte, dass sie die Pension perfekt leitete. Sie hatte sich sogar gut mit den Lieferanten arrangiert und Lebensmittel- und Warenbestellungen aufgegeben. Wie Emily erkannte, könnte sie in der Tat wahrscheinlich für einen Monat das Land verlassen und die Pension Lois‘ fähigen Händen anvertrauen; etwas, das sie nie für möglich gehalten hätte!
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