»Ja. Danke«, sagte Nane. Ohne Vorwurf, wie auch aus Rolands Worten keinerlei Bitte um Entschuldigung klang. Beider Verhältnis zu diesen Dingen war nahezu geschäftsmäßig. Zug und Gegenzug, Aktion und Reaktion – eins zog das andere nach sich, das wusste sie, damit war zu rechnen, da gab es nichts zu jammern oder zu verzeihen.
»Gut«, sagte Roland und nickte. Seine Pranke näherte sich ihrer Bauchdecke, schob das Nachthemd hoch, fuhr über ihre Haut und betastete den Verband. Sie ließ es geschehen, ungerührt wie von der kumpelhaften Intimität eines Bruders, staunte darüber, wie zart die Berührung war. Rolands muskelbepackte Arme konnten Eisenstäbe biegen, aber sie würden niemandem etwas zu Leide tun, solange Vater es nicht befahl.
Roland räusperte sich. »Vater«, sagte er langsam, und plötzlich war alles anders. Seine Fingerkuppen brannten wie Eis auf ihrer Haut, ihre Bauchmuskeln spannten sich zuckend, die frische Wunde schickte Wellen des Schmerzes durch ihren ganzen Körper.
Sofort zog er die Hand zurück. »Vater sagt, es ist gut«, fuhr er fort. »Erst einmal gut. Er hat Sanna gesagt, es ist gut.« Er wiederholte es eindringlich. Vaters Gebote, sein Evangelium. »Er hat Sanna gesagt, lass sie jetzt. Lass sie jetzt, hörst du? Aber pass auf, Sanna, pass gut auf. Pass gut auf Nane auf. Was sie sagt. Pass gut auf Nane auf. Was sie tut. Pass gut auf. Das hat er gesagt.« Sie spürte Rolands Hand in ihrer, fühlte seine Muskeln, spürte seine Besorgnis. »Du musst vorsichtig sein, Nane, hörst du? Vorsichtig. Was du sagst und was du tust. Ja? Wirst du das?«
»Ja«, sagte sie. »Ja, Roland. Ich werde aufpassen. Ganz bestimmt. Mach dir keine Sorgen.«
»Das ist gut«, sagte Roland, und er klang erleichtert. »Ja, das ist gut. Gut ist das.« Behutsam drückte er ihre Hand, hielt sie fest. Sie schloss die Augen. Es ist schön, beschützt zu werden, dachte sie. Es ist schön, in Sicherheit zu sein. Wenn jemand über einen wacht, der so stark ist, dass er niemanden fürchten muss. Dann muss man selber auch keine Angst haben. Nicht einmal vor der Dunkelheit.
Aber sie wusste auch, dass Roland Vaters Junge war. Mochte er noch so zart und mitfühlend sein, Vaters Wort war für ihn Gesetz.
Sie öffnete ihre Augen wieder. Roland war schon gegangen. Sie war wieder allein.
Um die Mittagszeit sah das Anwesen der Frerichs bereits wie ein Manövergelände der Bundeswehr aus. Nichts erinnerte mehr an die sauber gestutzten Hecken, die exakt gemähten Rasenflecken und die ordentlichen Blumenbeete; alle Pflanzen waren gekappt, der gesamte Garten mit rotweißem Flatterband abgesperrt und parzelliert, Dutzende von Trichtern waren ausgehoben und dazwischen Erdwälle angehäuft worden. Stahnkes Kollegen, verstärkt durch Beamte vom Landeskriminalamt und einen Zug Bereitschaftspolizei aus Oldenburg, hatten ganze Arbeit geleistet. Und sie waren fündig geworden.
»Nummer drei«, berichtete Kramer. »Dr. Mergner ist schon dran.«
Nummer drei! Stahnke spürte eiskalte Schauer auf seiner erhitzten Haut. Ihm war übel, und es kostete ihn Überwindung, diesem Ort nicht einfach den Rücken zu kehren und zu flüchten.
»Drei«, stieß er hervor. »Wie alt diesmal?«
»Etwas jünger. So um die sechs Jahre«, sagte Kramer. Er hielt den Blick gesenkt. Man musste ihn schon sehr gut kennen, um zu bemerken, dass auch er angeschlagen war. Kramer, ein Fels normalerweise. Selbst er wankte.
Der Oberkommissar schluckte zweimal, ehe er hinzufügte: »Ein Junge.«
Stahnke rieb sich die Schläfen. »Also kein Skelett diesmal?« Er zog die Augenbrauen zusammen. Die zeitliche Distanz zum schwer Vorstellbaren schrumpfte. Und der Horror wuchs. Kamen die Einschläge näher?
»Kein Skelett«, bestätigte Kramer. »Liegezeit zwischen vier und sechs Jahren, wie es aussieht. Eine halbwegs aktuelle Sache also, vergleichsweise.«
»Verflucht«, murmelte Stahnke. Ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung ließ seine Eingeweide verklumpen. Was war das hier? Der Privatfriedhof eines Irren, der sein blutiges Handwerk bereits seit Jahrzehnten betrieb, durchgehend, ohne dass irgendjemand auf ihn aufmerksam geworden wäre? Ein Monster, das vor aller Augen mordete, und das womöglich bis zum heutigen Tag? Wenn das stimmte – welch ein Armutszeugnis für diese Gesellschaft, für seine Landsleute, für seinen gesamten Berufsstand, ja, auch für ihn! Was für eine Vorstellung. Stahnke hatte selbst keine Kinder, aber eine Ahnung des Grauens, das die Eltern dieser toten Kinder in seinen Klauen halten musste, jahre-, jahrzehntelang, empfand er dennoch. Seine Kiefermuskeln schmerzten wie von einem verbissenen Weinkrampf. »Verflucht«, wiederholte er.
Kramer nickte.
»Im Haus ist jedenfalls nichts«, sagte der Oberkommissar nach einer halben Minute des einverständigen Schweigens. »Oder vielmehr niemand. Wir haben vom Dachboden bis zum Keller alles auf den Kopf gestellt, jede Kammer und jede Abseite durchsucht, auch den Stall. Alles mit den Bauplänen vom Katasteramt verglichen, jede Wand und jeden Winkel genau ausgemessen. Es gibt keine Geheimtüren oder versteckten Räume. Auch keinen Hinweis darauf, dass hier in letzter Zeit irgendjemand gefangen oder versteckt gehalten worden wäre.«
»Also hat dieses Vieh wenigstens jetzt kein Kind mehr in seiner Gewalt«, knurrte Stahnke. »Jedenfalls nicht hier. Aber wie sieht es mit weiteren Immobilien aus? Besitzt er vielleicht irgendwo noch ein anderes Haus oder hat eins gemietet? Oder eine Wohnung, ein Lagerhaus, einen Schuppen, irgendwas?« Der Gedanke, dass in genau diesem Augenblick vielleicht irgendwo ein Kind eingesperrt war, nach der Verhaftung seines Entführers einem qualvollen Tod preisgegeben, machte ihm Angst.
»Mit ziemlicher Sicherheit nicht«, erwiderte Kramer. »Alle entsprechenden Eintragungen sind überprüft worden, Frerichs’ Konten ebenfalls. Weder er noch seine Frau haben anderweitigen Haus- oder Grundbesitz, und nahe Verwandte, auf deren Namen solche Objekte eventuell eingetragen sein könnten, gibt es nicht. Ebenso keine regelmäßigen Mietzahlungen.«
Die grabenden Polizisten arbeiteten verbissen schweigend; immer, wenn es um Verbrechen an Kindern ging, um Kindesmord und mutmaßlichen Kindesmissbrauch, machte sich diese vibrierende Stille breit. Die einzigen Stimmen, die zu hören waren, kamen von der Straße her. Dort, wo eine schmale Steinbrücke das Grundstück mit der Betonstraße verband, hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Die Gaffer aus der Nachbarschaft. Klar, so einsam konnte ein Haus gar nicht liegen, dass sich diese Typen nicht binnen kürzester Zeit eingefunden hätten.
Wie es am äußeren Absperrungsring aussehen mochte, wollte Stahnke gar nicht wissen. Längst hatten Fernsehen, Rundfunk und Presse Wind davon bekommen, dass sich hier am Ortsrand von Veenhusen ein unscheinbares Anwesen als Horror-Szenario des Jahrhunderts entpuppt hatte – jedenfalls nach ostfriesischen Maßstäben. Wer auch immer die Medien informiert hatte, die Krawallsender und die Boulevardblätter mit den bluttriefenden Schlagzeilen natürlich zuerst, hatte keine Zeit verloren. Vermutlich winkten Informanten-Honorare, aber Stahnke glaubte nicht, dass derartige Anreize überhaupt nötig waren. Bloße Sensationsgier und die Lust, wenigstens in der Zuträgerrolle endlich einmal die ersehnte Beachtung zu finden, reichten völlig aus, und diese Eigenschaften waren hierzulande auch nicht weniger stark entwickelt als im Rest der Republik.
Nur gut, dass Manninga den Tatort weiträumig hatte abriegeln lassen. Irgendwann würde er natürlich nicht umhin kommen, die Medien vorzulassen und wenigstens in groben Zügen zu informieren, noch aber war dieser Zeitpunkt nicht da. Und auf die Idee, einen Hubschrauber für Luftaufnahmen zu chartern, war bisher offenbar noch niemand verfallen. So herrschte rings um das Grabungsareal einstweilen relative Ruhe. Nur diejenigen Nachbarn, deren Häuser innerhalb der Absperrung standen, hatten es bis zur Grundstücksgrenze geschafft. Ein bärtiger Beamter im kurzärmeligen Uniformhemd hinderte diese Leute daran, womöglich auch noch bis zum Tatort selbst vorzudringen, und beteiligte sich dabei eifrig an der plattdeutsch geführten Unterhaltung.
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