Auch richtig diagnostizierte und dosierte Homöopathika führen gewöhnlich zu einer “ Erstverschlimmerung” der behandelten Erkrankung. Es können auch lange überwundene Phasen der Krankheit erneut ausbrechen oder zum Heilungsprozess gehörige unangenehme Begleiterscheinungen auftreten. Hahnemann ging davon aus, dass durch “allopathische” Medizin unterdrückte Symptome durch die homöopathische Behandlung erneut sichtbar werden können.
1. Vorgeschichte der Homöopathie
1.1. Medizin am Ende des 18. Jahrhunderts
Nach der im 18. Jahrhundert vorherrschenden Lehrmeinung war die Gesundheit (Eukrasie) von dem optimalen Verhältnis der vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) abhängig. Krankheit (Dyskrasie) wurde vorzugsweise mit ausleitenden Verfahren (Aderlass, künstliche Hauteiterung, Brech- und Abführmittel) behandelt. Ein intensiver Gebrauch dieser Methoden verschlimmerte den Zustand vieler Patienten, manche fanden dabei auch den Tod. Nicht besser sah es mit der medikamentösen Behandlung aus. Zahlreiche Heilmittel entstammten der Alchemie,magische Vorstellungen über die Wirkung besonders eklig angesehener oder außergewöhnlich wertvoller Substanzen mischten sich mit punktuellen klinischen Erfahrungen. Die Dosierung wurde weitgehend willkürlich vorgenommen. Immer wieder starben Patienten an tödlichen Medikamentenverschreibungen (z.B. Quecksilber). Auch die häufig abstrusen Diätenhatten kaum Einfluss auf die Krankheitsbekämpfung.
Für den Tod Kaiser Leopold II waren wohl auch seine Ärzte verantwortlich, die den schwerkranken Monarchen mehrfach einem Aderlass unterzogen. Nachdem der erste nicht half, ließ man das Blut laufen, bis er tot war. Schuld daran war nach Ansicht der Ärzte natürlich nicht ihre Therapie, sondern die Schwere der Krankheit.
Die medizinische Diagnostik war Ende des 18. Jahrhunderts mehr als dürftig, die Therapiemöglichkeiten äußerst eingeschränkt. 20% der Krankheiten wurde ohne nähere Differenzierung als “Fieber” bezeichnet. Daneben fanden sich “Auszehrung”, “Pocken”, “Schlagfluss” oder “Rheumatismus”. Wobei die konkreten Erkrankungen mit den heute diagnostizierten Erkrankungen nicht unbedingt zu tun haben. Krankheitsursachen sah man in Diätfehlern, Lebensumständen, Umweltbedingungen (Miasmen, Energien) oder übernatürlichen Kräften (Gott, Dämonen, Hexen). Krankheiten wurden häufig auch moralisch gewertet: Gott straft die Sünde, die Natur rächt sich, die maßlose Lebensweise fordert ihr Tribut.
Angesichts hoher Sterblichkeit in den Krankenhäusernund den pauschalen Rosskuren der Ärzte wurden Kranke erst in letzter Not zu “medizinischen Spezialisten” gebracht. War der Kranke erst einmal den Ärzten ausgeliefert, herrschte ein strenges Regiment. Der Mediziner verstand sich als unhinterfragbare Autorität, dem der Patient und die Angehörigen sich zu unterwerfen hätten. Die tatsächliche Kompetenz des Heilkundigen allerdings war von beträchtlichem Unterschied. Studierten Wundärzten, Apothekern und Hebammen stand eine große Gruppe von Kräuterweibern, Magiern, Privatgelehrten und Kurpfuschern gegenüber. Wer von denen die bessere Therapie hatte, stand nicht von vornherein fest. Beide griffen gleichermaßen auf die Lehren des griechischen Mediziners Galen(ca. 129-216) zurück, nachdem das korrekte Verhältnis der vier Körpersäfte über Krankheit und Gesundheit entschied. Heilsubstanzen aus Kräuter- und Ekelmedizin (Kot, Sperma, Quecksilber) fanden sowohl hier als auch dort Anwendung. Der Zuspruch eines Arztes maß sich mehr an seinem durch spektakuläre Heilungen begründeten Ruf, nicht so sehr an dessen Ausbildung oder theoretischer Befähigung.
Krankheitsursachenwurden gewöhnlich von philosophischen Systemen, nicht von pathologischen Studien abgeleitet. Und nur wer die inneren Ursachen einer Krankheit benennen konnte, wurde in jener Zeit als kompetenter Arzt gehandelt. Die naturhistorische Richtung (1825-1845) stützte sich auf empirische Daten, die naturphilosophischen Mediziner (1800-1840) hofften durch spekulatives Denken den Geheimnissen von Leben und Krankheit auf die Spur zu kommen. Insbesondere mit der letztgenannten Gruppe setzte sich Hahnemann des Öfteren kritisch auseinander. Der schottische Arzt John Brown beispielsweise unterschied zwischen den durch Reizüberflutungund den durch Reizmangel ausgelösten Krankheiten.
Die medizinischen Untersuchungsmethoden waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Vergleich zu heute sehr eingeschränkt. Urin wurde lediglich nach Geruch und Aussehen beurteilt. Das Stethoskop war zwar erfunden, aber noch nicht weit verbreitet. Gelegentlich griff man auf Körperbeklopfung (Perkussion) zurück. Fieber wurde durch die Messung des Pulsschlages gemessen. Von großer Bedeutung für den Arzt jener Zeit war die Krankengeschichte des Patienten.
An Arzneimittelnherrschte kein Mangel. Deren Herkunft und Wirksamkeit jedoch war oftmals mehr als zweifelhaft. Überlieferte Hausmittel standen neben alchemistischen Rezepten, angepriesenen Wundermitteln und immer wieder wechselnden Modemedikamenten. Hin und wieder fanden durchaus auch wirksame Präparate Anwendung. Zur Standardtherapie der meisten Ärzte gehörte der Aderlass(zeitweilige Öffnung der Adern mit dem Messer oder durch Blutegel), Klistiere(Darmeinläufe) und diverse Brech- bzw. Abführmittel. All diese Therapien zielten darauf, die schädliche Krankheit mit Blut, Urin und Kot aus dem Körper zu treiben. Haben erst große Teile der schädigenden Krankheitssubstanz den Menschen verlassen, könne der Körper sich weitgehend selber heilen.
Schmerzen wurden von den meisten Ärzten als unumgängliche Begleiterscheinung von Krankheit betrachtet und nicht behandelt. Nur selten wurde Opium oder Weingeist zur Schmerzbekämpfung eingesetzt.
Zu den populären Alternativbehandlungen am Beginn des 19. Jahrhunderts zählten religiös magische Heilverfahren(Wallfahrten, Besprechen, Gesundbeten, Geistheilung usw.), Wasserkuren, die Akupunktur und magnetische Anwendungen nach Franz Anton Mesmer (1734-1815).
Darüber hinaus war die Zeit Hahnemanns gekennzeichnet durch eine zunehmende staatliche Regulierung des Gesundheitswesens und eine deutliche Professionalisierung. Um medizinischem Missbrauch Einhalt zu gebieten, wurden Außenseiter immer stärker behindert und bekämpft. 1
1.2. Historische Vordenker der Homöopathie
Spekulationen über die notwendige Ähnlichkeit zwischen Krankheit und anzuwendendem Heilmittel gehen weit in der Geschichte zurück. Im Alten Ägypten beispielsweise wurden Schädelwunden mit Öl eingerieben, in dem sich der Panzer einer Schildkröte und Falkenkrallen befanden. Die Härte des Schädels sollte durch die Härte des Schildkrötenpanzers wiederhergestellt werden. Gichtkranken wurde ein Amulett von Hirschhaut an den Fuß gebunden, in der Hoffnung, ihnen frühere Leichtfüßigkeit wiederzugeben. Im Schamanismusist der Gedanke der Ähnlichkeitsmagieweit verbreitet: Das Essen oder Tragen eines Gegenstandes kann dessen Eigenschaften auf den betreffenden Menschen übertragen. Indianer tragen die Federn eines Adlers oder die Krallen eines Bären, um sich dessen Kraft zueigen zu machen. In der Traditionell Chinesischen Medizin(TCM) werden Extrakte aus Tigerhoden gegen Impotenz oder Schlangenfleisch gegen Kurzsichtigkeit angewendet. Suppe aus dem Fleisch der Kinder oder des Ehegatten (aus dem lebendigen Körper geschnitten) gilt als sicheres Stärkungsmittel für altersschwache Eltern. Die Chinesen kannten auch das Einblasen zerriebener Blatternkrusten in die Nasenschleimhaut zur Verhütung schwerer Pockeninfektionen. Gelegentlich soll in der TCM auch die rein äußerliche Ähnlichkeit medizinisch hilfreich sein. Demnach hilft gelber Safran gegen Gelbsucht, Leberblümchen gegen Leberleiden oder Leuchtkäfer gegen Augenerkrankungen. Ähnliche Formen eines “magischen Simile” (Ähnlichkeitsprinzip) findet sich bei Paracelsus. Auch in der Moderne sind vergleichbare Verhaltensweisen zu beobachten. So tragen Jugendliche die Kleidung ihres Idols und hoffen dadurch unterschwellig, dass etwas von deren Glanz auch auf das eigene Leben übergeht. 2
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