Der Lehrauftrag an der Universität in Warschau ist nicht gerade üppig dotiert. So freut sie sich jedes Mal, wenn sie für Fotostrecken gebucht wird. Hanna hat mittelblondes, langes Haar und grüne Augen. Bei einem Meter achtzig hält sie ihre sechsundfünfzig Kilo durch regelmäßiges Balletttraining.
Ihre Beziehung mit Czabor, einem Sohn aus adliger polnischer Familie, ist Weihnachten zu Ende gegangen. Eine Verbindung mit zu wenigen Gemeinsamkeiten. Vor allem seine sexuellen Vorlieben konnte Hanna nicht teilen.
Schon mehrmals hatte er sie gebeten, doch einmal eine Freundin einzuladen und ihn zuschauen zu lassen, wenn sie es mit ihr trieb. Trotz einiger homoerotischer Erfahrungen hatte Hanna nicht das Bedürfnis, diese vor den Augen ihres Freundes zu wiederholen. Czabor nannte sie »Spießerin« und maulte.
In der Vorweihnachtszeit besuchte Hanna ihre Babka auf dem Lande. Sie hatte die Absicht, eine Woche zu bleiben, denn ihre Großmutter und sie hatten sich immer viel zu erzählen. Zufällig bekam sie während dieser Zeit aber ein Angebot für eine Fotostrecke, sodass sie zwei Tage früher nach Warschau zurückfuhr.
Schon im Treppenhaus wunderte sie sich über die Musik, die aus ihrer Wohnung drang. Der Bolero von Ravel war sonst nicht Czabors Lieblingsmusik, schon gar nicht in dieser Lautstärke. Sie betrat die Wohnung. Ohne den Mantel abzulegen, ging sie schnurstracks der Musik nach. Die Wohnzimmertür stand weit offen, sodass Hanna gar nicht hineingehen musste, um zu sehen, was sich dort abspielte. Auf dem Tisch standen drei Champagnergläser, eine Flasche steckte verkehrt herum im Kühler, eine weitere Leere daneben. In ihrem großen Ohrensessel saß Czabor mit geöffneter Hose und bearbeitete rhythmisch sein pralles Glied. Dabei glotzte er mit glasigen Augen auf den Teppich vor dem Kamin. Hanna folgte seinem Blick und erstarrte. Auf ihrem chinesischen Seidenteppich räkelten sich zwei Frauen von beträchtlicher Körperfülle.
Eine kniete, reckte der anderen ihr Hinterteil auffordernd entgegen und feuerte sie an: »Mach’s mir, ja, tiefer!« Dabei schaukelten ihre großen Titten kräftig hin und her.
Die Korpulentere der beiden hatte sich einen Dildo umgeschnallt und fickte damit den Anus ihrer Gespielin im Rhythmus des Bolero. Sie hatte deren Arschbacken gepackt und riss sie im Takt ihrer Stöße zu sich heran. Das schmatzende Geräusch des offenbar gut eingefetteten Dildos grub sich Hanna ins Ohr. Das Bild der fickenden Frauen und ihres wichsenden Freundes ebenso. Wortlos verließ sie die Wohnung. Diskussionen fand Hanna unnötig. Sie teilte Czabor knapp mit, dass sie ihn verlassen würde und keine Aussprache wünsche.
Schon am nächsten Morgen orderte sie einen Möbeltransporter, der ihre Lieblingsstücke und Kleider abholte. Czabor war nicht im Hause. So konnte sie in aller Ruhe zusammenpacken, was ihr lieb war. Alles, was mit ihm zu tun hatte, entschied sie, dort zu lassen. Sie brachte ihre Habseligkeiten fürs Erste bei der Babka unter. Eine neue Wohnung in Warschau zu suchen, würde Zeit brauchen.
»Das machst du richtig, Kind«, bestärkte sie die Großmutter. »Wie wäre es, wenn du nach dem Job ein wenig abschaltetest? Gönn dir ein paar Tage Urlaub, bevor du neu planst. Die Semesterferien sind lang. Du hast alle Zeit der Welt.«
Hanna umarmte ihre Babka. »Du bist die Beste«, sagte sie aufgewühlt, »du bist wirklich ein Geschenk!«
»Ich bin deine Großmutter, und wir Frauen müssen zusammenhalten, mehr nicht«, war die Antwort. Und genau so meinte sie es auch. »Geh Skifahren, mein Kind. Das hat dir immer gutgetan. Schnee klärt den Kopf.«
Hanna musste nicht lange darüber nachdenken. Sie rief sogleich das Reiseunternehmen an, das immer ihre Flüge zu den Modenschauen organisierte. Sie entschied sich, nach Davos zu fliegen. Ein Luxushotel. Das musste es dieses Mal sein. Das brauchte sie jetzt, nach dem Entschluss, ihr Leben wieder einmal neu zu beginnen.
Wann würde es mal der Richtige sein? Wann würde endlich einer kommen, der sie wirklich liebt und den sie lieben kann? Das Gefühl des Andersseins begleitet Hanna schon immer. Noch nie hat ein Mann sie in ihrer Zartheit und Komplexität verstanden. Immer wollten sie die schöne Frau, immer war sie Trophäe. Mit ihrem Intellekt konnte bisher keiner so recht etwas anfangen. Zu schlicht waren die Kandidaten.
David (Berlin)
Schon immer hatte Davids Familie in der riesigen Dachterrassenwohnung in Charlottenburg gelebt. Die zahlreichen lichtdurchfluteten Wohnräume waren miteinander durch große Torbögen verbunden. Nur das kleine Zimmer des Hausmädchens glich einer Kammer und lag genau hinter der Küche.
Davids Mutter starb, bevor er neunzehn Jahre alt wurde. David hatte die eigentliche Todesursache nie erfahren. Später machte er sich einen Reim auf die Ehe seiner Eltern und vermutete, dass es ein »gebrochenes Herz« gewesen sein musste.
Nachdem David sein Studium erfolgreich abgeschlossen hatte, kehrte er nach Berlin zurück und wurde bald Partner in einer Anwaltskanzlei. Im Job war er erfolgreich. Mehrere Beziehungen zu Frauen scheiterten, obwohl David ein äußerst attraktiver Mann ist. Seine sensible Art, die manchmal ans Mimosenhafte grenzt, macht das Zusammensein mit ihm anstrengend.
Als der Vater krank wurde, engagierte David Pflegerinnen und versuchte, dem alten Mann das Leben zu erleichtern, so gut es ihm möglich war. Als der Vater starb, war David zweiundvierzig Jahre alt. Bei der Durchsicht der Unterlagen stellte er fest, dass sein Vater regelmäßig größere Geldbeträge an das Pflegepersonal gezahlt hatte. David konnte sich das nicht erklären, da er den Pflegedienst selbst engagiert hatte. So entschloss er sich, der Sache auf dem Grund zu gehen. Gespräche mit den ehemaligen Pflegerinnen ergaben schnell eine Antwort. Sein Vater hatte sie für »besondere Leistungen« fürstlich entlohnt. Die Damen gingen mit diesem Thema ganz offen um, da es in ihrem Job offenbar keine Seltenheit ist, dass betuchte Patienten für sexuelle Handlungen bezahlen. David war erschüttert.
Wenn er sein eigenes Dasein reflektiert, fragt er sich, warum er nicht eines dieser durchschnittlichen, aber dafür unkomplizierten Leben führen kann. Denn obwohl er am liebsten allein ist, wünscht er sich doch zuweilen Geborgenheit und Austausch. Immer häufiger überfällt ihn eine sehnsüchtige Spannung. Wie geht man vor? Wo sucht man am besten? David entschließt sich, es bei einer Online-Partnerbörse zu versuchen.
Die zahlreichen Partnervorschläge, die nun täglich auf seinem Rechner ankommen, erschrecken ihn mehr, als dass sie ihn erfreuen. Mutig startet er trotzdem einige Versuche. Immer wieder muss er feststellen, dass die Frauen seine Erwartungen nicht erfüllen. Er kommt nicht dazu, eine näher kennenzulernen, denn schon die erste Begegnung endet jedes Mal früh.
Einmal erreichte ihn das Foto seiner Traumfrau: schlank, blond und schön. Auch der Text war ansprechend. Sie mailten ein paar Mal hin und her, bevor sie sich praktisch selbst in seine Wohnung einlud. Das kam David zwar ein wenig schnell vor, aber er war zu neugierig, um abzusagen.
Es war Freitag. David hatte gekocht und den Tisch hübsch gedeckt. Sekt stand kalt. Kurz nach 20:00 Uhr ging die Klingel.
Amira. Schön war sie!
David war begeistert.
Sie tranken ein Glas Sekt zur Begrüßung. Dann entschuldigte sich David, weil er noch kurz in der Küche zu tun hatte. Nachdem er das Essen in den Ofen geschoben hatte, kehrte er gespannt zurück ins Wohnzimmer. Amina stand splitterfasernackt vor dem Kamin und prostete ihm zu.
Schön ist sie, dachte David, und wahrscheinlich eine Nutte.
Er bat sie, ihm zu verzeihen, aber er habe soeben in der Küche einen Anruf erhalten, dass er sofort zu einem kranken Freund müsse.
Amina nahm es gelassen. Sie zog sich an, verabschiedete sich locker mit: »Bis bald! Ruf mich an«, und war fort.
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