Auch Stahnke seufzte, sobald er den Laden verlassen hatte, und atmete tief durch. Viel hatte er an diesem Vormittag ja noch nicht zustande bekommen, musste er sich eingestehen, trotzdem fühlte er sich bereits erschöpft. Er wurde eben nicht jünger. ›Wir können das nicht mehr so!‹, pflegte sein Dienststellenleiter Manninga regelmäßig zu mahnen, wenn es wieder einmal besonders stressig zuging. Davon konnte jetzt und hier noch überhaupt keine Rede sein, dennoch hatte der Hauptkommissar das Gefühl, dass sein Vorgesetzter auf Dauer recht behielt.
Das ärgerte ihn und trieb ihm das Blut in die Wangen. Schon war der Anflug von Müdigkeit wieder verflogen. So geht das also, schmunzelte Stahnke und blickte auf die Uhr. Das Gespräch mit Eickhoff senior stand an; wenn der sich an die versprochenen neunzig Minuten hielt, käme der Hauptkommissar gerade zurecht, wenn er sich jetzt auf den Weg in die Polizeiinspektion am Hafenkopf machte. Andererseits hatte sich Eickhoff eine Pufferzeit von weiteren dreißig Minuten ausbedungen. Also konnte Stahnke durchaus vorher noch einen Kaffee trinken gehen. Sollte sein Gesprächspartner früher eintreffen, musste der sich eben gedulden. Das tat ihm bestimmt ganz gut.
Zum Tarax waren es nur ein paar Schritte – auch noch in die richtige Richtung. Lange hatte das alte Taraxacum leer gestanden, nachdem der frühere Besitzer erst pleite gegangen und dann verstorben war. Viele Leeraner hatten diesen Zustand wortreich bedauert, hatte diese Buchhandlung mit angegliedertem Café und Restaurant doch früher als Hort der höheren Kultur in der kleinen Händlerstadt an Ems und Leda gegolten. Doch offensichtlich hatten sich diese vielen Bedaurer nicht häufig genug von der Kultur und ihrem Hort anlocken lassen. Von guten Worten allein aber konnte kein Laden überleben.
Die jetzigen Tarax-Besitzer hatten das alte Konzept in neuem Gewand wieder aufleben lassen. Jetzt stand alles unter dem Motto Krimi, und der Laden hieß denn auch entsprechend Tatort Taraxacum. Diese Tatsache bereitete Stahnke ebenso leichtes Unbehagen wie die Deko von Geschäft und Restaurant, die aus allerhand Uniformmützen und anderen Polizei-Utensilien, Hackebeilen und Thriller-Plakaten bestand. Der Hauptkommissar hielt nichts von Kriminalromanen, dazu nahm er seinen Beruf viel zu ernst. Und außerhalb der Dienstzeit schaltete er gerne ab, da mochte er nicht ständig an seinen Broterwerb erinnert werden.
Andererseits war er jetzt gerade im Dienst, auch in einer Kaffeepause, da würde das Umfeld ja passen, überlegte er. Außerdem klagte er auf hohem Niveau, denn eigentlich mochte er den urgemütlichen Laden, Krimis hin oder her.
Die beiden abgestoßenen Stufen, die hölzerne, braun gemaserte Tür, der hohe Verkaufsraum mit den vielen hölzernen und gusseisernen Säulen, all das hatte eine besondere, eindrucksvolle und doch heimelige Ausstrahlung. Die unzähligen Bücher und der andere Krimi-affine Kram auf den Regalbrettern und den Tischen interessierten ihn weniger. Ihn drängte es nach hinten, ins Café.
Andererseits gab es vorne links ebenfalls einen kleinen Tisch mit vier Stühlen, der den Vorteil hatte, dass man von dort aus das Treiben auf Rathaus- und Brunnenstraße im Auge behalten konnte. Warum auch immer. Stahnke zögerte.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Er hatte die junge Frau gar nicht kommen hören. Unversehens tauchte sie von rechts in seinem Gesichtsfeld auf, mittelgroß, sehr schlank, mit hinten hochgestecktem, dunkelblond gesträhntem Haar. Eine große, dunkelrandige Brille kontrastierte stark zu ihrer hellen Haut und gab ihr einen intellektuellen Touch. Für eine Buchhändlerin vermutlich Dienstvorschrift, überlegte der Hauptkommissar.
»Ach ja, nee, ich überlege nur … könnte ich hier vorne auch einen Kaffee bekommen?«
»Aber natürlich. Dafür steht dieser Tisch ja hier.« Sie lächelte, ohne eine Spur von Spott in Miene und Ton. »Ich kann gerne für Sie bestellen, ist ja gerade nichts los hier. Was für einen Kaffee möchten Sie denn? Milchkaffee, Cappuccino, Espresso?«
»Ganz normalen Kaffee bitte.« Stahnke angelte nach einer Stuhllehne.
»Tasse oder Becher?« Die Frau zückte Block und Stift.
»Becher.« Himmel, was wollte die wohl als Nächstes wissen? Er war hier doch nicht bei Starbucks!
Die Buchhändlerin aber nickte nur, drehte sich um und ging gemessenen Schrittes nach hinten, Richtung Restaurant.
Stahnkes Blick folgte ihr bis zum Durchgang. Sie war dunkel gekleidet, ihr Top hatte Dreiviertel-Ärmel. Was war das da an ihrem rechten Arm? Ein Tattoo anscheinend, irgendetwas Blaues, sah aus wie ein Kopf. Ein Kopf mit Hörnern. Warum um Himmels willen ließ sich eine junge Frau so etwas in die Haut stechen? In solch milchweiße, zarte Haut noch dazu? Der Hauptkommissar konnte der grassierenden Tätowier-Mode überhaupt nichts abgewinnen. Mode kam, um wieder zu gehen, das war doch ihr Hauptzweck, vielleicht sogar ihr einziger. Was aber machte eine Tätowierte, wenn diese Mode mal out war?
Ach, da gab es ja diesen Schlager. »Bye bye Arschgeweih, ich geb dich zum Lasern frei.« Aua! Aber der Reim war nicht schlecht.
Draußen auf der Straße war immer noch wenig los. Rein geschäftlich schien der Tag noch in der Vorbereitungsphase zu sein. Der Betreiber des Wohntheaters dekorierte Antiquitäten und Second-Hand-Kram auf dem Bürgersteig, der Dönermann schleppte Kartons in seinen Grill im Eckhaus. War das überhaupt der Grill-Betreiber? Stahnke hatte den Mann anders in Erinnerung: stämmiger, dunkler, immer ein bisschen schmierig. Der hier machte einen sehr adretten Eindruck. Na, vielleicht nur ein Lieferant. Anderseits hatte er einen Schlüssel.
»Ihr Kaffee.« Die Buchhändlerin hatte sich wieder so lautlos angeschlichen, dass Stahnke leicht zusammenzuckte. Sie stellte den dampfenden Becher vor ihm ab, drehte den Henkel in Griffrichtung, drapierte Dosenmilch und Folien-Keks übertrieben sorgfältig. »Sonst noch einen Wunsch?«
»Nein danke, alles gut.« Der Hauptkommissar erwiderte ihren Blick, wunderte sich über das viele Weiß rund um die Iris. Ein starrer Blick? Oder ein herausfordernder?
Mit der Andeutung eines Lächelns wandte sich die junge Frau um und verschwand hinter dem Kassentisch hindurch im Büro. Wiederum ohne einen Laut.
Ganz so jung, wie ich zuerst dachte, ist sie wohl nicht, dachte Stahnke, das ein oder andere Fältchen hat sie schon, so rund um die Augen. Wie alt mag sie sein – Ende zwanzig, Anfang dreißig? Oder schon Mitte? Wie auch immer, auf jeden Fall ist sie viel zu jung.
Er stutzte. Zu jung wofür? Was sollte denn solch ein Gedanke? Wo kam der her? Er hatte doch überhaupt keine Absichten, er hatte doch …
Sina. Aha, daher wehte der Wind. Wieder spürte er diese altbekannten Stiche. Und als er den ersten Schluck Kaffee heruntergestürzt hatte, spürte er auch wieder dieses Brennen im Magen. Klar konnte es vom zu heißen Kaffee kommen. Aber das wusste er besser.
Jahrelang hatte er sich diese unkontrollierbaren Eifersuchts-Attacken übel genommen. Musste er sich denn sein Glück mit dieser wunderbaren jungen Frau mutwillig selber vermiesen? Natürlich war es eine Amour fou, eine Beziehung, die aus dem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen fiel. Er hasste diese hochgezogenen Augenbrauen angesichts der gut zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen ihm und seiner Freundin ebenso sehr wie das fette Lachen seiner Macho-Kollegen und deren anerkennendes Schulterklopfen: »Mensch, Stahnke, du musst ja verborgene Qualitäten haben, dass du so ein junges Blut unter Vertrag halten kannst! Hätte gar nicht gedacht, dass du so ein Hengst bist!« Drecksäcke. Manchmal hätte dieser Hengst am liebsten kräftig ausgekeilt.
Aber andererseits schmeichelte ihm solch klebrige Macho-Anerkennung doch auch, obwohl er es sich nicht eingestehen mochte. Und obwohl die Prämissen dieses Lobes auch überhaupt nicht stimmten. Von wegen erfrischender Brunnen der Jugend, in den er nach Belieben eintauchen konnte! Nicht er war die lenkende Kraft in dieser Beziehung. Weit gefehlt! Für Stahnke war Sina die, von der er lernte, an der er sich orientierte. Um mit ihr Schritt zu halten, musste er sich ständig selber ins Hinterteil treten. Und das tat ihm gut.
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