»Das kann auch sehr praktisch sein, aber ich verstehe nicht, wie jemand, die jeden Tag läuft, sich nicht besser um ihre Ernährung kümmert.«
Kelly wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie bezweifelte, dass Natalie sich wirklich Sorgen machte, weil ihr Abendessen gewöhnlich aus Pasta mit einer Fertigsauce bestand und dem einen oder anderen Bier dazu, was ihr genug Energie für ihre Joggingrunde am nächsten Morgen lieferte. »Tja, was soll ich sagen? Jede Frau hat ein, zwei Laster, meinst du nicht?«
»Mindestens.«
Sie war enttäuscht, als sie beide ihren Tisch erreichten und Natalie sich ans andere Ende setzte.
Natalie wandte sich an Steph. »Hast du gesehen, dass sie eine Kunstauktion veranstalten? Ich überlege, hinzugehen und mir anzuschauen, was sie zu bieten haben.«
Yvonne nickte heftig. »Die Galerie ist gleich neben dem Casino. Wir haben einige ernsthafte Kunstsammler an Bord. Sie waren heute Morgen schon da und haben Fotos mit ihren iPhones gemacht.«
»Hatten sie Empfang?«, fragte Steph. Es war eindeutig, dass sie an ganz was anderem als Kunst interessiert war.
»Nein, Schätzchen. Hier draußen empfängt niemand ein Signal.«
»Dein Blackberry funktioniert an Bord nicht?«, fragte Natalie.
»Nein«, erwiderte Steph verdrossen.
»Das heißt, dass sie nicht arbeiten kann«, sagte Yvonne und stieß sie in die Rippen. »Ich liebe Kreuzfahrten!«
»Du reißt den Mund ganz schön weit auf. Dabei machst du mich zur Casino-Witwe.«
Yvonne grinste und klimperte unschuldig mit den Wimpern. »Ich habe ein System, mit dem man gegen das Haus gewinnen kann. Also gegen das Schiff. Ich hab mit hundert Mäusen angefangen und fast eine Stunde gespielt. Dann hatte ich dreißig Mäuse gewonnen, also habe ich die hundert wieder in mein Portemonnaie getan und bloß noch mit den dreißig weitergespielt. Jetzt bin ich bei fünfundsechzig.«
»Wenn du so weitermachst, hast du die Reisekosten bald wieder drin«, sagte Natalie.
»Ermutige sie nicht auch noch«, meinte Steph. »Ich habe heute Morgen festgestellt, dass meine sechs Bücher nicht für zwölf Tage reichen, wenn Yvonne praktisch im Casino lebt.«
Kelly kam in den Sinn, was Jo über den Koffer voller Bücher gesagt hatte. »Hey, ich habe heute Morgen mit einer Frau gesprochen, die meinte, sie fährt total auf diese Liebesromane ab, die du auch immer verschlingst. Vielleicht leiht sie dir ein paar.«
»War das die Frau, mit der du am Pool geredet hast?«
»Ja. Jo heißt sie. Sie kommt aus Australien. Und die Rothaarige, mit der sie zusammen ist, ist ihre Schwester Julie.«
»Die habe ich auch gesehen. Heißer Feger. Sie hat Natalie angegraben«, sagte Steph.
Natalie verschluckte sich fast an ihrem Drink. »Hat sie nicht. Sie ist nur rübergekommen und hat hallo gesagt.«
»Ich liebe ihre Aussprache. Fandest du sie nicht attraktiv?«
Kelly wartete höchst gespannt auf Natalies Antwort. Julie schien auf alle Fälle interessiert gewesen zu sein, hatte aber nicht durchblicken lassen, ob das Interesse auf Gegenseitigkeit beruhte.
»Sie war ganz okay, aber ich habe kaum ein Wort verstanden von dem, was sie gesagt hat.«
Yvonne lachte herzlich. »Darauf wette ich. Ist schließlich noch gar nicht so lange her, dass du die New Yorker nicht verstanden hast.«
»Jetzt mach dich nicht auch noch darüber lustig, wie ich rede.« Natalie bewarf Yvonne mit einer Weintraube. »Weißt du, inzwischen rede ich schneller als irgendjemand in Pascagoula, und dort versteht mich kein Mensch mehr.«
Didi und Pamela kamen an den Tisch und setzten sich auf die letzten beiden freien Stühle. Ihre Teller waren mit Waldorfsalat beladen.
Kelly sah kurz zu Natalie hinüber, die ihren Blick mit einem leichten Lächeln erwiderte. »Sieht köstlich aus.«
»Ich hoffe, er schmeckt auch so«, erwiderte Didi. »Es ist nicht leicht, einen guten Waldorfsalat zu bekommen außer … nun ja, außer im Waldorf-Astoria.«
Natalie verdrehte die Augen, und Kelly zwinkerte ihr zu.
»Habt ihr heute Morgen auch das Geschrei gehört, als Steph und Natalie sich ihre Bikinizone haben wachsen lassen?«, fragte Didi. »Vielleicht dachtet ihr aber auch, das wäre die Schiffssirene.«
Steph schlug die Hände vors Gesicht. »Ich dachte, ich werde ohnmächtig.«
»Du hast dir die Bikinizone enthaaren lassen?« Ivonne sah aufgeregt aus.
»Nur an den Rändern.«
»Pamela und ich haben uns für den French Bikini Wax entschieden, was, wie ihr vielleicht wisst, heißt: fast alles.«
Kelly warf Natalie einen Seitenblick zu. Sie sah alles andere als glücklich aus.
»Und was ist mit dir, Nat?«, fragte Didi neckend. »Wo hast du die Grenze gezogen?«
»Das geht dich nichts an.« Ihrer Stimme war anzuhören, dass der Spaß vorbei war.
»Ach, nun komm schon. Uns kannst du es doch sagen. Wir erzählen es auch nicht weiter. Nun sag schon: Wo hast du die Grenze gezogen?«
»Wer sagt, dass ich eine Grenze gezogen habe?«
»Die sind sehr schön«, sagte Natalie, als sie den Stapel Bilder durchging. »Ich wünschte, ich könnte mir eines davon leisten. Mein Haus könnte ein bisschen Farbe gebrauchen.«
»Dein Haus braucht mehr als das«, wandte Steph ein. »Zum Beispiel eine neue Küche … ein neues Bad … von Schränken ganz zu schweigen. Haben die Leute früher keine Kleider gehabt?«
»Hör dir das an. Du warst doch diejenige, die mich überhaupt erst dazu überredet hat, das Haus zu kaufen. Und jetzt zählst du mir auf, was damit alles nicht in Ordnung ist.« Natalie war nicht wirklich verärgert. Sie hatte genau gewusst, dass das Haus eine Menge Arbeit erfordern würde, und anfangs hatte sie sich auch darauf gefreut, sich ans Werk zu machen. Dann war es auf der Arbeit immer schlimmer geworden und sie hatte das Interesse an dem Projekt verloren. Im Grunde hatte sie das Interesse an fast allem verloren.
Selbst die Idee, über Silvester eine Kreuzfahrt durch die Karibik zu machen, hatte sie anfangs nicht in Begeisterung versetzt. Bis Steph ihr erzählt hatte, dass Didi und Pamela auch mitkämen. Natalie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ihre besten Freundinnen zusammen mit ihrer Ex und deren neuer Geliebter die Inselwelt bereisen würden. Das ging gar nicht. Sich zu trennen und eine neue Beziehung anzufangen war eine Sache, aber Didi würde nicht auch noch ihre besten Freundinnen in Beschlag nehmen.
»Was ist dir über die Leber gelaufen, Nat?«
Nur zwei Menschen nannten sie Nat – Steph und Didi.
Als sie keine Antwort gab, nahm Steph ihre Hand und zog sie in eine ruhige Ecke. »Didi hat dich beim Mittagessen ganz schön gepiesackt, nicht?«
Natalie seufzte und biss frustriert die Zähne zusammen. »Wie kann sie mich bei einer so intimen Sache so in die Enge treiben und Pamela sitzt direkt daneben? Das ist einfach respektlos – uns beiden gegenüber.«
»Du weißt doch, wie sie ist. Didi kennt keine Tabus. Sie ist nicht zimperlich, und sie kapiert nicht, dass andere Leute an manchen Dingen Anstoß nehmen.«
»Wer immer sie programmiert hat, hat den Sensibilitätschip vergessen.«
»Kannst du mir mal verraten, warum es dich immer noch so sehr interessiert, was Didi denkt? Ich kapiere nicht, warum jemand mit einer Frau zusammensein möchte, die jede einzelne Minute in erster Linie an sich denkt, deren erste Worte sich immer darum drehen, dass die Farbe, die du trägst, deinem Haar nicht schmeichelt, oder dass deine Schuhe vor sechs Monaten schon out waren.«
»So habe ich das nie empfunden. Sie hat mir immer geholfen, mich gut zu fühlen. Wenn ich unter ihrem beifälligen Blick zur Tür hinausgetreten bin, dann wusste ich, dass ich spitzenmäßig aussah. Ich fühlte mich glamourös und mondän. Glaub mir, in Mississippi habe ich mich nie so gefühlt.«
»Außer bei Theresa.«
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