Greta sieht Jupp an und kichert. „Wenn die wüsste! Jetzt geht es erst richtig los mit der Geistergeschichte!“
Sie überlegt einen Moment. „Hast du dem Babygeist eigentlich schon einen Namen gegeben? Also, ich finde, Schnuppe würde gut zu ihm passen.“
„Er hat schon einen Namen“, sagt Jupp.
„Und welchen?“, möchte Greta wissen.
Jupp grinst schelmisch. „Star Wars!“
Da schüttelt Greta lachend den Kopf. „Na ja, nicht so gut wie Schnuppe, aber immerhin besser als Lillifee.“
*
*
Nachts kommen wieder die Geister auf Gretas Dach heraus und machen Schabernack. Fürchterlich lauten Schabernack. Sie trommeln auf die Dachziegel und singen Geisterlieder, sie raufen und rutschen heulend die Dachrinnen hinunter, direkt an Gretas Bett vorbei.
Darauf hat Greta nur gewartet. Sie fasst sich ein Herz, schlägt die Bettdecke zurück und steht auf. Auf Zehenspitzen schleicht sie zum Fenster und öffnet es vorsichtig. Doch draußen ist es mit einem Mal ganz still. Keine Spur von einem Geist.
Greta späht in den dunklen Nachthimmel. Sie blickt nach oben und nach unten, nach links und nach rechts. Nicht die Spur eines Geistes ... Wo stecken sie nur alle?
Da entdeckt sie im Kastanienbaum gegenüber einen weißen Luftballon. Doch je länger sie hinübersieht, desto zweifelhafter erscheint ihr der Ballon. Er sieht irgendwie anders aus, ein bisschen lebendiger ... Ist er vielleicht ... ein GEIST?
„He!“, ruft sie.
Nichts bewegt sich.
„He!“, ruft sie noch einmal etwas lauter.
Keine Reaktion.
„He du ... bist du ein Luftballon?“
Da erscheinen plötzlich zwei dunkle Punkte auf der weißen Hülle. Greta schluckt. Das sind doch Augen, eindeutig Augen! Also ist der Ballon kein Luftballon, sondern tatsächlich ein ... GEIST!
„Wie begrüßt man einen Geist am besten?“, überlegt Greta. Derlei wichtige Fragen werden in der Schule nämlich nicht besprochen. Alles, was Greta dort fleißig im Unterricht gelernt hat, hilft in diesem Augenblick so viel wie ein Eis zur Abkühlung im Winter.
Sie beschließt, es mit einem einfachen Winken zu versuchen. Lächeln und Winken verstehen schließlich schon Kleinkinder, da wird wohl ein kleiner Geist keine Ausnahme machen. Es gilt schließlich nur, ihm zu zeigen, dass sie ein freundlicher Mensch ist. So also erhebt Greta ihre Hand und wedelt ein bisschen hin und her.
Und tatsächlich: Der Geist erwidert die Bewegung. Auch er hebt seine kleine weiße Hand und beginnt zu winken. Immer ausgelassener und fröhlicher werden sie und fangen schließlich an zu lachen.
Doch dann, gerade als Greta dem kleinen Geist ein „He, komm doch rüber zu mir!“ zurufen möchte, saust plötzlich wie aus dem Nichts ein hagerer Flattergeist heran, packt den kleinen Geist bei der winkenden Hand und zerrt ihn mit sich. Der kleine Geist heult auf wie eine Sirene.
Greta stockt der Atem, doch dann ruft sie aus voller Seele: „Stooppp!“ Und noch einmal: „Stoopppp!“
Doch der Flattergeist saust weiter im großen Bogen um die Kastanien herum, den kleinen Geist fest im Griff.
„Stoooopppppp!“, schreit Greta noch einmal, aber die schwarze Nacht hat die beiden bereits verschluckt.
Gretas Gedanken wirbeln durcheinander.
Warum hat der Flattergeist den kleinen Geist mitgerissen?
Klaut er etwa Geister?
Oh, unbedingt müssen sie und Jupp verhindern, dass Star Wars sich allein auf den Weg zu den Geistern macht.
Aber wie?
Greta hat keine Idee. Sie schließt das Fenster und schleicht niedergeschlagen zurück in ihr Bett.
Ihr Zuhause ist also doch kein guter Platz für den Babygeist. Hier leben zwar Geister, von denen einige ihn bestimmt willkommen heißen würden, aber gleichzeitig treibt eben auch ein böser Flattergeist sein Unwesen.
In dieser Nacht findet Greta lange Zeit keinen Schlaf. Verzweifelt überlegt sie, was sie und Jupp nur tun können, doch als sie in den frühen Morgenstunden endlich einschläft, hat sie noch immer keine Lösung gefunden ...
*
*
Am nächsten Tag wartet Greta vor dem Schulgelände auf Jupp. Sie hockt auf dem großen, runden Stein neben dem Eingangstor und reibt sich die müden Augen. Wenn doch Jupp nur endlich auftauchen würde, damit sie ihm erzählen kann, was in der Nacht passiert ist.
Doch Frau Gruber durchkreuzt ihr Vorhaben, von übler Laune geplagt. In der Nacht hat auch sie kaum ein Auge zugetan, so einen schrecklichen Lärm hat das ältere Ehepaar, das über ihr wohnt, wieder verursacht.
Und dann haben die beiden, nur in lumpige Bademäntel gehüllt, auch noch frech behauptet, sie selbst könnten ebenfalls nicht schlafen und das Jaulen und Johlen käme vom Dach.
Zu allem Überfluss ist heute Morgen auch noch ihre blaue mit rosa Rosen verzierte Zuckerdose leer gewesen, sodass sie noch nicht einmal ihren ersten Kaffee genießen konnte. Dabei ist gestern ganz sicher noch etwas Zucker da gewesen!
Es hat wirklich den Anschein, als wende sich die Welt gegen sie. Bis zu den Herbstferien sind es noch fünf lange Wochen, nachts wird in ihrem Haus gelärmt und diese frechen Kinder Jupp und Greta verstecken etwas vor ihr. Oh, wie sie es hasst, wenn Kinder Geheimnisse haben!
Dementsprechend gereizt scheppert nun ihre Stimme von der Eingangstür über den Schulhof. „Greta! Komm herein! Du darfst nicht allein das Schulgelände verlassen!“
„Ich verlasse es nicht, ich komme gerade erst!“, ruft Greta zurück. „Ich warte auf Jupp.“
„Komm jetzt rein!“, wiederholt Frau Gruber.
„Ich komme, wenn Jupp da ist“, antwortet Greta und starrt in die Richtung, aus der Jupp jeden Morgen herbeihechelt.
Sie hört, wie hinter ihr die Eingangstür zufällt. Aber sie dreht sich nicht um. Sonst hätte sie gesehen, wie Frau Gruber sich mit zusammengekniffenen Augen und verschränkten Armen hinter der Glastür aufgebaut hat und fußtippelnd darauf wartet, dass sie nun endlich ihrer Anweisung folgt.
Aber Greta schaut weiter in die andere Richtung und wartet auf Jupp.
Da endlich kommt er um die Ecke gebogen, fröhlich pfeifend und gut gelaunt wie immer. Auf den blonden Haaren sitzt seine Schiebermütze und in der Hand schaukelt sein blauer Eimer.
Nun reißt Frau Gruber endgültig der Geduldsfaden und sie stürzt zur Tür hinaus. „Jupp, der Eimer bleibt draußen!“, wettert sie im Laufen und beißt sich dabei auf die Zunge, was sie sogleich noch wütender macht.
Jupp rückt seine Schiebermütze zurecht. „Guten Morgen, Frau Gruber! Der Eimer bleibt bei mir“, entgegnet er freundlich.
„Dassss tut er nicht!“, lispelt Frau Gruber und spürt, wie ihre Zunge anschwillt.
„Das tut er doch!“, entgegnet Jupp, zieht ein zerknülltes Taschentuch aus seiner Hosentasche und reicht es ihr. „Sie bluten ein bisschen aus dem Mund, Frau Gruber.“
Diese schenkt dem Taschentuch jedoch keine Beachtung. „Mit diessssem Eimer gehssst du heute nicht in die Klasssse!“, zischt sie.
„Dann gehe ich heute nicht in die Klasse“, antwortet Jupp.
Greta, die erstaunt die Szene verfolgt hat, stellt sich an Jupps Seite. „Dann gehe ich heute auch nicht in die Klasse“, sagt sie freudestrahlend.
Frau Grubers Augenlider fangen an zu flackern und sie schnappt nach Luft wie ein Karpfen an der Wasseroberfläche. Für einen Moment sieht es aus, als wolle sie etwas sagen, doch dann wendet sie sich abrupt ab und stakst zurück ins Schulgebäude.
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